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Das Interview: Jörg Pilawa rechnet mit der ARD ab

 

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1998 waren Sie bei den Privaten, beim Daily Talk - wie war damals ihr Selbstverständnis als Medienschaffender? Hat es sich verändert?

Natürlich hat es sich verändert. Aber auch die Talksendungen haben sich verändert. Ich habe vor kurzem ins Archiv geguckt: Was waren unsere ersten Themen beim Daily Talk? Eine meiner ersten Sendungen war ein Interview mit einer zu lebenslanger Haft verurteilten Frau. Das war ein ruhiges, reflektiertes Gespräch. Liefe das heute in der ARD, würde sich niemand an den Kopf greifen und "Oh Gott, Daily Talk!" aufjaulen. Wenn ich heute in eine tägliche Talkshow schaue, sehe ich ins Zahnlose. Da sitzen nur noch die "Schlampen" und "Sozialschmarotzer". Solche Sendungen haben wir früher nicht gemacht! Da hätten uns die Landesmedienanstalten sofort verboten! Wir waren deutlich harmloser. Als das nicht mehr gereicht hat, bin ich ausgestiegen. Ich hatte ja auch 500 Sendungen auf dem Buckel. Ich habe übrigens letztens eine Folge von "Maischberger" gesehen, die mich sehr an den Daily Talk der 90er erinnert hat. Es ging um eine fleißige Putzfrau und einen Mann, der morgens nicht rauskommt. Die Themen der frühen Daily Talks wie "Pilawa" sind mittlerweile bei den politischen Talkshows angekommen.

Haben Sie je einen Gast Ihrer Talkshow ein zweites Mal gesehen?

Ja. Ich hab mal einen Gast gehabt, der sich über Sozialschmarotzer echauffierte. Zu dem bin ich einige Jahre später in Berlin ins Taxi eingestiegen.

Interessant! Mir hat mal ein Kölner Taxifahrer erzählt, er sei bei "Pilawa" gewesen; er nannte Ihre Sendung ein "Kasperletheater".

Klar, es gibt Sendungen, die hätte ich im Nachhinein nicht machen sollen. Kann sein, dass er in so einer Sendung war. Ich war eben auch recht neu im Medium und ein stückweit naiv.

Was war damals ihr Ziel? Welche Art von Fernsehen wollten Sie machen?


Ich wollte mit der täglichen Talkshow das Medium verstehen und aus ihm lernen. Zwischen der ersten und der 500. Sendung lagen Welten, und ich habe Unmengen gelernt. Vor allem Handwerkliches: Wie ich moderiere, wie ich produziere. Deshalb war ich bei der ARD einer der ersten, die die Staffelproduktion im Unterhaltungsbereich eingeführt haben. Dass wir heute mit dem "Quiz" 4-6 Sendungen am Tag machen können, schulde ich der Schule der Privaten. Das gab es in der ARD vorher nicht.
 
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Im Jahr 2006 waren Sie 9.036 Minuten auf dem Bildschirm zu sehen. Haben Sie keine Angst vor Übersättigung, Ermüdung?

Das muss jeder populäre TV-Moderator ständig überprüfen! Das gehört zur Professionalität. Ich überprüfe es bei mir selbst. Die Zahlen und Erhebungen sagen aber: Die Zuschauer freuen sich über bekannte Gesichter und über Verlässlichkeit - mit Jauch, Kerner, Gottschalk, Pflaume sind sie über Jahre gewachsen. Wir, die wir möglicherweise kritischer mit dem Medium umgeht, empfinden diese Frequenz vielleicht als retardierend, doof, langweilig, ermüdend. Beim Zuschauer kommt‘s anders an. Seien Sie sicher: Sobald die Zuschauer sagen: "Geh‘ aus dem Studio", gehe ich aus dem Studio - bevor ich rausgetragen werde.

Ein Schauspieler und Grimme-Preisträger hat gerade in einem Interview beklagt: "Bei Pilawa habe ich als Zuschauer das Gefühl, dass ich mich bei ihm entschuldigen sollte, weil er da 90 Minuten herummoderieren muss."

Das Interview kenne ich nicht, aber ich kann mich an eine Sendung, in der bei einem Zuschauer eine solche Stimmung aufkommen muss, nicht erinnern. Ich habe im Gegenteil Sendungen mit der Begründung abgegeben, dass mir die Inspiration fehlt und ich nicht mehr will - viele haben nicht verstanden, warum ich die hochgeschätzte NDR-Talkshow abgegeben habe. Da war ich genau an einem solchen Punkt – bei mir hat das Interesse nachgelassen, ich konnte nicht mehr neugierig sein, hatte Gäste zum dritten Mal - also habe ich mich gegen die Sendung entschieden. Ich kann aufhören. Ganz anders ist es beim "Quiz", mit ganz normalen Menschen, weil mich Nicht-Prominente oft überraschen. Zwei Fakten zum "Quiz": Wir haben jetzt 1.400 Sendungen im Kasten - und wir arbeiten nahezu in der Ursprungsbesetzung, meine Leute arbeiten gern an der Show. Da gibt es keine Ermüdungserscheinungen. Dass das Ergebnis für Grimme-Preisträger vielleicht langweilig ausfällt, damit kann ich leben. Ich habe auch noch keinen Grimme-Preisträger erlebt, der kontinuierlich erfolgreich für die Masse Programm gemacht hat.

Franz-Josef Wagner hat Sie einen "anpasserischen, uninteressierten Menschen bar jeder Neugier" genannt.


Ich freue mich bei Herrn Wagner wahnsinnig, dass es seine Rubrik gibt - sonst wäre dieser Mensch ja arbeitslos. Ich habe nach der Veröffentlichung sehr viel unterstützende Post bekommen - aber ich konnte und musste über die Formulierung einfach schmunzeln. Wer hat noch keinen von Wagner mitbekommen? Wenn ich das persönlich nehmen würde, müsste ich mich irgendwo eingraben.

Haben Sie ihn mal getroffen?

Nein - und da staunt man natürlich doppelt, wird man dann per Ferndiagnose als anpasserischer, uninteressierter Mensch bar jeder Neugier qualifiziert. Aber was soll’s. Ich begegne außerhalb des Jobs grundsätzlich wenigen Medienleuten. Sie werden mich kaum auf Preisverleihungen sehen. Bei manchen Medienjournalisten habe ich auch das Gefühl, dass sie ein wenig weit weg sind von der Realität. Bei manchen hat man den Eindruck, dass sie ziemlich frustriert sind. Wenn die alle Programm machen würden, würden sie sicherlich mit Grimme-Preisen überhäuft werden, aber keiner würde sie gucken.

Kommen wir zu einer anderen Kritikerin: Meine Großmutter guckt sehr gern "Den Pilawa". Die Formate stehen im Hintergrund. Fehlen Ihnen - vom "Quiz" mal abgesehen - die starken Brands?

Das liegt am Umfeld und am Sender, für den man arbeitet. Ein Beispiel: Das "Geschichts-Quiz" ist ein großer Erfolg - bei den Privaten würden im Jahr der ersten Ausstrahlung gleich 6 neue Folgen produziert und ausgestrahlt werden. Bei ARD und ZDF passieren aus der Not heraus andere Sachen - da wird dann ein Sendeplatz gesucht, und die nächste Sendung kann erst 8 Monate später laufen. Mit einem solchen Format über eine längere Strecke ein Branding zu schaffen, geht in unserem Umfeld fast gar nicht. Außer "Wetten Dass..?" werden Sie kein Format finden, dass das geschafft hat.

Ist das der Kern der Unterhaltungsmisere in der ARD?

Na ja, ich weiß nicht, ob man es als Problem sehen muss. Die Zeit der großen Fernsehevents ist vorbei. Fernsehen ist ein Nebenbei-Medium geworden. Selbst beim "Tatort" wird alle 20 Minuten umgeschaltet. Diese neuen Gegebenheiten müssen wir annehmen und Programme gestalten, in die der Zuschauer jederzeit reinkommt. In denen er sich aufgehoben fühlt. 15 Millionen Zuschauer kriegen wir nicht mehr.

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