Brigitte Maria Bertele © George Karatsividis
Die Regisseurin von "Teufelsmoor" im Gespräch

Regisseurin Bertele: "Das System ist so unfassbar bieder"

 

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Verspüren Sie da nicht den Impuls, sich selber was zu schreiben?

Manchmal schon. Während es völlig normal ist, dass Männer Frauenfiguren in Frauenwelten inszenieren, geschieht es praktisch nie umgekehrt, dass Frauen Männerfiguren in Männerwelten inszenieren. Dabei kann ich als Frau viel deutlicher zwischen mir und einer männlichen Figur trennen, das ist wie eine Labor-Situation. Deshalb hat es so viel Spaß gemacht, für meinen ersten Spielfilm „Nacht vor Augen“ in einen Afghanistan-Heimkehrer einzutauchen! Bei Benno Führmann in „Die 4. Gewalt“ war das ganz ähnlich.

Erweitern solche Erfolge das Spektrum dessen, was Ihnen angeboten wird?

Schon, das merkt man auch an „Teufelsmoor“, aber generell ist die Anfragekultur in Deutschland eher fantasielos; wer einmal Krimi macht, wird viel für Krimi angefragt.

Wobei Spezialisierung kein Phänomen der Filmbranche allein ist.

Aber gerade in der Filmbranche ist Verwandlung doch essenziell! Das müssen wir den Verantwortlichen immer wieder klar machen.

Haben Sie ein Sendungsbewusstsein, wenn es um Veränderung im Metier geht – sei es als Kreative in einer Schubladenwelt, sei es als Frau in einer Männerbranche?

Also ich verleihe schon meinem Wunsch Ausdruck, so arbeiten zu können, wie meine Kollegen. Das ist mir als Frau nicht in gleichem Maße möglich. Schließlich werden wir nicht nur durch Stoffe in die Geschlechterschablone gezwängt, sondern mehr noch durch die Budgets.

Tatsächlich?

Je teurer Filme werden, desto seltener werden sie von Frauen gedreht. Wenn es über drei Millionen geht oder Richtung Mehrteiler, sinkt unser Anteil gen Null. Wir machen eher billige Psychogeschichtchen, da ist die Statistik erschreckend. Ich bin mir aber auch nicht ganz klar, wie sich das ändern ließe. Zumal wir insgesamt ja immer mehr werden. Und nicht nur im Regie- und Drehbuch-Fach, sondern auch in den Intendanzen und Redaktionen. Nur: es ist nicht so, dass Redakteurinnen per se Regisseurinnen fördern. Manchmal geschieht das Gegenteil. Das zeigen auch die Analysen von „ProQuote Regie“.

Sind Sie dort Mitglied?

Nein, Unterzeichnerin.

Weil Sie Gegnerin der Quote sind?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich gibt es die Sehnsucht, nur aus fachlicher Sicht gewählt und nicht durch mein Geschlecht zur förderungswürdigen Minderheit erklärt zu werden. Andererseits sehe ich, dass sich ohne den politischen Zwang der Quote nichts ändert. Ohne Kampf geht es bedauerlicherweise wohl nicht. Wobei – als kämpferische Frau gilt man schnell als anstrengend und zickig; Männer haben Visionen und Rückgrat. Trotzdem versuche ich, bei meiner Arbeit, so wenig mittelmäßige Kompromisse wie möglich zu machen.

In „Teufelsmoor“ scheinen Sie aber mal einen gemacht zu haben.

Ach ja, welchen?

Am Ende trägt Bibiana Beglau im Bauernhaus doch sexy Stiefel mit hohen Hacken.

Das war aber kein Kompromiss, sondern Gestaltungselement, um zu zeigen, dass Anna keine eindimensionale Figur ist, also nicht nur derb, sondern feminin. 90 Minuten sind relativ kurz, um Figuren in ihrer Komplexität zu zeigen. Da fallen Brüche mehr auf. Gerade in einem Genre wie dem Mystery-Thriller.

Wie groß ist auf einer Skala von 1 bis 10 die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in absehbarer Zeit einen Action-Film mit starken Männerfiguren auf dem Tisch haben?

(lacht) 1. Aber wenn es so weit wäre, würde ich ihn mit einer krassen Explosion einleiten.

Das Erste zeigt "Teufelsmoor" am heutigen Mittwochabend um 20:15 Uhr.

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