Thomas de Buhr © DAZN
DWDL.de-Interview

DAZN-Chef Thomas de Buhr: "Der Hunger ist absolut da"

 

Erst seit wenigen Monaten leitet Thomas de Buhr bei DAZN als Executive Vice President DACH die Geschäfte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. DWDL.de traf ihn zum Gespräch über seine erste Erfahrungen, teure Fußballrechte und die Abgrenzung zum Konkurrenten Sky.

von Alexander Krei , Köln
20.09.2018 - 15:34 Uhr

Herr de Buhr, Sie zeigen neuerdings die Champions League und Europa League. Was bedeutet das für die Entwicklung von DAZN?

Durch den Erwerb dieser Fußball-Rechte verlässt DAZN die Nische. Die UEFA Champions League und die UEFA Europa League anbieten zu können, macht uns sehr stolz. Es ist ein großartiges Gefühl, dass es jetzt endlich los geht – und ich bin glücklich, dass auf Anhieb alles so reibungslos funktioniert hat.

Dennoch hat Ihnen Sky in der Gruppenphase viele Spiele von Bayern und Dortmund weggenommen. Ist es nicht etwas ärgerlich, dass Ihr Konkurrent so oft den sogenannten "First Pick" hat?

Wir haben den Picking-Mechanismus nach vielen Gesprächen zusammen mit Sky vereinbart und können damit sehr gut leben. Wir zeigen 84 von 96 Spielen live und in voller Länge. Damit sind wir zufrieden.

Wer hat es da in der Kommunikation schwieriger?

Das kann man so gar nicht sagen, weil wir unterschiedliche Aufgaben haben. Unsere Aufgabe ist es zunächst, den Menschen zu erklären, wer wir überhaupt sind. Dazu haben wir gerade eine umfassende Werbekampagne gemacht und arbeiten auch mit Fußball-Klubs zusammen, schließlich ist es auch für die Vereine wichtig, ihren Fans klar zu machen, wie und wo sie die Spiele sehen können.

Im Vergleich zu Sky fällt auf, dass die Berichterstattung bei DAZN minimalistischer ausfällt. Was steckt dahinter?

Es ist wichtig, dass wir unseren eigenen Weg gehen. Das ist uns am ersten Spieltag gelungen und diesen Weg wollen wir auch in Zukunft beibehalten. Unsere Zuschauer sitzen nicht nur auf dem Sofa, sondern sind vielleicht unterwegs, sitzen in der Bar oder in der Bahn. Die gehen in den Stream, wenn das Spiel losgeht – vielleicht sogar erst eine Minute später. Deshalb fokussieren wir uns auf den Sport und weniger auf das Drumherum. Für diejenigen, die eine umfangreiche Vorberichterstattung zu einer bestimmten Partie wünschen, bieten wir zahlreiche kurze Clips bereits einen Tag vorher auf unserer Plattform an, sodass sich jeder Fan seine eigene Vorberichterstattung selbst zusammenstellen kann.

Welche Auswirkungen hat die Champions League in den vergangenen Tagen auf Ihre Nutzerzahlen gehabt?

Ich bitte um Verständnis dafür, dass wir solche Zahlen nicht öffentlich kommunizieren. Ich kann aber sagen, dass wir sehr viele neue Zuschauer auf der Plattform begrüßen konnten. Es ist ein schönes Gefühl, sich große Ziele zu stecken und diese dann auch noch zu übertreffen. Allerdings sehen wir für die Zukunft noch sehr viel Luft nach oben.

Welcher der beiden europäischen Fußball-Wettbewerbe hat für DAZN den größeren Stellenwert?

Diese Frage können wir erst in einigen Monaten beantworten. Die Europa League ist aber ohne Zweifel schon deshalb wichtig, weil wir hier alle Spiele zeigen können – und zwar auch in der Konferenz.

Sie haben sich allerdings für einen anderen Konferenz-Weg entschieden als Fußball-Fans das bisher gewohnt waren. 

Wir orientieren uns an der Red-Zone-Konferenz, wie man sie von der NFL kennt, werden also einen Moderator haben, der zu den einzelnen Kommentatoren schaltet. Ich bin sehr gespannt, wie das bei den Fans ankommen wird. Ob es in Zukunft eine klassische Konferenz geben wird, wie man sie von der Bundesliga kennt, lässt sich jetzt noch nicht abschätzen. Unsere Lernkurven sind hoch. Wenn wir merken, dass etwas anderes besser funktioniert, dann werden wir das ändern.

Die Bundesliga-Rechte sind aktuell nicht auf dem Markt. Schielen Sie dennoch schon darauf?

Aktuell sind wir sehr zufrieden mit den Highlights, die jeder Nutzer bereits 40 Minuten nach Abpfiff abrufen kann. Aber natürlich sind auch Live-Rechte für uns spannend. Klar, dass wir die Bundesliga gerne bei uns hätten. 

Ist das denn überhaupt bezahlbar?

Das werden wir sehen. Wichtig ist uns immer, dass die Kosten für den Fan abbildbar sind. Wenn wir den Preis plötzlich deutlich erhöhen müssten, um die Rechte der Bundesliga zu finanzieren, dann würde das für uns keinen Sinn machen. 

"Wäre der Strom in Deutschland so verteilt worden wie das Internet, dann säße man in Ostfriesland noch bei Kerzenschein."
Thomas de Buhr

An Geld dürfte es angesichts des finanzkräftigen Hintergrunds doch nicht mangeln.

DAZN ist ein Wirtschaftsunternehmen und ich erlebe uns absolut ökonomisch. Wir reisen Economy, übernachten in günstigen Hotels und haben keine Büros in der Münchner Innenstadt, sondern in Ismaning. Wir werfen das Geld also nicht zum Fenster raus. Aber natürlich gibt es die Bereitschaft, Geld auszugeben, wenn wir der Meinung sind, dass dabei am Ende etwas herauskommt. Das Geld stecken wir in Rechte und Technologie, um das Paket für die Fans so attraktiv wie möglich zu gestalten.

Könnte die Einführung von Werbung bei der Refinanzierung helfen?

Meine Aufgabe ist es, die Geschäfte von DAZN zu führen, und es wäre ja grob fahrlässig, wenn ich mir darüber keine Gedanken machen würde. Momentan sind es aber wirklich nur Gedanken. Es gibt keine konkreten Pläne, was die Einführung von Werbung angeht.

Ein Thema beim Streaming ist die Geschwindigkeit, die leider hierzulande nicht in allen Teilen des Landes hervorragend ist. Haben Sie diesbezüglich schon mit der Politik über den Ausbau der Netze gesprochen?

Wäre der Strom in Deutschland so verteilt worden wie das Internet, dann säße man in Ostfriesland noch bei Kerzenschein. Natürlich hat die Politik da eine große Aufgabe. Wir haben im Augenblick aber nicht die Zeit, uns mit der Politik darüber auszutauschen, verfolgen die Diskussion aber ganz genau. Eine entsprechende Infrastruktur würde unseren Fans ganz sicher helfen.

Sie sind erst seit wenigen Monaten bei DAZN und waren zuvor bei Twitter. Welche Erkenntnisse haben Sie in den ersten Wochen gewonnen?

Die Aufgabe hat mich gereizt, weil ich selbst Nutzer der ersten Stunde bin. Mich hat beeindruckt, wie schnell es gelungen ist, eine Marke mit derart klarem Profil aufzubauen. Dazu gehört die Technologie ebenso wie das Rechte-Portfolio. Von drinnen erlebe ich nun exakt die Geschwindigkeit, die ich mir erhofft hatte. Der Hunger ist absolut da. Alle arbeiten leidenschaftlich daran, die Marke voranzutreiben, neue Rechte zu erwerben und in weitere Länder zu expandieren. Da ist unglaublich viel Feuer drin.

Sie waren zuvor auch für ProSiebenSat.1 und RTL tätig. Wie blicken Sie heute auf die klassischen Fernsehhäuser?

Ich war sehr gerne für die Unternehmen tätig und bin der Meinung, dass die Kollegen noch immer einen tollen Job machen. Das Fernsehen befindet sich aber in einem ganz anderen Lebenszyklus, der mit unserer Welt bei DAZN nicht vergleichbar ist. Wir entwickeln uns so schnell – das miteinander zu vergleichen, wäre außerordentlich unfair. Für DAZN zu arbeiten, ist ganz sicher die sehr viel anstrengendere Variante.

Weshalb?

Die Aufgaben fordern einen momentan fast Tag und Nacht. Es stehen andauernd neue Entscheidungen, Rechte-Verhandlungen und Kooperationen an. Da stellen sich eine Million Fragen und noch während man dabei ist, sie zu beantworten, kommen schon die nächsten. 

Herr de Buhr, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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