Oliver Wurm © Lars Krüger
Warum Oliver Wurm aus dem Grundgesetz ein Magazin macht

"An vielen Stellen bekommt man beim Lesen Gänsehaut"

 

Im nächsten Jahr wird das Grundgesetz 70 Jahre alt. Wenige Monate zuvor bringt der Journalist Oliver Wurm den Gesetzestext in moderner Aufmachung als Magazin an den Kiosk. DWDL.de sprach mit ihm über die Umsetzung und die Idee dahinter.

von Alexander Krei
26.11.2018 - 08:10 Uhr

Das Grundgesetz als Magazin
© Oliver Wurm
Herr Wurm, ein Magazin über das Grundgesetz. Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?

Gefühlt kommt seit drei Jahren ja keine Talksendung im Fernsehen mehr ohne einen Verweis auf das Grundgesetz aus. In einer dieser Runden, bei "Markus Lanz", sagte der Kollege Rangar Yogeshwar dann Ende 2017 fast in einem Nebensatz, dass die deutsche Verfassung einfach wunderschön sei. Und dass die doch eigentlich alle mal lesen sollten. Ich dachte vor dem Fernseher: "Da hat er Recht!" Noch am gleichen Abend habe ich mir eine Ausgabe im Netz bestellt. Schließlich hatte ich gefühlt seit der Schulzeit nicht mehr im Grundgesetz geblättert. Ich war begeistert, ob der klugen, in Teilen auch noch wunderbar formulierten Inhalte. Und zugleich war es irre anstrengend, in dem Kleingedruckten, foto-freien Bleiwüsten-Büchlein zu lesen. Vor acht Jahren hatte ich schon einmal ein ähnliches Erweckungserlebnis. Damals mit den Schriften des Neuen Testaments. In über 700 Arbeitsstunden haben mein Kollege, der Designer Andreas Volleritsch, und ich das damals damals zeitgemäß als Magazin gestaltet. Das Feedback war enorm. Und durchweg positiv. Insofern hatte ich alle Werkzeuge bereits im Kasten. Den Texte der Verfassung haben wir gemeinsam mit dem Infografiker Jan Schwochow noch durch spannende Zusatzinfos ergänzt.

Was hat Sie beim Lesen des Grundgesetzes überrascht?

Überrascht wäre das falsche Wort. Denn ich wusste ja schon im Großen und Ganzen, was mich erwartet. Aber an vielen Stellen bekommt man beim Lesen tatsächlich Gänsehaut. Wenn in Artikel 115A, Verteidigungsfall, da so nüchtern formuliert steht, wer die Feststellung trifft, "dass das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht“ – dann hält man schon einen Moment inne und ist dankbar in einem friedlichen und vereinten Deutschland zu leben. Die 19 Grundrechte sind wunderbar: In brillant formulierten Sätzen wird dort die Essenz des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf den Punkt gebracht. Oder Kapitel 9, die Rechtsprechung: Von der richterlichen Unabhängigkeit bis zur Abschaffung der Todesstrafe. Was wir heute als selbstverständlich erachten, ist von den Müttern und Vätern des Grundgesetzes vor 70 Jahren klug und in Teilen fast schon visionär erarbeitet worden. Es lohnt sich, das zu lesen. Und es lohnt natürlich auch, die Werte des Grundgesetzes jeden Tag auf’s Neue zu verteidigen. 

Das Grundgesetz als Magazin
© Oliver Wurm

Wie genau packt man 146 Artikel auf 124 Seiten?

Die Struktur ist ja vorgegeben. Und wir haben natürlich weder etwas umgestellt, noch etwas weggelassen. Der vollständige Text, in normaler Punktschrift hintereinander weggedruckt, hätte bei unserem Format vermutlich auf die Hälfte der Seiten gepasst. Insofern gab es einige gestalterische Freiheit. Manchmal hilft da auch Weißraum, um Texte ansprechend zu inszenieren. Die doppelseitigen Fotos vor jedem Kapitel verleihen dem Ganzen zusätzlich eine tolle Metaebene. Sie zeigen "Deutschland von oben" – also: von ganz ganz oben! Es sind Satellitenfotos aus dem All, aufgenommen von dem deutschen Astronauten Alexander Gerst während seiner Mission auf der Raumstation ISS. Ich folge @AstroAlex, wie er sich auf den Social Media Kanälen nennt, seit einigen Wochen. Während unserer Produktionszeit postete er auf seiner Flickr-Seite eine wunderschöne Nacht-Aufnahme von Europa und schrieb zu dem Lichtermeer: "From space it’s pretty clear, that Europe belongs together." Da wusste ich: Wir haben unsere Foto-Ebene gefunden! Toll, dass die Europäische Weltraumorganisation ESA uns die Bilder auf Anfrage zur Verfügung gestellt hat. Sobald Alex Gerst zurück auf der Erde ist, schicken wir ihm einen Stapel Magazine.

Wen wollen Sie mit dem Heft erreichen? Diejenigen, die es lesen sollten, werden vermutlich kaum bereit sein, zehn Euro dafür zu bezahlen.

Ich habe keine Zielgruppe im Auge gehabt, als wir losgelegt haben. Daran hat sich auch nach Drucklegung nichts geändert. Ich bin sowieso kein Freund davon, im Vorhinein Zielgruppen festzulegen – und bin daher selbst sehr gespannt, ob ich mehr Feedback via Snapchat oder in Sütterlinschrift per Brief erhalte. Ich freue mich über jede Leserin und jeden Leser.

Sie produzieren Ihr Magazin ohne einen Verlag im Rücken. Interessiert sich etwa keiner der großen Verlage für das Grundgesetz?

Ich bin sicher, dass sich sogar alle dafür interessieren. Aber ich habe keinen angefragt. Warum sollte ich? 

Herr Wurm, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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