Herr Auspitz, Sie haben für Sat.1 und den ORF "Kommissar Rex" wiederbelebt. Die Marke ist ein echter Klassiker im deutschsprachigen Raum. Wie unterscheiden sich die neuen Filme im Vergleich zur früheren Serie? Es gibt vermutlich mehr Veränderungen als der Hund und die Schauspieler?
Oliver Auspitz: Es ist anders und gleichzeitig wollen wir bei den Zuschauerinnen und Zuschauer, die "Kommissar Rex" kennen, das Gefühl von damals wiederbeleben. Der größte Unterschied ist die Laufzeit. Erzählerisch und in der Machart ist es einfach anders, ob ich 45 Minuten zur Verfügung habe, oder 90. Das war für uns jetzt die größte Herausforderung: Ein bekanntes Format in einem neuen Format herauszubringen.
Was ist Ihnen lieber? 45 Minuten oder 90?
Ich finde beides gut. Bei unserer Serie "Tage, die es nicht gab" finde ich die 45 Minuten perfekt und privat bin ich ein großer Fan von internationalen Serien, deren Folgen eine Laufzeit von rund einer Stunde haben. Aber ich schaue auch wahnsinnig gerne den "Bergdoktor" oder die "Bergretter", das sind die Serien, deren Folgen typischerweise 90 Minuten lang sind. Das finde ich reizvoll, weil man hier etwas tiefer in die Welten eintauchen und die horizontalen Handlungen dichter erzählen kann.
Und kann man zwischen den verschiedenen Laufzeiten auch springen? Sie produzieren für den ORF die Krimiserie "Schnell ermittelt". Nach vier Staffeln folgten zunächst vier Spielfilme, dann wieder vier Staffeln. Das sah damals etwas chaotisch aus, aktuell produzieren Sie eine neue Staffel…
Ich bin kein Fan davon, zu springen. Es ist aber immer auch eine Frage der Verfügbarkeit von Budgets. Damals stand im Raum, über mehrere Jahre hinweg keine Staffeln produzieren zu können. Da haben wir dann mehrere Filme produziert, um die Marke am Leben zu erhalten. Mit "Rex" kann man das aber nicht vergleichen. Ein 90-minütiger Film als Special einer Serie ist was anderes als das, was wir jetzt bei "Kommissar Rex" machen.
Es gibt nach wie vor einen anhaltenden Revival-Boom, "Rex" ist ein gutes Beispiel dafür. Welche weiteren Marken würden Sie gerne wiederbeleben? Denken Sie schon an ein Comeback der "Vorstadtweiber" oder ist es dafür noch zu früh?
(lacht) Darüber denke ich nicht nach, dafür ist es aktuell noch zu früh. Ich bin mit "Kommissar Rex" lange schwanger gegangen. Wenn Sie mich persönlich fragen, muss ich sagen: Ich erfinde Dinge auch schon sehr gerne neu. Aber natürlich ist es aktuell im Trend, bekannte Marken neu aufzuladen. Das liegt auch an der besonderen Zeit, in der wir uns befinden: Es herrscht eine mediale Übersättigung und geopolitisch gibt es viele Fragezeichen. Da wünschen sich sowohl der Markt als auch die Zuschauerinnen und Zuschauer reliable Inhalte, also Marken, die sie bereits kennen.
© MR Film
Oliver Auspitz (links) mit Rex (Mitte) und Hauptdarsteller Maximilian Brückner vor dem Wiener Stephansdom
Und haben Sie mit "Kommissar Rex" direkt offene Türen eingerannt oder war trotzdem Überzeugungsarbeit nötig?
In dem Fall habe ich wirklich offene Türen eingerannt und die Ursprungssender waren direkt Feuer und Flamme. Das passiert auch nicht mit jeder Marke, die man wiederbeleben will. Die Sender verknüpfen damit aber eine ganz bestimmte Erwartungshaltung. Sowohl der ORF als auch Sat.1 erwarten sich, direkt zu Beginn eine gewisse Masse an Menschen zu haben, die das Programm kennen und einschalten. Mittelfristig müssen wir die Zuschauerinnen und Zuschauer natürlich mit den neuen Filmen überzeugen, aber zum Start hilft es, eine bekannte Marke zu haben.
Wenn Sie mich persönlich fragen, muss ich sagen: Ich erfinde Dinge auch schon sehr gerne neu.
Täuscht eigentlich der Eindruck oder sind immer mehr Ihrer Produktionen nicht alleine nur in Österreich, sondern zusätzlich auch in Deutschland zu sehen?
Das täuscht nicht. Gerade "Tage, die es nicht gab" ist eine in Deutschland sehr präsente Serie, die vor allem in der ARD-Mediathek hervorragend funktioniert. Auch die zweite Staffel hat jetzt wieder sehr hohe Abrufzahlen, unsere Schauspielerinnen und Schauspieler werden auf Social Media überrannt und bekommen tausende Kommentare. Dazu jetzt noch "Rex" und unsere Dauerbrenner wie die "SOKOs" aus Linz und Kitzbühel.
Wie wichtig sind Koproduktionen im deutschsprachigen Raum für MR-Film bzw. die gesamte Gamma Gruppe?
Die sind essentiell. Das Problem ist nur oft, dass die gemeinsame Sprache auch trennende Dinge hat. Es ist gar nicht so leicht, die verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. In Zeiten von Finanzierungsengpässen sind solche Koproduktionen aber das A und O.
Wie sehr unterscheidet sich das deutsche vom österreichischen Publikum? Gibt es außer der Sprache noch etwas, wo es schwierig wird?
Die Sprache ist es immer wieder, vor allem bei den Sendern. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben keine Probleme mit einer leichten Färbung der Sprache. In den Sendern sieht man das häufig anders. Darüber hinaus gibt es größere Unterschiede bei Comedy-Formaten. Der deutsche Humor unterscheidet sich sehr von dem in Österreich. Das sieht man zum Beispiel auch bei Filmen wie dem von uns produzierten "Aufputzt is'".
Das Problem ist oft, dass die gemeinsame Sprache auch trennende Dinge hat.
In der Komödie geht es um einen Bauleiter, der kurz vor Weihnachten von allen Seiten, beruflich wie privat, unter Druck gerät. Inzwischen ist es der zweiterfolgreichste Film an den österreichischen Kinokassen seit Beginn der Zählung.
In dem Film geht es um ein Thema, das es in Deutschland auch so geben könnte. Da planen wir aber keine große Veröffentlichung in Deutschland, sondern arbeiten aktuell an einem Remake.
Anderen österreichischen Formaten, die mit viel Humor arbeiten, geht es da nicht anders. Ich denke an "Braunschlag" von Superfilm, das zuletzt ebenfalls ein Comeback gefeiert hat. Auch das hatte es in Deutschland immer schwer.
Ja, aber da gibt es Unterschiede. In "Aufputzt is'" steht ein Bauleiter im Mittelpunkt, der kurz vor Weihnachten in seiner Patchwork-Familie versagt. Diese Geschichte kann man ohne Probleme auch in Berlin oder einer anderen deutschen Stadt ansiedeln. "Braunschlag" oder auch "Kaisermühlen Blues" und "MA 2412", um nur zwei weitere ikonische, österreichische Serien zu nennen, sind in diesem Land Ur-Idiom. Davon wird es immer eine kleine Fanbase in Deutschland geben, die wird aber nie so groß sein, dass ein deutscher Sender damit wirklich hohe Reichweiten erzielen könnte.
Woran arbeiten Sie aktuell noch? Ist Young Adult für Ihre Gruppe ein Thema?
Wir produzieren aktuell die neue Staffel von "Schnell ermittelt" und hoffen natürlich, dass wir im Herbst eine zweite Staffel von "Kommissar Rex" drehen können. Dafür müssen die Filme jetzt aber erst einmal gut laufen. Die deutsche Adaption von "Aufputzt is'" habe ich schon angesprochen, für Österreich überlegen wir, wie eine mögliche Fortsetzung dieses Erfolgsfilms aussehen kann. Außerdem laufen die Vorbereitungen für eine neue Staffel von "SOKO Linz" und dann haben wir natürlich noch viele Projekte in der Entwicklung. In einem dieser Projekte geht’s um die deutsch-österreichisch-europäische Politik, angesiedelt ist es als etwas unterhaltsameres "House of Cards" und spielen wird es in Österreich und Deutschland. Als Leitgedanke haben wir uns gedacht, den Wiener Kongress neu aufleben zu lassen.
Produziert wurde die Neuauflage von "Kommissar Rex" von der Wiener MR Film, die zur Gamma Gruppe gehört. Diese hatte Beta Film im Jahr 2022 gegründet, um Österreich zum Zentrum seiner Mittel-, Ost- und Südosteuropa-Aktivitäten zu machen. Hintergrund war damals das neue Fördermodell Fisa+, das 2025 in eine schwere Krise geriet. Zu Gamma gehören noch einige weitere Produktionsfirmen und Beteiligungen, darunter Gebhardt Productions ("Aufputzt is‘", "SOKO Linz"), Talk TV ("Liebesg’schichten und Heiratssachen"), LemonpieFilm (Service-Produktion "Alphamännchen") und TV Friends ("Q1 - Ein Hinweis ist falsch", "Smart10"). Oliver Auspitz ist Geschäftsführer von Gamma und leitet auch mehrere der Tochterunternehmen. Mehr über die Gruppe
Mit dem Wiener Kongress beschäftigt sich auch bald Disney+ in einer neuen Serie.
Bei uns geht es nicht historisch um den Wiener Kongress, sondern darum, wie es wäre, wenn der Wiener Kongress in drei Jahren neu stattfinden würde. In einer anderen Serie, die wir aktuell entwickeln, geht es um eine Beziehungsrunde von Paaren, die zusammen in unmögliche Situationen kommt. Und weil Sie Young Adult angesprochen haben: Da merken wir, dass sich dort sehr früh alle mit beschäftigt haben. Wenn man damit erst jetzt beginnen würde, wäre man schon wieder zu spät dran.
In Deutschland leiden viele Produktionsfirmen unter der Zurückhaltung in der Beauftragung von Sendern und Streamern. Wie ist das in Österreich?
Das ist in Österreich ähnlich. Die Situation ist nicht einfach.
Und spüren Sie Konsolidierungsdruck? Zur Gamma Gruppe gehören zehn Unternehmen bzw. Beteiligungen. Wird das auf absehbare Zeit so bleiben?
Wir sind als Gamma gut aufgestellt und ich bin aktuell zufrieden mit der Struktur. Wir sind breit aufgestellt und haben auch mehrere Firmen, die sich mit Non-Fiction-Produktionen beschäftigen. Da produziert Gebhardt Productions aktuell viel rund um den Eurovision Song Contest. Gleichzeitig produzieren die Kollegen dort auch "SOKO Linz", verschiedene "Landkrimis" und weitere große Fiction-Projekte. Und dann haben wir auch kleinere Produktionsfirmen, die in einer günstigeren Non-Fiction-Produktionsschiene sind. Das ist alles sehr gut aufeinander abgestimmt und wir haben aktuell keinen Konsolidierungsbedarf. Ich habe die Gamma sehr vorsichtig und wählerisch zusammengestellt. Bei uns macht keine Firma ein Minus.
Das in der Vergangenheit hochgelobte Fördermodell in Österreich, Fisa+, lag 2025 lange brach. Inzwischen ist es wieder da, die Mittel sind aber begrenzter als früher. Welche Auswirkungen hat das auf die Branche?
Das hat natürlich Auswirkungen auf die Branche. In einem hoch kompetitiven Umfeld in Europa, wo es nahezu überall Standortförderungen gibt, kann man es sich nicht mehr leisten, keine Tax Incentives oder Fisa+-Modelle anzubieten. Wenn man es nicht hat, muss man sich nicht wundern, warum die Filmwirtschaft nicht lukriert. Dafür ist Europa zu klein und zu dicht. Wir haben eine Staffel von "Vienna Blood" in Budapest gedreht, weil die Voraussetzungen und Förderungen dort einfach viel besser waren. Solche Förderungen sind Pflicht, wenn man sich als Kulturnation für die Filmwirtschaft entscheidet. Für Österreich ist es besonders wichtig, weil wir einen geliebten, aber sehr übermächtigen deutschen Nachbarn haben. Wenn wir Fisa+ nicht hätten, wären wir nicht relevant und wahrscheinlich sogar ruiniert.
Bei uns macht keine Firma ein Minus.
Jetzt gibt es weniger Mittel im Fördertopf als früher.
Das stimmt und das ist schlechter als vorher. Gleichzeitig ist die Situation besser, als wenn Fisa+ gänzlich abgeschafft worden wäre.
Hat der Produktionsstandort Österreich gelitten, weil Fisa+ 2025 lange brach lag und die Zukunft unklar war?
Das muss man unterscheiden. Bei den Serviceproduktionen hat der österreichische Produktionsstandort Schaden genommen, das ist ganz klar. Die Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, um hier zu drehen, wollen neben hohen Förderquoten vor allem eins: Verlässlichkeit. Denen ist es im Endeffekt egal, ob sie in Budapest, Wien, in Südtirol oder ganz woanders drehen. Und weil die Verlässlichkeit bei Fisa+ in Österreich 2025 nicht gegeben war, merkt man in diesem Bereich einen deutlichen Rückgang. In der Koproduktion sowie in der nationalen Produktion gibt es keine andere Wahl, deshalb sind hier die Auswirkungen nicht so stark gewesen.
Wie verfolgen Sie die deutsche Debatte rund um die Reform der Filmförderung?
Ich habe die Debatte verfolgt und gar nicht mehr gedacht, dass überhaupt noch etwas dabei rauskommt. Es ist jetzt ein klassischer Kompromiss geworden. Aber auch das ist besser als gar nichts.
Geeinigt hatten sich Union und SPD bekanntlich auf eine gesetzliche Investitionsverpflichtung inklusive Opt-Out-Modell. Wie ist der Stand in Österreich? Es gibt immer wieder Rufe nach einer Investitionsverpflichtung, wird sie kommen?
Eine gute Frage. In der aktuellen politischen Situation in Österreich wird das sicher weiter ein Thema sein. Die einen wollen eine Investitionsprämie, die anderen eine Levy…
Unter dem Begriff Levy versteht man die Abgabe auf im Land erzielte Umsätze von digitalen, audiovisuellen Plattformen.
Richtig. Aktuell sind sich die Koalitionspartner in Österreich nicht einig, ob eines davon alleine kommen soll oder beides zusammen. Teilweise prescht die eine Seite vor, die andere zieht dann aber nicht nach. Die Parteien gönnen ihren Partnern einen möglichen politischen Erfolg nicht. Gleichzeitig machen die großen US-Streamer Druck, dass nichts kommt, also weder eine Abgabe noch eine Investitionsverpflichtung. Ich weiß nicht, wie die Sache ausgehen wird. Ich glaube aber, dass es zumindest das eine oder das andere bräuchte. Wenn sich Europa weiterhin auf den Rücken legt, wird das bei Tech, Streaming oder auch Social Media dazu führen, dass wir nicht nur unsere Identität, sondern auch Wirtschaftsleistung verlieren. Gleichzeitig ist der Protektionismus durch das Handeln der USA, Russland und China höher als vor wenigen Jahren. Da können wir nicht immer nachgeben. Ob das dazu führen wird, dass wir in Europa flächendeckend Investitionsprämien erheben - ich weiß es nicht. Ich wünsche es mir, es wäre der richtige Weg.
Vielen Dank für das Gespräch!
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