Christian Ulmen © Joyn/Anatol Kotte
Christian Ulmen im DWDL.de-Interview

"'Jerks' ist eigentlich die Fortführung der Lindenstraße"

 

"Jerks" war einst die erste Maxdome-Serie, die dritte Staffel ist ab Dienstag Geburtshelfer für Joyn. Christian Ulmen erklärt im DWDL.de-Interview, warum ihm die Quoten überhaupt nicht fehlen, weshalb "Jerks" kein Männerhumor ist und was der "Tatort" mit "Herr der Ringe" gemeinsam hat.

von Alexander Krei
17.06.2019 - 16:38 Uhr

Herr Ulmen, die dritte "Jerks"-Staffel ist gewissermaßen der Geburtshelfer für den 7TV-Nachfolger Joyn. Macht es für Sie einen Unterschied, wo eine Serie läuft?

"Jerks" ist ja die erste deutsche Serie, die für einen Streamingdienst produziert wurde. Ich sage das immer sehr gerne. Auch, dass es Maxdome war. Nicht Netflix, nicht Amazon – sondern Maxdome, ausgerechnet der liebenswerte "Jerk" unter den Streamingdiensten, der kam zuerst mit einem deutschen Original auf die Party. Alle haben geguckt. Später läuft "Jerks" ja immer auch auf ProSieben im Free-TV. Darum kann ich gar nicht so viel über die Unterschiede sagen. Vielleicht ist der sekündliche Druck, die Zuschauer im Laufe einer Episode vom Abschalten abzuhalten, beim Streaming etwas weniger ausgeprägt, weil es hier eine bewusstere Einlassung und keine Zapper gibt. Aber wir müssen mit "Jerks" beiden Sehgewohnheiten gerecht werden.

Vor allem aber dürfte Ihnen beim Streamingdienst die Quote am Tag danach fehlen, oder?

Die fehlt mir nun wirklich nicht. Tatsächlich ist die Arbeit ohne Quote so, wie man sie sich wünscht. Allerdings bedeutet ein Tag ohne Quote auch einen Morgen ohne DWDL. (lacht)

Das macht den Job für uns Medienjournalisten zumindest nicht leichter.

Ach was, auch für Sie ist es doch ganz zauberhaft, Fernsehformate endlich nur über ihr Einfallsreichtum, die Machart oder die Konstellation ihrer Macher beschreiben zu dürfen. Danach sehnen Sie sich doch bestimmt auch. DWDL-Überschriften wie „Lanz schwächelt“ würden fortan essenzieller in ihrer Bedeutung.

Allerdings ist die Quote auch heute noch die Währung im Privatfernsehen.

Ja, aber zu einem nicht unwesentlichen Teil auch deshalb, weil Medienjournalisten sie jeden Tag dazu erklären. In Wirklichkeit ist die Quote, die immer zur Headline erhoben wird, zwar kein unwichtiger, aber eben nur einer von vielen Bestandteilen dieser Währung. Fernsehsender verkaufen ihre Werbeplätze über Bande auch via Format-Umfeld und Image. Denn damit es Formate überhaupt schaffen, nachhaltig Quote zu erzeugen, braucht der Sender erst einmal ein Gesicht, in das der Zuschauer gerne guckt. Das entsteht paradoxerweise am ehesten mit Formaten, die weniger Quote holen und dafür speziell sind. Aber glücklicherweise ist dieses Thema für meinen Arbeitsalltag beinahe irrelevant.

Die Quote beschäftigt Sie wirklich nicht?

Mich beschäftigt eher, warum Sie das so beschäftigt (lacht). Das Thema Quote ist bei mir in dem für Hoffnung zuständigen Bereich meines Gehirns geparkt. Und da gucke ich immer nur kurz vor ProSieben-Ausstrahlung aufgeregt rein. Mit 99% meiner Arbeit hat sie nichts zu tun. Ich versuche, eine gute Serie zu machen und wenn ich damit fertig bin, hoffe ich, dass sie millionenfach geguckt wird. Natürlich mache ich mir dauernd Gedanken darüber, wie wir unsere Episoden bauen, damit sie einen Sog entwickeln und den Zuschauer mitreißen. Aber ich kenne keinen Autoren, der im Schreibprozess an Marktanteile denkt, keinen Kostümbildner, der für die gute Quote näht. Eine hohe Einschaltquote ist die Hoffnung, für viele ein Ansporn, für die wenigsten das Motiv ihrer Arbeit. 

Wie viel steckt in dieser Serie noch drin?

So viel wie einem Menschen mit Anfang Vierzig noch bevorsteht. "Jerks" ist eigentlich, ich sage das in aller Offenheit, die Fortführung der "Lindenstraße": Wir erzählen unsere Geschichten aus der wahren Welt noch über die Dauer einer durchschnittlichen Lebenserwartung. Fahri wird wahrscheinlich etwas älter als ich, weil er sich viel bewegt, lange kaut und beim Stuhlgang nicht presst; also sind das noch gut und gerne 50 Jahre "Jerks".

Eine Freundin hat kürzlich gesagt, "jerks" sei für sie "krasser, derber Männerhumor". Können Sie den Eindruck nachvollziehen?

Überhaupt nicht. Das ist ein gängiges Vorurteil gegenüber unserer an den Menschen gerichteten Familienserie, und es entspringt dem Klischee der zartbesaiteten Frau, die "iiih" ruft, wenn es um Körperausscheidungen geht. Dabei rufe ich viel lauter "iiih". Wirklich: Alle Instagram- und Facebook-Likes unter "Jerks"-bezogenen Postings werden zu 60 Prozent von Frauen gesetzt. Frauen teilen das auch öfter. Und der Zuschaueranteil ist leicht weiblich dominiert. Ich will gar nicht spekulieren, warum das so ist, weil mich die Unterteilung von Geschlechtern nach bestimmten Interessen wahnsinnig langweilt. "Jerks" ist aber nach Faktenlage keine Serie mit "Männerhumor", was auch immer das sein soll.

Wie ist Ihr Humor sozialisiert worden?

Ich bin in einer Gegend aufgewachsen, in der es wichtig war, dass der Rasen gepflegt ist. Jeder Vorgarten war das, was heute die Insta-Story ist: Guckt alle, bei uns läuft’s super, wir haben jetzt einen Rasensprenger und die Geranien blühen so schön wie wir. Solch eine Szenerie ist perfekt für peinliche Momente. Leider war meine Familie so heil wie ihr Vorgarten. Meine Schwester und ich fanden es deshalb witzig, unserer Mutter laut Ehebruch oder Alkoholismus vorzuwerfen, wenn sie zur Gartenpflege im Blumenbeet hockte und die Nachbarn es hören konnten.

In "Jerks" spielen Sie sich selbst, die Serie selbst ist aber ursprünglich eine Adaption. Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein, denn wir haben ja nicht die Figuren adaptiert sondern zu Teilen den Handlungsrahmen. Die Plots sind ja nur Spielräume für Improvisation, und die gelingt in unserem Fall, weil wir uns selbst einbringen. Die erste Staffel war noch dominiert von den Strängen der dänischen Autoren, die wir mit unseren Figuren und Plots verknetet haben. Inzwischen besteht "Jerks" zu 70 Prozent aus ureigenen Geschichten. Visuell waren wir von vorn herein weit weg von der Vorlage.

Wie entsteht das Drehbuch?

Es gibt einen Writers Room, in dem wir zu dritt sitzen und tatsächlich mehr schreiben denn reden. Mein Job ist es dann, aus all dem Material Episodenguides zu machen. Das sind im Grunde Drehbücher ohne Dialoge.

Wie spontan sind diese Dialoge wirklich, wenn man vorher schon miteinander über die Szenen gesprochen hat?

Wir sind nicht die "Schillerstraße". Es geht nicht um den originellsten Einfall, den spontansten Gag. Die Handlung steht vorher fest, die Nöte und Ziele der Figuren auch. Die Improvisation ist bloß unsere Technik, mit der wir Natürlichkeit herstellen wollen. Klar können Schauspieler auch geschriebene Dialoge so sprechen, dass sie wahrhaftig klingen, aber der improvisierte Dialog ist in seinem Klang und Timing nicht vororchestriert herstellbar – das ist ein ganz eigener Sound, der entsteht, wenn Schauspieler die Worte im Moment finden und nicht auswendig gelernt aufsagen. Auch wenn es nur Nuancen sind. Es klingt echter. Und das potenziert das Schamvolle in unseren Szenen; je echter, desto peinlicher. Und natürlich überraschen wir uns gegenseitig, wir müssen voreinander auf der Hut sein, gut zuhören, alles ist möglich - und manchmal driften Szenen in ungeahnte Richtungen und werden am Ende besser als es im Writers Room je hätte erdacht werden können. Deshalb proben wir auch nicht.

Könnte das ein Vorbild für andere Formate sein?

Jedes Format findet seinen eigenen Ansatz. Das hier funktioniert für "Jerks" super. "Herr der Ringe" ließe sich auf die Art eher nicht machen. Aber ehrlich gesagt ist "Jerks" auch aus der Idee entstanden, auszuprobieren, all die Dinge wegzulassen, die mich am Drehen immer genervt haben: Proben, lange Umbaupausen, Text lernen. Wir drehen mit zwei Kameras und fast komplett ohne Licht. Es gibt keine Stichworte, keine Betonungen, die dem Regisseur wichtig sind, keine Markierungen am Boden, die man als Schauspieler zu treffen hat, damit einen das Licht trifft oder das Bild scharf ist. Und es funktioniert trotzdem und oft sogar besser als unter all den Film-Routinen. Es muss nicht alles wie "Jerks" gedreht werden, aber ab und zu mal eine Gewohnheit über Bord werfen oder bloß den Gedanken zulassen, dass ein zufälliger Moment vor laufender Kamera noch toller sein könnte als das, was im Drehbuch steht – das könnte ich mir durchaus auch für andere Produktionen vorstellen.

Als Ausgleich bleibt Ihnen vermutlich der "Tatort", bei dem wahrscheinlich noch die alten Regeln herrschen.

Absolut. Und ich sehe unseren "Tatort" aus Weimar klar in der Tradition von "Herr der Ringe" oder "The Dark Knight Rises" – das geht nun mal nicht ohne einen punktgenauen Plan.

Die dritte Staffel von "Jerks" steht ab dem 18. Juni bei Joyn, dem neuen Streaming-Angebot von ProSiebenSat.1 und Discovery, zum Abruf bereit.

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