Alex Pina © Netflix
DWDL.de-Gespräch zur vierten Staffel

Álex Pina über "Haus des Geldes": "Serientode fordern mich"

 

Als Serienschöpfer steht Álex Pina hinter einer der erfolgreichsten Serien, die derzeit auf Netflix zu sehen sind. Im Gespräch verrät er, ob er das Finale bereits vor Augen hat und wieso er nicht überrascht ist, dass seinen Verbrechern Sympathien entgegengebracht werden.

von Kevin Hennings
04.04.2020 - 15:00 Uhr

Herr Pina, was überwiegt mehr: Die Enttäuschung darüber, die Premiere des vierten Parts von "Haus des Geldes" lediglich von zu Hause aus feiern zu können, oder die Freude, dass nun mehr Menschen vor dem Fernseher sitzen?

Natürlich war ich im ersten Moment darüber enttäuscht, dass wir die Premiere nach all dieser harten Arbeit nicht zusammen zelebrieren können, auch die persönlichen Press Junkets lagen mir am Herzen. Die Situation wurde jedoch schnell schlimmer und die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitmenschen steht immer im Vordergrund. Mein Herz blutet, wenn ich sehe, wie hart Spanien von dieser Krise getroffen wurde. Aber weißt du, deshalb schwingt tatsächlich auch eine gewisse Freude mit. Freude darüber, dass wir unseren Zuschauern, die größtenteils zu Hause festsitzen, in diesen schweren Zeiten hoffentlich eine gewisse Stütze und Ablenkung sein können und dass sie durch unsere Geschichte sogar möglicherweise etwas Hoffnung gewinnen, dass alles wieder gut wird.

Die Serie war ursprünglich auf zwei Staffeln ausgelegt, bis Netflix zu verstehen gab, dass sie gerne weiter machen würden. Denken Sie mittlerweile von Staffel zu Staffel oder haben Sie ein Endgame im Kopf?

Es ist ein kruder Mix. Auf der einen Seite wissen wir vor jedem Part genau, wo wir hinwollen. Wir arbeiten sozusagen alles von hinten nach vorne auf: Nachdem wir uns dazu entschieden haben, was im Finale passieren soll, suchen wir den besten Weg, der dorthin möglich ist. Serienübergreifend kann man unsere Arbeit so verstehen: Wir haben einen inneren Kompass, der uns stets die richtige Richtung anzeigt. Wir laufen dann los und kümmern uns immer um die Hürde, die sich vor uns aufbäumt. 

Das ursprünglich geplante Serienende war mit der zweiten Staffel äußerst versöhnlich und positiv. Schielen Sie immer noch auf ein derartiges Finale?

Als ich genauer darüber nachdachte, was da passiert ist, war es schon absurd. Wir durften sehen, wie unser eigentlich geplantes Finale bei den Zuschauern ankommt und ob es ein gutes gewesen wäre. Auf der anderen Seite kann man nun natürlich nicht mehr eins zu eins das Gleiche in einer späteren Staffel noch einmal machen. Das würde unser aller Ansprüche nicht gerecht werden. Um es kurzzumachen: Das endgültige Finale steht noch nicht. Das liegt schlicht auch daran, dass wir mit dem dritten Part neue Charaktere eingeführt und die gesamte Dynamik ein Stück weit verändert haben. Wir durchlaufen einen Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Ich kann jedoch sagen, dass wir mit der Serienfortsetzung noch mehr gelernt haben und dass wir optimistisch sind, unsere Qualität beizubehalten. Ich persönlich finde, dass wir bereits mit Part 3 gezeigt haben, dass die Entscheidung über eine Fortsetzung die Richtige war. 

"Haus des Geldes" wurde ursprünglich bei Antena 3 ausgestrahlt, was nicht für direkte Berühmtheit gesorgt hat. Tatsächlich wurde die Serie in Spanien erst dann ein Hit, als sie zu Netflix gekommen ist. Den Rest der Welt brauchen wir wohl nicht zu erwähnen. Was glauben Sie, wie das möglich ist? 

Das klingt unglaubwürdig, aber wir hatten anfangs nicht abgesehen, dass die Serie internationalen Zuspruch finden würde. Wir wollten "Haus des Geldes" in erster Linie auf eine Streamingplattform bringen, damit die Folgen leicht online abgerufen werden können. Dass wir das spanische Fernsehen plötzlich in die meisten internationalen Wohnzimmer bringen, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Innerhalb weniger Wochen nach dem Release auf Netflix wurden mir immer mehr Bilder von Menschen auf der ganzen Welt geschickt, die mit Dalí-Masken herumlaufen - es hat sich so surreal wie in einem Sci-Fi-Film angefühlt. Das tut es immer noch. Wir haben die Serie mit keiner Erfolgsformel konzipiert, sondern nach unseren eigenen Wünschen. Schön, dass so viele Menschen Spaß daran haben. 

"Game of Thrones" hat vor neun Jahren eine Welle der Entrüstung ausgelöst, als dort gezeigt wurde, auf welche Weise man noch mit Hauptcharakteren umgehen kann. In "Haus des Geldes" gibt es ähnliche Momente. Wie entscheiden Sie, welcher Protagonist leben darf und welcher auf dramatische Weise gehen muss?

Das ist ein spannendes Thema, dem ich viel Zeit zugewendet habe. Erst einmal muss gesagt werden, dass sich seit der ersten Staffel von "Game of Thrones" einiges verändert hat. Das Publikum war zum Ende dieser grandiosen Serie nicht mehr überrascht, wenn ein Hauptcharakter plötzlich verstorben ist. In dieser Hinsicht wie so in vielen anderen, wird man schnell abgestumpft. Für mich als Autoren bedeutet ein potenzieller Serientod die Erwägung aller Möglichkeiten. Ich muss alle Konsequenzen durchdenken und mir auch vor Augen halten, was mit seinem oder ihrem Tod passieren kann - etwas, das nicht passieren kann, wenn die Figur noch am Leben wäre. Es fordert mich und meine Mitautoren also extrem und kitzelt Ideen heraus, die sonst möglicherweise verborgen geblieben wären. In erster Linie möchten wir mit unseren Entscheidungen Emotionen im Zuschauer auslösen. Ein guter Gradmesser ist immer unsere eigene Erschrockenheit über gewisse Ideen (lacht).

Sie erzählen zudem eine Geschichte über Bankräuber. Da ist ein plötzlicher Tod nicht immer ganz überraschend…

Richtig. Umso schöner, dass wir es bisher trotzdem geschafft haben, zu schockieren. Bei Berlin haben wir außerdem festgestellt, wie effektiv Rückblenden in diesem Zusammenhang wirken können. Ein Stilmittel, das man auch in der vierten Staffel zu sehen bekommt.

"Für mich als Autoren bedeutet ein potenzieller Serientod die Erwägung aller Möglichkeiten." 

Apropos Berlin: Er ist im Grunde ein ziemliches Arschloch, allen voran kriminell. Ebenso wie die Anderen. War für Sie absehbar, dass ihre Figuren vom Publikum derart sympathisch aufgenommen werden?

Das würde ich gerne am Beispiel von Berlin erklären. Obwohl er einige schwierige Entscheidungen getroffen hat, die den meisten, inklusive mir, persönlich nicht gefallen haben, stand er stets zu diesen. Er ist eine autoritäre Figur, die in gewisser Weise immer ehrlich war. Hinzukommt, dass der Zuschauer zwangsläufig Mitleid mit ihm entwickelt, da er offenkundig bald sterben wird. Zum Ende hin opfert er sich sogar für sein Team. Geraden wegen der Bosheit, die er vor allem anfangs ausstrahlt und seiner Entwicklung hin zum Ende, haben die Leute ein durchaus positives Bild von ihm. 

Welches Serienende mögen Sie besonders? Nur um zu überprüfen, dass Sie in dieser Hinsicht wirklich einen guten Geschmack haben. 

Da muss ich zwei nennen. Zum einen hat mich das Finale von "Breaking Bad" sehr mitgenommen. In seiner Entschlossenheit und Härte ist es beinahe beispiellos. Dabei hat Vince Gilligan nicht vergessen, eine bleibende Message in die letzten Szenen zu legen. Auf diesem Level hat das sonst noch "The Wire" geschafft. 

Mr. Pina, vielen Dank für das Gespräch!

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