Katharina Eyssen © Nik Konietzny / Netflix
DWDL.de-Gespräch

Eyssen: "'Zeit der Geheimnisse' ist viel zarter als 'Dark'"

 

Mit "Zeit der Geheimnisse" steht ab sofort die nächste deutsche Netflix-Serie zum Streaming zur Verfügung. DWDL.de hat sich mit der Showrunnerin Katharina Eyssen darüber unterhalten, wie viel Weihnachten wirklich drin steckt und wie wichtig starke Frauenrollen werden.

von Kevin Hennings
21.11.2019 - 16:14 Uhr

"Zeit der Geheimnisse" wurde Ende November gestartet -  das liegt deutlich vor dem eigentlichen Fest. Warum diese Entscheidung bei einer Serie, die bei genauerem hinschauen eine Weihnachts-Produktion darstellt?

Netflix gibt seinen Zuschauern gerne Zeit, sich Inhalte in Ruhe anzuschauen, die Teil des Portfolios werden. Gemessen daran, dass viele andere Weihnachts-Shows ebenfalls etwas früher Premiere feiern, stellt "Zeit der Geheimnisse" keine Ausnahme dar. Netflix hat da in den vergangenen Jahren wohl Erfahrungswerte gesammelt, die zeigen, dass das Publikum bereits ab Ende November in die Weihnachtsstimmung einsteigen möchte.

Der Titel lässt vieles vermuten, aber nicht, dass es eine weihnachtliche Geschichte ist. Warum diese Wahl?

Mir war von Anfang an wichtig, dass Weihnachten zwar das Setting darstellt und einen Grund bietet, innerhalb einer Familie zusammenzukommen. Es sollte jedoch nie eine grün-rot-weiß mit Schnee überzogene, zuckerglasierte Erzählung dabei herauskommen, die das Fest in jedem Detail zelebriert. Das wollte ich nicht und das wollte auch niemand bei Netflix. Es geht um den Moment, an dem viele Personen an einen Ort zurückkehren – dementsprechend könnte "Zeit der Geheimnisse" genauso gut an Ostern oder an der Beerdigung der Oma stattfinden.

Woher kam der Gedanke, das Fest der Liebe derart melancholisch zu inszenieren?

Netflix trat an mich heran und wollte ein Programminhalt für die Weihnachtszeit, in dem Frauen eine zentrale Rolle spielen, die im besten Falle mehrere Generationen abdecken. Über diese Inhaltsbitte habe ich meinen Ton übergestülpt und eine Geschichte inszeniert, die ich selbst so sehen wollte. Mir gefallen Erzählungen am besten, die die Gratwanderung zwischen Melancholie und Leichtigkeit gemeistert bekommen. Weihnachtsromantik mit Mistelzweig gibt es in meinen Augen an anderer Stelle zuhauf.

HBO hat 2017 mit "Big Little Lies" gezeigt, wie wichtig eine Serie sein kann, die ausschließlich weibliche Protagonistinnen inne hat. Wieso ist das im Jahr 2019 in Deutschland im Fiction-Bereich immer noch nicht derart angekommen?

Da gibt es sicherlich Menschen, die besser als ich wissen, woran es wirklich liegt. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich lediglich sagen, dass es bis vor kurzem tatsächlich noch sehr schwierig war, solchen Inhalt verkauft zu bekommen. Mir wurde von Produzenten und Verleihern zwar gesagt, dass sie Geschichten mit starken Frauen wollen – am Ende wurden sie mir dann aber komischerweise doch nicht final abgenommen. Dann war es plötzlich wichtiger, dass es wie gewohnt einen männlichen Helden gibt. Engagiert wurden dann doch Leute wie Matthias Schweighöfer oder Til Schweiger, anstatt eine Frau. Ich habe immer den Segen gespürt, dass weibliche Geschichten gesucht werden. Die Konsequenz, am Ende eine Frau auch zu nehmen, wurde jedoch nie eingehalten. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass in den entscheidenden Positionen in den Förderungen oder in den Spitzen der Verleiher Männer saßen, die aus einer anderen Generation stammen – das sage ich komplett ohne Vorwurf, sondern formuliere ich als Frage.

Wann ist "Zeit der Geheimnisse" ein Erfolg für dich?

Im Gespräch mit Netflix habe ich bereits den Eindruck vermittelt bekommen, dass uns zum entscheidenden Zeitpunkt klar gesagt wird, ob die Zahlen am Ende gut oder schlecht sind. Ich habe natürlich nicht den Anspruch, dass "Zeit der Geheimnisse" wie "Dark" oder "Dogs of Berlin" den Mainstream erobern wird. Dafür ist die Geschichte, die wir erzählen, viel zarter. Es wäre ein Irrglaube zu denken, dass wir das nächste Phänomen geschaffen haben.

Inwiefern beißt es sich für eine Showrunnerin eigentlich, eine Serie zu produzieren, die zum Nachdenken anregen, gleichzeitig aber auch unterhaltsam sein soll?

Ich hoffe ja immer, dass es sich eben nicht beißt. Für mich ist eine gute Komödie im Kern immer ein Drama. Größen wie Billy Wilder oder Woody Allen haben schon immer eindrucksvoll bewiesen, was damit gemeint ist und das der Protagonist in einer hervorragenden Komödie im Grunde nichts zu lachen hat. Die Tradition, so auch in deutschen Kinos zu erzählen, hat sich leider nie richtig durchgesetzt. Bei "Zeit der Geheimnisse" wollte ich diesen Balanceakt zwischen Leichtigkeit und Traurigkeit auf jeden Fall schaffen. Ich hoffe natürlich, dass die Zuschauer bestätigen, dass mir das gelungen ist.

Nachdem Serien ihren ersten großen Hype erlebt hatten und viele produziert wurden, die mit zehn oder mehr Folgen aufwarteten, geht der Trend nun Richtung Mini-Serie – ist es schwerer oder einfacher, so zu produzieren?

Ich denke am Anfang gar nicht an den Umfang des Formats, sondern an die Geschichte und an die Figuren. Ich bin froh, mit Netflix einen Partner zu haben, der uns da vollkommene Freiheit gelassen hat und es nicht schlimm fand, dass wir anfangs eine halbe Stunde pro Folge eingeplant hatten, dann eine Stunde pro Folge und es am Ende 40 Minuten pro Folge wurden. Im Schneideraum wird entschieden, wie lange eine Geschichte final erzählt wird.

Warum ist "Zeit der Geheimnisse" als dreiteilige Mini-Serie bei Netflix besser aufgehoben, als TV-Mehrteiler im Öffentlich-Rechtlichen?

Das kann ich nur schwer beantworten, da ich mit "Zeit der Geheimnisse" bei keinem Öffentlich-Rechtlichen Sender war. Ich wollte einen ungewöhnlichen narrativen Weg gehen und da ist mir der Weg, den ich nun eingeschlagen habe, als der beste vorgekommen. Wenn ich nach zehn Minuten plötzlich erzählerisch in die Vergangenheit springen möchte und noch einmal zehn Minuten später plötzlich in die Zukunft, muss ich bei Netflix wenig darüber diskutieren, warum das nun so ist.

Wie sehen Sie den deutschen Serienmarkt derzeit?

Weiterhin klein. Alleine auf Netflix haben wir noch immer deutsche Serien im einstelligen Bereich. Da gibt es auf jeden Fall ordentlich Raum für weitere Produktionen – in jedem Genre, das nicht unbedingt Krimi ist.

Ist es Ihnen wichtig, ob "Zeit der Geheimnisse" beim ausländischen Publikum gut ankommt?

Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man zu dem Lagerfeuer gehen soll, dessen Geschichte einen interessiert. Sollte es so sein, dass die Serie in Deutschland zerrissen wird, wird mir das sicherlich weh tun. Wenn es aber irgendwo anders gesehen wird, habe ich dennoch etwas richtig gemacht. Ich freue mich über einen brasilianischen Fan genauso sehr, wie über einen deutschen.

Frau Eyssen, vielen Dank für das Gespräch!

Die dreiteilige Mini-Serie "Zeit der Geheimnisse" steht ab sofort bei Netflix zum Streaming zur Verfügung.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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