David Schalko © Isabella Simon
DWDL.de-Interview mit David Schalko

"Es ist egal, wie viele Menschen sich eine Serie ansehen"

 

Für den ORF-Landkrimi "Höhenstraße" ist er gerade mit dem Deutschen Fernsehkrimi-Preis ausgezeichnet worden - und auch sonst steht der Österreicher David Schalko für herausragendes Fernsehen. Ein Gespräch über Quoten, eine sich verändernde Serienkultur und die schwarze Energie von Facebook.

von Timo Niemeier
15.03.2017 - 09:59 Uhr

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Herr Schalko, Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie ein langsamer Mensch sind und eine gewisse Grundmüdigkeit schätzen. Wie passt das in die oft schnelllebige Medienbranche?

Eine prinzipielle Langsamkeit beim Arbeiten ist nicht schlecht. Ich habe früher sehr viel gleichzeitig gemacht und jetzt ist es eher so, dass ich mich von einem Projekt ins nächste hangele. Je älter ich werde, desto mehr Zeit lasse ich mir beim Schreiben. Und so schnelllebig ist die Branche gar nicht. Es dauert in der Regel sehr lange, bis ein Film finanziert ist und in der Zwischenzeit hat man sehr viel Zeit um nachzudenken, ob man das wirklich machen will. Bei Serien hat man noch mehr Zeit, da schreibt man ja mindestens ein Jahr am Buch und dreht ein weiteres halbes Jahr.

In den vergangenen Jahren hat sich Ihre Bekanntheit deutlich gesteigert. Ist Ihnen der Erfolg manchmal unheimlich?

Es ist sehr abstrakt, weil Erfolg auf der einen Seite natürlich immer eine Behauptung ist. Und Erfolg bietet im besten Fall nur die Möglichkeit, weiter zu machen. Im schlechten Fall lässt man sich davon leiten und runterziehen. Das wären schlechte Voraussetzungen, um diesen Beruf auszuüben. Deswegen habe ich es mir irgendwann angewöhnt, das für nicht so wichtig zu nehmen und lieber das Gelingen oder Nicht-Gelingen ins Zentrum zu stellen. Erfolg ist ein total subjektives Empfinden. Es gibt auch Sachen, die ich nicht so gut finde und dann schauen es sich alle an. Oder Sachen, die ich gut finde und dann schaut es niemand.

Haben Sie da ein Beispiel?

Mir gefällt "Altes Geld" besser als vielen anderen. Aber ich verstehe auch, dass es einigen Menschen zu kühl ist, deswegen ändere ich es aber nicht.

Welche grundlegenden Unterschiede gibt es zwischen der deutschen und der österreichischen Medienbranche?

Österreich ist sehr viel konzentrierter, weil es nur einen großen Sender gibt, der fiktionales Fernsehen herstellt. In Deutschland gibt es da deutlich mehr. Inzwischen hängt das aber auch sehr zusammen, weil viele Sachen mit Deutschland koproduziert sind.

"Braunschlag" lief im deutschen Fernsehen bei RTL Crime und beim One-Vorgänger Einsfestival. "Altes Geld" ebenfalls bei RTL Crime, die Free-TV-Premiere bei One ist für Ende März geplant. Stört es Sie eigentlich, dass die zwei Serien in Deutschland in der Nische versteckt wurden?

"Altes Geld" ist weltweit bei Netflix zu sehen, so nischig finde ich das gar nicht. Aber klar: Das, was in Österreich oft im Hauptabend läuft, passt in Deutschland eher nicht in diese Zeitzone.

Warum ist das so?

Ich glaube, da gibt es in Deutschland eine andere Serienkultur. "Braunschlag" hat sicherlich eine sprachliche Komponente, die eine Barriere darstellt. "Altes Geld" ist für Fernsehverhältnisse sehr untypisch und eigenwillig. Das pendelt zwischen Arthouse und Mainstream und ist daher kein klassisches Programm für den Hauptabend. Das stört mich aber gar nicht. Inzwischen ist es nicht mehr so, dass die Leute eine Serie wie früher jede Woche dienstags zur gleichen Zeit schauen. Es ist ja kaum noch feststellbar, wie viele Menschen eine Serie de facto gesehen haben. Man weiß ja auch nicht, wie viele das bei Netflix sehen.

Wie steht es eigentlich um die US-Adaptionen der beiden Serien? Ankündigungen gab es immer mal wieder.

Bei "Braunschlag" gab es einen Piloten und für "Altes Geld" hat ITV Studios die Rechte gekauft, die arbeiten daran. Beides ist also irgendwie in Arbeit, genaues weiß ich aber auch nicht.

Sie als Schöpfer der Serien sind also in den Entstehungsprozess der Adaptionen nicht mit eingebunden?

Nein, das wollte ich auch gar nicht. Ich habe ja schon sehr viel Zeit mit beiden Serien verbracht. Ich finde es auch interessanter, wenn jemand anderes es für sich interpretiert und etwas Neues daraus macht. Es macht ja keinen Sinn, das gleiche noch einmal zu machen. Bei sowas ist es gut, loslassen zu können.

Beide Serien hatten nur eine Staffel. Schließen Sie das aus? Eine Serie über mehrere Staffeln?

Für mich schon, weil ich sie ja selber schreibe und dann auch noch Regie führe. Ich will aber nicht zehn Jahre lang mit einem Projekt beschäftigt sein. Ich mag Miniserien, Achtteiler. Das kommt dem Schreiben eines Romans am nächsten und bietet einen guten Spannungsbogen.

Weil Sie sich sonst schnell langweilen würden?

Die Sachen würden sich dann einfach wiederholen und der Serie würde die Luft ausgehen. Das, was man tut, muss für einen selbst immer Neuland bleiben. Wenn es das nicht mehr ist, gerät man schnell ins Abarbeiten.

Aber wenn man Erfolg mit einer Sache hat ist die Versuchung groß, dran zu bleiben und eben diesen Erfolg auszukosten.

Das hängt davon ab, wie Sie Erfolg definieren. Wenn man Erfolg ausschließlich daran misst, wie viele Leute sich eine Serie angesehen haben, wie viele Leute einem dafür auf die Schulter klopfen oder wie viel Geld man dafür bekommen hat, dann ist man schnell dort. Das finde ich nicht so interessant. Spannend am Schreiben ist ja auch, dass man neue Dinge entdeckt und neue Türen öffnet, die einem bislang unbekannt waren. Es ist ja nicht so, dass man schon alles weiß und kennt, wenn man mit dem Schreiben beginnt. Man muss sich vieles erst erschreiben.

Würden Sie sich wünschen, dass in der Medienbranche weniger auf den "Zahlen-Erfolg" ausgelegt wäre?

Klar wäre mehr Mut schön. In Deutschland ist das aber auch ein Feld, das sehr stark von den Redakteuren aus den Sendern besetzt wurde. Die Redakteure wollen da ja teilweise wie Co-Autoren fungieren. Da fehlt oft das Vertrauen. Und das macht auch viele Autoren kaputt und verdirbt sie. Sie überlegen dann nur noch, was dem Redakteur gefallen könnte.

Das sogenannte Redakteursfernsehen ist tatsächlich etwas, das auch deutsche Produzenten immer wieder kritisieren.

Da kommt dann dieses Mechanische bei raus, von dem sich das deutsche Fernsehen lösen sollte. Das passiert aber auch schon: Es gibt ja viele tolle Leute, die gute Serien machen. Es ist wichtig, dass solche Felder neu abgesteckt werden, denn Redakteure sind nicht die besseren Autoren. Die Angst vor dem Erzählen muss wegfallen, das Erzählen ist eine so große Freiheit. Je primitiver wir erzählen, desto primitiver wird auch unser Denken als Gesellschaft. Wir müssen da wieder experimentierfreudiger werden und mehr erzählen dürfen. Es geht ja inzwischen nicht mehr um den Inhalt sondern darum, ob es funktioniert oder nicht. Es sollte umgekehrt sein. Man sollte etwas machen, was man erzählen will und was dringlich ist. Dann schaut man, ob es funktioniert oder nicht.

Redakteure sind nicht die besseren Autoren.

David Schalko

Was hat das Aufkommen von SVoD-Anbietern für Auswirkungen auf Sie als Produzent? Man hört immer viel von den vielen Freiheiten, die es plötzlich geben soll.

Mir ist es prinzipiell egal, wer meine Projekte finanziert - so lange ich das machen kann, was ich machen will. Natürlich gab es jetzt auch Kontakte mit Netflix und anderen internationalen Plattformen, die selbst produzieren. Das ist schon interessant, aber ich glaube auch, dass sich die Serienkultur insgesamt gerade stark ändert. Das schlägt sich auch bei den Öffentlich-Rechtlichen und den Privaten nieder: Letztendlich glaube ich, dass auch in Deutschland eine Art von "neuer Serie" vor der Tür steht. Das hoffe ich zumindest. 

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