Dennis Schanz, Skylines © Netflix, Daniel Carsenty
DWDL.de-Gespräch

Schanz über "Skylines": "Es ist nicht nur eine Hip-Hop-Serie"

 

Vor dem Start der neuen deutschen Netflix-Serie "Skylines" hat sich DWDL.de mit Showrunner Dennis Schanz getroffen, der für seine Recherche unter anderem beim Musiklabel 385idéal Mäuschen spielte. Im Gespräch erklärt er, warum die Serie mehr als ein Hip-Hop-Projekt ist.

von Kevin Hennings , Berlin
26.09.2019 - 16:01 Uhr

In "Skylines" taucht der Zuschauer in die Hip-Hop-, Immobilien- und Drogenszene Fankfurts ab. Der talentierte Hip-Hop Produzent Jinn (Edin Hasanovic) erhält die Chance seines Lebens, als das legendäre Label Skyline Records ihm ein Angebot macht, das er kaum ausschlagen kann. Doch der Erfolg hat seinen Preis: Während Jinn sich zwischen Karriere, Freundschaft und Familie entscheiden muss, steht auch Skyline Records selbst vor schwierigen Zeiten. Als der Bruder von Kalifa (Murathan Muslu), dem Label-Boss und großen Rapstar, aus dem Exil zurückkehrt und seinen Anteil einfordert, prallen die Welten der Musik, der Finanzen und der organisierten Kriminalität mit voller Wucht aufeinander. Wir haben Showrunner Dennis Schanz in Berlin zum Gespräch getroffen.

Obwohl Hip-Hop in Deutschland so erfolgreich wie noch nie ist, hat das Genre weiterhin einen schweren Stand. Inwiefern wird "Skylines" dieses Image verbessern?

Das war um ehrlich zu sein gar nicht mein Ziel. Ich hatte nie die Intention, auf Krampf die andere Seite zeigen zu müssen. Vielmehr ging es mir darum, Hip-Hop und Gangsterrap über die emotionalen Konflikte zu erzählen und zu präsentieren. Natürlich ist das Ganze auch mit organisierter Kriminalität und einschlägigen Klischees verbunden – das bildet die Serie auch ab. Mir geht es jedoch in erster Linie darum, Geschichten von echten und authentischen Menschen wiederzugeben und nicht nur, dass die Rapper mit ihren Knarren wedeln und Koks ziehen. Auch solche Leute strugglen im Leben und eine der Aufgaben von "Skylines" ist, zu zeigen, dass es auch Menschen in diesem Business mit nachvollziehbaren Problemen gibt. Es gibt also Klischees, aber auch genügend Dinge dahinter. 

Wie hast du innerhalb der Szene recherchiert, um dich auf den Dreh vorbereiten zu können?

Ich bin seit ich denken kann leidenschaftlicher Rap-Fan. Das ist an sich schon mal eine gute Vorbereitung. Außerdem habe ich früher selbst versucht, Musik zu machen und zu rappen. Ein Gefühl für das Genre und das Milieu war also schon immer vorhanden. Richtig eintauchen konnte ich aber dank den Jungs von 385idéal. Wir haben sofort miteinander connected und uns schnell darüber austauschen können, welche Vorstellungen wir haben und welche davon sich mit ihren decken lassen. Dann bin ich einfach mal für ein paar Tage zum Label nach Frankfurt gefahren und habe mir das aus nächster Nähe anschauen können. Mir ging es darum, zu beobachten, wie die Rapper produzieren und wie sie miteinander umgehen. Auf der anderen Seite entwickelte sich die Recherche aber auch recht organisch. Wenn es nämlich darum ging, milieuspezifische Drehlocations zu finden oder mit den Rappern zu arbeiten, haben wir automatisch auch mehr vom Vibe verstanden. Beispielsweise habe ich viel Zeit im Studio mit Azzlack-Rapper Azzi Memo verbracht, der als Ghostwriter alle Parts von Kalifa geschrieben hat. 

Du bist langjähriger Fan und kennst die Natur dieser Musik: Was hat dich bei dieser Innenrecherche am meisten überrascht?

Zum einen Dass da zum Teil richtig viel Geld im Spiel ist. Ansonsten unterscheidet sich das Ganze nicht groß von dem Vibe, den ich damals mit meinen Freunden hatte. Sie hängen genauso zusammen rum, rauchen vielleicht ein bisschen mehr und machen eben Musik auf einem viel höheren Level. Richtig inspirierend war der Manager von 385idéal. Er hat mir die Business-Perspektive näher gebracht und gezeigt, wie solch ein Laden zusammengehalten und Geld gemacht wird. Als Fan wird gerne mal vergessen, dass es nicht nur um Texte schreiben geht, sondern auch um vernünftiges Marketing, damit jene Texte gehört werden. Das zu sehen, war für mich mit das spannendste, da es mir bei "Skylines" absolut wichtig war, zu zeigen, wie Geschäft, Kunst und Privatleben miteinander verwoben sind. 

Welches Gangster-Rap-Klischee hat sich für dich bestätigt?

Mich regen immer diese Leute auf, die sagen, dass nur Faker in der Szene unterwegs sind. Aber ganz ehrlich: Nein. Es gibt sicher Rapper, die mit ihren Texten etwas übertreiben. Für die meisten spiegelt es aber genau die Realität wieder, die sie jeden Tag erleben. Das ist für viele schwer zu verstehen, weil sie nunmal ein anderes Leben leben und eine ganz andere Welt wahrnehmen. Die wenigsten nehmen zur Kenntnis, unter welchen sozialen Umständen die meisten Rapper groß werden und was für sie Alltag bedeutet. Das Glamouröse entwickelt sich passiv dazu, indem die Musik erfolgreich wird. Dann lebt ein Rapper auch in einer dreistöckigen Villa und fährt ein fettes Auto, wenn es läuft. Es war interessant zu sehen, dass dieses Klischee auf jeden Fall stimmt – sie haben es sich aber auch erarbeitet.

Schauspieler tun das Gleiche, werden dabei aber nicht so böse angeschaut.

Gangsterrap ist die hässliche Fratze des Kapitalismus. Da geht es ganz offen und direkt darum, Geld zu machen, Geld auszugeben und das zu zeigen. In seiner Direktheit und Rohheit finde ich persönlich das vollkommen legitim. Es gibt nicht umsonst ein Medium, dass ihnen die Möglichkeit gibt, dies tun zu können. 

Rapper einfach selbst schauspielern zu lassen war bereits bei "4 Blocks" der Fall. Bei "Skylines" wurde diese Herangehensweise noch stärker gelebt. Was verändert sich für dich als Filmemacher, wenn du nicht mehr mit gelernten Schauspielern zusammenarbeitest, sondern mit 'Laien'?

Ich geb' dir ein Beispiel: Wir haben nach einem Hooligan-Typen gesucht, der auch eine ziemlich große Rolle spielt und zehn Drehtage hat. Als das Casting angefangen hat, habe ich mich gefragt, ob wir unter den Schauspielern den passenden Typen finden würden, gerade auch von der Physis her. Dann dachte ich mir: Mein Bruder hat mal in einem meiner Kurzfilme mitgespielt und würde ganz gut passen. Wir haben ihn dann spontan gecastet und alle waren begeistert. Er hat zwar so gut wie keine Schauspielerfahrung, bringt aber genau das mit, was ich mir von dieser Rolle gewünscht habe. Das kannst du nicht lernen, das hast du in bestimmten Fällen einfach. Gleiches Spiel bei "4 Blocks": Da wurde ein Gzuz genommen, der muskulös und voll tätowiert daher kommt. Mach das mal mit einem Schauspieler. Der darf dann erstmal pumpen gehen und muss sich Tattoos aufmalen lassen, die dazu einiges kosten. Mein Punkt ist: Wenn du die Geschichte eines Milieus erzählst, kommst du nicht drumherum, jemanden zu casten, der sich in diesem auch wie zu Hause fühlt. 

"Ich wollte ein gutes, komplexes Drama schaffen, das sich vom alteingesessenen Rap-Image entfernt. Scheiß auf Schlagzeilen."

Wie hat die Rap-Szene reagiert, als du deutlich gemacht hast, dass eine Serie über ihr Leben gedreht werden soll?

Es kommt ganz drauf an, wen du zuerst ansprichst. Nimmst du zu der richtigen Person Kontakt auf, ist das wie ein Dominostein. Dann hört dir auch jeder andere zu. Die ersten beiden, die ich angesprochen habe, waren der Label-Chef von 385idéal und Bazzazian, der mit Haftbefehl zusammen produziert und den ich einfach über LinkedIn connected habe. Mit beiden hatte ich direkt eine Ebene. Das lag bestimmt auch daran, dass ich ihnen sofort ein Konzept geschickt habe und sie dadurch gemerkt haben, dass ich kein Idiot bin, der lediglich auf den Hip-Hop-Zug mit aufspringen möchte. Für "Skylines" war es extrem wichtig, dass die Zwei mitgemacht und ihre Kontakte mobilisiert haben. 

Auf was bist du in "Skylines" besonders stolz?

Ich bin begeistert von der Chemie, die sich zwischen Edin (Hasanovic) und Carol (Schuler) entwickelt hat. Sie harmonieren so gut. Dann gibt es noch ein paar Szenen, die mir besonders viel bedeuten: Immer, wenn Jinn und Semir miteinander sprechen, oder Kalifa und Semir. Wenn ich nur an die Szene auf dem Dach denke, bekomme ich Gänsehaut. Ich bin einfach verdammt froh darüber, dass in "Skylines" eine gewisse Tiefe zu erkennen ist.

"Skylines" ist dein größtes Projekt bis dato. Welche Schlagzeile würdest du gerne zum Release lesen?

Mir ging es immer darum, dass das eine anspruchsvolle Serie wird, die Spaß macht. Es würde mich ärgern, wenn "Skylines" lediglich als die "Hip-Hop-Serie" bezeichnet wird – ich wollte ein gutes, komplexes Drama schaffen, das sich vom alteingesessenen Rap-Image entfernt. Scheiß auf Schlagzeilen.

Dennis Schanz, vielen Dank für das Gespräch!

Die erste Staffel von "Skylines" steht ab dem 27. September bei Netflix zum Abruf bereit.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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