Neil deGrasse Tyson © National Geographic
DWDL.de-Gespräch mit Neil deGrasse Tyson

"Wie konnte Nero Fidel spielen, während Rom brannte?"

 

An diesem Wochenende läuft die zweite Staffel von "Unser Kosmos" bei National Geographic an. DWDL.de sprach mit dem Astrophysiker und Moderator Neil deGrasse Tyson über Wissenschaft für die Masse und die Situation, sich ganz klein zu fühlen.

von Kevin Hennings , Paris
14.03.2020 - 15:01 Uhr

Sie versuchen der Welt nicht zum ersten Mal zu erklären, wie das Universum funktioniert. Welches ist da frustrierendste, generelle Missverständnis, dass Sie immer wieder aufklären müssen?

Ich denke nicht auf diese Weise darüber. Diese Aussage würde implizieren, dass ich mit den Menschen, mit denen ich über das Thema spreche, kämpfe, um sie von der richtigen Sichtweise zu überzeugen. Ich möchte dir lediglich neue Möglichkeiten aufzeigen, über die du nachdenken kannst, damit du dich selbst davon überzeugen kannst, welche Argumente für dich schlüssig sind. Mein Ziel ist es, dich zu motivieren und dass du authentisch über die Welt denkst. Um das zu erreichen, muss ich nicht deine Glaubenssätze bekämpfen. Ich statte dich mit dem Equipment aus, dass du am Ende selber benutzen musst.

Und wie erfolgreich verfahren Sie mit dieser Methode?

In der modernen Psychologie ist begründet, dass ein Mensch, der gesagt bekommt, dass seine Glaubenssätze falsch sind, seine Standbeine nur noch tiefer in den Boden rammt. Das ist für mich also logischerweise die falsche Methode.

Warum gehen Sie davon aus, dass Sie mit "Unser Kosmos" nicht nur Menschen erreichen, die sowieso schon Interesse am Thema zeigen?

Wir alle waren mal Kinder. In dieser Phase unseres Lebens haben wir den Höhepunkt unserer Neugier erreicht. Alles war interessant. Jeder einzelne Stein, auf dem Weg zum Kindergarten und jede Bewegung, die deine Mutter vor dir ausgeführt hat. Diese Neugier sinkt zwar mit dem Alter, ist aber nie ausgestorben. Ich möchte diese Neugier, die jeder Mensch in sich hat, rauskitzeln und dafür sorgen, dass sie im Alltag wieder mehr gefördert wird. Wir alle sollten viel mehr zulassen, neugierig zu sein. Denn das Kind in einem darf nie aussterben und der Erwachsene in uns sollte niemals glauben, dass die Erde eine Scheibe ist.

Wollen Sie mit "Unser Kosmos" die Perspektive auf unser Universum ändern, oder vor allem die grundsätzlichen Dinge erklären? In der dritten Staffel gehen Sie teilweise sehr spielerisch an das Thema heran, weshalb ersteres vermuten lässt.

Ich persönlich würde keine TV-Show sehen wollen, die sich wie ein Dozent vor mir aufbäumt und mir Dinge lehren möchte. Ich würde auch keine Predigt sehen wollen. Wenn du etwas zu vermitteln hast, sollte diese Message nahtlos in den Lernprozess integriert werden. Ich möchte, dass du die bei mir gewonnenen Informationen nimmst und ein besserer Hirte dieser Gesellschaft wirst, in der wir leben. Und ja, mir ist es extrem wichtig, dass diese Informationen spielerisch vermittelt werden. Niemand von uns mag bittere Medizin, auch wenn wir insgeheim wissen, dass sie gut für uns ist. Um die Medizin süßer schmecken zu lassen, haben wir Ann (Druyan, die Witwe des verstorbenen Carl Sagan, Anm. d. Red.) im Team. Sie fühlt das Universum und weiß daher wie keine zweite Person, wie man es in Worte fasst.

In der neuesten Staffel dokumentiert "Unser Kosmos" nicht nur, sondern zeigt oft auch Gedankenspiele auf. Inwiefern passt es also, dass die Serie im Genre "Dokumentation" festgehalten wird?

Für mich ist "Unser Kosmos" auch etwas anderes. Ich kann dir nur nicht erklären, was genau. In der dreizehnten Folge präsentieren wir sogar eine Vorstellung unserer Zukunft. In meinen Augen, ist es wichtig, das zu tun. Wir haben das Werkzeug namens Wissenschaft und verknüpfen diese viel zu selten mit der Fantasie, die wir ebenfalls größtenteils im Kindesalter begraben.

Wenn Sie "Unser Kosmos" auf eine Aussage herunterbrechen müssten. Wie würde diese lauten?

Sie würde lauten: Wissenschaft ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Menschheit zu bereichern. Sie sollte jedoch nicht dafür genutzt werden, um das Ökosystem, in dem wir leben, zu vernichten.

Sie scheinen mit der aktuellen Lage nicht zufrieden zu sein.

Wir leben in einer Zeit, in der sich gefühlt jeder das nimmt, was er möchte, ohne an die Konsequenzen zu denken. Niemand scheint zu durchdenken, dass ein gewisses Handeln irgendwann zurückschlagen kann. Wie ich es vorhin schon erwähnt habe: Wir alle sind Hirten dieser Gesellschaft. Demnach sind wir alle dafür verantwortlich, dass es uns gut geht. Der einfache Weg, die Verantwortung von sich zu stoßen, ist nicht der Richtige. Vor allem möchte niemand von uns einfach nur überleben, sondern gedeihen. Das funktioniert nur, wenn wir zusammen an einem Strang ziehen und aufhören, nur an uns selbst zu denken.

Was hat Sie persönlich während der Produktion der neuen Staffel überrascht?

Wir beschäftigen uns unter anderem mit Quantenphysik und gehen ganz tief in ein Atom rein. Dann haben wir eine Folge, in der wir uns vor allem mit Bienen beschäftigen. Alienartige Wesen, die ganz anders kommunizieren, als wir es tun, wenn man mal darüber nachdenkt. Ich werde immer wieder davon überrascht, dass jede einzelne Sache eine unfassbare Tiefe mit sich bringen kann, wenn man mit einer gewissen Neugier an sie herangeht. Es gibt da ein schönes Sprichwort, dass ich bestimmt nicht richtig wiedergeben kann: Du musst auf Reisen gehen, damit du zu Hause erkennst, was du überhaupt daran hast. Das ist passiert, als wir zum ersten Mal auf den Mond geflogen sind. Buzz Aldrin und Neil Armstrong standen da oben, haben sich umgedreht und waren fasziniert von dem, was sie gesehen haben: die Erde. Wir sind auf den Mond geflogen, um den Mond zu erkunden, doch haben die Erde so zum ersten Mal entdeckt.

Inwiefern kann so viel Wissen, wie wir es heute über die Welt und das Universum haben, gefährlich für die Zukunft werden?

Ich bin in Besitz eines alten Briefs von Orville Wright auf dem Jahr 1913. Er und sein Bruder Wilbur Wright haben den ersten kontrollierten Flug durchgeführt. In dem Brief steht, dass er befürchtet, dass Flugzeuge irgendwann für Kriege genutzt werden. Er hat aber auch geschrieben, dass er glaubt, dass die Erfindung keinen Schaden anrichten wird, wenn sie von den richtigen Personen genutzt wird. So verhält es sich immer mit Wissen und neuen Erfindungen: Der Mensch entscheidet, in welche Richtung es geht. Die Geschichte sollte uns gelehrt haben, dass es nicht immer in die Richtige geht. Deswegen bin ich so fasziniert von alten Zivilisationen: Wie konnte Nero Fidel spielen, während Rom brannte? Heute verstehen wir es. Heute brennt alles um uns herum, während wir Unterhaltung suchen.

Wie gehen Sie damit um, in die Fußstapfen von Carl Sagan getreten zu sein, der "Unser Kosmos" 1980 einst erfand?

Ich habe mir noch nie vorgenommen, in seine Fußstapfen zu treten. Dabei wäre ich gnadenlos gescheitert. Ich kann jedoch ganz einfach in meinen eigenen Schuhen schlüpfen, da mir diese einfach am besten passen. Wenn ich in meiner Performance also kritisiert werde, ist das absolut in Ordnung. Denn meine Art der Präsentation wird kritisiert und nicht die Kopie von Carl Sagan. Außerdem muss ich einfach damit leben, dass Carl "Billions" viel schöner ausgesprochen hat, als ich es jemals können werde. Dafür gibt’s mehr Memes von mir.

Welche wissenschaftlichen Durchbrüche erwarten Sie für die nahe Zukunft?

Es wird von diversen Gruppen intensiv daran gearbeitet, auf den Mars zu kommen. Die Menschheit wird also in nicht allzu langer Zeit extrem viele Informationen über den Mars sammeln. Außerdem bin ich mir recht sicher, dass wir bis zu meinem Lebensende herausfinden werden, ob es in unserem Sonnensystem weitere Organismen gibt. Es gibt nämlich eine handvoll Orte, wo wir Leben finden könnten: Auf dem erwähnten Mars, oder auch auf Europa, einem Mond von Jupiter. Dort liegt ein Meer, begraben von einer dicken Eisschicht. Darunter fließt Wasser, wie wir es kennen, seit Milliarden von Jahren. Wenn wir da Leben finden, müssen wir die Wesen wohl Europäer nennen (lacht).

Was machen Sie, wenn Sie über das Universum nachdenken und sich extrem klein fühlen?

Ich habe mich noch nie klein gefühlt. Du fühlst dich nur klein, wenn du in den Raum kommst und glaubst, dass du groß bist. Ich fühle mich also weder klein, noch groß, da es keiner Größenskala bedarf. Mit diesem Wissen schaue ich in den Himmel und sehe all die Atome, die ich auch in meinem Körper trage. Deswegen bin ich nichts Besonderes dafür, anders zu sein. Ich bin etwas Besonderes, weil ich gleich bin. Wenn ich mir also all die Moleküle anschaue, die durch das Universum rasen, und das die Moleküle sind, die in mir existieren – dann muss ich mir wirklich keine Gedanken darüber machen, dass ich klein bin.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die zweite Staffel von "Unser Kosmos: Die Reise geht weiter" ist ab Sonntag, dem 15. März wöchentlich um 20:10 Uhr auf National Geographic zu sehen. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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