Foto: Endemol © Endemol
Endemol Deutschland-Chef im Interview

Borris Brandt über "Big Brother" und Imageprobleme

 

2008 wird das Jahr der Comebacks, wenn es nach Endemol geht. Zwei Show-Klassiker sollen laut Deutschland-Chef Borris Brandt auf den Bildschirm zurückkehren. Im DWDL.de-Interview spricht Brandt über mangelnde Leidenschaft bei deutschen TV-Sendern, "Big Brother" und das Imageproblem von Endemol.

von Thomas Lückerath
09.01.2008 - 14:45 Uhr

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Herr Brandt, Sie sagten einmal, dass ein Fernsehformat nur dann gut sein könne, wenn Kurt Beck sich darüber aufregt. Das hat er lange schon nicht mehr getan. Ist das deutsche TV langweilig geworden oder hat Kurt Beck zu viel zu tun?

Kurt Beck ist aus medienpolitischer Sicht unwichtiger geworden. Er hat sich damals über „Big Brother“ und andere Formate nur aufgeregt, um sich mit einem Thema besonders zu profilieren und wichtige Posten zu bekommen, was ihm gelungen ist. Ich bin guter Dinge, dass er, sobald er es nötig hat, auch im Medienbereich wieder viele Dinge findet, über die er sich aufregen kann. (lacht)

Sie wollen Herrn Beck also demnächst wieder aufregen?

Nein. Endemol hat nie irgendetwas mit dem Ziel gemacht, Menschen aufzuregen. Endemol hat sicher mit Tabubrüchen gespielt, wie jetzt im letzten Jahr auch wieder mit der Nierenspenden-Show, was im Grunde eine Charityaktion war, für die man Tabubrüche nur benutzt hat, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Besonders in Deutschland hat Endemol nie Interesse daran gehabt, aufzuregen. Aber die Mentalität der Deutschen ist nun einmal so, dass etwas Neues immer erst einmal in Frage gestellt wird und sich so manche Aufregung künstlich entwickelt.

Hätten Sie persönlich die Nierenspenden-Show auch gemacht?

Die Art, wie das Thema angepackt wurde, wäre auch für Deutschland ideal gewesen. Bei uns gibt es auch viel zu wenige Spender und ich hätte mich natürlich zu gerne mit Herrn Beck im Vorfeld vor laufender Kamera gestritten. Aber das ist Wunschdenken. Nachdem die Holländer die Show gemacht haben, ist das Thema natürlich gestorben.

Worüber regen Sie sich eigentlich selbst auf im deutschen Fernsehen?

Über sehr wenig, weil ich schon zu viel gesehen habe. Aus fachlicher Sicht: Es gibt viele Sendungen wie "Bauer sucht Frau", die handwerklich wirklich sauber gemacht sind, und dann gibt es Formate, die ich jetzt nicht nenne, die so schäbig gemacht sind, dass man sich fragt, wie konnte das jemals on air gehen. Darüber ärgere ich mich schon sehr. Und über so eine Sendung, wie die von Johannes B. Kerner mit Eva Herman. Das wiederum war handwerklich-journalistisch für mich von allen Beteiligten nicht in Ordnung. Außerdem ärgert mich, dass wir in Deutschland im Bereich der Sketch-Comedy so unglaubliche Schwächen haben. Da kann man kaum die Mundwinkel verziehen.
Foto: Endemol
Wo wir beim Thema Talk wären: Erleben wir eine Renaissance der Talkshow in der Daytime?

Davon gehe ich ganz fest aus. Ich glaube, dass es Platz gibt für ein, zwei weitere tägliche Talkshows. Ich denke man muss weg gehen vom jugendlichen Approach zum etwas seriöseren Ansatz, Stichwort „Dr. Phil“ in den USA, wo Menschen ernster genommen werden und es tatsächlich darum geht, etwas zu bewegen. Grundsätzlich ist dieses Thema zu 90% eine Casting-Frage.

Was hat Endemol in der Pipeline?

Wir haben in den vergangenen Monaten ein Daytime-Department aufgebaut und uns mit Iris Mayerhofer und Udo Rothstein verstärkt. Außerdem haben wir zur Zeit in Deutschland die sicher attraktivste und professionellste Casting-Datenbank. Dazu Psychologen, Coaching- und Talkshow-Experten verpflichtet. Weitere neue Kollegen werden folgen. Und wir haben diverse Formate in Planung.

Sie hatten schon „Dr. Phil“ angesprochen. Ein anderes spannendes Talkshow-Beispiel in den USA ist „Ellen DeGeneres“. Ein täglicher Personality-Talk in der Daytime. Denkbar in Deutschland?

Wir haben keine echten Prominenten in Deutschland. Es gibt vielleicht bekannte Menschen, aber das, was man in Amerika als Celebrity bezeichnet, gibt es bei uns nicht. Als RTL die Reihe "Privado" probiert hat, wurden dafür Heiner Lauterbach oder Smudo zuhause besucht. Nichts gegen die beiden, aber es gibt eben schon einen Unterschied zwischen Sharon Stone und Michael Douglas und Desirée Nick und Heiner Lauterbach. Wir haben einfach kaum wirkliche Prominente, und wenn wir welche haben, dann demontieren wir sie in Deutschland auch gerne systematisch. Wenn man heute einem Sender ein Format mit Prominenten vorschlägt, dann kommt zuerst die skeptische Frage „Ja, welche Prominenten?“ - und das zu Recht.

Wie können also neue Talkshow-Konzepte aussehen?

Ich glaube, dass die deutschen Zuschauer in der Daytime sehr wohl bereit wären, jemanden in ihr Wohnzimmer reinzulassen. Aber es darf niemand sein, den ich nicht auch privat reinlassen würde. Der Daytime-Trash, den es ja in Ausläufern noch gibt, hat keine Zukunft mehr. Qualitativ hochwertiges, ambitioniertes, herzliches Fernsehen sehr wohl. Außerdem will der Zuschauer auch für sich etwas mitnehmen und seien es nur kleine Tipps für den Alltag. Ich glaube, dass man da mit einer liebevollen Produktion und einem überschaubaren Budget eine feine Sendung machen kann.

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