Frau Wildermuth, vor ziemlich genau einem Jahr haben Sie im Interview mit DWDL eindringlich für eine selbstbewusste Antwort der Qualitätsmedien auf die Herausforderungen durch KI geworben. Fangen wir damit an: Sind Sie weiter gekommen dabei?
Wir haben im vergangenen Jahr viel darüber gesprochen, was in unserer KI-dominierten Welt passiert und wie man darauf regulatorisch antwortet. Ein Thema, das inzwischen in der Öffentlichkeit – auch der politischen Öffentlichkeit – weitaus präsenter geworden ist, aber in Sachen Regulierung gibt es immer noch viel zu tun. Die andere Frage, Stichwort „Selbstbewusstsein“, ist: Wie können wir unsere Stärken noch besser sichtbar machen? Worauf sollten wir uns konzentrieren? Was machen wir besser als andere?
Und wie lautet die Antwort darauf?
Wir müssen zum Glück nicht konkurrieren mit irgendwelchen KI-Anbietern, die Gedichte in Hexametern formulieren. Aber unsere absolute Stärke, und das ist ja auch die Zuschreibung der Bevölkerung bei jeder Umfrage – auch bei den Jüngeren – ist Information, sind verlässlich geprüfte Quellen, Recherche, Hintergründe. Um den Zugang dazu zu stärken, haben wir jetzt pragmatisch sozusagen einen KI-Türöffner umgesetzt.
Sie sprechen den vergangene Woche angekündigten News Assistent an.
Richtig. Wir können und wollen die Menschen nicht von KI fernhalten. Wir müssen es auch nicht, wenn wir dafür sorgen können, dass sie mit Hilfe von KI verlässliche Informationen bekommen. Wir haben mit dem News Assistenten einen Türöffner in einen großen, aber geschützten Wissensraum geschaffen, der auf BR24 und Tagesschau mit allen veröffentlichten Informationen zugreift. Er liefert Antworten, Zusammenhänge und Hintergründe, empfiehlt Beiträge und vieles mehr. Das ist nur ein erster, aber konkreter Schritt. Natürlich wird so ein Wissensraum immer besser, je mehr Qualitätsinhalte dort am Ende zu finden sind.
Ist das – im Sinne der von der Medienpolitik gewünschten Public-Private-Partnerships – eine Einladung an andere Qualitätsmedien, sich zu beteiligen?
Wir Qualitätsmedien haben in dieser KI-geprägten Medienwelt sehr viele gemeinsame Herausforderungen. Regulatorik ist das eine, Vergütung ist das andere, aber das dritte ist natürlich auch die Sichtbarkeit. Und dafür ist es gut, einen gemeinsamen geschützten Raum zu schaffen, in dem sich Menschen darauf verlassen können, dass die Antworten, die sie bekommen, auf journalistischen Standards beruhen. Die ARD/ZDF-Medienstudie hat kürzlich erst ergeben, dass es 81 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer wichtig ist, zu wissen, woher Informationen stammen. Da haben wir gegenüber jeder gängigen KI, die einfach auf alles zurückgreift – eben auch fragwürdige Quellen – eine große Chance. Wir sollten gemeinsam einen Wissensschatz aufbauen, einen Trusted Content Pool. Ich habe dafür leider noch keine richtig gute deutsche Formulierung gefunden. Sie?
Nein, würde mir jetzt spontan auch nichts einfallen…
Ok, dann bleiben wir bei geschütztem Wissensraum. Jedenfalls: Je mehr mitmachen, desto besser. Wir sind ja unter anderem über das AI for Media Netzwerk im engen Austausch auch mit den privaten Qualitätsmedien. Ich bin davon überzeugt, dass wir die Zukunft des Journalismus am Ende des Tages nur gemeinsam gestalten können.
Also nicht den Fehler von Social Media wiederholen und zu spät realisieren, dass man statt Abhängigkeit andere, eigene Antworten hätte finden müssen bzw. Spielregeln hätte einfordern müssen.
Stichwort Spielregeln: Wir haben in der European Broadcasting Union die vier As definiert, die gegeben sein müssen für Public Service Media im KI-Zeitalter. Autorisierung, Akkuratesse, Attribution und Auffindbarkeit. Das heißt: Inhalte dürfen nur verwendet werden, wenn wir zustimmen. Nichts darf aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es muss eine klare Zuordnung, also Kennzeichnung der Herkunft geben. Und es braucht eine prominente Auffindbarkeit. Diese Regeln müssen unserer Meinung nach eingehalten werden, weil qualitativ wertvolle Informationen auch die Basis für den demokratischen Diskurs sind. Das merken wir inzwischen alle. Wir können nur in einer informierten Öffentlichkeit eine gute demokratische Meinungsbildung sichern.
Ist es optimistisch, realistisch oder naiv zu glauben, dass man global agierenden Tech-Konzernen etwas entgegensetzen kann?
Wir haben Stärken, die die gängigen Plattform- und KI- Agenten-Betreiber nicht haben. Und das ist ein großer Pool an recherchierten Informationen. Wir können freilich nicht konkurrieren mit den Milliarden, die Tech-Konzerne investieren. Wir können aber konkurrieren bei den Inhalten, denn da sind wir sehr, sehr stark. Und da müssen wir uns sehr gut überlegen, ob wir dieses gesamte Wissen einfach herschenken oder in einem geschützten Raum zur Verfügung stellen, in dem wir selbst die Regeln definieren. Am Ende geht es um die Macht im Informationsraum. Wer bestimmt am Ende, was wir lesen, hören, sehen und auch denken? Das können wir nicht einer Handvoll Tech-Bossen überlassen.
Es geht um mehr als die Konkurrenzsituation unter Medien?
Wir sehen fast überall in Europa das gleiche Phänomen, die gleiche Mechanik: Populisten greifen Qualitätsmedien und demokratische Institutionen an, säen Misstrauen. Algorithmen befördern Lautstärke und Spaltung, die Bots von außen tun ihr Übriges, Plattformbetreiber und KI-Konzerne lassen sie gewähren. Ich glaube an eine Sehnsucht der Menschen nach Vertrauen und auch nach Zusammenhalt. Und wir können ein Vertrauensanker sein. Qualitätsmedien können und müssen ein Vertrauensanker sein, weil sie konstituierender Bestandteil einer demokratischen Gesellschaft sind.
Eine schon häufiger erörterte aber nicht ganz geklärte Frage: Gehen öffentlich-rechtlicher Auftrag und Algorithmen wirklich zusammen? Wie passt „Mehr von dem, was ich kenne und mag“ mit dem Ziel zusammen, andere Themen und Perspektiven nahe zu bringen?
Wir haben in der Mediennutzung heute die sehr klare Erwartungshaltung der Personalisierung. Gleichzeitig haben wir einen Auftrag und der heißt nicht Horizontverengung, sondern -erweiterung. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, auch wenn wir über unseren News Assistenten reden. Selbstverständlich wollen wir den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer und ihren Fragen folgen. Wir bieten auch nicht nur simple Antworten, sondern immer zusätzliche Angebote für Hintergründe, Einordnungen und Zusammenhänge. Und natürlich ist es überhaupt nicht unser Auftrag, dass jemand, der einmal nach Katzen-Content gefragt hat, jetzt immer Katzen-Content kriegt. Mal ganz abgesehen davon, dass wir sowieso nicht führend sind bei Katzen-Content. (lacht)
Vielleicht ist das ein Fehler! Aber zurück zur Ernsthaftigkeit: Bei der Ankündigung des News Assistenten hieß es, man wolle damit mal anfangen und lernen. Wie viel Zeit hat man beim Thema KI, das sich rasant entwickelt?
Lernen ist heute eine Daueraufgabe. Das merken wir bei all unseren Entwicklungen. Wir brauchen öfter Momente der Evaluierung, auch der Selbstevaluierung. Wir dürfen nie auch nur die Illusion haben, dass in unserem Geschäft irgendwas fertig sei. Wir monitoren die Rückmeldungen und Nutzung des News Assistenten jetzt sehr eng und wir lernen. Wenn wir den News Assistenten dann weiter ausrollen, geht das Lernen weiter.
Vor einem Jahr haben Sie in unserem Gespräch den Kampf um Desinformation als eine Frage der nationalen Sicherheit dargestellt. Das wurde teils pointiert, teils übertrieben wahrgenommen…
Wir merken alle miteinander, dass die Vorfälle von aktiver Desinformation ständig zunehmen. Es dringt in unseren Alltag ein. Immerhin gibt es dafür inzwischen ein größeres Bewusstsein. Desinformation ist weniger greifbar als eine Drohne am Flughafen. Und sie ist noch schwerer zu bekämpfen, die Regulatorik ist komplex. Gleichzeitig beobachten wir: Desinformationskampagnen richten sich nicht so sehr gegen eine Person, eine Partei oder eine Seite eines Konflikts, es ist weitaus schlimmer: Desinformationskampagnen wollen die Grundlage unseres Beisammenseins, unserer Demokratie unterlaufen. Es geht darum, Misstrauen zu säen und die Säulen einer demokratischen Gesellschaft zu schwächen, Nervosität zu schüren und das Gegeneinander anzufachen. Was ich mir wünsche: Da muss die demokratische Mitte stark sein und auch Qualitätsmedien wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk entschlossener unterstützen.
Weil sie die politische Mitte ansprechen. Vom Rand kommt existenzielle Bedrohung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Vor einem Jahr war die Frage der Kündigung des Medienstaatsvertrages ein Planspiel und Sie sehr sicher, dass „verfassungsrechtlichen Sicherungen“ greifen würden. Nun ist die AfD in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft…
… und es geht ja um viel mehr als um das Landesfunkhaus in Magdeburg. Es geht am Ende um die politische und ökonomische Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und das ist eine konstitutionelle Basis für Rundfunkfreiheit. Die Kolleginnen und Kollegen beim MDR haben, da können Sie sicher sein, alle Formen der juristischen Sicherungsmechanismen im Blick.
Nun führt die AfD-Position dazu, dass inzwischen auch in anderen Parteien Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen im Allgemeinen geäußert wird. Die Frage ist: Knickt man da nur vor der populären Stimmungsmache der AfD ein, um deren Wählerinnen und Wähler für sich zu gewinnen – oder sind die Öffentlich-Rechtlichen in ihrer jetzigen Form doch nicht so ideal?
Die Debatte ist stark angetrieben vom Populismus. Sie wird überall in Europa über Public Service Media geführt, wie auch über viele andere demokratische Institutionen. Wir sehen in unabhängigen Umfragen, dass die Vertrauenswerte gerade zum Beispiel für den BR immer noch sehr, sehr hoch sind. Die veröffentlichte und vervielfältigte Meinung ist oft nicht repräsentativ für eine stillere Mehrheit der Bevölkerung, weil Zufriedenheit nie so laut artikuliert wird wie Unzufriedenheit. Nicht alles, was laut ist, sind automatisch viele. Es wird auf unverantwortlich betriebenen Plattformen nur unverhältnismäßig belohnt.
Kurz angemerkt in Zeiten des Brandings und Framings: Public Service Media klingt gleich moderner als öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der von Kritikern gerne auch als altbacken geframt wird…
Ein typischer Argumentationsmechanismus von Populismus ist, sehr viele bewährte demokratische Institutionen als alt darzustellen, Stichwort „Altparteien“. Ich verstehe Ihren Ansatz, wir sind natürlich längst mehr als klassischer „Rundfunk“, haben multimediale Angebote. Wir senden nicht nur, wir sind im Dialog. Und wir schaffen bewusst immer mehr Möglichkeiten für den Austausch. Das unterscheidet uns auch von Spotify-Playlisten oder globalen Streamern: Wir sind vor Ort, nur so ist echter Dialog möglich. Das heißt, die Idee des reinen „Sendens“, also Broadcasting, ist tatsächlich eher eine des 20. Jahrhunderts. Da sind wir längst sind weiter. Aber da sind wir auch schon bei einer anderen großen Herausforderung.
Welcher?
Früher konnte ich sozusagen mit dem Druck auf den Knopf der Fernbedienung oder im Autoradio recht unmittelbar in der Welt des BR landen. Das war über Jahrzehnte das gewohnte Verhalten und auch der gewohnte Anlaufpunkt. Inzwischen nehmen uns sehr viele Menschen jenseits der Linearität wahr, also jenseits des traditionellen Fernsehens oder Radios. Sie hören Podcasts, sie erleben z.B. die „Checker Tobi“-Welt online, sie streamen einzelne Formate - ohne die linearen Sender zu nutzen. Unsere große Herausforderung ist, dass wir in dieser sehr viel größeren digitalen Welt auch die Zuordnung und Sichtbarkeit behalten. Dass Menschen auf TikTok unsere Inhalte auch als unsere Inhalte wahrnehmen, für die sie ja auch den Rundfunkbeitrag bezahlen. Am Ende des Tages ist das oberste Unternehmensziel des Bayerischen Rundfunks nicht Quote oder Klickzahl, sondern dass die Menschen sagen: Gut, dass es den BR gibt und dafür bezahle ich auch gern meinen Beitrag.
Um mal eine ganz furchtbare Formulierung zu erweitern: Content is King, aber Discovery is Queen?
Ich würde noch früher ansetzen, nämlich bei der Suche nach Inhalten. Sichtbarkeit ist wichtig, die Auffindbarkeit unserer Inhalte auf Smart TVs, Autoradios und den anderen alltäglichen Geräten bzw. auf Plattformen wie YouTube. Aber Auffindbarkeit setzt ja voraus, dass Menschen nach uns suchen. Und diese Motivation, diesen Impuls müssen wir stärken. Deswegen die Fokussierung auf Alleinstellungsmerkmale wie Nähe und Regionalität. Mit persönlicher Präsenz und journalistischem Handwerk. Den Impuls auszulösen, dass der BR in Bayern erste Adresse ist, haben wir selbst in der Hand. Dass wir dann auch gefunden werden, ist wiederum eine Frage der medienpolitischen Regulierung.
Kommen wir am Ende noch zu einer offenen Personalie: Der Rundfunkrat hat sich ihrem Vorschlag widersetzt, den Vertrag von Björn Wilhelm – Programmdirektor Kultur – zu verlängern. Wie sehr trifft Sie diese Entscheidung?
Der Rundfunkrat repräsentiert mit seinen 50 Mitgliedern den Querschnitt der bayerischen Bevölkerung und blickt auf unser Angebot und unsere Auftragserfüllung. Das sind immer sehr wertvolle Impulse. Es gehört zu den Aufgaben einer Operative, Entscheidungen zu treffen und zu den Aufgaben einer Aufsicht gehört es, diese Entscheidungen gegebenenfalls zu kritisieren. Ich schaue jetzt nach vorn. Die offizielle Bekanntmachung für die Nachfolge ist seit letztem Donnerstag publiziert und ganz ehrlich: Der Medienwandel wartet nicht auf uns, es gibt viel zu tun und das gehen wir an.
Was ist die wichtigste Qualifikation einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers?
Da die Bekanntmachung öffentlich ist, empfehle ich eine Lektüre auf br.de.
Wenn wir zum Abschluss fünf Jahre in die Zukunft blicken: Werden Menschen noch dezidierte Medienmarken nutzen oder alles nur noch einen KI-Agenten fragen, sei er kommerziell oder öffentlich-rechtlich. Und wenn das so wäre: Was ist dann eigentlich noch der Job einer Intendantin?
Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen Vertrauensräume und einen Anker in der Flut unübersichtlicher Informationen suchen. In einer Welt des Überangebots ist die verlässliche, vertrauenswürdige Kuratierung entscheidend. Diese Sehnsucht nach verlässlichen Ankern oder Schneisen durch diesen großen Dschungel an Desinformation beobachten wir immer stärker. Wir begegnen ihr mit dem, was uns ausmacht: Nähe, Einordnung und Dialog. Sei es mit Pop-up-Studios in den Regionen oder mit einem Tag der offenen Tür, zu dem 13.000 Menschen auf unser Studiogelände kamen. Ich bin mir sicher: Die Aufgaben gehen uns in fünf Jahren nicht aus. Aber es werden andere sein als in vergangenen Jahrzehnten.
Frau Wildermuth, herzlichen Dank für das Gespräch.
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