Shahak Shapira © ZDF & Moritz Künster
DWDL.de-Interview

Shahak Shapira: "Comedy entsteht durch Scheitern"

 

Bereits seit längerem steht der Comedian Shahak Shapira auf den Bühnen dieses Landes, nun bekommt er mit "Shapira Shapira" ein eigenes TV-Format. Wir haben mit ihm über das Gute am Scheitern, die Geduld des Publikums und das virale Potential der Sendung gesprochen

von Kevin Hennings
09.04.2019 - 16:46 Uhr

Vor knapp einem Jahr wurde der Pilot von "Shapira Shapira" aufgezeichnet. Wie sehr tut es solch einer Show weh, wenn die Gags nicht direkt an die Öffentlichkeit gelangen?

Wer mir lediglich auf Twitter folgt, könnte zu dem Trugschluss kommen, dass ich nur Sachen veröffentliche, die zum Zeitgeschehen passen. Bei meinem Stand-up mache ich aber keine "zeitgemäße Politsatire". Da brauche ich eine gewisse Zeitlosigkeit in meinen Gags. Auch bei "Shapira Shapira" geht es nicht darum, der Erste zu sein, der einen Witz zu einem gewissen Thema raushaut. Es geht darum, den besten Witz zu machen. 

Zwei Jahre lang war die Show in Planung. Hat es Sie gestört, dass es so lange dauerte?

Das hat seine Vor- und Nachteile. Bei den Öffentlich-Rechtlichen dauert es nun mal etwas länger, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Dafür hast du aber auch die Möglichkeit, mehr zu experimentieren. Bei Comedy muss man das, wenn man etwas Neues machen möchte. Sonst hast du einen Sender an der Backe, der dich aufgrund ihrer Erfahrungswerte dazu zwingt, das mainstreamig und beschissen zu machen, damit die Quote stimmt. Dieses Gefühl habe ich bei ZDFneo absolut nicht. Mir wurde die Möglichkeit gegeben, etwas Neues und Interessantes aufzubauen. 

Würden Sie dennoch sagen, dass die deutsche Medienlandschaft zu kompliziert strukturiert ist, um Kreativität schnell fördern zu können?

Ich komme aus der Werbung. In der Branche musste ich mit ansehen, wie Menschen, die keine Ahnung von der Materie haben, meine Ideen langsam in Scheiße verwandelt haben. Von daher ist die aktuelle Lage super für mich, da ich viel mehr Kontrolle über mein Schaffen habe. 

Warum sollte das humorbeschränkte Deutschland ausgerechnet über "Shapira Shapira" lachen?

Ha! "Humorbeschränkt" ist ihr Wort, nicht meins! Ich kann nur hoffen, dass es gut ankommt. Es wird ja auch einen Grund dafür geben, dass sich diese Art des Humors hierzulande bislang nicht etablieren konnte. Vielleicht wollen die Leute ja einfach weiterhin das, was bisher gut ankommt. In "Shapira Shapira" habe ich aber das gemacht, was ich lustig finde. Was mir aber nicht gefällt ist, dass in Deutschland immer sofort erwartet wird, dass eine Sache perfekt ist. Man muss Dingen auch ihren Platz geben, damit sie sich entwickeln können. Die ganzen amerikanischen Shows, die ich mag – sei es "Saturday Night Live", "Key and Peele“, die "Chappelle Show" oder all die Jimmys, die ihre Late-Night-Shows hosten – machen das seit Jahrzehnten. Auch sie haben ihre Zeit gebraucht, um sich entwickeln zu können. Wenn der Zuschauer das nicht zulässt, wird er auch nichts Gutes, Neues mehr bekommen. 

Man muss Dingen auch ihren Platz geben, damit sie sich entwickeln können. Wenn der Zuschauer das nicht zulässt, wird er auch nichts Gutes, Neues mehr bekommen.

ZDFneo wird Ihnen diese Zeit geben? Auch wenn die Quoten anfangs nicht stimmen?

Ach, wen jucken schon Quoten. Wie gesagt, ich halte recht wenig davon, sich vom Publikum kontrollieren zu lassen. Wenn die Leute schon wissen, was sie wollen, wozu bin ich dann gut? Bei unseren Test-Screenings kamen unsere Sachen jedenfalls sehr gut an. Die Stand-Up -Nummern, die ich für die Show fast täglich auf offenen Bühnen teste, kommen auch super an. Also lebe ich entweder in meinem eigenen kleinen Kosmos und der Rest Deutschlands findet es nicht gut, oder es geht positiv aus. Und stell dir mal vor: Du machst eine erste Staffel und alles ist perfekt. Wie soll es dann weitergehen? Vor allem, wenn es um Comedy geht. Comedy entsteht durch Scheitern. Jeder Witz ist so viele Male gescheitert, bis er gut wurde. So entwickelt sich Comedy nunmal. 

Comedians werden also nur dann richtig gut, wenn sie im Leben scheitern?

Ich weiß nicht ob im Leben, aber in der Comedy definitiv. Ich bin mir hundert Prozent sicher, dass es so ist. Alle meine Lieblingscomedians haben 10 bis 20 Jahre dafür gebraucht, um dahinzukommen, wo sie heute sind. Sie hatten den Mut auf offene Bühnen zu gehen und immer wieder zu scheitern. Das tun sie selbst heute noch. 

Kann jeder Mensch lustig sein?

Ja.

Und was kann er dafür tun, um das zu trainieren?

Es sein lassen. Einer der wichtigsten Ratschläge, die ich von Dave Chapelle gehört habe – also nicht persönlich, er hat’s in einem Interview gesagt – ist, dass du auf der Bühne nicht immer lustig sein musst. Du musst aber immer interessant sein. Ich glaube, es ist eher: du musst Dinge auf eine lustige Art erzählen und nicht nur lustig sein wollen. Sonst kannst du nämlich auch Furzgeräusche machen, damit die Leute lachen. Es geht darum, wie du eine Aussage rüberbringst. Spiele keine Figur. Es klingt wie eine Phrase, aber sei einfach du selbst. Das kommt am besten an. 

Wie gehen Sie persönlich bei so etwas vor?

Ich nehme eine Beobachtung aus meinem Leben, beschreibe sie und ziehe daraus eine allgemeine Schlussfolgerung, die auf die Gesellschaft zutrifft. Dann mache ich konkrete Beispiele. So ungefähr kann man sich die Struktur der meisten Dinge vorstellen, die ich auf der Bühne sage. Talent bringt dich außerdem nur an einen gewissen Punkt, ab dann ist Comedy auch schlicht harte Arbeit. 

Sind in Deutschland nicht noch die Comedians am erfolgreichsten, die eine Figur spielen?

Ja. Schade, oder?

Bislang konnte man eher das Gefühl haben, dass Sie Comedy lieber von zu Hause aus machen. Beispielsweise beim Yolocaust. Jetzt verkaufen Sie Gags mit ihrem Gesicht. Warum dieser Schritt?

Für mich ist das gar kein so überraschender Schritt. Ich stand bereits lange vor der Sendung mit meinem Gesicht auf der Bühne, sei es für Lesungen oder Stand-up-Auftritte. Nun steh ich eben im Studio auf der Bühne. Neu ist eigentlich nur das Schauspielern, das ich mir für die Einspieler beibringen lassen musste. Da musste ich mich sehr intensiv rantasten, da ich großen Respekt vor dem Handwerk habe.

Kann das auch auf Comedians übertragen werden?

Absolut. Viele erfolgreiche deutsche Comedians standen nie an einem Open Mic vor einem 20-köpfigen Publikum, das nicht aus ihren Fans besteht. Ich selbst bin auch gut ein Jahr lang lediglich vor Menschen aufgetreten, die explizit dafür bezahlt haben, um mich zu sehen. Eines Tages stand ich dann in Berlin vor 20 Leuten, die mich nicht kannten. Einer war schon eingeschlafen, bevor ich angefangen habe. Das war der Zeitpunkt, wo ich wirklich zum Comedian wurde. 

Warum ist das Fernsehen noch für jemanden cool, der größtenteils im Netz lebt?

Die Sendung ist nicht groß anders als das, was die Leute schon von mir kennen. "Shapira Shapira" ist wie ein Netflix-Special mit Sketchen. Ich werde auch nicht die ganze Zeit in die Kamera schauen, sondern in das Publikum, dass wir für jede Folge versammelt haben. Diejenigen, die sich das im Fernsehen anschauen, können das quasi mitbeobachten. 

"Shapira Shapira" ist wie ein Netflix-Special mit Sketchen.

"Shapira Shapira" gibt’s auch dank des Rundfunkbeitrags. Empfanden Sie diese eigentlich als unnötig, bevor ihre Show damit finanziert wurde?

Überleg mal: Wie viele Dinge sind in Deutschland unnötig? Würde man wirklich da ansetzen? Wissen Sie, was wir alles mit unseren Steuergeldern finanzieren? Wir finanzieren die katholische Kirche – auch diejenigen, die keine Kirchensteuer zahlen. Wir finanzieren die Hartz 4-Beiträge von irgendwelchen Nazis, die Leute wie mich gerne deportieren würden. Das sind halt die Nachteile eines Sozialstaates. Die Vorteile überwiegen, find ich. Ich würde mich also nicht sofort über den Rundfunkbeitrag aufregen.

Sie haben schon das ein oder andere Mal für virale Hits gesorgt. Welches virale Potential bringt "Shapira Shapira" mit sich? 

Der Witzkrieg von Felix Lobrecht und mir ist schon ziemlich gut abgegangen. Über 200.000 YouTube-Klicks in zwei Wochen und das bei knapp 4000 Abonnenten kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Also mal schauen, was da noch geht. 

Welchen anderen Comedy-Kollegen könnten Sie sich als Host einer Show wie dieser vorstellen?

Keinen. Ich reiche völlig.

Warum gibt es ihrer Meinung nach aber nicht mehr Shows, die in die gleiche Kerbe schlagen? Vor einer täglichen Late-Night sträubt sich das Land auch seit längerem. 

Das kann sich jederzeit ändern. Vor ein paar Jahren gab es noch Stefan Raab, unmöglich ist es also nicht. Tatsächlich war auch der Pilot von "Shapira Shapira" zunächst als eine Late-Night konzipiert, was wir dann aber geändert haben. Ich glaube nämlich nicht, dass ich schon soweit bin, Late-Night-Host zu sein. Aber hey, wenn es irgendwann passiert - Alhamdulillah. 

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag von Shahak Shapira aus?

Derzeit stehe ich jeden Tag um sieben Uhr morgens auf und fahre direkt ans Set um Sketche zu drehen. Das geht je nachdem bis 18-21 Uhr. Danach gehe ich ans Open Mic um neue Witze zu testen. Zum Abschluss des Tages fahre ich dann entweder in den Schnitt, um da noch mitzumachen, oder nach Hause um Skripte zu schreiben. Seit Januar kann man sich so meinen Alltag vorstellen. 

Zu all dem Stress kommt wahrscheinlich auch noch die ein oder andere Morddrohung ins Haus, die ihren teils derben Witzen geschuldet sind?

Ach, man gewöhnt sich dran. Es klingt schlimm, aber so ist es. Die Drohungen haben auch abgenommen. Aber klar, es gab eine Zeit, in der meine Mutter Polizeischutz brauchte. Ich musste auch meine Adresse beim Bürgeramt rausnehmen lassen, Telefonnummern wechseln, dies das. Dabei mache ich kaum Witze über politische Sachen. Ich bin nämlich der Meinung, dass Witze über Nazis nichts politisches sind. Nazis sind nicht politisch. 

Über was haben Sie als letztes gelacht?

Über Bill Burr als er in Berlin war. Ich habe seitdem zwar auch über andere Dinge gelacht, aber sein Auftritt war einfach krass gut. Bedingungslose Stand-up-Empfehlung. 

Vielen Dank für das Gespräch!

"Shapira Shapira" läuft ab sofort immer dienstags um 23:15 Uhr bei ZDFneo.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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