Endemol-Geschäftsführer Marcus Wolter © Endemol
DWDL.de-Interview mit Marcus Wolter

"In der Branche wird nicht gekuschelt, da wird verdrängt"

 

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Ohje, der Satz wurde aber schon arg strapaziert. Aber ok. Dann konter ich mit einer genauso anspruchsvollen Frage: Was wird der nächste große TV-Hit?
 
Manche Wahrheiten muss man einfach aussprechen, auch auf die Gefahr hin, dass sie banal klingen. Die Dinge haben sich verändert. Vor gut zehn Jahren sind viele Produktionshäuser, an der Börse milliardenschwer bewertet, und sogar ein reales Medienimperium in Deutschland gescheitert, obwohl sie „Content ist King“ auf ihren Fahnen hatten. Das ist heute anders. Die Nachfrage nach Bildern ist dramatisch gewachsen. Das macht es aber, um auf Ihre Frage zurückzukommen, natürlich auch schwerer in dieser diversifizierten Fernsehlandschaft den klaren Trend auszumachen; wo doch viele „Trends“ heutzutage gleich einen eigenen Sender bekommen. Über Satellit kann jeder Haushalt in Deutschland 300 deutschsprachige Programme empfangen. Fernsehen entwickelt sich organisch und nur ganz selten revolutionär. Das Warten auf den nächsten großen Trend ist nicht mehr zeitgemäß in Zeiten, in denen sich Programme immer stärker differenzieren und jeder einen Leuchtturm im Programm sucht – aber eben jeder seinen eigenen. Nehmen wir die Pilawa-Show „Deutschlands Superhirn“, die wir international erfolgreich verkaufen konnten und die in Italien und Spanien sehr gut gelaufen ist. Das ist eine Idee aus Deutschland, die jetzt um die Welt geht, auch wenn es nur die TV-Welt ist.

Wo Sie jetzt schon „Circus Halligalli“ erwähnt haben: Reicht die Zuschauerschaft von „neoParadise“ für die Quoten-Erwartungen von ProSieben?
 
Joko und Klaas sind für mich TV-Expressionisten mit dem ganz eigenen Pinselstrich. Die Florida TV, die das Format für uns produziert, steht ja vom Namen per se für einen Staat im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Also lassen wir uns doch alle mal überraschen, wie sich „Circus Halligalli“ entwickelt.
 
Es ist in jedem Fall eine Sendung bei der ganz genau auf die Quote geschaut wird. Stört Sie das eigentlich manchmal?
 
Die Quote ist ein absolut fairer Gradmesser für Erfolg oder Misserfolg. So sind eben die Rahmenbedingungen. Ich kann mich als Hamburger auch nicht darüber beschweren, dass es dort an 200 Tagen im Jahr regnet. Aber wenn ich dort leben will, muss ich das Beste daraus machen. Natürlich haben wir alle in diesem Markt morgens um 8.30 Uhr dieses Bauchgrummeln. Aber das ist natürlich ein Riesenansporn. Wenige Branchen bekommen doch Tag für Tag ein nationales Feedback vom Kunden, das obendrein auch noch öffentlich ist. Wir alle haben uns diesen Job ausgesucht und wussten, woran Erfolg gemessen wird.
 
Das ist wahr.
 
Und ein Fußballspiel braucht am Ende auch ein Ergebnis. Aber als Geschäftsführer einer Produktionsfirma habe ich neben dem Blick auf die Quote natürlich auch den Gesamtblick auf die langfristige Strategie – und damit meine ich nicht den nächsten Formattrend mit begrenzter Haltbarkeit. Bei Endemol geht es uns zum Beispiel darum, Künstler langfristig aufzubauen oder neuen Ideen Raum zu geben. Dabei spielt die Quote für mich dann eine untergeordnete Rolle. Kolumbus ist auch weitergesegelt, obwohl er kein Land gesehen hat.
 
Im PayTV spielt die Quote einer Sendung keine so große Rolle. Mit „Add a friend“ haben Sie bzw. Wiedemann&Berg die erste fiktionale Eigenproduktion in Deutschland gestemmt. Wie attraktiv ist das PayTV darüber hinaus als Auftraggeber für Endemol?
 
Ich glaube, dass das Pay-TV in Deutschland auch aus Produzenten-Sicht ein Wachstumsmarkt ist. Das hängt aber auch damit zusammen, dass wir so viele hochwertige Free-TV-Sender haben und einen extremen Konkurrenzkampf. Auch in unserer Branche: In der Produzentenlandschaft in Deutschland wird nicht gekuschelt, da wird verdrängt. Pay-TV ist eine neue Perspektive, die momentan noch sehr viel Mut und Investitionsbereitschaft des jeweiligen Senders erfordert. Bei „Add a Friend“ hat sich das ausgezahlt.
 
Aus der Nische zur ehemals größten Endemol-Marke. Was macht eigentlich „Big Brother“?
 
Die Entwicklung von Endemol war in den letzten Jahren eine Unabhängigkeitserklärung von einer einzelnen Programmmarke wie „Big Brother“. Heute sind wir breit genug aufgestellt, um auch ohne Big Brother kräftig zu wachsen. Die Gewissheit, dass wir 2012 kein neues „Big Brother“ haben würden, hat bei uns ein großes kreatives Potential freigesetzt, das wir gut ausgeschöpft haben. Aber eine Marke, die in der Celebrity-Version in Großbritannien gerade den Senderschnitt mal eben verdoppelt und diesen im Finale sowie bei der Kickoff-Show sogar verdreifacht hat, ist sicher nicht tot.
 
Und interessanterweise hat „Big Brother“ in UK ja den Sender gewechselt und das sehr gut überstanden...
 
Ach, tatsächlich? (schmunzelt) Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn diese erfolgreiche Marke als Mutter des Reality-TV nicht in den deutschen Markt zurückkehren würde.
 
Das ist jetzt sehr unverbindlich formuliert. Sie brauchen keinen Sender nennen, aber ist „Big Brother“ in Deutschland 2013 ein Thema?
 
Wir sind mit unseren Planungen ein bisschen weiter und ein bisschen konkreter als der Berliner Flughafen. Aber ich werde nicht den Fehler machen, und mich auf einen Termin festlegen (lacht).
 
Mit „Nur die Liebe zählt“ gibt es einen weiteren Endemol-Klassiker bei dem sich die Frage stellt, ob das Format seine Zeit gehabt hat oder nochmal neu kommen könnte...
 
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Kapitel „Nur die Liebe zählt“ schon beendet ist. Es ist immer noch ein fantastisches Format innerhalb eines Genres, in dem Endemol auch mit Sendungen wie „Bitte melde dich“, „Vermisst“ oder „Verzeih mir“ so erfolgreich unterwegs ist wie kaum eine andere Firma. Menschen zusammen zu führen und zu überraschen, hat bei uns Tradition. Ich habe bei „Nur die Liebe zählt“ viel Geduld, um auf den richtigen Moment zu warten und es in der richtigen Konstellation neu aufzulegen. Das braucht aber noch ein bisschen.

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