Schlecky Silberstein © Schlecky Silberstein
DWDL.de-Interview mit Schlecky Silberstein

Silberstein: "Man kann sich gar nicht dagegen wehren"

 

Der Satiriker Schlecky Silberstein hat für funk eine Parodie auf die Ereignisse in Sachsen gedreht und sieht sich nach einem Posting der AfD massiven Drohungen ausgesetzt. DWDL.de sprach mit ihm über Filterblasen, Angst und Kunstfreiheit.

von Alexander Krei
18.09.2018 - 16:45 Uhr

Ein Video der vom SWR verantworteten funk-Reihe "Bohemian Browser Ballett" schlägt seit einigen Tagen Wellen in den sozialen Netzwerken - und zwar schon vor der eigentlichen Veröffentlichung. "Volksfest in Sachsen" nennt sich der kurze Film, in dem sich der Blogger und Comedian Schlecky Silberstein auf satirische Weise mit den Ereignissen von Chemnitz beschäftigt. Für einen kurzen Moment ist zu sehen, wie Skinheads an einem nachgeahmten AfD-Stand Mitgliedsformulare ausgehändigt bekommen.

Was die Macher zum Zeitpunkt des Satire-Drehs in Berlin nicht ahnten: Die Berliner AfD nutzte die Satire-Dreharbeiten und veröffentlichte wenig später ein Video, in dem behauptet wurde, das Produktionsteam habe eine Nazi-Demo nachgestellt, um diese als echte Demonstration darzustellen. In einem Blogeintrag zeigte sich Silberstein besorgt, weil er daraufhin in sozialen Netzwerken Adressen und Morddrohungen die Runde machten. DWDL.de hat mit ihm über die Ereignisse der letzten Tage gesprochen.

Schlecky, was haben Sie in den letzten zehn Tagen gelernt?

Ich habe meine Einstellung über das rechtskonservative Spektrum verändert. In der Vergangenheit habe ich stets versucht, die Nazi-Keule nicht zu bedienen, weil mir das oft übertrieben und hysterisch erschien. Aber wenn du plötzlich selbst Betroffener bist und dir unterstellt wird, Fake-Videos für die Öffentlich-Rechtlichen zu produzieren, dann ist das schon besorgniserregend. Noch besorgniserregender wird es allerdings, wenn diese Typen plötzlich vor der Tür auftauchen.

Wie kam es dazu?

Ich gehe fest davon aus, dass die AfD in unserem Dreh für das "Browser Ballett" die Chance sah, ein Exempel zu statuieren – nämlich dass die Medien perfide gegen die AfD arbeiten. Deswegen haben sie das Narrativ genährt, das öffentlich-rechtliche Fernsehen inszeniere eine Fake-Nazi-Demo mit AfD-Beteiligung. Es geht ihnen einzig und alleine darum, diese Geschichte zumindest in der eigenen Filterblase penetrieren, was rückblickend betrachtet auch gut funktioniert hat.

Haben Sie nicht ausreichend Vorkehrungen am Set getroffen?

Am Set war die Situation doch klar. Überall gab es Aushänge und man hätte uns bei offenen Fragen auch direkt ansprechen können. Davon abgesehen wissen inzwischen viele, dass das "Browser Ballett" Satire macht. All das hat niemanden von der AfD interessiert. Stattdessen hat man unseren Dreh gezielt dazu verwendet, um Fake News zu produzieren.

Wann kam der Moment, als Sie bemerkt haben, dass es ernst wird?

Die Situation hat sich langsam hochgeschaukelt. Zunächst gab es dieses Facebook-Video, unter dem sich immer mehr Kommentare fanden. Als plötzlich zu lesen war, man müsse die Verantwortlichen finden und ihnen einen Besuch abstatten, wurde es mir plötzlich mulmig. Beunruhigend finde ich, dass das alles stehen gelassen und offensichtlich so gut wie gar nicht moderiert wurde. Mein Eindruck ist, dass das bewusst laufen gelassen wurde, weil es ja die Geschichte stützt.

"Angst ist ein Gefühl, das kann man sich nicht aussuchen."
Schlecky Silberstein

Wie kann man sich dagegen wehren? 

Man kann sich gar nicht dagegen wehren. Das, was wir sehen, ist ja ohnehin nur ein Teil der Reaktionen. Was wir nicht wissen, ist beispielsweise, was in diesen sehr großen, geschlossenen WhatsApp-Gruppen diskutiert wird und welche Adressen oder Bilder von uns da möglicherweise im Umlauf sind. 

Haben Sie Angst?

Klar habe ich Angst. Es heißt immer, wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Aber Angst ist ein Gefühl, das kann man sich nicht aussuchen. Wenn man sich diesen aggressiven Ton anhört und die Kommentare durchliest, dann kann man nicht so cool bleiben wie es vielleicht nötig wäre.

Wie ist es vor diesem Hintergrund um die Kunstfreiheit bestellt?

Die Kunstfreiheit gibt es noch. Aber es gibt mittlerweile noch einen anderen Faktor, nämlich den Druck, den die AfD sehr geschickt aufbaut. Jeder, der einen Beitrag über oder gegen die AfD macht, muss damit rechnen, danach sehr, sehr viel Aufwand zu haben. Ich glaube, dass viele in eine unfreiwillige Selbstzensur fallen, weil sie genau diesen Aufwand scheuen.

Würden Sie Ihr Video noch einmal so drehen – auch aus der Erfahrung heraus, was danach passiert ist?

Natürlich würde ich das Video wieder genau so drehen. Das ist ja ohnehin noch ein anderer Punkt: Die Herrschaften von der AfD wussten doch gar nicht, was wir gedreht haben. Hätten Sie sich mit der Arbeit des "Browser Balletts" befasst, dann wäre ihnen klar geworden, dass wir ganz hart darauf bedacht sind, keine politische Agenda zu fahren. Wir teilen in alle Richtungen gleichzeitig aus – und genau das war uns auch in diesem Video wichtig. Es war doch nicht nur eine Kritik an der AfD, das waren vielleicht gerade mal zwei Sekunden. Unser Ziel war es, einen Rundumschlag zu machen, der ja im Übrigen auch die Medien umfasst, die solche Demonstrationen ausschlachten.

Sie schrieben in Ihrem Blogeintrag davon, dass ein "Hauch von '33" weht. Haben Sie die Sorge, dass sich der Hauch zu einem Sturm entwickeln könnte? 

Es kann definitiv ein Sturm werden. Allerdings möchte ich nicht sagen, dass wir nichts mehr dagegen tun können. Es ist mein großer Wunsch, uns bitte nicht mehr so sehr mit der AfD zu beschäftigen wie das in den vergangenen Monaten der Fall gewesen ist – denn so viele sind das gar nicht. Entscheidend ist doch die schweigende Masse. Das war damals so und das ist auch heute so. Da braucht es in meinen Augen eine größere Entschlossenheit in der Gesellschaft. Keiner darf mehr sagen, dass ihn das alles nichts angeht. 

Vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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