Wenn du TikTok öffnest, wie lange musst du scrollen, bis ein Inhalt kommt, den du als problematisch einstufen würdest?

Gar nicht, das erste Video ist es meistens schon. Aber das liegt natürlich daran, dass mein Algorithmus sehr darauf programmiert ist. Einerseits diese offensichtliche Frauenfeindlichkeit, andererseits Inhalte mit genau meinem Humor. Ich frage mich auch, ob die Plattformen sich denken: „Are you okay, girl?“

Du greifst vor allem schwierige Themen auf und teilst kostenlos dein Wissen, gleichzeitig sehen mehr Menschen diese fragwürdigen Inhalte. Wie würdest du deinen eigenen Einfluss beschreiben?

Grundsätzlich ordne ich Sachen ein. Wichtig ist mir, nicht auf Individuen zu gehen, ich mache das anhand von Themen. Damit auch Personen, außerhalb dieser politisierten Feuilleton-Bubble verstehen, was Misogynie ist – das sage ich nicht, weil ich jemanden für blöder halte, sondern weil Klassismus ein reales Problem in Deutschland ist und viele Menschen wenig Zugang zu Bildung haben. Zum Beispiel weil sie sich um Angehörige kümmern, alleinerziehend sind, einen Pflegegrad oder keine Zeit haben. Es gibt eine Milliarde Gründe, warum das Geld einfach fehlt und Bildung ist teuer. So oder so, auf Social Media sehe ich mich als Einstiegsfeministin. 

Du bist durch interaktionsstarke Postings automatisch auf dem Radar zahlreicher Accounts und wirst dazu themenbasiert ständig von digitalem Hass belagert. Treffen dich die Beleidigungen und wie gehst du damit um?

Wenn es einfach stumpfe Beleidigungen sind, dann stört mich das nicht. Aber wenn Leute meine moralische Integrität infrage stellen, weil ich Dinge nicht ganz genau richtig gesagt habe, dann eher. Aber auch davon habe ich mich mittlerweile losgelöst. Wenn ich Scheiße baue, dann sind Menschen aus meinem engsten Kreis die ersten, die mir das sagen. Und das fordere ich auch ein.

Die pauschale Verteufelung von Social Media ist etwas, wogegen ich mich wehre.

 

Hast du das Gefühl, Social Media ist zu negativ?

Nein, überhaupt nicht. Klar ist, Algorithmen befeuern Negativität und Wut, weil das die schnellste Emotion ist, die im Hirn registriert wird. Aber wenn man einmal in einen Hopecore-Feed abdriftet, dann ist es da ganz schön. Diese pauschale Verteufelung von Social Media ist etwas, wogegen ich mich wehre.

Wie sollte sich die Debattenkultur auf sozialen Netzwerken ändern?

Dass man aus Fehlern lernen darf. Das ist meiner Erfahrung nach nicht oft der Fall. Wenn jemand etwas falsch gemacht hat, dafür aber gerade stand, dann lese ich das Jahre später immer noch in den Kommentarspalten. Eigentlich sollte es egal sein, weil ich habe es ja aufgearbeitet, mich entschuldigt und reflektiert. Manche Menschen wollen gar nicht, dass man sich verbessert, sie wollen nur kritisieren. Dann willst du auch nicht zuhören, dann willst du nur gehört werden. Daraus entwickelt sich schnell eine Trotzhaltung und sie setzen ihr Fehlverhalten dann erst recht um. Damit wird es eigentlich nur schlimmer.  

Welchen Ratschlag würdest du Personen geben, die noch keine Berührungspunkte mit intersektionalen Sichtweisen und Reflexionen hatten? 

Kritik ist nichts Persönliches und man sollte sich davon nicht angegriffen fühlen. Ich bin definitiv der Meinung, die meisten Menschen sind einem online gut zugewandt. Sie wollen einfach eine Verbesserung sehen und gehört werden. Glücklicherweise sind da ganz viele verschiedene Stimmen. Das kann dann am Anfang auch mal pieksen, aber man lernt dadurch Gemeinschaft und Solidarität und das ist ja das oberste Ziel.

 

Manche Menschen wollen gar nicht, dass man sich verbessert, sie wollen nur kritisieren. Dann willst du auch nicht zuhören, dann willst du nur gehört werden.

 

Dass die meisten Menschen einem positiv entgegenstehen, ist ein schöner Gedanke. Ich würde noch hinzufügen, dass sie meistens die leisere Gruppe sind.

Stimmt, das hat ganz viel mit Social Media zu tun und der Art, wie die Netzwerke gebaut sind.

Einen großen Teil der Einordnung und Meinungsbildung übernehmen journalistische Accounts. Müssten bestehende Medien aus deiner Sicht feministischer werden?

Ich glaube nicht, dass man das so pauschal sagen kann, ehrlich gesagt. Es kommt drauf an: es gibt viele, die es schon gut machen und ich denke, es gibt viele, die sich verbessern könnten.

Dann konkreter. Hast du einen Wunsch, wie Medien mit dir als feministische Creatorin zusammenarbeiten sollten?

Persönlich bin ich ein schlechtes Beispiel, weil sie mit mir sehr gut zusammenarbeiten. Ich schreibe für drei verschiedene Magazine, da gab es noch nie irgendwas, wo ich sage, das war komplett gegen meine Werte. Was ich mir generell von Medien wünschen würde, ist eine differenziertere Beschreibung von Influencer und Creator. Auch mal hinter die Fassade schauen: in meinen Fall bin ich Kulturwissenschaftlerin, ich habe studiert. Ich habe habe fünf Bücher geschrieben, drei Bestseller, bin Kolumnistin. Ich weiß gar nicht, wie viele Bücher ich schreiben soll, bis ich mal als Autorin geframed werde. Sie schreiben jedes Mal "TikTok-Star", dabei ist die deutliche Mehrheit meiner Follower auf Instagram. Das ergibt keinen Sinn. Ich meine das gar nicht nur auf mich bezogen, es sind alle Creator. Eigentlich möchte ich jedes Mal entgegnen: "Nein, Leonie Löwenherz ist eine studierte Historikerin - können wir bitte aufhören, Menschen auf die Plattform zu reduzieren, auf der sie bekannt geworden sind?" Vielleicht sollten wir anfangen, Creator auch für das zu benennen, was sie können und leisten.