Baran bo Odar und Jantja Friese © Netflix
Jantje Friese und Baran bo Odar im Gespräch

"Dark"-Macher: "Ich gehe lieber dorthin, wo es wehtut"

 

Seit eineinhalb Wochen ist nun die zweite Staffel von "Dark" bei Netflix zu sehen - und sie kommt noch düsterer daher als die erste. Die Serienmacher Jantje Friese und Baran bo Odar über die Stimmung am Set und die fehlende Lust auf Komödien.

von Jan Freitag
03.07.2019 - 08:55 Uhr

Frau Friese, Herr Odar, die Atmosphäre der zweiten Staffeln von "Dark" ist sogar noch trübsinniger als in der ersten. Spiegelt sich das eigentlich auch in der Stimmung am Set wieder oder lacht man sich die Dunkelheit dort im Gegenteil sogar weg?

Baran bo Odar: Eher letzteres. Das ist bei mir allerdings fast immer der Fall, weil ich – obwohl ich bislang eigentlich nur so düsteres Zeug gemacht habe – am Set eher ein Clown bin. Andererseits finden wir "Dark" gar nicht so düster wie die meisten.

Ach…

Jantje Friese: Also die Bücher sind schon sehr ernst, sehr dramatisch, mit ganz seltenen humoristischen Akzenten. Aber was Bo meint: Wir empfinden Dinge, die andere womöglich als düster und abschreckend empfinden, oftmals als viel heller und können uns sehr gut über abgründige Themen unterhalten.

Odar: Am Set geht es aber auch deshalb so lustig zu, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler etwas extrem emotional darstellen, was nicht einfach so stattfindet, sondern meistens große Bedeutung hat. Das ist auch ein Grund, warum ich stets bemüht bin, die Leute zwischen den Takes aufzulockern. Am Ende steht das schöne deutsche Wort Schauspieler ja anders als der englische Actor fürs Spielerische; da kann und muss man auch mal was riskieren. Ein Filmset ist da wie ein Sandkasten.

In dem Sie Ihre Adressaten – das Publikum – allerdings über Stunden hinweg um jede Chance bringen, Licht am Horizont zu sehen, also Hoffnung zu schöpfen…

Odar: Und zwar ganz bewusst. Ich glaube nämlich, dass der Zuschauer bei seiner Suche nach Hoffnung umso eher im eigenen Leben fündig wird, je schwieriger sie darin zu finden ist. Ich erinnere mich da an David Finchers "Seven".

Um einen Serienkiller, der die sieben Todsünden inszeniert.

Odar: Dessen Düsternis fand ich so faszinierend, dass ich zweimal hintereinander ins Kino gegangen bin. Nur eben auch wegen eines Hemingway-Zitats am Schluss: Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft. Dieser Hoffnungsschimmer ist uns beiden am Ende wichtig. 

Odar: Es sind schließlich Geheimnisse, die uns kaputt machen, nicht Offenheit. Drogen zum Beispiel: Je geheimnisvoller die behandelt werden, desto verlockender werden sie. Das versuchen wir auch unserer Tochter weiterzugeben.

Friese: Für uns gehört die dunkle Seite fundamental zum Menschen dazu. Wer immer lächelt, ändert ja nichts an den Grausamkeiten der Welt, sondern blendet sie nur aus. Da empfinde ich es als Zuschauerin geradezu als Erlösung, wenn mir die Ambivalenz der Menschheit auch im Film nicht unterschlagen wird.

Das wäre das andere Extrem, jeden Sonntagabend im ZDF. Aufgeweckte Zuschauer suchen allerdings doch auch mal den Mittelweg, von dem zumindest in den ersten drei Folgen der neuen Staffel nicht die geringste Spur zu finden ist. Ändert sich das noch?

Friese: Wenn man sich wie in "Dark" mit dem schicksalhaften Determinismus beschäftigt, steht die Frage im Zentrum, ob man dem ewigen Kreislauf des Leidens wirklich entgehen kann. Die Antwort gibt es womöglich am Ende der dritten Staffel. Wenn Sie so lange durchhalten, gibt es dort vielleicht die gewünschte Erlösung (lacht).

Odar: Und alle tanzen singend in den Sonnenaufgang.

Sind Sie eigentlich auch von Anfang bis Ende am Entstehungsprozess beteiligt oder endet ihre Arbeit am Schreibtisch?

Friese: Anders als in der ersten Staffel war ich diesmal selten am Set. Weil ich es ehrlich gesagt so langweilig finde, dass ich mich schnell deplatziert fühle. Außerdem bleibt bei der Geschwindigkeit, in der wir für die dritte Staffel liefern müssen, kaum Zeit. Keine Ahnung, wie Showrunner, die alles auf ihre Schultern legen, das allein hinkriegen. Vier Schultern sind besser.

Odar: Und wir sind ja auch nicht nur privat ein Paar, sondern arbeiten auch seit 16 Jahren die meiste Zeit zusammen.

Und das klappt?

Odar: Das klappt. Wir haben bei Moviepilot die Liste unserer Lieblingsfilme eingegeben und gemerkt, dass der Match bei nahezu 100 Prozent lag. Zwischen uns herrscht eine so organische Übereinstimmung, dass Jantjes Wortsprache oft von selbst zu meiner Bildsprache passt.

Friese: Trotzdem sprechen wir natürlich, viel sogar. Ich brauche unbedingt sein Feedback. Aber schon, weil wir früher auch vieles gemeinsam geschrieben haben, wissen wir oft auch ohne viel Worte, wo es hingehen soll.

Sind Sie dennoch trotz dieser Bindung quasi Tag und Nacht bei der Arbeit?

Friese: Da kommt man in unserer Konstellation nicht drumherum.

Odar: Keine Chance.

Friese: Wir sind zwar nicht mit uns, aber unseren Projekten verheiratet.

Odar: Und die gehen so nahtlos ineinander über, dass am Ende vom einen bereits die Arbeit am nächsten beginnt.

Puh, klingt anstrengend.

Odar: Ist es auch manchmal und macht bisweilen sehr müde. Aber ich habe es lieber so, als fünf Jahre auf den nächsten Film zu warten. Wir können uns nicht beschweren. Ein Künstler hört nie auf, Kunst zu machen. Meine schlimmste Vorstellung war immer, fünf Tage von nine to five aufs Wochenende hinzuarbeiten.

Friese: Das ist für Außenstehende oft schwer zu verstehen, aber genau das, was wir wollen. Dennoch brauchen wir die Wochenenden gerade äußerst dringend.

Könnten Sie denn nach zehn Jahren im Duett überhaupt noch mit anderen arbeiten?

Odar: Doch, ich habe in den USA einen Film gemacht. Komplett ohne Jantje.

Friese: Verrückt!

Odar: Aber da habe ich schon auch gemerkt, dass ich mit ihr lieber arbeite.

Was ja auch dem Vertrag entspricht, in dem Netflix sie beide vollständig an sich gebunden hat.

Friese: Nur fürs Fernsehen. Wir haben einen exklusiven Serien-Deal mit Netflix. Kinofilme dürften wir auch woanders machen.

Ist denn nach der dritten Staffel definitiv Schluss mit "Dark"?

Odar: Das war von Anfang an der Plan, und er bleibt es auch. Wir wollten nie das Schicksal von "Lost" teilen, das klar ersichtlich auf drei Staffeln ausgelegt war, wegen des Riesenerfolgs aber immer noch weiter und weiter fortgesetzt wurde.

Haben Sie nach all der Tristesse danach denn womöglich das Bedürfnis, etwas Leichtes, womöglich gar Heiteres zu machen?

Friese: Nee, wir sind als Menschen schon heiter genug. Außerdem musste ich beim Versuch, zwei Komödien zu entwickeln, feststellen, dass das nichts für mich ist. Es hat mich in meinem Fach des Dramas zwar ungeheuer weitergebracht, kommt aber nicht organisch aus mir heraus. Ich gehe lieber tiefer dorthin, wo es wehtut.

Odar: Weil ich am Set so viel Quatsch mache, wird mir zwar oft nahegelegt, mal Komödie zu machen. Aber wenn, dann müsste es was richtig bizarr Fieses wie die norwegische Serie "Norsemen" sein, die "Vikings" verarscht.

Friese: Unglaublich witzig, wir haben echt Tränen gelacht.

Odar: Sehen Sie – wir beide.

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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