Markus Breitenecker © Ernst Kainerstorfer
Interview mit dem Österreich-Chef von P7S1

"Wir würden viel mehr in Fiction investieren, wenn…"

 

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Die Forderung, künftig Inhalte und nicht mehr bestimmte Institutionen zu fördern, gibt es schon länger, auch von Ihnen. Wie realistisch ist es denn, dass es das tatsächlich in Österreich geben wird?

Wir haben in Österreich mit Gernot Blümel einen Medienminister, der wirklich innovativ denkt. Der will neue Wege gehen und hat vor einem Jahr gesagt, dass öffentliches Geld für digitalen Wandel zur Verfügung steht. Außerdem lautet seine Parole: Öffentlich-Rechtliche sollen nicht Konkurrenten, sondern Partner der Privaten sein. Das ist ein Paradigmenwechsel. Ich glaube also, dass das umgesetzt werden kann. 

In Deutschland gibt es auch entsprechende Forderungen von ProSiebenSat.1, ernsthaft diskutiert wird das aber nicht.

In Deutschland mahlen die Mühlen in dem Punkt vielleicht etwas langsamer. Umso wichtiger ist, dass unser Deputy CEO Conrad Albert das Thema vorantreibt und wichtige Impulse gibt. Er ist eine echter Vordenker in diesem Bereich.

In Österreich ist ProSiebenSat.1 vergleichsweise gut aufgestellt, wenn es um Info-Inhalte geht. In Deutschland eher nicht. Vielleicht wird die Diskussion daher nicht geführt. Wieso klafft zwischen Deutschland und Österreich bei Ihnen so ein großes Loch?

So einfach kann man den Vergleich nicht ziehen, die Märkte unterscheiden sich. Fakt ist, der Weg, den wir für Österreich gegangen sind, funktioniert hier sehr gut.

"Ich persönlich sage: Man sollte die Gebühren beibehalten."

Ein großer Gamechanger, für viele auch im negativen Sinne, könnte es werden, wenn der ORF künftig keine Rundfunkgebühren mehr erhält, sondern aus dem Staatsbudget finanziert wird. Das wird derzeit intensiv diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Das ist nicht unser Thema. Wir mischen uns nicht ein, wenn es darum geht, wie der Staat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanziert. Ich persönlich sage: Man sollte die Gebühren beibehalten. Aber natürlich sollten und müssen wir über einen sinnvolleren Einsatz der Gebühren für Public-Value-Inhalte statt für Kommerzprogramme diskutieren.

Kommen wir zum klassischen Sendergeschäft. Wie wichtig ist das überhaupt noch? Sie sagten zuletzt, das Quotenrennen wird immer unwichtiger.

Was ich damit gemeint habe, waren die TV-Quoten alleine. Diese wird, alleinstehend betrachtet, etwas unwichtiger während die Gesamtquote, die wir Total Reach nennen, immer wichtiger wird. Derzeit verlieren wir in Österreich noch keine TV-Reichweiten, aber falls das in den jungen Zielgruppen passieren sollte, müssen wir das über die Total Reach, also die digitale Reichweite, kompensieren können. Daran arbeiten wir derzeit sehr intensiv, unter anderem mit Zappn und 7TV.

Wie geht es inhaltlich in Österreich mit Puls 4 und ATV weiter? Ich habe manchmal das Gefühl, dass Sie da oft auf Nummer sicher gehen. Puls 4 macht vor allem viele Shows mit einem Hauch Comedy, hinzu kommt Sport wie die Europa League. ATV hat sich auf Reality spezialisiert. Und sonst?

Also Moment mal! Das kann ich so nicht stehen lassen. Wir haben 2013 mit "2 Minuten 2 Millionen" auf Puls 4 erstmals eine Start-Up-Show in die Primetime geholt, das hatte vorher in Europa niemand. Jeder hat mir damals gesagt, dass das Start-Ups ein Nischenthema sind. Tatsächlich sind wir nicht stark gestartet, vier Prozent Marktanteil waren damals bei Puls 4 nicht der Heuler, aber wir haben daran geglaubt. Mittlerweile ist das Format unsere stärkste Show überhaupt mit zweistelligen Marktanteilen. Oder ganz aktuell: Da haben wir eine mutige Comedyshow gemacht, wo Comedians mit Migrationshintergrund Witze machen, die manchmal an die Grenze des guten Geschmacks gehen. Auch das ist nicht unriskant. Und dann haben wir eine starke Public-Value-Schiene. Vor den Wahlen hatten wir alle Spitzenkandidaten bei uns im Studio und auch das war ein großes Risiko, weil wir immer drei Tage vor dem ORF dran waren. Ob die Politiker da wirklich auch ins Privatfernsehen gehen, in Deutschland tun sie das ja nicht, war unklar. Sie sind gekommen und wir hatten damit einen großen Quotenerfolg. Auch das ganze 4Gamechangers-Projekt war ein Risiko. Und natürlich müssen wir, wie jeder andere TV-Anbieter auch, immer wieder mit Flops umgehen.

"Natürlich würden wir auch gerne 'The Voice of Austria' machen."

Welche Flops haben zuletzt besonders weh getan?

Naja, enttäuscht war ich von unserer Sendung "Im Namen des Volkes", einer Art Richter-Show zu politischen Themen, die hat leider nicht so gut funktioniert.

Was ich mit "auf Nummer sicher" meinte: Bei Puls 4 gab es bis vor wenigen Jahren noch die ein oder anderen Versuche, im Show-Bereich groß aufzuschlagen. Davon ist inzwischen nichts mehr zu sehen.

Das ist ohne Gebühren in einem kleinen Land wie Österreich halt sehr teuer. Das ist eher eine wirtschaftliche Frage. Das würde schon gut ankommen, aber das müssen wir uns erst einmal leisten können. Natürlich würden wir auch gerne "The Voice of Austria" machen.

Wo wir gerade über große Shows sprechen. "Austria's Next Topmodel" pausierte 2018, kehrt das Format in diesem Jahr zurück?

Aufgrund der hohen Nachfrage sowohl seitens Zuseher, als auch Kunden, ist es gut möglich, dass wir "Austria’s next Topmodel" wieder zurück ins TV holen.

Puls 4 hat vor wenigen Wochen gemeinsam mit 13th Street seine erste Krimi-Serie angekündigt. Ist das ein Feld, in das Sie künftig stärker investieren wollen?

Mit "Prost Mortem" steigt Puls 4 jetzt in die Fiction ein. Das ist eine interessante Koproduktion mit NBC Universal und da glauben wir dran. Die Serie wird sehr österreichisch sein. Aber auch das ist klassisches Public Value, wofür die Öffentlich-Rechtlichen viele Gebühren erhalten. Würden wir nur einen Teil der Gebühren bekommen, würden wir viel mehr in Fiction investieren.

Vor ziemlich genau zwei Jahren hat ProSiebenSat.1 PULS 4 den damaligen Konkurrenten ATV übernommen. Wie hat sich der Sender seither entwickelt? Die Quoten sind ja so hoch wie schon lange nicht mehr.

Hier kann ich nur ein großes Lob an meine ATV-Geschäftsführer Bernhard Albrecht und Thomas Gruber aussprechen, die es geschafft haben, den Quoten-Turnaround nachhaltig zu organisieren. Am Anfang gab es ein paar "Quick Wins", inzwischen geht es kontinuierlich bergauf. Das Schöne ist, dass wir 2019 mit einem doppelten historischen Quotenrekord gestartet sind. Sowohl ATV als auch Puls 4 waren noch nie so erfolgreich wie im Januar und Februar des laufenden Jahres. Wir haben uns also nicht kannibalisiert. Und wo die Quoten hoch sind, fließen natürlich auch die Werbegelder. Insofern geht es uns gut mit ATV, der Plan der Integration, der ja sowohl ein technischer, aber auch ein örtlicher sowie ein personeller war, ist weitgehend abgeschlossen.

Was heißt weitgehend?

Technisch und örtlich ist die Integration abgeschlossen. Personell war es intensiv und hart, aber auch das haben wir gut hinbekommen. Von den Kulturen her dauert es immer ein bisschen, bis zwei Unternehmen wirklich zu einem werden. Oft scheitern Fusionen von Unternehmen daran. Dass die Integration so gut wie bei uns funktioniert hat, ist also nicht selbstverständlich. Thomas Gruber und Bernhard Albrecht haben ATV saniert und wieder auf Schiene gebracht.

Sie sagten damals kurz nach der Übernahme, ATV soll nach spätestens drei Jahren schwarze Zahlen schreiben. Bleibt es dabei oder arbeitet ATV schon heute profitabel?

Dieses Ziel werden wir früher erreichen, ATV wird also früher schwarze Zahlen schreiben. Es läuft sehr gut, mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Und wie weit kann es für ATV und Puls 4 noch nach oben gehen?

Was Sie nicht vergessen dürfen: Wir haben mit ATV II noch einen weiteren Sender, bei dem es ebenfalls bergauf geht. Wir schauen uns natürlich die gesamte Österreich-Gruppe an und wollen weiter wachsen. Das ist unser wichtigstes Ziel. Sowohl im Werbemarkt als auch bei den Quoten. 

Herr Breitenecker, vielen Dank für das Gespräch!

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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