Dagmar Reim © rbb/Kristina Jentzsch
Ex-RBB-Intendantin über Machtmissbrauch

Reim: "Es gehört viel Mut dazu, nicht zu schweigen"

 

Dagmar Reim war die erste Frau an der Spitze eines öffentlich-rechtlichen Senders. Die Debatte um sexuelle Belästigung hat sie aufgewühlt. Mit DWDL.de sprach die frühere RBB-Intendantin über die die Angst der Opfer, die schwierige Aufklärung und einen Fall im eigenen Haus.

von Alexander Krei
03.06.2018 - 12:30 Uhr

Frau Reim, Sie waren viele Jahre Intendantin einer ARD-Anstalt. Wie haben Sie die jüngsten Diskussionen um sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch beim WDR verfolgt?

Ich bin darüber erschrocken. Es handelt sich dabei ja nicht alleine um den WDR – denken Sie nur an den Fall Wedel. Die Intensität und die Wucht, mit der diese Vorwürfe endlich ans Tageslicht kamen, haben mich schon sehr aufgewühlt.

Nun ist der WDR ungleich größer als der RBB, an dessen Spitze Sie waren. Aber ganz generell stellt sich die Frage: Wie verhält man sich in verantwortlicher Position richtig, wenn derartige Vorwürfe aufkommen?

Ich habe niemandem Ratschläge zu geben, weil jede Situation individuell ist und man sich in jeder Situation immer neu entscheiden muss. Ehe ich zum RBB ging, habe ich ja beim WDR, NDR und BR gearbeitet. Sicher war die Situation in jedem Haus anders, aber eines kann man in jedem Fall festhalten: Die Frauen, und es sind ja sehr oft Frauen, brauchen einen Menschen, der sie und ihre Vorwürfe ernst nimmt. Im Fall Wedel hat man bei einem anderen Sender gesehen, dass dies nicht geschehen ist. Das war ein Skandal.

Nun liegen die berichteten Vorfälle im Fall Wedel schon lange zurück. Wie kann die Aufklärung nach so vielen Jahren aus Ihrer Sicht überhaupt noch erfolgen?

Es gibt nur begrenzte Möglichkeiten. Strafrechtlich, aber das werden Ihnen Juristen sagen, ist da nicht mehr viel zu tun. Gleichwohl ist es wichtig, dass auch nach so vielen Jahren, den Opfern zugehört wird. Das geschieht jetzt.

Aus Ihrer Sicht zu spät?

Selbstverständlich ist es aus Sicht der Opfer viel zu spät. Aber zu bedenken ist auch die Seite, wann eine Frau den Mut findet, über das zu sprechen, was ihr angetan worden ist. Wann schafft sie es, über diese Schwelle, die eine hohe ist, zu gehen?

Sie sprachen gerade selbst über die verschiedenen Anstalten, in denen Sie während Ihrer Laufbahn tätig waren. Sind Ihnen persönlich Übergriffe bekannt?

Ich habe so gut wie keine Erfahrungen mit dem Thema gesammelt – einerseits erfreulich. Andererseits mag es natürlich sein, dass ich bestimmte Dinge in den Häusern, in denen ich gearbeitet habe, nicht mitbekommen habe. Ich erinnere mich allerdings an einen Fall, den ich definitiv als Intendantin mitbekommen habe.

Worum ging es damals?

Das war ein, in Anführungsstrichen, kleiner Fall. Damals hatte ein Mensch, der Macht besaß, im Rahmen einer Produktion kleine Jobs zu vergeben. Er forderte als Gegenleistung Gefälligkeiten der Art, die es bei uns nicht gibt. Glücklicherweise hat sich die betroffene Frau an die Frauenvertreterin im Sender gewendet, zu der ich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis besaß. Wir konnten daraufhin schnell Abhilfe schaffen, sodass sich der Vorfall nie mehr wiederholt hat.

Können Sie sicher sein, dass es während Ihrer Amtszeit bei diesem einen Fall geblieben ist?

Es gibt keine Sicherheit. Wer behauptet, er habe in diesen Fällen Sicherheit, der ist sich nicht darüber im Klaren, mit wie viel Scham, mit wie viel Verdrängung, mit wie viel Schweigen man hier zu tun hat.

WDR-Intendant Tom Buhrow hat gerade gesagt, er habe sich bei der Aufklärung der Fälle in seinem Haus zwischenzeitlich ungerecht behandelt gefühlt, weil er den Eindruck hatte, gar nichts richtig machen zu können. Können Sie das nachvollziehen?

Ich vermag das in jeder Form nachzuvollziehen. Einerseits aus der Position der Opfer. Die bedürfen des wirklich großen Mutes, sich zu öffnen. Ein solcher Übergriff ist so schrecklich, dass es schwer fällt, so etwas öffentlich zu machen. Aus diesem Grund werden viele Menschen vor einem solchen Schritt zurückschrecken. Ich vermag aber auch diejenigen zu verstehen, die aufklären wollen. Es ist offensichtlich nicht einfach, das Richtige zu tun, schließlich hat der Sender auch eine Pflicht, sich dem Angeschuldigten gegenüber korrekt zu verhalten. Nun hat es beim WDR eine fristlose Kündigung gegeben. Aber Prozesse gegen mutmaßliche Täter kann der Sender nur dann erfolgreich führen, wenn er Zeuginnen oder Zeugen hat. Der alte Satz: "Es gilt die Unschuldsvermutung" zählt auch hier. Natürlich ist das für Opfer schwer zu verstehen, aber so sind nun mal die Prinzipien des Rechtsstaates. 

"Entscheidend ist, ob die Opfer Gehör finden oder ob man sie lächerlich macht, sie entwertet."
Ex-RBB-Intendantin Dagmar Reim

Was kann falsch gemacht werden bei der Aufarbeitung?

Das haben wir im Fall Wedel mehr als deutlich sehen müssen. Da sind Frauen körperlich verletzt worden, da hat eine Frau ihr ungeborenes Kind verloren. Diese Fälle waren im Saarländischen Rundfunk vor vielen Jahren aktenkundig, belegt mit medizinischen Zeugnissen. Es passierte nichts. Den Frauen ist offensichtlich nicht geglaubt worden. Da, denke ich, hat inzwischen ein Wandel stattgefunden. Deswegen ist es so wichtig, dass die Opfer, die Übergriffe zu beklagen haben, heute den Mut fassen, zu den inzwischen eingerichteten unabhängigen Stellen zu gehen und zu sagen, was ihnen widerfahren ist.

Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinen oft durchaus klaren Hierarchien besonders anfällig für den Missbrauch von Macht, über den jetzt immer wieder zu lesen ist?

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist es nicht anders als in einem Theater, in einer Stadtreinigung oder in einer Metzgerei. Übergriffe, Grenzüberschreitungen, auch Kriminalität, gibt es überall. Entscheidend ist, ob die Opfer Gehör finden oder ob man sie lächerlich macht, sie entwertet.

Aber wieso hat es so lange gedauert, bis den Opfern im öffentlich-rechtlichen System zugehört wird?

Selbstverständlich hat die Causa Weinstein sehr, sehr viel geändert. Der Mann hat seinen kriminellen Aktivitäten über zig Jahre völlig unbeanstandet nachgehen können Trotzdem gibt es dann irgendwann einen kathartischen Moment – und der scheint mir jetzt gekommen, was mich freut. Wäre diese Debatte in Amerika nicht aufgekommen, würden wir heute auch hierzulande nicht über all diese Fälle sprechen. Ich empfinde es als gute Entwicklung, dass denjenigen, die körperliche und seelische Schäden haben erleiden müssen, jetzt besser zugehört wird.

Erwarten Sie, dass sich in den nächsten Wochen weitere Frauen trauen werden, über ihre Erfahrungen zu sprechen?

Ja. Frauen und Männer. Denken Sie an Jonas Kaufmann.

Ihre abschließende Botschaft?

Es gehört viel Mut dazu, nicht zu schweigen und es ist sehr wichtig, sich zu bekennen. Ganz gleich, wie lange der Übergriff zurückliegt. Ich bin sicher, der WDR wird die Opfer schützen.

Frau Reim, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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