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Jeppe Gjervig Gram © Jeppe Gjervig Gram
DWDL.de-Interview mit Jeppe Gjervig Gram

"Eine fantastische Zeit, um Autor fürs Fernsehen zu sein!"

 

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Allerdings hat man das Gefühl, dass hier in Deutschland in der Branche derzeit viele Buzzwords wie „Writer’s Room“, „Showrunner“ oder „horizontales Erzählen“ kursieren, die belegen sollen, dass es sich um Qualität handelt. Aber das sind doch eigentlich nur Mittel zum Zweck. Was würden Sie als die wichtigsten Kernpunkte bezeichnen, wenn es darum geht, eine mitreißende Serie zu erzählen?

Es ist wahrscheinlich leichter zu sagen, was man nicht tun sollte, denn es gibt keine Garantie. Selbst wenn man die richtigen Zutaten hat, kann man nicht sicher sein, dass man da einen fantastischen Kuchen macht. Aber man kann auf jeden Fall sicher sein, dass der Kuchen nicht schmecken wird, wenn man die falschen Zutaten hat.

Aber es gibt sicherlich ein essentielles Rezept für die Grundmischung?

Eine der wichtigsten Zutaten, die oftmals durch einen Writer’s Room am besten verwirklicht werden kann, um eine lange laufende Serie zu machen, ist die ganzheitliche Vision. Das ist ein Prinzip von DR Drama: du brauchst eine Stimme. Wenn man das Gefühl hat, dass multiple Stimmen gleichzeitig erzählen, wirkt es konstruiert. Selbst wenn die Serie von einer größeren Gruppe von Menschen erschaffen wird, müssen alle diese eine Vision teilen, die von einem Autoren kommt. Zumindest wird diese Stimme meistens ein Autor sein. Es kann auch ein Regisseur sein. Aber bei einer Serie, die lange laufen soll, ist es schwierig für einen Regisseur am Set und im Writer’s Room präsent zu sein. Also ist es einfacher wenn der Headwriter auch der Showrunner ist, der dann zusammen mit dem Producer die Regisseure auswählt.



Was ist die nächste Zutat?

Das kreative Vertrauen! Dass diejenigen, die diesen Autoren und alle Kreativen anstellen, ihnen vertrauen und sie nicht in Anmerkungen ertrinken lassen. Natürlich braucht man die Rückmeldungen der Menschen, die diese Serie geordert haben, aber bei DR bekomme ich diese Hinweise nur vom jeweiligen Head of Drama. Natürlich bekomme ich auch viele Anmerkungen und Rückmeldungen von den Regisseuren und Schauspielern wenn sie die Bücher lesen, aber das sind kreative Anmerkungen, die mich inspirieren. Ich kann entscheiden, was ich damit anfange. Sie machen mich und das Skript besser. Aber die „Executive Notes“ erhalte ich ausschließlich vom Head Of Drama. Und zwar genau deshalb, weil diese eine Vision geschützt werden soll. Darin wird dann auch nicht auf irgendwelche kleinen Details eingegangen, sondern lediglich auf das Ganze und die großen Zusammenhänge.

Dieses Prinzip hört sich einleuchtend und simpel an, scheint aber vielen in der Praxis sehr schwer zu fallen.

Es ist ein sicherer Weg in die Katastrophe, wenn zu viele Menschen zu viel mitreden wollen. Sehr viele Serien wurden dadurch komplett ruiniert, sowohl in Europa als auch in den USA. Es gibt noch eine andere Sache, die man nicht tun sollte: Wenn man meint, man müsse eine US-amerikanische Serie einfach so kopieren, ist das der direkte Weg ins Desaster. Es geht um Originalität und um originäre europäische Geschichten. Eine deutsche Version einer amerikanischen Crimeserie, die aber mit deutlich weniger Geld und ohne deren Know-how gemacht wird, kann einfach nicht gut werden. Stattdessen muss man versuchen, die Amerikaner mit der eigenen Originalität zu beeindrucken. Genau das haben wir damals übrigens auch mit „Borgen“ versucht.

Und damit haben Sie dann ja auch tatsächlich den Nerv der Zeit getroffen. Jetzt machen sie aber eine komplett andere Serie.

Das ist ein Prinzip bei DR, wir wollen uns nicht selbst kopieren, kein neues „Borgen“ oder „The Killing“ machen. Als die Dramachefin mit mir über meine aktuelle Serie „Follow The Money“ sprach, meinte sie, ich solle doch einmal über einen männlichen Ermittler nachdenken, weil wir in den letzten Jahren so viele weibliche hatten. Ich liebe diese Sichtweise, denn auf der ganzen Welt erwartet man von einer neuen DR-Serie ja starke weibliche Hauptfiguren. Aber wir haben das schließlich jahrelang gemacht, jetzt haben wir eine neue und originelle männliche Figur gebraucht.

Was nicht heißt, dass es in „Follow The Money“ keine guten Frauenrollen gäbe.

Ja klar, natürlich haben wir die. Aber auch die wollte ich dieses Mal anders positionieren. Bei „Borgen“ hatten wir zwei weibliche Hauptfiguren, die Idealistinnen waren. Selbst wenn sie etwas Schlechtes gemacht haben, waren sie tugendhaft, weil sie immer gut sein wollten. In der neuen Serie ist Claudia das Gegenteil, was für mich eine Sache der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ist. Ich wollte eine weibliche Figur schreiben, die so schmutzig wie Casper in „Borgen“ sein sollte. Denn natürlich können Frauen genauso sein.

In „Follow The Money“ geht es um die Welt der Finanzen und um Wirtschaftskorruption, im Kleinen wie im Großen, bei „Borgen“ um Politik. Wählen Sie immer zuerst die Themenfelder aus, bevor sie die konkreten Geschichten entwickeln?

Bei „Follow The Money“ war es tatsächlich zuerst nur ein Thema – sozusagen eine Arena –, das uns interessiert hat. Während wir an „Borgen“ gearbeitet haben, schlug weltweit plötzlich die Finanzkrise zu. Ich fand es so interessant wie erschreckend, dass in New York etwas zusammenbricht und man es in der Nachbarschaft von Nabo in Kopenhagen spüren konnte. Das hat mich wirklich beeindruckt. Ich dachte plötzlich, dass wir mit unserer politischen Serie auf einmal sehr alt aussehen würden, weil nun alle Serien über die Finanzwelt machen würden. Aber jahrelang gab es nichts in dieser Richtung, nichts passierte. Nachdem wir „Borgen“ beendet hatten, haben wir unsere Idee dem Sender gepitcht und eine Storyline dazu erfunden.

Ich habe gelesen, dass Sie ein halbes Jahr für Recherche und Entwicklung Zeit hatten, bevor es überhaupt erst ans Schreiben ging. Der Sender hat Sie über diesen Zeitraum hinweg voll bezahlt. Das ist ein enormer Vertrauensvorschuss, der einem Autoren damit entgegengebracht wird.

Definitiv! Und DR haben nicht so viele Serien in Entwicklung wie andere große Sender. Von zehn Stoffen werden vielleicht sechs oder sieben produziert. Sie wollen mit Leuten arbeiten, an die sie glauben und setzen ihr volles Vertrauen in sie. Dadurch bekommen sie Autoren, die sich mit Leib und Seele in das Projekt stürzen. Ich kann das behaupten, denn ich lebe für meine Serie. Ich bin 41 Jahre alt. Meine Freundin und ich haben noch keine Kinder, obwohl der Wunsch da ist, aber ich habe keine Idee, wie ich das als Headwriter unter einen Hut bekommen sollte. Ich arbeite 14 bis 15 Stunden am Tag, häufig sechs Tage in der Woche. Ich lebe und liebe diese Arbeit und mache das genau wegen dieses großen Vertrauens, das mir vom Sender entgegengebracht wird.

Hoffentlich wird das zumindest gut bezahlt.

Wenn es nur ums Geld ginge – da schere ich mich nicht drum. Ich würde es ehrlich umsonst machen, wenn ich das Geld nicht zum Leben bräuchte. Es ist einfach das, was ich machen will und DR macht den Vertrag mit mir und sagt, dass sie an mich glauben. Sie wollen, dass ich mir die Zeit nehme, die ich zur Recherche benötige, damit ich dann mit einer großartigen Story zurückkomme und sie geben mir das Gefühl, dass ich sie nicht enttäuschen werde. Also kehre ich mit einer Idee zurück, von der ich hoffe, dass sie gut ist. Und wenn sie es nicht mögen, dann beenden sie das Serienprojekt halt. Das ist kein Problem für sie, denn sie haben ja noch andere in der Entwicklung. Doch weil sie sich so respektvoll verhalten, erhalten sie auch großartige Ergebnisse.

Gerade wurde die zweite Staffel ihrer aktuellen Serie „Follow The Money“ ausgestrahlt, die auch in England auf BBC Four zu sehen ist. Die anschließende dritte soll auch die letzte sein.

Ja, wir machen bei DR selten mehr als drei Staffeln, weil sie Platz für neue Serien machen wollen.

Auch diese Serie kommt überall sehr gut an – warum läuft sie eigentlich noch nicht in Deutschland?

Ich weiß es nicht. Ich habe mit diesen Geschäften ja nichts konkret zu tun, sondern der Vertrieb von DR. Aber natürlich bin ich der Meinung, dass es hier jemand kaufen sollte. Ich liebe die Tatsache, dass meine Serien um die Welt reisen. Zuallererst mache ich sie für das dänische Publikum, das ist mein Hauptpublikum, aber es macht einen riesigen Spaß, Reaktionen aus der ganzen Welt zu bekommen. Die Serie ist bereits in 20 Länder verkauft, nur leider noch nicht Deutschland. Die Rechte am Remake wurden übrigens gerade an die Produktionsfirma von „True Detective“ in den USA verkauft. Sie arbeiten an einem Buch, allerdings ich weiß nicht, wie weit sie sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

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