Als neues Duo an der Spitze der beiden WDR-Programmdirektionen: Hilft es oder hemmt es ein Haus umbauen zu wollen, das man selber schon lange kennt?

Schafarczyk: Wir sind doch alle Journalistinnen und Journalisten. Wir merken doch, was bei den Verlagen los ist. Was auf der anderen Rheinseite bei RTL passiert. Wie KI unser Leben verändert. Wie sich die Mediennutzung unserer Kinder entwickelt. Deshalb habe ich den Eindruck, dass es gut ist, dass wir uns aus uns selbst heraus erneuern. Und ich glaube, es ist ein großer Vorteil, dass wir die Sprache der Kolleginnen und Kollegen hier im Haus sprechen, und sie uns beide auch gut kennen.

Cario: Ich betreue verantwortlich seit zehn Jahren Veränderungsprojekte im WDR. Von den ersten crossmedialen Redaktionen bis zum digitalen Wandel, dem Umbau der Programmdirektionen und dem Aufbau der programmlichen Portfoliosteuerung. Die Kolleginnen und Kollegen wissen: Andrea und ich stehen dafür, dieses Haus gemeinsam mit Katrin Vernau und der gesamten Geschäftsleitung sukzessive für die Zukunft zu verändern und gut aufzustellen. Und die Reaktionen, die mich nach meiner Wahl zum Programmdirektor extern wie aber auch intern erreicht haben, bestätigen mich darin. Mir ist aber auch klar: In einem so großen Haus kann nicht immer jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter gleichermaßen für jede Veränderung eingenommen werden. Und wir wissen auch, dass man natürlich an Angeboten hängt, in die man viel Herzblut reingesteckt hat. Aber die allermeisten verstehen: Wir müssen uns verändern, wenn wir eine Zukunft haben wollen.

Das wurde am Freitag konkretisiert, nachdem Ihre Intendantin Katrin Vernau das im Frühjahr schon mal im DWDL-Interview skizziert hat…

Cario: Genau, wir haben derzeit etwa ein Viertel der Ressourcen digital und drei Viertel linear gebunden. Unser Ziel ist, dass wir bis 2030 mindestens 45 Prozent unserer Ressourcen ins Non-Lineare investieren, nach Möglichkeit sogar die Hälfte. Das ist der Rahmen und die Basis für die nötigen Veränderungen. Wir wollen und müssen schneller, schlanker, stärker werden und stärker insbesondere im Digitalen. Die definierten Ziele hat Katrin Vernau ja bei Ihnen ausgeführt.

Wie geht man das dann an?

Cario: Wir wollen das Programm von derzeit 600 auf 300 Angebote fokussieren, und in dieser Summe sollen auch neue Angebote stecken. Entsprechend müssen wir uns noch deutlicher verschlanken, um auch Raum für Neues zu schaffen. Wir gehen dabei jetzt in Schritten vor und der erste Schritt sieht vor, bis Ende 2027 insgesamt 76 Angebote einzustellen. Dabei handelt es sich um ein gutes Dutzend lineare Angebote und deutlich mehr non-lineare Angebote. Das ist nicht unlogisch, weil wir beim Wachsen im Digitalen immer wieder hier und da etwas dazubekommen haben. Wenn man sich unser gesamtes Programmangebot als Baum vorstellt, dann wollen und müssen wir Verästelungen jetzt zurechtstutzen, damit der Baum wieder sinnvoll wachsen kann.

Eine Entscheidung, die auch Konsequenzen für die Belegschaft hat…

Cario: Das stimmt leider. Aber wir werden mit unseren Herausforderungen nur umgehen können, wenn wir auch an den Personalbereich des WDR rangehen. Denn wir stehen nicht nur unter dem Druck der sich unter anderem durch KI verändernden Mediennutzung, sondern auch unter einem wirtschaftlichen Druck. Wir wissen noch immer nicht, wie das Bundesverfassungsgericht entscheiden wird und ob es auf 18,64 Euro Rundfunkbeitrag hinausläuft. Und selbst dann steht das steigenden Kosten gegenüber. Deshalb hat die Geschäftsleitung beschlossen, dass wir ein Drittel der 400 Stellen, die bis 2030 durch Verrentung frei werden, nicht neu besetzen, also 133. Und auch bei den Beauftragungen von frei arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden wir reduzieren müssen.

Wo wird der Stellenabbau besonders spürbar?

Cario: Das ist je nach betroffenem Angebot unterschiedlich. Bei einer linearen Sendung wie „Frau tv“ sind viele Ressourcen im Produktionsbereich gebunden und hier arbeiten auch eine Reihe von Freien. Bei kleineren Angeboten im Digitalen kann das ganz anders aussehen. Wir haben in den vergangenen vier Jahren eine Portfoliosteuerung für unser Programm aufgebaut und gehen da nach sehr klaren Kriterien vor. Wir schauen jedes Jahr aufs Neue, welche Angebote wir fortführen und welche wir lassen. Das ist eine Umstellung, die Redaktionen haben sich aber daran gewöhnt und sie inzwischen akzeptiert. Aber wir haben auch gemerkt: Für die großen Veränderungen, die wir angehen müssen, brauchen wir auch große Hebel und haben daher ein sogenanntes Zielportfolio für 2030 mit klaren programmlichen Schwerpunkten erarbeitet.

Schafarczyk: Wir haben Zielwerte definiert, gerade auch im Digitalen. Auf ARD-Ebene sind Bindung, Nutzung und Relevanz die drei entscheidenden Kriterien, und sie passen auch gut zum Beispiel für unsere regionale Berichterstattung. Im Digitalen haben wir einige der gesetzten Reichweitenziele für WDR.de und die App, die wir 2027 erreichen wollten, an einzelnen Tagen jetzt schon erreicht. Und dennoch sagen wir: Das reicht noch nicht, weil das Regionale unser Fundament ist und wir damit noch deutlich stärker werden wollen. Deswegen haben wir uns zusammen mit Dominique Hoffmann, unserer Direktorin für Produktion und Technik, überlegt, den ganzen Prozess im Regionalen umzukehren. Das betrifft die Art und Weise, wie wir Themen recherchieren, Ressourcen einsetzen und vor allen Dingen wie wir den Produktionsprozess aufsetzen.

Was heißt das?

Schafarczyk: Wir brauchen mehr Geschichten, die im Digitalen ihr Publikum erreichen. Wir haben ein Netz von Reporterinnen und Reportern über das gesamte Land gespannt. Und unser erklärter Wunsch ist, dass sie noch mehr eigene Geschichten recherchieren, also selbst gesetzte Themen, die aktuelle Debatten aufgreifen, Missstände aufdecken und natürlich auch Erfolgsgeschichten feiern. Das ist eine andere Art Geschichten zu schöpfen. Deswegen wollen wir die Anreize anders setzen, und wir werden aus unserem Reporterpool Geschichten so einkaufen, dass sie prioritär in Web, App und Social Media funktionieren. Die Kolleginnen und Kollegen, die draußen unterwegs sind, sollen auch deutlich häufiger als heute selbst drehen und schneiden. Wir haben die Idee, die Organisation in der Produktion in der Region künftig zu zentralisieren, damit wir Leerlauf in den Studios verhindern und die Mittel effektiver einsetzen können. Das bedeutet auch eine Kürzung in der Produktion linearer Inhalte. Insgesamt sollen 20 Prozent unserer Produktionskapazitäten im WDR in Technologie investiert werden, also in KI-Anwendung, überhaupt KI-Kompetenz und datenbasierte Produktentwicklung. Außerdem werden wir im gesamten WDR unsere Flächen reduzieren – bis Ende 2028 werden es 100.000 Quadratmeter weniger sein als 2017. Und in der Verwaltung werden wir arbeitsteiliger arbeiten. In der ARD ist ein Prozess der Shared Services angestoßen, also dass eine Anstalt eine Aufgabe für alle übernimmt. Das ist ein laufender Prozess, von dem wir uns auch 20% Ressourcen-Einsparungen versprechen.  

Eine Nachfrage zur Einsparung von 100.000 Quadratmetern Fläche: Das ist ja enorm viel…

Cario: Was dazu gehört und ja schon bekannt ist, ist der Verkauf der Fläche in Bocklemünd. Das fließt in diese Zielsetzung rein.

Interessant: Bei der Ankündigung des angestrebten Verkaufs hatte man sich 2035 als Ziel gesetzt. Das scheint also schneller voranzugehen… 

Cario: Wir streben den frühestmöglichen Verkauf an – also 2028. Das spätestmögliche Datum ist aber nach wie vor 2035.

Schafarczyk: Und dann gibt es noch unser Gebäude “Auf dem Berlich”, mitten in der Kölner Innenstadt, von dem wir uns auch aufgrund der Lage versprechen, es gut verkaufen zu können. Da ist derzeit hauptsächlich unsere Produktion angesiedelt. Wir verdichten damit die Flächen des WDR auch im Herzen Kölns.

Frau Schafarczyk, eine Nachfrage noch zur Digital First-Strategie: Wenn Kolleginnen und Kollegen im Haus eine exklusive Story aus der Landespolitik recherchieren: Ist das dann eine „Westpol“-Recherche oder eine WDR-Recherche?

Schafarczyk: Definitiv eine WDR-Recherche, weil unsere Nachrichtenangebote und auch WDR.de der erste Ausspielweg wären. Was bei uns im Haus recherchiert wird, ist eine Geschichte des WDR.

Blicken wir aufs Programm - und das Programmdirektoren-Duo: Was haben Sie beide eigentlich gemeinsam?

Cario: Uns beide verbindet, dass wir noch mehr Tiefe in der Berichterstattung und in hintergründigen Journalismus investieren wollen, der auch Orientierung bietet in einer Zeit, in der Menschen ganz besonders Orientierung suchen. Das sind in meiner Direktion – wir schneiden die Zuständigkeiten gerade noch einmal etwas neu zu – u.a. die Themenbereiche Wirtschaft, Wissen, Investigatives und Kinder. Und in Andreas Direktion u.a. das Regionale und die Kultur. Wir wollen dabei, wie Andrea es beschrieben hat, mehr Themen aus dem Land schöpfen. Aus der Region für die Region. Idealerweise bieten wir das, was dann später in der Tageszeitung aufgegriffen wird.

Können Sie konkretisieren: Was spart sich der WDR künftig, wenn von diesen ersten 76 eingesparten Angeboten die Rede ist?

Cario: Die 76 sind der Auftakt für strategische Veränderungen in unserem Programmangebot. Wir sprachen eben schon von der programmlichen Portfoliosteuerung und unserer Zielsetzung für 2030. Dafür haben wir sogenannte “Wachstumsfelder” und “Stabilisierungsfelder” identifiziert. Ein Wachstumsfeld trägt zum Beispiel die Überschrift „Mehr Zeit für Tiefe“. Da geht es um Orientierung gebende, hintergründige Angebote. Dieses Feld ist stark von Dokus geprägt, das Genre, für das ich ja als Doku-Koordinator auch innerhalb der ARD verantwortlich bin. Zu diesem Feld gehören aber auch Erklär- und Talk-Formate. Das zweite Wachstumsfeld nennen wir „Die beste Zeit für mich“. Da geht es um unterhaltende und fiktionale Angebote für junge Zielgruppen, auch Dokusoaps, Junge Comedy oder Live-Sport gehören dazu. Dann haben wir das Feld „Direkt aufs Smartphone“, zu dem regionale News aber auch Wissensangebote wie „Quarks“ gehören. Und es gibt als viertes Wachstumsfeld “Maus und mehr”, das sich um Angebote für Kinder und PreTeens dreht. Wenn es um die Stabilisierung geht, dann reden wir vom WDR Fernsehen und den Radio-Wellen. Da müssen wir den Marktanteil, den wir haben, möglichst halten, ohne groß neue Mittel reinzugeben. Und in der Ableitung dessen werden wir uns auf die Primetime konzentrieren.

Wie definieren Sie Primetime fürs WDR Fernsehen?

Cario: Wir konzentrieren uns im WDR Fernsehen auf die publikumsrelevante Zeit zwischen 17:00 und 22:15 Uhr, bis auf wenige Ausnahmen wie den „Kölner Treff“. Das hat dann u.a. zur Folge, dass ein Fernseh-Angebot wie „Frau tv“, das auch deutlich in der Reichweite gesunken ist, nicht fortgeführt wird. Und das hat auch zur Konsequenz, dass ein Angebot wie „Hier und heute“ am Nachmittag künftig erst um 17:00 Uhr beginnt und als gemeinsame Sendung zusammen mit der bisherigen „Servicezeit“ produziert wird. So schaffen wir auch freie Ressourcen im Produktionsbereich, weil wir nur noch eine Schicht brauchen. Gleiches gilt spiegelbildlich auch im Hörfunk.  

Kurze Nachfrage: Was heißt spiegelbildlich im Hörfunk?

Schafarczyk: Wir betrachten Primetime im Hörfunk nicht als reines Uhrzeitenraster. Zielgruppen und Hörgewohnheiten sind je nach Welle verschieden. Es gibt vor allem Unterschiede in der Nutzung unserer massenattraktiven und unserer spezifischeren Wellen wie WDR 3 oder WDR 5. Mit keinem anderen Ausspielweg erreichen wir so viele und unterschiedliche Menschen. Aber auch hier ändert sich das Nutzungsverhalten. Deswegen konzentrieren wir uns bei unseren Wellen vor allem auf die reichweitenstarken Zeiten am Morgen und im späteren Tagesverlauf. Am Abend steigen wir dagegen inzwischen früher in die gemeinsamen ARD-Programme ein, wie mit „WDR 2 Pop. Die Abendshow“ oder dem „ARD Infoabend“ bei WDR 5. Und noch mal kurz zurück zu „Frau tv“. Weil wir eingangs über die Kriterien und Zielwerte sprachen: „Wir werden „Frau tv“ auf Facebook behalten und aufwerten, weil da eine starke Community entstanden ist, und diese Bindung ist ein Wert, den wir für die Themen von „Frau tv“ und den WDR beibehalten wollen. 

Noch einmal konkreter zu den eingesparten Angeboten: Was fällt weg und warum?

Cario: Wir werden auch die linearen Doku-Plätze im WDR Fernsehen nicht in der bisherigen Form fortführen und uns stattdessen aufs Digitale konzentrieren. Das betrifft vor allem “Menschen hautnah” und “WDR story”. Wir produzieren künftig unsere Dokus mit Priorität für die ARD-Mediathek, werden auf große Produktionen setzen und müssen dafür Kräfte bündeln. Gerade weil wir in der ARD die Doku-Koordination leiten, wollen wir in diesem Genre auch glänzen. Wir erhalten hier den bisherigen Etat und sparen bewusst nicht an Inhalten. Aber wir werden im WDR Fernsehen jetzt nur noch erfolgreiche Dokus ausstrahlen, die fürs Digitale produziert wurden und auch ins Programm passen. Denn großartige Streaming-Stoffe kann man auch sehr gut linear ausspielen, weil diese große erzählerische Kraft entfalten. Umgekehrt ist es schwieriger: Mit für das Fernsehen geplanten Langformaten – verpackt in Fernsehmarken – fällt es schwer, ein Streaming-Publikum zu erobern.

Spannende Analyse des Doku-Genre. Und darüber hinaus?

Cario: Ein Kriterium, das bei unseren Entscheidungen eine große Rolle spielte, war: Was macht die ARD, was können Kolleginnen und Kollegen anderswo genauso gut oder besser? Und müssen wir dann noch einmal das Gleiche bzw. etwas sehr Ähnliches machen? Der NDR hat in der ARD beispielsweise das Kompetenz-Center Gesundheit inne, darum machen wir als WDR künftig keine Begleitangebote im Netz mehr mit „Doc Esser“. Die Nutzenden werden hier vom NDR und seinen Angeboten versorgt. Wir schneiden viele, auch durchaus erfolgreiche Äste ab, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, etwa in Form von Begleitangeboten wie „Erlebnis Erde“ auf Instagram oder „Heimatflimmern“ auf Facebook. Das sind Angebote, die für sich genommen nicht so groß oder kostenintensiv wirken wie ein TV-Format „Frau tv“, aber jedes einzelne Angebot bindet doch wieder Kräfte, die wir woanders noch besser und zielgerichteter einsetzen können. Das erklärt das Zustandekommen dieser ersten Liste der Angebote, auf die wir verzichten werden. Der nächste Schritt erfolgt im ersten Quartal kommenden Jahres.

Schafarczyk: Auch im Bereich Podcasts werden wir uns neu aufstellen: In dem Zuge werden wir zum Beispiel „Machiavelli“, „Lisas Paarschitt“ und auch den Fußball-Podcast “Einfach Fußball” beenden, weil wir durch die Sportschau und andere Häuser in der ARD hier schon gut etablierte Formate haben. Und wir haben auch bereits unseren Instagram-Account tickr eingestellt.

Mehr Geld ins Digitale, manche gewohnten Programme enden. Hat für den WDR jetzt das junge Publikum Priorität?

Schafarczyk: Wir haben laut der ARD-Akzeptanzstudie sehr hohe Zustimmungswerte auch bei den Jüngeren, wenn es um die Frage geht, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk wichtig für die Gesellschaft ist. 78 Prozent der 14- bis 29-Jährigen finden uns wichtig. Aber deutlich weniger sagen: „Ja, die haben auch etwas für mich“. Deswegen müssen wir da verstärkt investieren und Programme bieten, wie „Deutschland, ich küss‘ dein Herz – mit Tahsim Durgun”, „Draußenpolitik” mit Louis Klamroth oder in Kürze die Dokusoap „Motsi & Oti – Meet the Mabuses”, um auch Menschen zu erreichen, die den WDR aktuell noch wenig nutzen. Für ARD Sounds machen wir einen neuen Geschichtspodcast, Arbeitstitel: „Geschichte, aber ohne den langweiligen Kram“.

Cario: Das Projekt mit Tahsim ist ein schönes Beispiel. Das ist nicht die klassische Unterhaltung, wie man sie von früher kennt. Das ist nicht die große Showtreppe. Es ist eine bewusste Entscheidung, dass wir –abgesehen von zwei Ausgaben “Frag doch mal die Maus” im Jahr – nicht mehr auf große Shows setzen. Weil wir alle wissen, dass die es bis auf wenige Ausnahmen inzwischen schwerer haben, ein großes Publikum zu finden. Mit Tahsims Comedy-Roadtrip ist relevante Unterhaltung entstanden, die Spaß macht. Es geht um Themen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte, die man vielleicht auch in einer Dokumentation erzählen könnte. Aber mit einem so persönlichen Comedy-Ansatz docken wir bei einem größeren, jungen und auch diversen Publikum an. Für solche Projekte brauchen wir Freiraum und Kapazitäten, weil es aufwendiger wird, wirklich alle zu erreichen. Die Sogkraft eines linearen Programms hat nachgelassen. Das gilt nicht beim „Tatort“ oder Live-Sport - auch nicht bei Events, die wir veranstalten. Damit erreichen wir viele Menschen jeden Alters. Aber es wird im Programm mehr Anstrengungen kosten, um digital die unterschiedlichen Zielgruppen auch künftig an uns zu binden und immer wieder solche Andockmöglichkeiten zu schaffen.

Wenn wir ins Jahr 2030 springen: Ist das Fernsehprogramm noch Mittelpunkt des Angebots oder einer der Ausspielwege?

Cario: Das lineare Fernsehen ist auch im Jahr 2030 noch ein wichtiger Ausspielweg. Ich gehe auch davon aus, dass wir 2030 noch das WDR Fernsehen haben werden. Es wird aber sicher anders aussehen als heute. Die tägliche Reichweite vom WDR Fernsehen lag vor zehn Jahren bei über vier Millionen Menschen, jetzt liegt sie deutlich unter drei Millionen. Wir werden 2030 sicher ein noch stärker konzentriertes Programm haben, enger kooperieren mit anderen Dritten und zusammenrücken. Was das heißt und wie das in der Praxis aussehen kann, werden wir mit unseren Partnern in der ARD besprechen.

Wir müssen natürlich über Cosmo sprechen. Es gab viel Kritik an der Einstellung. Dann auch an dem Namen 1Live Street für den Kanal, der Cosmo ersetzen soll. Warum - abgesehen von der Form - überhaupt die Trennung von einer gut etablierten Marke?

Schafarczyk: Cosmo ist als Marke leider gar nicht so bekannt und beliebt, wie wir uns das immer erhofft haben. Die Kolleginnen und Kollegen haben etwas Einzigartiges aufgebaut, aber wir müssen leider feststellen, dass wir mit diesem Sender und auch den Podcasts in den unterschiedlichen Sprachen nur wenige Menschen erreichen. Dafür ist uns der Auftrag zu wichtig. Denn im WDR-Gesetz steht, dass eines unserer Radioprogramme vor allem Themen des interkulturellen Zusammenlebens im Fokus haben soll. Diese Themen sind für uns eine Herzensangelegenheit. Deswegen haben wir mit Blick auf die Wirkung, die Cosmo erzielt, gesagt: Damit können wir uns nicht zufriedengeben. Der Sender hat sich schon oft verändert und wir sollten ihn wieder neu aufstellen, damit er das Potential hat, mehr – und vor allem mehr junge – Menschen zu erreichen. Denn 40 Prozent der Jungen in NRW haben eine Einwanderungsgeschichte. Das ist sehr relevant für uns. Also haben wir geschaut, welche Marke beliebt bei dieser Zielgruppe ist, und da ist 1Live einfach sehr stark. Das bedeutet auch, dass Cosmo in seiner bisherigen Form beendet wird und wir die Welle mit einem neuen Konzept anders ausrichten.  

Von außen wurde es weniger ambitioniert interpretiert. Aber das beirrt nicht bei der Strategie?

Schafarczyk: Wir können die Sorgen und Kritik nachvollziehen, denn auch uns geht es um Vielfalt. Diese Entscheidung ist im Rundfunkrat nach intensiver Diskussion gefallen. Jetzt geht es darum, sie gut umzusetzen und im Kontakt mit denen zu sein, die sich sorgen. Wir wollen unter der Marke 1Live eine Senderflotte für ein junges Publikum strategisch neu aufstellen: Neben 1Live gehört dazu 1Live Lounge mit einem entspannteren Musikprofil und ein zweiter neuer Kanal, der eben vor allem interkulturelles Zusammenleben zum Thema macht und in der Musik sehr stark von HipHop dominiert ist und auch Musik aufgreift, die bei Cosmo zuhause ist. Dazu wird es ein Digitalangebot geben.

Die Kompetenzen der Kolleginnen und Kollegen, die heute die Sprachenangebote machen, wollen wir stärker für alle WDR-Programme nutzen. Denn sie kennen sich mit den Communities in NRW mit einer Einwanderungsgeschichte aus. Wir bringen sie zusammen mit dem Team von WDRforyou, das ein sehr erfolgreiches Angebot in Arabisch und Farsi macht, damit eine schlagkräftige Einheit entsteht. Die sind jetzt in Ingmars Bereich und sind aktuell unter anderem mit Fokusgruppen-Befragungen beschäftigt, um dann ein neues Format zu entwickeln – in einem allerdings reduzierten Sprachenangebot.

Den neuen Namen für den Sender haben Sie aber noch nicht gefunden?

Schafarczyk: Die neuen Sender starten im April nächsten Jahres und wir planen, bis zum Ende des Jahres einen neuen Namen zu finden.

Jetzt sprechen wir so viel darüber, das Profil des WDR zu schärfen. Doch gleichzeitig produzieren Sie immer mehr fürs Digitale, wo im Bewegtbild die ARD-Mediathek die Marke ist und für Audio die Plattform ARD Sounds. Wie bleibt da die Marke WDR präsent?

Schafarczyk: Das ist eine wirklich schwere Frage, eine der Millionen-Euro-Fragen dieser Zeit, und strategisch zentral. Wir haben deshalb schon angefangen, bei der Absenderschaft aufzuräumen und viele Namen und Marken auf wenige, klar erkennbare Marken zu fokussieren. So ist der WDR im Digitalen jetzt die alleinige Marke für das Regionale. Gleichzeitig kann eine aus unserem Haus kommende Marke wie „Quarks“ als ARD-Marke bundesweit mehr erreichen. Entscheidend ist also: Wo stärkt die Marke WDR ein Angebot – und wo eröffnet die ARD-Marke mehr Wirkung? Aber das ist nicht leicht und umso schwerer im Audio-Bereich: Einerseits verbinden die Menschen unsere Radioprogramme klar mit dem WDR. Podcasts werden dagegen stärker über Themen, Hosts und Empfehlungen gefunden und erreichen über ARD Sounds mehr Menschen über den Westen hinaus. Deshalb müssen wir die ARD im Digitalen gemeinsam stärken, ohne den WDR zu schwächen.  

Cario: Die Identität der ARD liegt in der starken Gemeinschaft von vielen. Damit verbunden war und ist die wertvolle Chance, Brücken zu schlagen von dem sehr nahen regionalen Angebot zu dem großen Ganzen:Über unser Korrespondenten-Netz im Ausland Veränderungen in der Welt zu erklären und diese gleichzeitig auf den Alltag der Menschen vor ihrer Haustür runterzubrechen. Das ist ein absolutes Pfund, auf das wir setzen können, und dafür ist es wichtig, die Sichtbarkeit der regionalen Marken auch im Programm der ARD zu erhalten. Für uns bilden ARD und WDR ein symbiotisches System. Und auch mit anderen starken Partnern und Marken wie funk arbeiten wir als WDR eng zusammen. Gerade funk hat es ja geschafft, in den vergangenen Jahren eine wirklich erfolgreiche Marke für junge Angebote zu etablieren. Das ist eine tolle Leistung der Macherinnen und Macher, die wir auf dem weiteren Weg daher noch stärker unterstützen wollen.

Letzte Frage: Welches Signal wollen Sie in den Produktionsmarkt, an die Kreativen senden? Wonach sucht der sich neu aufstellende WDR?

Cario: Das klare Signal an die Produktionsbranche und die Kreativen ist: Wir möchten für eure Ideen die erste Adresse sein. Dafür müssen wir aber auch Voraussetzungen schaffen, Formen finden, in denen man sich austauscht, stärker ins Gespräch kommt und gemeinsam über Formate nachdenkt. Als Koordinator für die Dokumentationen in der ARD lade ich beispielsweise einmal im Jahr zur ARD-TopDocs-Programmwerkstatt ein, einem Format, bei dem ein solcher Austausch gelingt. Andrea und ich werden schauen, wie wir vergleichbare Formen des Austauschs auch für den WDR umsetzen können. Im Dokumentarischen haben wir in den vergangenen Jahren schon tolle Erfolge erzielt, in der Fiktion freuen wir uns sehr darüber, mit „Hundertdreizehn“ und „Naked” den Deutschen Fernsehpreis gewonnen zu haben. Aber natürlich möchten wir miteinander in allen Genres gern noch mehr Erfolge feiern. 

Schafarczyk: Wichtig ist die Erkenntnis, dass jede Programmidee herausstechen muss. Es geht nicht darum, bestehende Sendeplätze zu füllen, sondern im Digitalen auf sich gestellt zu funktionieren. Jedes beauftragte Programm muss sich wieder neu selbst behaupten. Das gilt natürlich auch für den Podcast-Bereich, da sind wir schon sehr stark, was Story-Podcasts angeht. Daran sind wir auch weiterhin sehr interessiert: an solchen Ideen wie auch an AlwaysOn, also fortlaufenden Formaten im eher unterhaltenden Bereich.

Frau Schafarczyk, Herr Cario, herzlichen Dank für das Gespräch.