Frank Elstner © imago images / Future Image
Frank Elstner im DWDL.de-Interview

Elstner: "Joko und Klaas kann ich nicht das Wasser reichen"

 

Auch mit 78 kann Frank Elstner vom Fernsehen nicht lassen. Heute wandern seine Internet-Gespräche "Wetten, dass war’s..?" von Youtube zu Netflix. Was er jungen Kollegen rät, was ihn heute im Fernsehen stört und was er noch im Köcher hat, erzählt er im DWDL.de-Interview.

von Jan Freitag
12.06.2020 - 08:13 Uhr

Frank Elstner: Herr Freitag, haben wir nicht mal zusammen am selben Tisch einer Veranstaltung gesessen?

Das ist aber schon Jahre her. War das beim ZDF?

Ich glaube, Sat.1. Sie sehen, mein Gedächtnis ist noch immer voll intakt.

Und Ihr Gesprächseinstieg passt auch noch perfekt zum geplanten Gesprächseinstieg. Auch in der Netflix-Reihe "Wetten, das war’s…?" wollen Sie von Klaas Heufer-Umlauf wissen, was er Sie fragen möchte. Wer führt in der Sendung eigentlich das Interview?

Niemand, weil es der Begriff "Interview" ohnehin nicht ganz trifft. Ich führe eher Gespräche.

Auch bei Youtube entstand allerdings oft der Eindruck, es seien Wohlfühlgespräche.

Wenn Sie es darauf beziehen, dass sich die Gäste bei mir wohlfühlen, stimme ich voll zu, das ist als Gastgeber tatsächlich mein erstes Ziel. Aber Wohlfühlen bedeutet nicht, keine ernsten Fragen zu stellen. Für mich ist nur völlig offen, zu welchem Zeitpunkt diese Ressource im Gespräch angezapft wird. Auch, weil die Leute wissen, dass ich sie nicht gleich zu Beginn in die Pfanne haue, kommen sie gern zu mir. Ich will schließlich nicht damit glänzen, möglichst freche Fragen zu stellen. Es ist ein Herantasten.

Gibt es Gesprächsstrategien, gar bestimmte Fragen, mit denen dieses Herantasten gut funktioniert?

Nein, und es hat sich im Laufe meiner vielen Gespräche auch erwiesen, dass ich nur sehr selten mal die Frage als erstes stelle, die ich mir dafür ausgedacht hatte. Oft fällt mir da irgendetwas völlig anderes, meist eher persönliches ein – ob die Person noch was zu trinken braucht, wie die Anreise war, solche Sachen. Weil das sehr spontan abläuft, hoffe ich, dass meine Gespräche diese Natürlichkeit auch spürbar machen.

Zugleich gibt es im Netflix-Ableger der Gespräche Situationen wie jene mit Lena Meyer-Landrut, die bei der Erinnerung an ein gemeinsames Interview vorm ESC-Gewinn zu weinen beginnt, woraufhin Sie sagen, "dann müssen wir ganz schnell wieder anfangen zu lachen". Das klingt ein wenig nach Konfliktvermeidung.

Ist aber etwas völlig anderes, weil ich es peinlich finde, wenn ein alter Mann wie ich eine junge Frau vor laufender Kamera weinen lässt.

Das heißt, in jüngeren Jahren wären Sie mit einer ähnlichen Situation konfrontativer umgegangen?

Nein, denn auch damals war ich nicht bei der Yellow Press, die Menschen gern emotional in die Enge treibt. Ich wollte nie jemanden in dieser Art vorführen. Aber auch das geschieht bei mir mit zunehmendem Alter mehr und mehr aus dem Bauch meiner langjährigen Erfahrung heraus. Da ist nichts geplant. Aber organisch war es bei mir schon immer.

Auch bei Ihren Interviews auf der Wettcouch?

Ach, das waren doch nichts anderes als Farbtupfer einer großen Samstagabendshow, in der es überhaupt keine Zeit gab, eingehende Gespräche zu führen. Umso mehr freue ich mich über die Netflix-Serie - da habe ich meine Gäste pur. "Wetten, dass…?" ist verglichen damit doch Remmidemmi, und so kurzlebig die glitzernden Lichter darin waren, so kurzlebig waren auch die Fragen.

"Als Zuschauer stört es mich schon, wenn man vor lauter Fragen das Zuhören vergisst."

Wo Sie so oft auf Ihr Alter anspielen: verfolgen Sie mit Gesprächssendungen wie dieser eine Art Sendungsbewusstsein, dem zusehends auf Krawall gebürsteten Talkshowgenre unserer Tage mal zu zeigen, wie man respektvoll und einfühlsam miteinander umgeht?

Sendungsbewusstsein ist das nicht, ich befinde mich ja nicht in einem Wettbewerb mit Kollegen, über die ich auch gar nicht urteilen möchte. Dennoch hoffe ich, mit meinen Gesprächen ein wenig dazu beizutragen, wieder mehr miteinander zu reden, statt nur Kataloge abzuarbeiten. Als Zuschauer stört es mich schon, wenn man vor lauter Fragen das Zuhören vergisst.

Ist das Resultat eines Reifungsprozesses oder von Beginn Ihrer Karriere an ein Prinzip?

Bei mir wie bei anderen ist immer alles Ergebnis von Erfahrung und Einsicht. Aber durch 18 Jahre Radio Luxemburg habe ich gelernt, Pausen sinnvoll zu füllen, sonst ist der Hörer weg.

Das ist allerdings fast 40 Jahre her, die Sie erfolgreich im Fernsehen verbracht haben. Warum kommen Sie von diesem Medium auch mit Ende 70 partout nicht los?

Weil es mir immer noch einen Riesenspaß macht und den Draht zu jungen Leuten weiter am Glühen hält. Ich bin von Natur aus neugierig; wenn mir da jemand die Möglichkeit gibt, Gespräche mit interessanten Menschen zu führen, werde ich das tun, solange ich gehen, stehen und sehen kann.

Gleichzeitig stand in der Ankündigung von "Wetten, das war’s..?" aber, es sei eine Art Abschiedstournee…

Das gilt eher für die Glamour-Bühne, von der habe ich mich definitiv verabschiedet. Deshalb haben wir auch weder Publikum noch ein Orchester oder sonstiges Brimborium. Ich schließe es nicht aus, weiter Gespräche zu führen, wenn es die Leute interessiert. Auf der ganz großen Bühne will ich nicht mehr arbeiten.

Wobei Sie zeitlebens nicht nur vor der Kamera gestanden haben, sondern auch die Konzepte dahinter ersonnen wie eben "Wetten, dass…?". Steckt da noch was im Köcher?

Ach, im Köcher habe ich eigentlich immer was, aber im Moment kümmere ich mich um Netflix. Dass mich Freunde von mir, die über den ganzen Erdball verteilt sind, jetzt jederzeit sehen können, empfinde ich als große Auszeichnung. Ein Geschenk.

Wobei man sich angesichts der illustren Gäste von Helene Fischer bis Herbert Grönemeyer fragt, warum dieses Geschenk nicht in der Primetime ihres alten Arbeitgebers ZDF läuft?

Die Frage müssten Sie eher dem ZDF stellen.

Weil es nie auf Sie zugekommen ist?

Genau.

Aber Netflix schon.

Ja.

Ist das sprichwörtliche Lagerfeuer Ihrer öffentlich-rechtlichen Glanzzeit beim Zweiten eigentlich erloschen oder glüht darin noch etwas im Showprogramm von heute?

Das ist zwar nett formuliert, aber ich gehöre nicht zu denen, die sagen, damals sei alles besser gewesen. Im Gegenteil. Ich nehme wahr, dass es auch heute ein vielfältiges Angebot Dutzender von Sendern gibt. Wer da nichts findet, kann nicht suchen. Natürlich ist einiges darunter, was mir persönlich missfällt.

"Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, damals sei alles besser gewesen."

Zum Beispiel?

Wenn Sendungen vier Stunden dauern, weil irgendwer noch einen Tischtennisball irgendwo reinpusten soll. Diese Art Langeweile, um die Quote hoch zu halten, empfinde ich als Unart. Und man hätte es man mir damals auch um die Ohren geschlagen.

Ihre oft üppige Überziehung von "Wetten, dass…?" war also rein sachlich begründet?

(lacht) Da muss ich in der Tat vorsichtig sein. Aber bei mir waren es maximal 40 Minuten, und die Leute haben sich vor allem deshalb beklagt, wenn sie den Videorecorder auf die geplante Sendezeit programmiert hatten und dann das Ende fehlte. Davon abgesehen sage ich ungern, dass Ihr angesprochenes Lagerfeuer erloschen ist. Es gibt nach wie vor große Eurovisionssendungen für alle, aber sie müssen sich halt mit weit mehr Konkurrenz messen.

Netflix zum Beispiel.

Meine Kinder gucken fast nur noch das. Andererseits ist bei Leuten wie Joko & Klaas so viel Fantasie und Leidenschaft im Spiel, da brennt das Feuer weiter.

Betrachten Sie die beiden so ein wenig als rechtmäßige Erben Ihrer Generation auf dem großen Hauptsendeplatz?

Dafür sind sie viel zu eigenständig und eigensinnig. Außerdem sprechen sie hundertmal besser Englisch als ich. Den beiden kann ich nicht das Wasser reichen.

Herr Elstner, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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