Axel Stein © Jens Koch
DWDL.de-Interview

Axel Stein über den Weg aus der Pudelmützen-Schublade

 

Nach "Hausmeister Krause" drohte Axel Stein die ewige Pudelmütze mit Babyspeck. 20 Jahre später und 45 Kilo leichter glänzt er parallel zur Kinokomödie "Die Goldfische" im ZDF-Film "Mein Freund, das Ekel" als seriöser Darsteller. Ein Gespräch über Kindheitsidole, Selbstbefreiung und Dürrephasen

von Jan Freitag
09.05.2019 - 15:00 Uhr

Herr Stein, mit "Hausmeister Krause" hat Ihre Karriere 1999 eher ulkig begonnen und ging auch danach meist komödiantisch weiter. Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass die Branche Ihnen auch ernstere, um nicht zu sagen: seriösere Rollen zutraut?

Das war ein schleichender Prozess. Wer elf Jahre eine Sitcom mit Pudelmütze auf dem Kopf dreht, wird natürlich schon mal in Schubladen gesteckt. Aber ich habe auch zu Beginn meiner Karriere ganz andere Sachen gedreht, um die nur weniger Hype gemacht wurde.

Aber wenn man wahllos auf der Straße fragt, für welche Art Filme Axel Stein so steht, verweisen sicher 100 Prozent all jener, die Sie kennen, auf die Sachen mit dem Hype…

Mag sein. Aber auch, wenn die Branche das wohl differenzierter sieht, ist es absolut okay so. Ich liebe Komödien, weil ich es liebe, zu unterhalten. Der Großteil meiner Filme darf daher auch weiterhin lustig bleiben. Aber wenn man weiterhin in der Pudelmützenschublade steckt, obwohl die Bandbreite längst erweitert ist, wird halt deutlich, dass man‘s nie allen recht machen kann. Muss man ja auch nicht; ich habe mit dem, was ich tue, meine Mitte gefunden und lasse mich da von außen nicht beeinflussen.

Nein?

Nein.

Aber?

Es ist eben so, dass Komödien oft besonders erfolgreich sind, weil sich die Leute damit besser von der Realität ablenken als mit einem Drama. Das lässt sich gerade im Kino einfach schwerer vermarkten als was Lustiges.

Das heißt, Sie waren auch in Ihrer Pudelmützen-Phase stets mit ernsten Stoffen präsent, aber nur nicht so sichtbar damit?

Ja, natürlich. Auch wenn das erst mit zunehmenden Alter mehr wurde.

Mir persönlich ist der ernste Axel Stein als ernster Axel Stein erstmals bei "Pastewka" aufgefallen, als er das Gegenteil der ulkigen Titelfigur war.

Mit Christina do Rego, ich erinnere mich. Das ist auch schon 13 Jahre her und war seinerzeit genauso gewollt, um mich als Gegenteil meines eigenen Klischees zu zeigen. Hat gut funktioniert, finde ich.

So gut, dass Sie jetzt zwar immer noch Komödien spielen, aber mit komplizierterem Rollenprofil wie beim Autist "Rainman" im Kinofilm "Die Goldfische".

Genau, eine enorme Herausforderung – schon weil die Vorbereitung so umfangreich war. Wir haben uns monatelang mit Autismus in all seinen Ausprägungen beschäftigt, um uns über die Figur nie lustig zu machen und Betroffenen auf die Füße zu treten, sondern ernst zu nehmen. Das ist ein sehr schmaler Grat.

Bereiten Sie sich auf all Ihre Rollen so vor, um diesen Grat nicht zu verlassen?

Ich bereite mich in der Tat immer gut vor. Aber um den Rainman so hinzukriegen, wie ich mir das vorstelle, war schon noch etwas mehr als üblich vonnöten.

Ist diese Vorstellungskraft der wichtigste Maßstab Ihrer eigenen Qualitätsansprüche?

Weil ich es am Ende selber umsetzen muss, schon. Andererseits kommt es immer auf den Regisseur oder die Regisseurin an, wie viel Freiraum sie mir als Schauspieler gewähren. Bei Alireza Golofshan war er relativ groß; zumal viel von dem, was letztlich zu sehen ist, improvisiert war.

Das kommt dem Komödianten in Ihnen vermutlich besonders zupass; nichts ist unkomischer als abgelesene Witze!

Weil Improvisation weniger mit Humor als mit Timing zu tun hat, bin ich mir da gar nicht so sicher und halte mich auch generell gern ans Drehbuch, sofern das erforderlich ist. Unabhängig vom Genre kommt es darüber hinaus halt aufs Projekt an. Beim einen ist Improvisation verschwendete Zeit, beim anderen der Wesenskern. Die Kunst des Schauspielens besteht darin, zu wissen, wann was angebracht ist. Und manche Kollegen mögen Improvisation überhaupt nicht, andere blühen dabei förmlich auf.

Zum Beispiel?

Moritz Bleibtreu. Mit dem läuft so was super! Oder Dieter Hallervorden, eines meiner absoluten Kindheitsidole.

Neben dem Sie in der ZDF-Komödie "Mein Freund, das Ekel" allerdings mal wieder nur sich selbst als lustigen Sidekick spielen…

Was heißt nur? Ich spiele da mit einem der besten Schauspieler. Nach einem Buch, das ich sehr gut finde. Unter einem Regisseur, mit dem ich schon etliche Filme gedreht habe.

Wobei Dieter Hallervorden im hohen Alter eine ähnliche Entwicklung von der Ulknudel zum Charakterdarsteller gemacht hat und nun dafür kämpft, dass auch sein Frühwerk Anerkennung findet.

Zu Recht!

Stecken in Ihren Frühwerken bei tieferer Betrachtung auch anspruchsvollere Metaebenen oder waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung?

Größtenteils waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung. Ob ich dafür im Alter größere Anerkennung suche, ist dann vermutlich eine Charakterfrage. Aber es wäre schon auch schön, wenn man sich dann zum Beispiel an mein Regiedebüt "Tape_13" erinnert, einen Horrorfilm, den zwar nur wenige gesehen haben, dem aber die Ehre zuteil wurde, auf der Berlinale zu laufen. Ansonsten lernt man mit jedem Projekt dazu und erweitert den Horizont. Das ist ja das Schöne an diesem Beruf.

Welches Projekt könnte da denn noch fehlen?

Ach, so einige. Ich bin diesbezüglich noch ziemlich hungrig, wage mich grundsätzlich in jedes Casting und drehe deshalb ab nächster Woche in Madrid meinen ersten internationalen Kinofilm, so eine Art spanisches "Ocean‘s Eleven", mit mir als deutschen Hacker.

Sie sprechen Spanisch?

Nee, wir drehen auf Englisch. Und auch das wird mit Sicherheit eine Erfahrung, aus der ich lange schöpfen kann. Schließlich hab ich noch unheimlich viel auf der Agenda und neige dazu, mehrere Sachen gleichzeitig anzupacken.

Neigen Sie angesichts der unsicheren Lage als Schauspieler denn auch dazu, lieber mal ein Projekt mehr anzunehmen als nötig, um für Dürrephasen vorzusorgen?

Kommt drauf an. Wir alle haben schon Filme gemacht, die man im Rückblick betrachtet besser mal gelassen hätte. Das hat allerdings oft eher damit zu tun, als Schauspieler den Einfluss aufs Projekt mit der Vertragsunterschrift abzugeben. Man weiß zwar nie genau, was am Ende rauskommt, aber auch da bleibe ich gelassen.

Sie werden also nicht nervös, wenn mal ein halbes Jahr nichts zu tun ist?

Ja. Obwohl selbst dann nicht untätig herumsitzen und auf Anrufe warten würde. Im Zweifel würde ich mir selber etwas entwickeln. Zurzeit versuche wir grad eine Serie an den Mann zu bringen, über die ich allerdings noch nichts sagen darf. Mir wird gewiss nicht langweilig.

Herr Stein, vielen Dank für das Gespräch.

Das ZDF zeigt "Mein Freund, das Ekel" am Donnerstag um 20:15 Uhr.

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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