Ingmar Cario © WDR/Linda Meiers
One-Chef Ingmar Cario im DWDL.de-Interview

"Realistisch bleiben und keine Riesensprünge erwarten"

 

Mit einer Serien-Offensive will Ingmar Cario in diesen Tagen die Aufmerksamkeit auf den ARD-Spartensender One lenken, für den er seit Januar verantwortlich ist. DWDL.de sprach mit ihm über die Neustarts, Eigenproduktionen und die Lücke zur Konkurrenz.

von Alexander Krei
09.09.2019 - 13:02 Uhr

Herr Cario, seit Jahresbeginn tragen Sie die Verantwortung für One. Wenn Sie den Sender mit einem Satz beschreiben müssen, welcher wäre das?

One ist die coole, kleine Schwester der ARD.

Was macht One denn in Ihren Augen so cool? Immerhin zeigen Sie auch "Sturm der Liebe" und die "Lindenstraße".

Natürlich profitieren wir von Wiederholungen aus dem Ersten, ganz besonders vom "Tatort". Cool ist der Sender aber vor allem, weil wir es uns nicht so einfach machen wie andere und ganz bewusst darauf verzichten, jeden Abend Krimis zu zeigen. Stattdessen setzen wir darauf, One mit gezielten Lizenzeinkäufen, aber auch mit Eigenproduktionen ein eigenes Profil zu verschaffen.

In welchem Zustand haben Sie den Sender vorgefunden, als Sie hier angefangen haben?

Als ich zum Sender kam, befand sich One bereits in einem guten Zustand. Die Wende gab es vor drei Jahren, als mein Vorgänger dem Gemischtwarenladen eine klares Profil verpasst hat. Bis dato zeigte One ein breites Angebot von der "Tagesschau" über Dokumentationen bis hin zu Magazinen, Filmen und Konzerten, was es schwierig machte, sich von anderen Angeboten zu unterscheiden. Für die Zuschauer war damals schlicht nicht erkennbar, warum sie den Sender überhaupt einschalten sollten. Inzwischen ist klar, dass One für hochwertige Fiktion und Unterhaltung steht. Mit diesem Versprechen kam der zunehmende Erfolg. Auf diesem Fundament wollen wir aufbauen.

Dennoch klafft zwischen One und anderen Sendern, allen voran ZDFneo, eine große Lücke. Wie weit lässt sich diese Lücke schließen?

Man muss realistisch bleiben und darf keine Riesensprünge erwarten. Dafür haben wir einfach auch nicht die finanziellen Möglichkeiten. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass One mit seiner aktuellen Ausrichtung ein wichtiger Baustein innerhalb der ARD ist und es daher richtig ist, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Natürlich lässt sich ein Programm rein auf Marktanteil trimmen, aber das geht dann eben zulasten des Profils. Daher versuchen wir eine Balance zu halten und bieten beispielsweise ganz gezielt in der Primetime Serien wie "Doctor Who" an, von denen wir wissen, dass sie nicht das ganz breite Publikum ansprechen. 

In diesen Tagen starten Sie eine Offensive mit zahlreichen internationalen Serien in Erstausstrahlung. Inwiefern können Sie diese Schlagzahl über das gesamte Jahr hinweg hochhalten?

Das Grundversprechen, den Zuschauern eine Heimat für Serien zu bieten, werden wir halten können. Die geballte Serienoffensive mit Produktionen wie "Grand Hotel", "Doctor Who", "Private Eyes" oder auch "Agatha Christie‘s Marple" ist für uns wichtig, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Das Alleinstellungsmerkmal ist allerdings, dass wir nicht nur qualitativ hochwertige Serien zeigen, sondern erstmals ein Format ins Leben rufen werden, in dem Serien besprochen werden. In "Seriös" werden sich in Anlehnung an das "Literarische Quartett" ab dem 27. September die Serienmacher Annette Hess und Ralf Husmann zusammen mit den Serienliebhabern Annie Hoffmann und Kurt Krömer monatlich mit aktuellen Produktionen auseinandersetzen. 

Das klingt ein bisschen nerdig.

Ich fand die Idee von Anfang an cool und war nach der Aufzeichnung des Piloten überrascht, wie gut das funktioniert. Die Sendung ist vermutlich nichts für die absoluten Seriencracks, die alles schon rauf- und runtergesehen haben, spricht aber all jene an, die offen sind für neue Stoffe. Angesichts der Serienflut wollen wir ihnen eine gute Orientierung bieten. In meinen Augen passt die Sendung perfekt in unser Profil. Wir haben bei One nicht die Mittel, in der Breite Eigenproduktionen zu machen. Umso wichtiger ist es, dass die Dinge, die wir machen, Akzente setzen. Dafür ist "Seriös" sehr gut geeignet, weil die Sendung perfekt zum Grundsound des Senders passt.

"Wir versuchen inzwischen auch, uns verstärkt an Serienproduktionen zu beteiligen."
Ingmar Cario

Wer soll dem Sender darüber hinaus ein Gesicht geben – abseits der Serien?

Wir sind froh darüber, Katrin Bauerfeind bei uns zu haben. Ihre Show „Bauerfeind – Die Show zur Frau“ passt zu uns, weil sie unkonventionell, frech, lustig und provokativ ist. Und weil ihr der Spagat zwischen Unterhaltung und ernsthaften Themen gelingt. Daher war es nach dem Erfolg der ersten Staffel unstrittig, eine zweite Staffel zu produzieren. Auf der anderen Seite ist gerade die zweite Staffel von "Comedy Cuisine" mit Caroline Frier und Abdelkarim angelaufen, auch wenn in der ersten Staffel noch nicht alles funktioniert hat. Es ist ja ein Mix aus Kochen, Spaß und Spiel – und je nachdem wie man diese Mischung macht, kann es mal besser und mal schlechter klappen. Nun haben wir noch einmal an der Sendung geschraubt und hoffen, dass die Akzeptanz bei den Zuschauern steigt.

Wie viele Eigenproduktionen kann sich One übers Jahr gesehen leisten?

Zwei bis drei eigene Akzente sind jedes Jahr drin. Diese gilt es dann so im Programm zu platzieren, dass sie wahrgenommen werden und nicht verpuffen. Mit Blick auf die Serienoffensive versuchen wir inzwischen aber auch, uns verstärkt an Serienproduktionen zu beteiligen. Das kann nicht in einem überbordenden Maße geschehen, aber zumindest punktuell. So wie beispielsweise beim WDR-Fernsehfilm "Klassentreffen", für den so viel Material entstanden ist, dass wir daraus eine eigene Serie gemacht haben. Für die Zukunft haben wir noch einige Ideen in der Pipeline, die momentan aber noch nicht spruchreif sind.

Im Tagesprogramm setzen Sie auf eine große Bandbreite an Formaten, die "Lindenstraße" und "Sturm der Liebe" habe ich vorhin bereits erwähnt. Daneben läuft auch "Dawson's Creek". Wie passt das zusammen?

Das Tagesprogramm ist für jeden Programmplaner eine große Herausforderung. Auch da versuchen wir inzwischen klarer zu sein als in der Vergangenheit. Bis vor nicht allzu langer Zeit haben wir beispielsweise noch "Alfredissimo" wiederholt, mittlerweile gehen wir auch hier stärker auf fiktionale Programme. Das können Wiederholungen bekannter ARD-Serien sein, auch wenn diese nicht so profilbildend sind. Möglich sind auch gezielt eingekaufte Produktionen von früher, an die sich die Zuschauer gerne erinnern. "Hart aber herzlich" hat gut funktioniert, gerade haben wir "Hot in Cleveland" eingekauft. Es bleibt ein Ausprobieren.

Wie weit kann der Sender in den nächsten Jahren wachsen?

Als wir vor drei oder vier Jahren bei Marktanteilen um 0,3 Prozent lagen, war das für das Team nicht wirklich motivierend. Die 0,8 Prozent, auf die wir uns seitdem steigern konnten, werden wir aller Voraussicht nach auch in diesem Jahr wieder erreichen. Das Ziel sollte es sein, uns zu stabilisieren und Richtung ein Prozent zu entwickeln. Verglichen mit anderen kleinen Sendern ist das sehr ordentlich. Abgesehen von der Quote sind wir ein wichtiger Content-Zulieferer für die ARD-Mediathek.

Sie sind beim WDR nicht nur für One verantwortlich, sondern auch für die Mediathek. Der SWR verzichtet neuerdings zugunsten der ARD-Mediathek auf ein eigenes Angebot. Ist das auch für den WDR denkbar?

Schon jetzt hat der WDR einen eigenen Channel in der ARD-Mediathek. Die Kolleginnen und Kollegen in Mainz arbeiten daran, dass die Funktionalität noch besser wird. Sobald der Stand vergleichbar oder besser ist als der unserer eigenen WDR-Mediathek, bin ich sofort dazu bereit, ausschließlich auf die ARD-Mediathek zu setzen – so wie wir das schon jetzt mit One machen. Es ist eine Frage der Zeit, bis es soweit ist.

Herr Cario, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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