Astrid Quentell © Uwe Vogt
Interview mit Sony-Chefin Astrid Quentell

Wie stark wird sich "Der Lehrer" verändern, Frau Quentell?

 

Astrid Quentell ist seit zehn Jahren Geschäftsführerin der Sony Pictures Film & Fernsehproduktion. Im Interview spricht sie über die Veränderungen bei "Der Lehrer" und "Die Höhle der Löwen" und über Herausforderungen für die Produktionsfirma.

von Timo Niemeier
02.01.2020 - 08:05 Uhr

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Frau Quentell, durch den Ausstieg von Jessica Ginkel bei "Der Lehrer" kommt es zu einem Umbruch in der Serie. Ist so ein Ausstieg eigentlich Fluch oder Segen?

Astrid Quentell: Natürlich tut so ein Ausscheiden erst einmal sehr weh, weil wir eine kompetente und tolle Kollegin verlieren. Das war aber natürlich keine Überraschung, wir haben im Vorfeld viel miteinander geredet. Andererseits ist mein persönliches Motto: Eine Krise ist auch immer eine Chance. Wir können jetzt also etwas Neues probieren. Und ich glaube, dass wir da einen guten Weg gefunden haben.

"Krise ist auch immer eine Chance" heißt aber auch: Krise.

Krise ist ein sehr großes Wort. Wenn man ein bestehendes, sehr gut funktionierendes System hat, entsteht immer eine Lücke, die gefüllt werden muss. Wenn das die Definition einer Krise ist, haben wir das wohl. Aber das ist ein natürlicher Prozess, den wir bei allen Formaten haben. Auch bei "Die Höhle der Löwen" ist hier und da mal jemand ausgestiegen.

Apropos: Nico Rosberg wird neuer Investor bei "Die Höhle der Löwen". Was macht ihn zur perfekten Ergänzung für die Sendung?

Wir freuen uns sehr, dass wir Nico Rosberg für Die Höhle der Löwen gewinnen konnten! Nico ist eine tolle Ergänzung für unser Rudel. Er hat ja nochmal einen komplett anderen Hintergrund als jeder der anderen Löwen und damit sicherlich auch eine andere Investitionsstrategie. Ihm ist Nachhaltigkeit wichtig, aber er ist eben auch vielseitig interessiert - ich bin sicher, wir werden da das ein oder andere Battle um die Gründer sehen.

Zurück zum "Lehrer", wie wird es dort nun weiter gehen? Wird Zsá Zsá Inci Bürkle als Nachfolgerin den Platz von Jessica Ginkel einnehmen und es bleibt beim ständigen Schlagabtausch zwischen dem "Lehrer" und seinem weiblichen Gegenpart?

Zsá Zsá Inci Bürkle spielt Emma und sie ist keine Nachfolgerin von Jessica Ginkel aka Karin Noske. Es gibt eine komplett andere Konstellation. Emma kommt als Referendarin an die Schule, in den vergangenen Staffeln war sie ja schon als Schülerin bei uns zu sehen. Emma ist auch nicht die neue Frau an der Seite von Vollmer. "Der Lehrer" bleibt aber natürlich "Der Lehrer". Wir haben wie gehabt in jeder Folge eine Schülerfall, der den vollen Einsatz von Stefan Vollmer fordert.

Ich glaube, es wird unterschätzt, was für eine Arbeit es ist, eine langlaufende Serie immer am Start zu halten.

Trotz des Verlustes: Was gewinnt die Serie in der neuen Staffel?

Wir gewinnen viele neue Emotionen. Wir machen einen Sprung von fünf Jahren, Stefan Vollmer ist alleinerziehender Vater mit einer sechsjährigen Tochter. Außerdem hat er einen Sohn, der nicht bei ihm aufgewachsen ist. Hier haben wir die Möglichkeit, Familie anders als bislang zu erzählen. Durch den Serientod von Karin Noske geht es auch um Trauer und Trauerbewältigung, das hatten wir so noch nicht.

So sehr werden die Figuren nach einem Sprung von fünf Jahren aber nicht mehr trauern, oder?

Ich denke, das ist wie im echten Leben. Wenn einem Menschen sehr nah ans Herz gewachsen sind, hinterlassen sie immer eine Lücke, die bleibt. Dieses Gefühl und die Auseinandersetzung damit wollten wir gerade in den ersten Folgen abbilden. Die Initialtrauer ist nach fünf Jahren natürlich nicht mehr so intensiv. Aber wir haben auch eine Sechsjährige, die ohne Mutter aufwächst. Auch das können wir gut erzählen.

Deutsche Fiction tut sich bei Privatsendern ja eher schwer. Was macht "Der Lehrer" anders als alle anderen?

Wir haben einen starken Cast und eine Situation, die nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen ist. "Der Lehrer" hat keine krude Prämisse. Es geht um einen Lehrer, der an eine Schule kommt. So einfach ist es, das muss man sagen. Außerdem erzählen wir sehr charakterorientiert, detailverliebt und schnell. Dazu kommt, dass wir häufig überraschende Wendungen haben und ich glaube, es ist uns auch ganz gut gelungen, relevant zu sein. Trotz allem haben wir nie den Humor verloren.

Es gibt so viele ungleiche Ermittlerpaare. Wieso gibt es nicht mehr Lehrer im Fernsehen?

Weil die Thematik unfassbar schwierig ist. Man unterschätzt komplett, dass ein Schülerfall viel schwieriger zu erzählen ist als ein Kriminalfall. Bei einem Krimi gibt es ein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss. Ein Polizist muss alles dafür tun. Bei einem Lehrer stellt sich immer auch die Frage der Übergriffigkeit. Was ist denn ein Problem, in das sich ein Lehrer einmischen soll und darf? Das authentisch und auf Augenhöhe zu erzählen, ist nicht einfach. Da haben wir einfach fantastische Autoren.

"Der Lehrer" hat keine krude Prämisse

Die Geschichte von "Der Lehrer" ist ja eine voller Höhen und Tiefen. 2009 lief die erste Staffel noch als Sitcom, erst vier Jahre später kehrte sie als Dramaserie zurück. Sie sind 2009 zu Sony gekommen. Hat es Sie überrascht, als RTL die Serie plötzlich fortsetzen wollte?

Ich habe hier vor ziemlich genau zehn Jahren angefangen und mein erster Sendertermin war tatsächlich bei RTL zum "Lehrer". Das war in meiner ersten Woche als Sony-Geschäftsführerin, die erste Staffel war da schon ausgestrahlt. Es ging um die Frage, warum wir aus der Serie nicht eine machen, die 40 statt 20 Minuten läuft.

Und dann vergingen die Jahre...

Es war ein sehr langer Prozess. RTL war anfangs etwas zögerlich und wir haben zuerst ja auch die Stunden-Version entwickelt, das dauert auch. Aber wir haben dann die erste Staffel mit 45 minütigen Folgen produziert. Nach der Produktion ist noch einmal eine gewisse Zeit vergangen, weil man sich nicht sicher war, wo man es ausstrahlen soll. Zu Beginn lief es dann ja auch noch nicht so stark, aber wir haben uns kontinuierlich gesteigert und sind sehr froh, dass wir nun schon seit einigen Jahren auf einer sehr stabilen Flughöhe sind.

Hendrik Duryn hat im Mai bei der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises gesagt, "Der Lehrer" sei das "Stiefkind der deutschen Serie". Würden Sie das unterschreiben?

(lacht) Ich verstehe ihn da sehr gut und empfinde ihm gegenüber eine große Dankbarkeit, dass er in den schwierigen Jahren der Entwicklung an meiner Seite geblieben ist, obwohl nicht abzusehen war, ob wir wirklich den Erfolg haben würden, den wir heute haben. Er hat mir da vertraut und ich bin sehr froh darüber. Er hatte während dieser Zeit auch andere Anfragen, die er aber nicht angenommen hat. Im Rückblick würde ich sagen: Ja, es war ein schwieriger und holpriger Start, aber ich glaube am Ende hat sich die Mühe gelohnt.

Vor rund einem Jahr haben Sie im DWDL.de-Produzentengipfel beklagt, dass Serien wie "Der Lehrer" viel weniger Aufmerksamkeit erhalten und auch weniger oft mit Preisen bedacht werden als andere. Zuletzt haben Sie den Bayerischen Fernsehpreis erhalten. Ändert das Ihre Meinung?

Ich war regelrecht geschockt, als mich das Staatsministerium angerufen hat und mir gesagt hat, dass ich den Preis bekomme. Ich habe mich riesig darüber gefreut, vor allem auch für das Team. In der Tat erhalten langlaufende Serien weniger Aufmerksamkeit im Feuilleton und werden auch nicht so häufig mit Preisen bedacht. Es wird eher auf Einzelstücke oder auf "fancy" Serien geschaut, das ist schade. Ich glaube, es wird unterschätzt, was für eine Arbeit es ist, eine langlaufende Serie immer am Start zu halten. Da will ich explizit auch die Serien bei den Öffentlich-Rechtlichen erwähnen. Nicht nur im Vorabend, sondern auch in der Primetime.

Auf Seite zwei spricht Astrid Quentell über ihr Zehnjähriges bei Sony, Herausforderungen für das Unternehmen, das Potenzial von Gründershows und das mögliche Duell zwischen "Höhle der Löwen" und "Masked Singer" in 2020.  

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