Arno Schneppenheim © Eyenat Photography
Interview mit dem CEO von Banijay Productions

Schneppenheim: Instagram ist ein Geschenk fürs Reality-TV

 

Vor einem Jahr startete Banijay Productions. Im DWDL.de-Interview spricht Geschäftsführer Arno Schneppenheim über die Strategie der Kölner Produktionsfirma, die mit "Temptation Island" und "Survivor" ins Reality-TV vordringt, aber noch mehr vor hat.

von Thomas Lückerath
06.03.2019 - 00:30 Uhr

Herr Schneppenheim, ein Jahr Banijay Productions in Deutschland. Können Sie uns zunächst einmal ein Update geben, wie groß das Unternehmen inzwischen ist?

Wir sind hier inzwischen 45 Leute. Angefangen haben wir Anfang März 2018 mit sechs. Das ist schon irre.

Sie sind verblüfft?

Klar, wenn man so eine Firma neu aufsetzt, macht man ja mal einen Drei-Jahres-Plan und wir hatten in den ersten zwölf Monaten mit etwa der Hälfte des Geschäfts gerechnet, was wir jetzt tatsächlich aus dem Stand generieren konnten.



Was war Ihrer Ansicht nach der ausschlaggebende Faktor für den guten Lauf im ersten Jahr?

Es ist in der Medienbranche eine Zeit des Umbruchs, personell an so vielen Positionen, aber natürlich auch durch den erweiterten Wettbewerb und neue Konkurrenz. Und überall, wo neu gedacht wird, hat man es als junge Firma vielleicht einfacher, weil alte Seilschaften aufgebrochen werden.

Junge Firma ja, aber Sie haben ja nicht bei Null angefangen…

Und darüber bin ich sehr froh. Mit Katrin Heller als Creative Direktorin, Knut Kremling als Herstellungsleiter und Florian Benko als Head of Development konnte ich ein starkes Führungsteam überzeugen, den Weg mitzugehen. Das sind Namen, die bei EndemolShine und anderswo gute Arbeit geleistet haben. Das hat Banijay Productions von Anfang an einen Vertrauensvorschuss gegeben.

Sie sprechen die Formatverkäufe der ersten Monate an?

Das ist die freudige Überraschung: Der Banijay-Katalog, der jahrelang bei Brainpool lag, aber dort wahrscheinlich auch aus Gründen einer anderen DNA nicht umfassend ausgewertet wurde, ist für uns ein ganz großer Trumpf. Meine Annahme war zuvor, dass viele der Ideen dem Markt angeboten wurden, aber nicht passten. Sie wurden aber gar nicht erst in den Markt getragen. Und das konnten wir schnell nachholen.

"Wir werden uns nicht allein auf den Katalog verlassen und alle Freiheiten nutzen."

In welchen Genres will Banijay Production denn aktiv sein?

Ich möchte mit Banijay Productions vier Genres bespielen: Show/Light Entertainment und Comedy, in den beiden Bereichen bin ich zu Hause. Mit der schnellen Bestellung von „Fort Boyard“ durch Sat.1 kamen wir direkt in einen Flow. Für RTL II machen wir die wirklich schräge und sehr lustige Gameshow „Wild Things“ Dazu kommen jetzt Factual und eben Reality. Das habe ich bisher noch nicht gemacht, habe aber sehr große Lust darauf. Mit „Temptation Island“ und „Survivor“ haben wir in den ersten zwölf Monaten zwei der größten Reality-Titel verkauft. Wir waren noch keine neun Monate im Markt und hatten bereits vier Katalog-Titel verkauft. Eine sehr schöne Schwangerschaftszeit.

Die bessere Nutzung des Banijay-Katalogs war ein erklärtes Ziel. Welche Rolle spielen aber Eigenentwicklungen für Banijay?

Wir haben die Sendungen mit den Ehrlich Brothers gemacht, haben „Die Show zur Frau“ mit Katrin Bauerfeind für One produziert und knüpfen mit Ingmar Stadelmann an unsere guten Beziehungen zu Comedy Central an. Neben „CCN“ machen wir auch „Standup 3000“ für die Berliner. Das Live-Programm „Oldschool“ von Özcan Cosar, wird noch im Frühjahr produziert. Und dann arbeiten wir exklusiv mit Bastian Bielendorfer an neuen Ideen. Wir werden uns nicht allein auf den Katalog verlassen und alle Freiheiten nutzen.

Hatten Sie die vorher nicht?

Wir haben niemanden, der uns bremst oder uns erklären will, wie es geht. Die Kollegen aus Paris lassen uns machen. Banijay setzt mehr auf Entreprenuership als der Konzern Endemolshine. Da hilft es natürlich, vom Start weg so viel Formate aus dem Katalog verkauft zu bekommen. Und Marcus (Wolter, Anm. d. Red.) kennt mich jetzt seit so vielen Jahren. Der sagt: Mach, was du für richtig hältst.

Jetzt muss - mit Blick auf den Rückhalt aus Paris - „Temptation Island“ nur auch funktionieren. „Fort Boyard“ lief letztlich ja eher so lala.

Richtig, „Temptation Island“ sollte jetzt klappen. Und „Survivor“ wird dann natürlich auch sehr spannend. Ich hoffe auch, dass wir zeitnah die Musikshow „The Four“ in Deutschland produzieren werden. Daran hatten wir uns die Rechte gesichert.

„Temptation Island“ wurde als Original für TV Now angekündigt, aber läuft nun ja auch linear bei RTL, zum Auftakt auf dem gelernten Reality-Sendeplatz am Mittwochabend. Wann wäre denn „Temptation Island“ ein Erfolg? Wie sehr hängt das an der klassischen Quote?

Die klassische TV Quote bleibt natürlich wichtig. Andererseits hat aber allen voran „Love Island“ gezeigt, dass eine sehr gute Performance abseits des linearen TV ebenfalls gewürdigt wird.

Sie betonten eben die Bedeutung der Eigenentwicklungen und Talente, aber damit kommen Sie doch der jetzigen Schwesterfirma Brainpool in die Quere. Die ist traditionell stark mit Talenten, Banijay Productions sollte sich doch vorrangig um den Katalog kümmern.

Auch, aber nicht nur. Marcus Wolter hat klar gemacht, dass er die beiden Labels Banijay Productions und Brainpool unabhängig laufen lassen will. Özcan und Bastian kenne ich nun mal, wir kommen gut miteinander klar. Menschlich und inhaltlich. Da ist es nur naheliegend, dass wir das machen.

Sprechen wir kurz über Factual, das vierte Genre, in dem Sie aktiv werden wollen. Da gibt es aber noch keine spruchreifen Formate?

Wir hoffen, dass es sehr bald soweit sein wird. Wir haben einen Katalog-Titel für den Kabel Eins-Vorabend pilotiert und einen weiteren Casting-Piloten, in dem Fall eine Eigenentwicklung, für die RTL-Daytime in Arbeit. Ein Daily Format zu etablieren, wäre natürlich wunderbar. Wir werden den Bereich Factual absehbar aber ohnehin noch weiter stärken.

In welchen der vier Genres Show, Comedy, Reality und Factual ist es derzeit am einfachsten Produktionen zu platzieren?

Offen ist der Markt für Reality und Factual, da insbesondere in der Daytime. Interessant ist, dass auch die Plattformen inzwischen nach Reality-Formaten suchen. Im Bereich Show würde ich es momentan recht neutral einschätzen, da hängt es immer von der Idee ab. Bedarf ist eigentlich gegeben, denn genug Sender müssten etablierte Sendeplätze füllen aber man hat gerade in dem Genre große Angst vor einem Flop. Extrem schwer ist gerade Comedy. Neue Comedians zu etablieren, aber auch Flächen für etablierte Köpfe zu finden, ist schwierig geworden. Gerade RTL, die da jahrelang sehr aktiv waren, haben das Feld zuletzt ja weitgehend Sat.1 überlassen. Und bei ProSieben wurde Comedy nach „TV Total“ zwar am Montagabend gepflegt, aber das ist ja deutlich weniger Fläche als all die Jahre zuvor. Jetzt ist Klaas da einmal die Woche mehr oder weniger ein Einzeltäter.

"Wenn man heute für Formate wie 'Temptation Island' castet, dann werden nicht mehr die Hobbys lesen, reiten, schwimmen genannt sondern die aktuellen Follower-Zahlen."

Rechnet sich Comedy am späten Abend nicht mehr so wie früher?

Ich habe ja auch „Ponyhof“ für TNT Comedy gemacht oder „NeoParadise“ damals für ZDFneo. Comedy muss ja kein Vermögen kosten, besonders wenn Du mit Nachwuchs arbeitest. Nehmen wir mal Luke Mockridge. Er war vor vier Jahren ein Newcomer, bekam eine Chance, hat sie genutzt, ist heute einer der Quotenbringer bei Sat.1. Das war doch vorrangig keine Frage des Geldes. Da würde ich mir weniger Zurückhaltung wünschen.

Reality boomt dagegen. Sie haben mit „Temptation Island“ und „Survivor“ auch zwei Formate platziert. Erklären Sie mir doch mal den anhaltenden zweiten Frühling dieses Genres…

Die Antwort könnte sein: Instagram ist passiert. In den letzten drei bis vier Jahren ist die Zahl der Selbstdarsteller in sozialen Medien explodiert. Wenn man heute für Formate wie „Temptation Island“ castet, dann werden nicht mehr die Hobbys lesen, reiten, schwimmen genannt sondern die aktuellen Follower-Zahlen. Immer mehr Menschen stellen sich selbst dar, was für dieses Genre ein Geschenk ist. Und alle die, die bei Instagram anderen folgen, tun das für eine Art von Realität, die das Fernsehen immer schon in diesem Genre dargestellt hat. Das befruchtet sich. Distanzen werden abgebaut.

In der alten Fernseh-Denke gibt es Sendungen mit Otto-Normalos oder Prominenten. Da verschwimmt die Grenze ja nun…

Also für mich sind sie wenigsten Instagrammer Promis (lacht). Aber manche Kandidatin bzw. mancher Kandidat sieht das allerdings schon vor der Produktion einer Sendung anders. Aber egal wie viele zehn- oder hunderttausend Follower sie haben - alle finden das Medium Fernsehen sehr attraktiv als Turbo für das, was sie sich da aufbauen. Was auch immer das sein soll.

"Man kann sich natürlich hin und wieder schon fragen, was für ein Bild manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer vermitteln, gerade bezogen auf das Frauenbild. Aber es sind interessanterweise ja immer noch mehrheitlich die Frauen, die einschalten."

Und als Reaktion auf all die komplexen Serien der letzten Jahre scheint das Reality-Genre die leichte, schnelle Alternative zu sein. Das Currywurst & Pommes unter den Fernsehprogrammen: Man mag es zwischendurch sehr gerne, erzählt aber allen, man hatte Sushi oder Salat.

(lacht) Ja, kann man so sehen. Mancher würde argumentieren, dass Reality manchmal auch ein Stück weit unfreiwillig Comedy ist. Vielleicht macht es das den echten Comedians so schwer. Was ich aber auch interessant finde: In all diesen Formaten gibts einen Swimmingpool oder Strand, sportliche Kandidatinnen und Kandidaten, selten viel Textil am Leib. Sowas hat ja lange nicht funktioniert. Und heute hat das Publikum wieder Spaß dran.

Aber das ausgerechnet in einer Zeit, in der wir gesellschaftlich über zu lange gepflegte Geschlechter-Klischees und Rollenbilder kritisch diskutieren.

Zuerst einmal ist es richtig und wichtig, alte Rollenbilder zu verändern. Dass aus einer Man´s World eine People´s World wird, ist zum Glück unaufhaltsam. Allerdings fühlen sich viele Menschen überfordert mit den Veränderungen, sehen sich vom Umfeld unter Druck gesetzt. Da hilft vielleicht manchem ein wenig Leichtigkeit am Abend, sich zu entspannen. Unsere Aufgabe sollte es sein, die Gleichberechtigung der Teilnehmer an solchen Formaten herauszustellen. Da es am Ende aber Reality bleibt, kann man sich natürlich hin und wieder schon fragen, was für ein Bild manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer vermitteln, gerade bezogen auf das Frauenbild. Aber es sind interessanterweise ja immer noch mehrheitlich die Frauen, die einschalten.

Eine Grundsatzfrage zum Abschluss noch: Ist das non-fiktionale Produktionsgeschäft eigentlich nun ein People Business oder ein Format Business?

(überlegt) Interessante Frage. Also aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus, die ich über viele Jahre bei Brainpool, dann EndemolShine und jetzt Banijay Productions sammeln konnte,  würde ich sagen: Es ist ein Peoples Business. Ich habe jahrelang mit Stefan Raab bei „TV total“ zusammengearbeitet, dann mit Elton und später dann wiederum mit Oliver Pocher. Meine Projekte waren meistens personengetriebene Formate, auch bei Endemol, wo ich nach einem Jahr mit Joko & Klaas zusammenarbeiten konnte, mit denen ich die größten Erfolge gefeiert habe. Jetzt bei Banijay arbeite ich zum ersten Mal tatsächlich mit einem Übergewicht auf der Formatseite. Über die Mechanik eines Formats an Sender zu verkaufen ist eine Herausforderung, die großen Spaß macht, auch wenn sie natürlich etwas Anderes ist, als wenn man über Köpfe anfängt. Eine Herausforderung die mich durchaus reizt  - auch wenn ich es nicht lassen kann, mit Köpfen zu entwickeln (lacht).

Herr Schneppenheim, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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