DWDL.de Fiction-Gipfel © Tilman Schenk
Der DWDL-Gipfel zur Lage der Fiction

"Wir führen einen Kulturkampf: Wer hat welchen Einfluss?"

 

Der Markt für Serien und TV-Movies steckt mitten im Wandel: Über "Kontrakt 18", die Verantwortung von Showrunnern und die möglichen Grenzen des Wachstums debattieren drei Produzenten und zwei Drehbuchautoren beim großen DWDL-Fiction-Gipfel.

von Torsten Zarges / Thomas Lückerath
05.11.2018 - 00:30 Uhr

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Regelmäßig bittet das Medienmagazin DWDL.de hochkarätige Köpfe der Branche an einen Tisch, um aktuelle Herausforderungen zu diskutieren. Nach der Nonfiction im Mai sind diesmal die Fiction-Macher an der Reihe.

Sony-Pictures-Chefin Astrid Quentell ("Der Lehrer", "Die Welle"), UFA-Fiction-Geschäftsführer Benjamin Benedict ("Charité", "Ku'damm"), NEUESUPER-Mitgründer Simon Amberger ("Hindafing", "Acht Tage") sowie die Drehbuchautoren Orkun Ertener ("KDD", "Die Chefin") und Volker A. Zahn ("Das Leben danach", "Zarah – Wilde Jahre") kamen in die DWDL-Redaktion zum ausführlichen Gespräch mit Thomas Lückerath und Torsten Zarges.

Herr Ertener, Herr Zahn, Sie sitzen hier mit drei Produzenten am Tisch. Was müssen die künftig anders machen als bisher, wenn Sie mit Ihnen als Drehbuchautoren arbeiten wollen?

Orkun Ertener: Wo sollen wir anfangen? (lacht)

Volker A. Zahn: Oder besser: Wie viel Zeit haben wir? (lacht) Nein, im Ernst: Hier sitzen drei Produzenten, von denen wir wissen, dass sie respektvoll und konstruktiv mit Autorinnen und Autoren zusammenarbeiten. Bei denen gibt es auf der persönlichen Ebene nichts zu kamellen, wie man hier in Köln sagt. Wenn wir aber prinzipiell über kreative Kooperationen sprechen, ist klar, dass die Produzentinnen und Produzenten ihre Art des Umgangs mit Autorinnen und Autoren überdenken und verändern müssen. Im Viereck Produktion, Sender, Regie und Buch müssen endlich alle Beteiligten auf Augenhöhe agieren. Wir entwickeln über Monate, manchmal über Jahre eine Geschichte, die Figuren, den Plot etc., da macht es wenig Sinn, wenn man uns die kreative Kontrolle entreißt oder das Drehbuch zum Beutestück anderweitiger Interessen oder Geschmäcker erklärt. Oder wie meine Kollegin Kristin Derfler so treffend formulierte: Das Drehbuch ist kein Vorschlag, es ist eine Ansage! Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir wollen nicht alles bestimmen, wir wollen "nur", dass relevante Entscheidungen, die unsere Geschichte betreffen, mit uns abgestimmt werden, dazu gehört auch die Auswahl der Regie. Es geht um nichts anderes als die bewusste Einbeziehung unserer Stoffexpertise bis zum fertigen Film.

Ertener: Oder um es in einem Satz zu sagen: Wir würden uns wünschen, dass unser vorhandenes Potenzial von den Produzenten mehr genutzt wird.

Glauben Sie, dass die Produzenten das von heute auf morgen ändern können?

Ertener: Nein, keineswegs. Alle Beteiligten sind gleichermaßen gefordert. In dem Viereck, das Volker angesprochen hat, liegen die Gewichte bei Auftragsproduktionen derzeit an drei Punkten: beim Redakteur, beim Produzenten und beim Regisseur. Wir würden im Sinne der Qualitätssteigerung gern ein vergleichbares Gewicht erlangen.

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Benjamin Benedict (UFA Fiction), Astrid Quentell (Sony Pictures), Thomas Lückerath (DWDL.de)

Astrid Quentell: Was ich an "Kontrakt 18" gut und richtig finde, ist das Ziel, dass Autoren eine andere Augenhöhe bekommen und selbstverständlich als starke Säule des Teams betrachtet werden. Allerdings macht es einen Unterschied, ob wir über ein TV-Movie oder einen Mehrteiler oder über eine Vorabendserie mit 25 Folgen pro Jahr reden. Für mich ist es selbstverständlich, dass die Headautoren unserer Serien in alle Prozesse tief eingebunden sind. Ich wäre doch bescheuert, wenn ich deren wertvollen Input nicht nutzen würde. Wenn aber unter dem Headautor zwölf verschiedene Autoren einzelne Episodenbücher schreiben, dann wird es schwierig, die alle von A bis Z einzubeziehen. Die meisten wollen das auch gar nicht. Und bei allen Fragen, bei denen es um Geld geht – und die Besetzung der Regie gehört mitunter dazu –, muss das Letztentscheidungsrecht natürlich bei dem liegen, der das Budget verantwortet.

Benjamin Benedict: Mein Eindruck von dieser Debatte ist, dass es keine einheitlichen Erfahrungswerte gibt, die sich über alle Projekte ziehen lassen. Das Inspierende am Filme- und Serienmachen ist doch, dass so viele verschiedene Perspektiven und Stimmen in einem Projekt zusammenkommen. Darin sehe ich, wenn es gut läuft, eine große Chance: dass aus dem kollaborativen Prozess heraus eine Energie entsteht, die größer ist als die Summe ihrer Teile. "Unsere Mütter, unsere Väter" hat nur so entstehen können – mit Stefan Kolditz absolut zentral als Autor  über den ganzen Entstehungsweg und Philipp Kadelbach als Regisseur. Wir haben in den letzten Jahren auch schon ohne die Vertragsformulierungen von "Kontrakt 18" etliche Projekte so entwickelt und hergestellt, dass maximales Gewicht bei den Autoren lag. Annette Hess hat ja nicht umsonst die wunderbare Zusammenarbeit bei "Ku'damm" als beispielhaft erwähnt. Bei uns musste niemand überzeugt werden. Es war ganz klar, dass sie die zentrale Gestalterin inmitten des kreativen Prozesses ist...

Ertener: Allerdings hat Annette woanders auch schlechte Erfahrungen gemacht. Und die meisten von uns ebenfalls.

Benedict: Das glaube ich sofort. Generell kann die Bedeutung der Autoren doch gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und wenn ihr selbst immer noch zu oft Erfahrungen von Frustration oder Limitierung im Arbeitsprozess macht, dann müssen wir diese Debatte führen und nach gemeinsamen Lösungen suchen.

DWDL.de Fiction-Gipfel

Die Runde traf sich Mitte Oktober in der DWDL.de-Redaktion in Köln

Herr Amberger, denken junge Kreative und junge Produzenten wie Sie von vornherein viel kollaborativer oder stellt sich das Problem bei Ihnen auch?

Simon Amberger: Offen gestanden, sind wir von der ganzen "Kontrakt 18"-Diskussion überrascht worden. Wir haben es nie anders gekannt, als dass die Autoren im Driver's Seat sitzen. Wenn man sich unsere bisherigen Produktionen von "Blockbustaz" über "Hindafing" bis "Acht Tage" anschaut, dann sind die zu 100 Prozent aus einem extrem engen Kern heraus entstanden, in dem der Autor oder die Autoren jeweils das zentrale Element waren. Es wäre ja auch absoluter Schwachsinn, die Ressourcen eines talentierten Autors nicht vollumfänglich anzuzapfen. Trotzdem muss man differenzieren und jedes Projekt für sich betrachten. Wenn ein Autor von sich aus mit einer Wahnsinnsidee zu mir kommt, um mich davon zu überzeugen, folgt daraus eine etwas andere Struktur, als wenn ich selbst eine Stoffidee habe und mich frage: Welcher Autor könnte das für uns schreiben? Bei uns ergibt sich zusätzlich noch eine Sondersituation, weil alle drei Produzenten auch schreiben. Wir sitzen also meist auf beiden Seiten des Tisches.

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