Herr Kromschröder, sagen Sie mal, beneiden Sie eigentlich manchmal Ihre britischen Kollegen?

Ja schon, weil die mehr ausprobieren können. Dort herrscht eine größere Spielfreude auf Seiten der Sender, was im Fiktionalen natürlich auch einfacher fällt, wenn man auf 4er- oder 6er-Staffeln setzt, wie es in Großbritannien Tradition hat. Aber ich bin nicht nur neidisch auf die Senderseite, auch auf die Produzentenseite, weil auch da eine größere Begeisterungsfähigkeit herrscht und man in Kauf nimmt, auch mal hinzufallen. Anders als in Deutschland. Hier wird stattdessen viel kopiert. Nur weil „Ich bin ein Star…“ im Januar so hervorragend funktioniert, kann man das nicht einfach nochmal im Sommer in der Wüste von Namibia wiederholen. Vollbusige Frauen helfen nicht immer.



Da klingt ein bisschen Schadenfreude durch...

Ich bin nicht schadenfroh, sondern ein wenig in Sorge, weil man sich schon fragen muss, was dieses Überangebot letztlich beim Zuschauer auslöst. Wenn es plötzlich an jeder Ecke und rund um die Uhr Spaghetti alle Vongole gibt, dann wird es schwierig, wenn wir im Januar wieder die ganz besonderen Spaghetti alle Vongole aus Australien anbieten wollen. Auch beim Casting solcher Reality-Formate verschiebt sich plötzlich etwas, weil jeder, der in der siebten Reihe irgendeiner Castingshow stand, sich plötzlich für prominent hält und 15.000 Euro fordert. Das Überangebot dieses Genres hat den Markt schon verändert.

Was trägt eigentlich das Dschungelcamp - das Format oder das Casting?

Immer wenn wir die Besetzungen der neuen Staffel ankündigen, dann kriege ich hier Anrufe von Kollegen, die mir wichtig kundtun, dass sie dieses Mal wirklich nicht mehr einschalten würden, weil sie nun absolut niemanden aus der neuen Runde kennen würden. Das nehme ich dann zur Kenntnis, aber seit der Staffel mit Sarah K. und Jay Khan wissen wir, dass es nicht automatisch die größten Namen sind, die „Ich bin ein Star…“ tragen. Und der Dschungel ist eins, was viele Shows in diesem Sommer nicht waren: Er ist nicht vorhersehbar.

Noch einmal zurück zu den britischen Kollegen: Würde es dem deutschen Fernsehen gut tun, wenn wir ein bisschen britischer werden?

Glaube schon. Wir sind absolut Amerika-fixiert. Ich war gerade zwei Wochen am Bodensee und habe mir zwei DVD-Boxen mitgenommen. Die eine DVD-Box war „Homeland“ und die andere „Broadchurch“. Was ich festgestellt habe: „Homeland“ ist wunderbar geschrieben, passt auch gut in die Zeit und fesselt, aber da erlebe ich Wendepunkte nach Lehrbuch. Das war mir fast zu perfekt, weil es in den Horizontalen berechenbar war. Da war der britische Achtteiler „Broadchurch“ weniger durchschaubar und unregelmäßig. Da habe ich kein Schema erkennen können. Da werden an den merkwürdigsten Stellen Pausen gemacht, da wurden Menschen besetzt, die einen unfassbaren Dialekt sprechen, den man kaum versteht. Das hat mich an die Qualität skandinavischer Produktionen erinnert. Da haben wir hier in Deutschland Nachholbedarf.

Weil Sie es selbst anführen: Ist das Fernsehen auch bei uns manchmal zu perfekt geworden und steht sich selbst im Weg?

Gerade im Fiktionalen versuchen wir immer stärker zu optimieren, um Reize auszulösen so oft es geht. Ich glaube, dass das ein Irrtum ist und künstlerische Freiheit und Optimierung irgendwann nicht mehr zusammengehen. Der Zuschauer möchte auch mal Luft holen. Das bedient - da habe ich letzte Woche nochmal reingeschaut - derzeit übrigens „Köln 50667“ meiner Meinung nach sehr gut. Verglichen mit dem ein oder anderen Daily Drama finde ich, dass die Kreativen da einen besseren Job machen. Das ist eine neue Erzählweise, die nicht übertaktet ist, sondern sich Zeit nimmt. Dadurch stimmt auch die Atmosphäre.  Und auch beim Casting sind wir hier in Deutschland manchmal zu perfekt: Da werden Rollen rein nach Marktforschung besetzt und nicht nach Charakter und Können des Schauspielers. Lieber ein übergewichtiger 50-Jähriger mit Charisma als immer gleiche Stereotypen, die einen super Trizeps haben.

Als ich wissen wollte, ob Sie neidisch sind auf die britischen Kollegen, dann zielte das auch darauf ab, dass dort Sender und Produzent bei ITV oft eins sind - da muss man auf die Ausstrahlung einer neuen Sitcom vielleicht nicht so lange warten...

Also darum beneide ich die britischen Kollegen nicht. Ich fühle mich in der Rolle des unabhängigen Produzenten in Deutschland sehr wohl, weil wir so auch alle Sendergruppen bedienen können. Aber wenn Sie mich fragen, ob ich froh bin, dass die „Sekretärinnen“ jetzt so lange rumgelegen haben wie ein guter Wein, dann sage ich Ihnen natürlich ganz klar: Nein. Mir wäre es natürlich auch lieber gewesen, wir wären früher auf Sendung gegangen.