Herr Restle, nach 30 Jahren „Monitor“, die Hälfte davon als Redaktionsleiter, wechseln Sie nach Nairobi. Ist das Abwechslung, Abstellgleis oder nur die berühmte neue Herausforderung?
Zuallererst ist es die Erfüllung eines großen Wunsches. Ich habe in dieser langen Zeit beim WDR ja mehrfach aus dem Ausland berichtet – als Korrespondent in Moskau, der Ukraine, Warschau, Afrika, auch Nairobi. Die Welt da draußen hat mich neben „Monitor“ schon immer interessiert, deshalb wollte ich unbedingt nochmal länger raus.
Und verlegen folglich Ihren Lebensmittelpunkt vollständig dorthin?
Na sicher, als Korrespondent muss man vor Ort sein, und zwar dauerhaft.
Sie reden nicht viel über Ihr Privatleben, aber lässt sich so ein Ortswechsel gut damit vereinbaren?
(lächelt) Ein Umzug von Köln nach Nairobi ist definitiv mit Komplikationen verbunden, aber das bekomme ich privat wie beruflich schon hin.
Letzteres betrifft nicht nur fast 40 Länder, sondern als „crossmediales Studio“ alle Ausspielwege von digital über linear bis Rundfunk.
Ja, wobei mir die digitalen Ausspielwege besonders am Herzen liegen. Das habe ich auch bei „Monitor“ jahrelang vorangetrieben, wo wir mittlerweile digital first produzieren.
Dann gehen wir doch von der Perspektive in die Retrospektive: Was ist nach einem halben Leben beim ältesten Politikmagazin nach „Panorama“ Ihr Fazit?
Ein einheitliches Fazit fällt schon deshalb schwer, weil meine Anfangszeit – damals noch unter Klaus Bednarz – mit der heutigen kaum vergleichbar ist. Das journalistische Credo ist geblieben, aber das mediale und gesellschaftliche Umfeld hat sich doch sehr verändert.
Letzteres scheint sich seit 9/11 ständig beschleunigt und radikalisiert zu haben. Krisen zum Beispiel wechseln sich nicht ab, sondern überlappen sich, wir erleben einen Rechtsruck, der lange Zeit ausgeschlossen schien. Und dann müssen Sie über alles auch noch unablässig in Echtzeit berichten.
Das ist in der Tat herausfordernd, war es aber früher ja auch. Als ich 1996 bei „Monitor“ angefangen habe, herrschten im Osten noch die Baseballschlägerjahre, und Kriege wie in Jugoslawien oder dem Irak waren mehr als nur Vorboten heutiger Konflikte. Was sich in den letzten 15 Jahren geändert hat, ist die Rezeption der Berichterstattung insbesondere auf den digitalen Plattformen, gepaart mit einer anschwellenden Menschenfeindlichkeit bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.
Durch die Anonymität sozialer Medien, müssen sich unsere Kritiker den Schaum vorm Mund nicht mehr abwischen.
Was auch für die Reaktion auf „Monitor“ gilt, dessen Berichterstattung und Moderatoren besonders hart und laut kritisiert werden.
Die Schärfe der Kritik an uns ist gewachsen. Aber das Magazin wird ja seit seiner Gründung 1965 hart angegangen – auch, weil sich die Redaktion schon immer den Debatten gestellt hat. Als ich angefangen habe, gab es noch eine Sendung „Monitor im Kreuzverhör“, da kam die Kritik direkt im Anschluss per Telefon. Hinzu kamen oft Hunderte Briefe, die wir als Redakteure in der Regel selber beantwortet haben. Diesen Austausch hat die Digitalisierung nicht nur beschleunigt, sondern auch radikalisiert. Durch die Anonymität sozialer Medien, müssen sich unsere Kritiker den Schaum vorm Mund nicht mehr abwischen.
Was bei Ihnen kurz vor Corona erstmals zu Morddrohungen führte.
Das hatte aber nichts mit Corona zu tun, sondern einem Kommentar in den „Tagesthemen“, in dem ich die AfD als parlamentarischen Arm des organisierten Rechtsextremismus bezeichnet hatte. Morddrohungen gab es aber auch danach immer wieder. Es wäre gelogen zu behaupten, dass man sich daran gewöhnt. Wir bei „Monitor“ dienen halt als Angriffsflächen all jener, die das System im Allgemeinen und die Öffentlich-Rechtlichen im Besonderen abschaffen wollen. Von der anderen Seite der Brandmauer kommt da schon eine ganz andere Wucht als vor 20 Jahren auf uns zu. Wir stehen einfach auch persönlich stärker im Fokus der Angriffe. Vieles davon würde ich schon als digitale Gewalt beschreiben.
Heißt das, während der junge Georg Restle vor allem journalistische Skills brauchte, benötigt der alte auch kommunikative und obendrein ein dickeres Fell?
Die Bedeutung präziser Recherche ist gleichgeblieben, während das Tempo, in dem wir uns Kritik stellen müssen, zugenommen hat. Und weil diese Kritik – auch mir persönlich gegenüber – unverschämter, bodenloser, kampagnenartiger geworden ist, erfordert es womöglich ein dickeres Fell als früher. Es sollte allerdings nicht so dick sein, keine Emotionen mehr an sich ranzulassen.
Also dickes Fell, aber kein Panzer?
Genau. Journalistisches Handwerk ist unerlässlich, Menschenfreundlichkeit aber auch. Und die will ich mir bewahren.
Können Sie jungen Leuten angesichts dieser Anforderungen da noch leichten Herzens diesen Beruf empfehlen?
Wir bilden bei „Monitor“ viele junge Leute aus. Da stehe ich fast wöchentlich vor der Frage, diese Empfehlung auszusprechen oder nicht. Wenn mir jemand glaubhaft versichert, den Beruf wirklich mit Leidenschaft ausüben zu wollen, ermutige ich in der Regel dazu, auch weil dieses Land dringend gute und engagierte Journalistinnen und Journalisten braucht. Trotz Influencer-Unwesen und Zeitungssterben bleibt es ein toller Job, bei dem man in der Welt rumkommt und in Geschichten eintaucht, die einem sonst verborgen bleiben. Der Bedarf nach seriöser Berichterstattung nimmt ja eher zu.
Man sollte sich als Journalist niemals von irgendwas treiben lassen, schon gar nicht von Gesinnungen.
Heißt „seriös“ bei Ihnen haltungs- und wertegetrieben?
Im Gegenteil: Man sollte sich als Journalist niemals von irgendwas treiben lassen, schon gar nicht von Gesinnungen. Ich stehe allerdings für einen werteorientierten Journalismus gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der seine journalistische Haltung nicht verstecken muss – sofern sie auf recherchierten Fakten basiert und transparent gemacht wird. Ohne Haltung wären wir keine Journalisten, sondern Maschinen.
Beinhaltet diese Haltung gegebenenfalls politische Richtungen, also links oder rechts?
Sie fragen vermutlich, weil wir oft als linkes Magazin bezeichnet werden. Mit solchen Zuordnungen kann ich wenig anfangen; wir vertreten keine Parteipositionen, und ich selbst bin auch kein Mitglied einer Partei. Meine Werte, die mich auch journalistisch leiten, Freiheitsrechte einer pluralistischen Demokratie oder die Menschenwürde etwa, haben mit rechts oder links erstmal wenig zu tun. Und Ideologien, die das Denken einmauern, sind mir seit jeher fremd. Ich bin wie all meine Vorgänger und Vorgängerinnen bei „Monitor“ von einem tiefen, unideologischen Humanismus geprägt.
Bedingt dieser Humanismus berufsethisch so etwas wie Neutralität oder nur Objektivität und Überparteilichkeit?
Kein Mensch ist neutral. Wer denkt, es ließe sich neutral über Dinge berichten, hat weder Ahnung von Menschen noch von Wahrhaftigkeit. Aber klar: Wir sollten immer unvoreingenommen und ergebnisoffen an Themen herangehen. Und bitte immer neugierig bleiben.
Aber wie kam es dann zum jahrzehntelangen Vorwurf, „Monitor“ sei wie der WDR links und damit auch all seine Mitarbeitenden, also Sie?
Ich entstamme einem katholischen Umfeld, habe als Jurist unsere Verfassung schätzen gelernt und mich durch die Beschäftigung mit der deutschen Geschichte früh als Antifaschist begriffen. Offenbar gilt man als Verfechter solcher Werte heute schon als links. Wenn Konservative Kritik an ihrer Politik als links etikettieren, ist das eben Teil eines Geschäfts, da bleibe ich gelassen. Zumal wir auch von linker Seite mitunter als zu rechts kritisiert werden, etwa in unserer Ukraine-Berichterstattung.
Wobei rechte Haltungen bei ARD und ZDF als unterrepräsentiert gelten.
Ich kann nirgends erkennen, dass wir Meinungen, die auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen, nicht repräsentieren. Da sollte man den Kampagnen vom rechten Rand nicht auf den Leim gehen.
Dass manche meinen, ich würde nach Nairobi strafversetzt, könnte man übrigens als Ausdruck eines neokolonialistischen Rassismus sehen. Nein, ich gehe aus voller Überzeugung sehr gerne dorthin.
Im Herbst kommt dieser rechte Rand erstmals seit 1945 womöglich wieder an eine deutsche Regierung. Bräuchte es den werteorientierten Restle nicht eher hier als in Kenia?
Wie vermessen wäre es denn bitte, wenn ich mich für so unersetzbar hielte?! Ich habe größtes Vertrauen, dass es beim WDR und anderen Medien genügend Kolleginnen und Kollegen gibt, die ihre Finger in die Wunde legen. Und das Team von „Monitor“ bleibt ja hoffentlich bestehen.
Aber juckt es Sie nicht gerade in Ausnahmesituationen, darüber zu berichten?
Ich bin ja nicht aus der Welt und werde alle Entwicklungen auch von Nairobi aus beobachten. Und mit 60 Jahren reizt es mich, nochmal einen anderen, weniger eurozentrischen Blick auf die Welt einzunehmen. Zumal unser Rassismus jede Menge damit zu tun hat, wie wenig wir über Kulturkreise wissen, aus denen viele zu uns kommen. Dass manche meinen, ich würde nach Nairobi strafversetzt, könnte man übrigens als Ausdruck eines neokolonialistischen Rassismus sehen. Nein, ich gehe aus voller Überzeugung sehr gerne dorthin.
Und was packen Sie im Juni – unabhängig von Wechselwäsche – in Ihren Koffer?
Erstmal eine riesige Landkarte. Bei fast 40 Ländern, über die ich künftig berichten werde, verliert man sonst schnell mal den Überblick.
Und etwas Persönliches?
Jede Menge – und na ja, vielleicht meinen Wimpel vom SC Freiburg.
Die letzte "Monitor"-Ausgabe mit Georg Restle läuft am Donnerstag um 21:45 Uhr im Ersten
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