Frau Park, einerseits starten gerade mehrere deutsche Hulu Originals bei Disney+, andererseits arbeiten Sie gerade am Relaunch eines klassischen linearen Fernsehsenders…
Bei Disney ist es selten ruhig, aber die letzten Monate waren ein gewisses Crescendo. Mit „City of Blood“, „Yacht Deals Monaco“ und „Vienna Game“ starten in diesen Wochen drei deutsche Hulu Originals auf Disney+ - und dann kommt am 1. Dezember Disney TV.
Aber was unterscheidet Disney TV vom bisherigen Disney Channel?
Mit dem frei empfangbaren Disney Channel sind wir einst gestartet um als Kinder- und Familiensender Fuß zu fassen. Das war uns wichtig. Aber Disney insgesamt ist in den vergangenen Jahren über alle Kanäle breiter und erwachsener geworden. Das ist eine globale Entwicklung. Und dementsprechend haben wir beschlossen, dass wir den Familiensender rebranden und neu positionieren als Disney TV, den weltweit ersten Sender unter dieser Marke.
Ist Disney TV kein Familiensender mehr?
Kinder und Familien bleiben ein wichtiger Bestandteil unseres Programms und unserer DNA. Gleichzeitig erweitern wir zum 1. Dezember das Angebot um die komplette Vielfalt des High Quality Entertainments von Disney mit deutlich mehr Inhalten für erwachsene Zielgruppen in einem FreeTV-Sender. Also inklusive des gesamten Disney Entertainment Portfolios unseres Unternehmens und damit auch mit Inhalten von beispielsweise Hulu, FX, oder 20th Century Studios. In der Primetime werden sich all unsere Marken reflektieren und können dort aus einem riesigen Fundus schöpfen.
Sie holen also auch mehr Disney+ Content als bisher ins lineare Programm? Inklusive Star Wars & Marvel?
Ja. Und selbst die Genres Doku oder auch Reality werden ihren Platz finden. Wir verbreitern die Marke stark, stellen Disney TV als das kuratierte kostenlose Gegenstück zu Disney+ auf, wo es natürlich von allem noch einmal viel mehr gibt. Damit synchronisieren wir unsere Angebote, auch für die Werbekunden. Während wir da bisher im TV sehr im Kinder- & Familiensegment unterwegs waren, lassen sich jetzt Kampagnen über TV & Streaming belegen und das für alle Produkte.
Disney TV wird also erwachsener?
Wenn wir sagen, jedes Familienmitglied wird etwas finden, meint das jeden Fan-Geschmack aber natürlich auch weiterhin Gemeinschaftserlebnisse. Disney ist in den USA viel breiter als die Marke vielleicht in Deutschland lange wahrgenommen wurde, wenn man allein an ABC Networks und deren legendäre Serien denkt. Wir wollen das für uns nutzen. In den USA gibt es gerade eine schöne Kampagne, die mir sehr gut gefällt. Aus dem Hu von Hulu und Dis von Disney haben sie Hu Dis… also „Who’s this?“ abgewandelt. Diese moderne Ansprache feiern wir ab dem 1. Dezember auch mit einem wunderschönen neuen Design für Disney TV.
Was sind die Programmhighlights der ersten Wochen?
Wir freuen uns auf absolute Kultserien wie "Modern Family" oder "Scrubs", Dramaserien wie "Seattle Firefighters" und "9-1-1 Notruf L.A" sowie große Filmhighlights aus dem Disney Portfolio wie "Der König der Löwen", "Die Schöne und das Biest" oder "Encanto". Zusätzlich dürfen wir uns auf die Free-TV Premiere der erfolgreichen US-Serie "Tracker" freuen und auch Marvel Fans werden mit "Thor", "Ant-Man" und "Doctor Strange" auf ihre Kosten kommen.
Disney TV ist eine Marke, die es so bisher nicht gab. Nun sind US-Konzerne nicht gerade berühmt dafür, in lokalen Märkten individuelle Strategien zu erlauben. Wie überzeugt man Hollywood davon, die Marke Disney Channel durch einen neuen Sender zu ersetzen. Noch dazu 2026 ein lineares Programm zu launchen?
Sehr spannende Frage, aber tatsächlich zahlt es auf die Gesamt-Strategie der Company ein. Unser CEO Josh D’Amaro spricht gerne vom Flywheel, was sich auf deutsch wohl mit Schwungrad übersetzt. Es geht um die Logik eines sich selbst immer wieder verstärkenden Mechanismus. Wir sprechen im Deutschen oft vom Ökosystem. Letztlich geht es um einen kundenzentrierten Kreislauf von Angeboten, bei dem unsere Fans als Antriebskraft für weiteres Wachstum sorgen. Disney ist schon eine Love Brand, aber unser Ziel ist: Wie schaffen wir mehr Kontaktpunkte mit den Fans der Disney Marken? In den USA hat Disney ein großes TV-Netzwerk. Und Disney TV wird für uns auch ein wichtiger Bestandteil.
Aber angesichts von Disney+ dürfte sich mancher wundern über Ihre Begeisterung fürs lineare TV?
Wir wissen alle, dass es Reichweitenverluste im linearen Fernsehen gibt. Das will ich gar nicht beschönigen. Aber wir haben uns angeschaut: Was fehlt uns in Deutschland, um unser Flywheel weiter anzutreiben. Wie können wir neue Zielgruppen erschließen? Wie schaffen wir mehr Kontaktfläche für die Marke Disney? Das ist auch die Motivation hinter Deals wie dem mit Lidl oder McDonalds für Disney+. Um Reichweite zu erweitern, denken wir in alle Richtungen. Nehmen Sie aktuell unsere Kooperation mit Vue Entertainment für CinemaxX: Disney+ Abonnenten erhalten dienstags ein Kinoticket für einen laufenden Disney-Film inklusive Popcorn und Getränk für nur 10 Euro. Kudos an alle Partner, mit denen wir zusammenarbeiten. Das macht Spaß. Und Free TV ist eine wirksame Plattform um vieles anzutreiben. Disney TV ist insofern besonders, weil die meisten internationalen Märkte für Disney keine FreeTV-Märkte sind. Das muss man erklären, aber ich muss sagen: Es gab aus Burbank sofort das Commitment dazu - und wir haben dieses Projekt mit viel Begeisterung in unter einem Jahr entwickelt.
Stichwort Verwertungsfenster: Bedeutet Disney TV, dass künftig alle Disney-Produktionen inhouse ausgewertet werden oder lizensieren sie auch weiterhin Programm?
Es gibt gewisse Windowing-Logiken bei einzelnen Programmen, die wir auch weiterhin an Partner lizensieren. Es geht uns immer darum, wie wir unsere Fans erreichen oder auch neue Fans heranführen und das kann auch mit Partnern sein, wo wir mit bestehenden Partnerschaften sehr happy sind. Aber wer mit uns arbeitet weiß auch, dass wir da offen für Gespräche sind aber restriktiv in dem was wir herausgeben, denn Disney+ und Disney TV sind das Home of Disney.
Dann lassen Sie uns über Disney+ sprechen. Der Streamingmarkt ist recht gesättigt, wie viel Wachstumsmöglichkeiten sehen Sie noch?
In EMEA haben wir seit Anfang 2025 die Subscriber Base um 30 Prozent gesteigert und arbeiten natürlich weiter am Churn, am Engagement. Wie alle. Künftiges Wachstum wird schwieriger. Gibt es noch Potential? Das würde ich definitiv mit Ja beantworten. Einmal aus eigener Stärke mit dem großen Wettbewerbsvorteil eines Hauses wie Disney mit unserer einzigartigen Fanbase und Liebe zu unseren Marken und Inhalten. Und dann sehen wir um uns herum ja auch erste Konsolidierungen im Markt: Skydance mit HBO Max und Paramount+, aber auch den RTL/Sky-Deal.
Und woher soll das Wachstum von Disney+ kommen?
Es gibt vier Content-Kategorien in denen wir wachsen wollen. Zum Einen Hulu, also General Entertainment. Da könnte ich jetzt stundenlang erzählen, was da alles an tollen Serien kommt. Dazu kommen als zweite Kategorie unsere Kino-Produktionen. Denn alle Kinofilme aus dem Disney-Universum finden ihren Weg zu Disney+. Das ist ein Versprechen an die Fans. Das dritte Thema ist der Sport. Da haben wir mit der UEFA Women Champions League angefangen, hatten im September mit „Max vs. 100“ ein Live-Sportevent mit Formel 1-Weltmeister Max Verstappen, das hat super funktioniert. Am 18. Dezember startet die neue Saison der Formel E, die künftig bei Disney+ zuhause ist. Und neu dabei, schon in wenigen Tagen, ist die Icon League, wo wir die fünfte Saison komplett live zeigen. Alle Matchdays mit Vorbereitung & Nachbereitung inklusive Replay.
Sie sprachen eben vom Wettbewerbsvorteil von Disney+ im Streamingmarkt. Wie sieht der aus?
Ich meine den stetigen Content Supply. In einem Wettbewerb der härter wird, hilft uns die Inhouse-Versorgung mit Kino-Blockbustern und Serien aus unseren eigenen Studios. Wir sind mit einer langfristige Pipeline auf Jahre versorgt, können planen und den Fans verlässlich liefern. Also wenn ich allein ans Kino denke: Da hatten wir bereits ein super starkes Jahr. Und das obwohl das Kino schon totgesagt wurde, aber jetzt ist der Kinomarkt auf dem Weg zu 100 Millionen Tickets in 2026. Im November startet Disneys „Wie Verhext“ und im Dezember der Most anticipated Film des Jahres: von Marvel Studios „Avengers: Doomsday“. In 2027 starten wir mit „Ice Age 6“, gefolgt von „Gatto“, einem neuen Original-Film von Pixar. Wir sind außerdem im Jahr des 50-jährigen Jubiläums von „Star Wars“. Da kommt „Star Wars: Starfighter“ mit der Kombi aus Ryan Reynolds vor der Kamera und Regisseur Shawn Levy dahinter. Das Ding sieht super aus, wir durften kurze Ausschnitte sehen, das feiern wir dann im Mai. Im Sommer kommen mit „Bluey“ und dem neuen Simpsons-Film zwei Streaming-Hits mit Kinofilmen, im Herbst „Frozen 3“ und das Jahr beenden wir mit Marvel Studios „Avengers: Secret Wars“. Und alle Filme gibt es nach dem Kino bei Disney+, wo wir noch dieses Jahr auch die „Vision Quest“-Trilogie aus dem Marvel-Universum vollenden. Neue Staffeln von „All’s Fair“ und „Alien: Earth“ kommen, mit „The Land“ einer neuen Sportsdrama-Serie von Dan Fogelman, dem Mastermind hinter „Paradise“. Neue Staffeln von „Scrubs“, „The Testaments“, „Paradise“. Natürlich auch mehr von „Die Simpsons“ und „Grey’s Anatomy“. Und schon demnächst startet der 13. Teil Staffel von „American Horror Stories“. Und zu all dem kommt dann noch das vierte Wachstumsfeld für Disney+: Die lokalen Produktionen.
Ich wollte gerade fragen: Angesichts dieser Content-Pipeline aus den USA, welche Relevanz haben da eigentlich deutsche Produktionen für Disney…
Bevor ich dazu komme, will ich kurz die Brücke schlagen zu Local Productions im Disney Global Network: Lokale Produktionen sind immer für den lokalen Markt gemacht. In Südkorea für Südkorea, in Deutschland für Deutschland. Aber manche davon gehen auf Reisen: Im November kommt „Die neuvermählte Kaiserin“ aus Südkorea auch zu uns, übrigens teilweise nicht weit entfernt von München, in Unterschleißheim, gedreht. Ein absolut starbesetztes Local Original im derzeit so beliebten Genre des K-Drama.
Und wie steht es um die Relevanz von Produktionen aus Deutschland?
Wir haben schon über „City of Blood“, „Yacht Deals Monaco“ und „Vienna Game“ gesprochen. Nächstes Jahr geht es weiter mit Nele Neuhaus’ „Monster“. Wir haben auch schon „Under the Ice“ und die Verfilmung der „Westwell“-Romane angekündigt. Die globale Strategie von Disney für lokale Produktionen ist ambitioniert: Wir wollen unser Investment in lokale Produktionen verdreifachen. Keine zehn oder zwanzig Prozent steigern, verdreifachen. Und für diese Ambitionen brauchen wir Support. Deshalb freue ich mich, offiziell bestätigen zu können, dass ab Februar Philip Pratt unser Team als Vice President Local Originals für Deutschland, Österreich und die Schweiz verstärken wird. Er ist ein wirklich famoser Experte mit einem tollen Netzwerk. Und wenn ich ihn jetzt so paraphrasieren darf: Er möchte aus Disney das kreative Zuhause für Produzentinnen, Produzenten und Talente machen. Und ich glaube, das zeigt ganz klar unser Commitment zum deutschen Markt.
Also auch das klare Bekenntnis, deutlich mehr investieren zu wollen?
Richtig. Und wir wollen keine Zeit verlieren, suchen mutige Stoffe und das tatsächlich über alle Genres. Ich glaube unsere aktuellen Produktionen sprechen da für sich. Wichtig ist uns: Ideen, in die wir investieren, müssen sich auf einer Plattform wie Disney+ neben all den globalen Brands behaupten können.
In allen Genres, also Fiction und Non-Fiction?
Wenn wir einen Blick nach England werfen, da ist man bei Reality bzw. Non-Fiction schon weiter als wir. Gerade ist zum Beispiel die Dokumentation zum Oasis-Comeback gestartet. Im Sommer gab es die Realityserie „The Real Rooneys“, auch Dating-Shows haben die Kollegen schon gemacht. Also von daher. Alles ist möglich. Die Qualität muss stimmen, dann sind wir für alle Genres offen.
Ist diese Offensive jetzt aus intrinsischer Motivation oder schon einem rumwabernden möglichen Mediendiensteinvestitionsverpflichtungsgesetz geschuldet?
Deswegen habe ich bewusst gesagt: Das ist eine globale Offensive von Disney, die nichts mit der deutschen Medienpolitik zu tun. Dank dieser verlieren wir gerade nur wieder einmal wahnsinnig viel Zeit. Die Streamer haben eine freiwillige Selbstverpflichtung vorgeschlagen. Damit wäre 2026 kein verlorenes Jahr für die Produktionswirtschaft geworden. Wer Wachstum will, braucht Anreize und keine Regulierung. Der Gesetzentwurf ist ein grundlegender systemischer Eingriff in einen funktionierenden Markt. Die Subquoten des Mediendiensteinvestitionsverpflichtungsgesetzes haben keine klare empirische Begründung und auch das Anreizmodell funktioniert überhaupt nicht an der Stelle, weil es verpflichtet zu produzieren und versucht, durch Subquoten diese Investitionen nach Deutschland zu holen. Das wird kombiniert mit einer vertragsrechtlich sehr bedenklichen Rechterückfalllogik. Wer das finanzielle Risiko trägt, muss die Verwertungsrechte frei verhandeln können. Man merkt, ich bin kein Fan der Investitionsverpflichtung (lacht).
Ach was, merkt man kaum.
Mal sehen, wenn sie denn kommen sollte, dann sind für mich ganz klar die zwei Sachen, die ersatzlos wegmüssen: Das ist der Rechterückfall und die Subquoten und idealerweise auch diese administrativen Hürden. Das macht es mir schwerer zu argumentieren, dass wir unsere Investitionen verdreifachen. Denn das wäre deutlich mehr als das, was die Medienpolitik erreichen will. Und ganz wichtig auch an der Stelle: In der Europäischen Union muss es ein Level Playing Field für alle geben. Also entweder alle Länder beschließen, dass sie keine Steuermodelle machen oder keins - aber alle anderen Länder machen den Anreiz-Ansatz. Wir haben von Anfang an immer gesagt: Am wichtigsten ist verlässliche Planbarkeit. Und was haben wir bekommen? Das kurze Versprechen von 250 Millionen Euro wirtschaftliche Filmförderung pro Jahr, das wenig später zusammengesunken ist. Bei der freiwilligen Selbstverpflichtung haben wir sehr eng auch mit dem BKM zusammengearbeitet. Aber das, was da jetzt auf dem Tisch liegt, das ist abseits jeder Kommunikation mit den Streamern entstanden. Mein Appell wäre unverändert: Wir alle wollen wachsen, investieren, miteinander arbeiten. Aber doch nicht über Verpflichtungen sondern mit Anreizen.
Frau Park, herzlichen Dank für das Gespräch.
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