Frank Hoffmann © RTL
DWDL.de-Interview mit dem RTL-Programmgeschäftsführer

RTL-Chef Hoffmann: "Mehr produzieren statt einkaufen"

 

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Sie gehen mit dem Format in die Distribution?

Ja. Die Idee haben Endemol Shine Germany und wir gemeinsam enwickelt. Insofern sind wir in der ungewöhnlichen Situation, dem Export einer Showidee entgegenzufiebern, weil wir an den Lizenzerlösen beteiligt sind. Wie schon bei den Entwicklungen von Serien und Sitcoms haben wir hier in die Kreativität des deutschen Marktes investiert und sind sicher: Das wird sich auszahlen. Aus unserer hausinternen Entwicklungsabteilung gehen dieses Jahr auch noch zwei weitere Show-Ideen auf Sendung: „Der Chef bekommt die Quittung“ und „Stars im Spiegel“, beides sind Studioproduktionen

Und dann kommt nach unseren Informationen auch noch die „Broken Skull Challenge“, eine weitere Physical Gameshow. Können Sie das bestätigen?

Ja, das kann ich bestätigen. Wir möchten dieses Genre fest bei uns im Programm verankern. Es ist das allergrößte Vergnügen für jeden Programmmacher, rückblickend sagen zu können, mit einer Programminnovation einen Trend begründet zu haben. Das ist uns mit „Ninja Warrior“ und „Big Bounce“ schon jetzt gelungen.



Wir wollten eben die Woche bei RTL durchgehen. Da sind wir jetzt nur bis Freitag gekommen. Wollen Sie das noch vervollständigen?

Unbedingt! Am Samstagabend zeigen wir aktuell „DSDS“ mit einer sehr guten Performance auch dank einer wirklich überzeugenden Jury. „DSDS“, mit im Schnitt über vier Millionen Zuschauern und rund 19 Prozent Marktanteil, ist immer noch eine Klasse für sich. Nur am Sonntagabend, da haben wir neben einigen schönen Filmen nicht immer das Programm, was wir uns vorstellen. Hier werden wir nochmal nachlegen und in diesem und nächstem Jahr zusätzliche Programme etablieren.

An welche Genres denken Sie für den hartumkämpften Sonntagabend?

Angesichts der guten Resultate von „Ninja Warrior“ werden wir im Frühjahr die komplette Staffel „Team Ninja Warrior“ am Sonntag programmieren – inklusive eines Promi-Specials. Die Aufzeichnung läuft diese Woche und ich kann aus tiefer Überzeugung sagen, das wird eine spannende, hinreißende Show.

Sie sind nicht mehr weit davon entfernt auf den Einkauf von Lizenzware aus dem Ausland komplett verzichten zu können.

100 Prozent werden es nicht, aber wir werden in diesem Jahr wahrscheinlich bei einem Eigenproduktions-Anteil von über 80 Prozent in der Primetime landen. Wir haben damit den mit Abstand höchsten Eigenproduktionsanteil unter den großen Privatsendern. Unser Credo ist: Mehr Programme selber zu produzieren statt einzukaufen, jedenfalls für die großen Sender unserer Gruppe. Ich glaube, dass es die Öffentlich-Rechtlichen und wir sind, die gerade in Deutschland ganz besonders die Produzentenlandschaft pflegen.

Eine unerwartete Allianz: RTL und die Öffentlich-Rechtlichen.

Allianz vielleicht nicht im eigentlichen Sinne, aber wir haben eins gemeinsam: Wir wollen ein großes Publikum erreichen. Die einen, um ihren Rundfunkbeitrag zu rechtfertigen und wir, um die Investitionen in lokale Inhalte über Werbung zu refinanzieren. Die Beweggründe sind unterschiedlich, aber das Ziel ist gleich. In Zeiten, in denen insbesondere junge Menschen einen  zunehmend individuellen Medienkonsum pflegen, wird die Qualität, zur gleichen Zeit Millionen Menschen für ein Programm begeistern zu können, immer kostbarer. Wir halten die Fahne des Free-TV mit beiden Händen munter hoch, wie auch durch die Verlängerung der Formel 1-Rechte deutlich wird. Großer Sport wandert eben nicht wie in anderen Ländern ins Pay-TV ab, sondern hat im Gegenteil ab dieser Saison ohne Sky eine neue Exklusivität im Free-TV. Wir freuen uns, dass der Lizenzgeber berücksichtigt, dass viele zwar Geld bieten können, es aber auch darauf ankommt, ein großes Publikum für den Sport zu begeistern. Und dass wir ab 2019 noch mehr Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft haben sowie dazu die Euro League, unterstreicht, wie wichtig uns der Sport weiterhin bleibt.

Wo wir gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen sind: Wie stehen Sie zu der im vergangenen Jahr von ProSiebenSat.1 ins Spiel gebrachte Forderung nach einer Beteiligung der Privatsender am Topf der Rundfunkgebühren?

Wir sind politisch und wirtschaftlich komplett unabhängig, haben ein gut funktionierendes Geschäftsmodell und gestalten die Marktveränderungen mit. Und was den öffentlichen Mehrwert von privatem Fernsehen anbelangt, finde ich überfällig, dass das anerkannt wird. Denn es steht in unserem Pflichtenheft. Aus dieser Pflicht haben wir eine Kür gemacht. Insofern freue ich mich über diese Diskussion, auch zur gesellschaftlichen Bedeutung der Privaten und wie man diesem Mehrwert für die Öffentlichkeit – dem Public Value – ein stärkeres Gewicht beimessen kann. Unser Ansatz ist dabei allerdings nicht, etwas von den Beiträgen abzubekommen, sondern die Public Value-Programme wie Information oder Regionales auf Plattformen besser auffindbar zu machen. Und es geht darum, ob die Rundfunkgebühr nicht an einer Schmerzgrenze angekommen ist, die eine gefährliche Reaktanz erzeugt. Der Unmut auf die für jeden verpflichtende Zahlung strahlt auf die Gattung Fernsehen an sich ab, und trifft mitunter auch uns. Ich persönlich halte es für sinnvoller, wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihr Überangebot im Markt abbauen würden und ihr Versorgungsauftrag wieder mehr dem angenähert würde, was eine Beitragsfinanzierung rechtfertigt.

DWDL.de weist seit einiger Zeit täglich das Durchschnittsalter des Publikums der großen deutschen Sender aus. Die Zahlen entwerfen ein erschreckend altes Bild, was aber auch daran liegt, dass die GfK-Quotenmessung viele von jungen Zuschauerinnen und Zuschauern genutzte Verbreitungswege nicht erfasst. Wann ist der Punkt gekommen, an dem die unvollständige Quotenmessung geschäftsschädigend wird?

Auch wenn wir mit einer durchweg konvergenten Währung gern noch ein paar Schritte weiter wären: Die Quotenmessung im TV, die längst auch die zeitversetze Nutzung drei Tage nach Ausstrahlung beinhaltet, ist um Lichtjahre genauer und vor allem transparenter all jeder andere Leistungsnachweis für irgendein Medium im Markt. Und dennoch ist bei diesem Thema niemand so ungeduldig wie wir, denn es geht ja um die Nutzung unserer eigenen Inhalte. Aber das Thema ist hochkomplex, methodisch ebenso wie technisch. Und solange nicht alle offenen Fragen geklärt sind, freuen wir uns eben über die separat ausgewiesenen gut 21 Millionen Video-Abrufe, die wir mit dem Dschungel quer über unsere Plattformen hinweg generieren konnten – zusätzlich zur in diesem Jahr nachgereichten TV-Quote. Bemerkenswert finde ich, dass unsere kollektive Quoten-Detox-Phase im Januar für mehr Wirbel gesorgt hat als die Tatsache, dass noch kein Streaminganbieter jemals veröffentlicht hat, wie hoch oder auch niedrig die Nutzungszahlen der eigenen Angebote überhaupt sind.

Wie fällt eigentlich Ihr Fazit zum diesjährigen Dschungelcamp aus? Lief schon mal besser...

In absoluten Zuschauerzahlen lagen wir mit über fünfeinhalb Millionen Zuschauern im Schnitt auf dem Niveau  des Jahres 2009. Bei den Marktanteilen in der Zielgruppe 14-49 war es in etwa das  Niveau von 2012. Wenn ich von all unseren Hits sagen könnte, dass sie heute die Werte von 2009 bzw. 2012 generieren, wäre ich glücklich. Insofern ist die Leistung der Redaktion und Produktion um so höher einzuschätzen, wenn man bedenkt, dass der Cast ihnen nicht viel geliefert hat in diesem Jahr. Es zeigt aber auch: Wir nehmen keinerlei Einfluss und zeigen, was passiert. Mir fehlten dieses Jahr aber auch ein paar Charaktere. Ich finde, dass wir zu wenig Gesichtsbekanntheit im Dschungel des Jahres 2018 hatten.

Muss man dann beim Casting einfach mal mehr Geld in die Hand nehmen?

Das ist es nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder vor dem jeweiligen Cast gesessen, auf bestimmte Köpfe gesetzt und wurden oft überrascht, dass die unscheinbarsten Kandidatinnen oder Kandidaten dann im Dschungel jedenfalls zu Stars der Herzen wurden. Larissa Marolt beispielsweise. Wer hätte vorher gedacht, dass Roger Willemsen ihr fast eine ganze Seite in der „Süddeutschen“ widmen wird?

"Ich mache mir lieber selbst Konkurrenz als dass es die Wettbewerber tun."

Graben Sie sich nicht selbst das Wasser ab, wenn RTL inzwischen mit „Das Sommerhaus der Stars“ und „Adam sucht Eva“ zwei weitere Promi-Formate mit Reality-Charakter im Programm hat?

Es ist aus Sicht des Castings sicherlich eine Herausforderung, weil der Wettbewerb innerhalb des Genres intensiver geworden ist, auch durch „Promi Big Brother“ bei Sat.1.

Und eben durch Ihre eigenen weiteren Formate. Da liegt die Entscheidung ja bei Ihnen.

Richtig, aber da mache ich mir lieber selbst Konkurrenz als dass es die Wettbewerber tun.

Sky bringt mit „X Factor“ eine Castingshow zurück, die Sie einst für Vox nach Deutschland geholt haben. Ist der Markt groß genug für noch eine Castingshow?

Ich glaube nicht, dass es durch „X Factor“ zu einer zusätzlichen Sättigung kommt, weil Sky 1 als Bezahlsender naturgemäß nicht das ganz großes Publikum anspricht. Wichtiger wird sein, wie wir selbst unsere eigenen Formate in diesem nach wie vor sehr vitalen Genre weiterentwickeln.

Möchte ich Ihre Sendungen später online anschauen, muss ich zu TV Now. Eine über Jahrzehnte geprägte Sendermarke wie RTL spielt im Netz die untergeordnete Rolle?

TV Now ist ein tolles Angebot, die Nutzung steigt erfreulich. An der Entscheidung, im Netz nicht separat über die einzelnen Sendermarken zu gehen sondern mit TV Now all unsere nonlinearen Angebote zu aggregieren und eine gemeinsame Marke zu etablieren, war ich ja auch beteiligt. Und ich halte es weiterhin für den genau richtigen Weg. Worüber wir regemäßig im Austausch sind ist das Maß an Sichtbarkeit von Sender- und Formatmarke als Absender unter dem Dach von TV Now.

Herr Hoffmann, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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