Uwe Schott, Nils Dünker © X Filme Creative Pool, Luis Zeno Kuhn / Lailaps Pictures GmbH
Gespräch mit den Produzenten

Wildes Jahr, "Wild Republic": Durchgängig auf Alarm

 

Nachdem das millionenschwere Serien-Projekt coronabedingt pausieren musste, ist Teil 1 der Dreharbeiten in Köln nun beendet. Wieso die Pause keine Zeit zum Verschnaufen bot und man das Studio einer echten Höhle vorzog, erklären die Produzenten Uwe Schott und Nils Dünker im Gespräch

von Kevin Hennings
17.07.2020 - 08:02 Uhr

Wenn ein Kölner die Alpen genießen möchte, muss er sich normalerweise für viele Stunden in den Zug oder ein Auto setzen bzw. den Flieger nehmen. Zumindest in den vergangenen Monaten hätte er sich diesen Trip sparen und dafür Richtung MMC Studios fahren können. Dort wurde im Februar die Produktion der 12-Millionen-Euro schweren Telekom-Serie "Wild Republic" gestartet. Szenenbildner Claus Rudolf Amler und sein Team haben dort ein Höhlensystem in Realgröße nachgebaut, das nicht erst nach einem anstrengenden Aufstieg betreten werden kann. Im Gespräch verraten die beiden Produzenten Uwe Schott (X Filme Creative Pool) und Nils Dünker (Lailaps Pictures), inwiefern die Koproduktion, an der auch Arte, WDR, SWR und One beteiligt sind, durch die Coronakrise verzögert wurde und wie der weitere Produktionsplan aussieht.

Der erste Teil des 12-Millionen-Euro teuren Projekts "Wild Republic" wurde in den Kölner MMC-Studios produziert. Wie sehr hat Ihnen die Coronaunterbrechung weh getan?

Uwe Schott: Auch wir mussten durch dieses unvorhergesehene Ereignis für einige Wochen das Set ruhen lassen und müssen durch die Pandemie nun sogar etwas länger drehen. Die Dramatik hält sich aber tatsächlich im Rahmen, wir sind wieder back on track.

Wie lange hat es gedauert, bis das Team die Sicherheitsvorkehrungen in Fleisch und Blut übergegangen sind?

Uwe Schott: Das ist tatsächlich extrem schnell passiert, da sich jede Person im Team darüber bewusst war, dass die Produktion ansonsten ganz schnell wieder eingestellt werden muss. Es ist beeindruckend, zu sehen, dass sich alle Kollegen und Kolleginnen sofort darum bemüht haben, Verantwortung für sich und die Anderen zu übernehmen.

Nils Dünker: Wir haben ein System eingeführt, dass mit dem Sportunterricht von früher verglichen werden kann. Je nachdem, in welchem Department jemand arbeitet, hat er oder sie entweder ein rotes, grünes oder gelbes Armbändchen bekommen. Wäre der Hintergrund nicht so dramatisch, könnte man sagen, dass es recht witzig war zu beobachten, wie extrem sich die Personen aus dem Weg gegangen sind, die eine jeweils andere Farbe getragen haben.

Was konnten Sie als Produzenten der Arbeit in der Corona-Hochphase abgewinnen?

Uwe Schott: Nichts. Man merkt natürlich, welch extreme Konzentration den ganzen Tag am Set herrscht, was der Tatsache geschuldet ist, dass auf so viele weitere Dinge geachtet werden muss. Auch normale Handgriffe werden noch einmal überdacht, bevor sie ausgeführt werden. Deswegen gewinne ich dem Ganzen aber trotzdem nichts ab.

Nils Dünker: Wenn es überhaupt einen positiven Aspekt geben sollte, dann den der verstärkten Eigenverantwortung. Das Hygienekonzept hätte nicht funktioniert, wenn Ensemble und Drehteam nicht auch nach Drehschluss und im privaten Rahmen die Sicherheitsvorschriften eingehalten hätten.

Konnte immerhin die Zwangspause genutzt werden, um Energie zu tanken?

Nils Dünker: Ich glaube, es gibt keinen einzigen Produzenten, der das jetzt als Pause empfunden hat. Wenn man solch eine große Produktion anhält, steht einfach zu viel auf dem Spiel. Ob künstlerisch, oder ökonomisch. In dieser Zeit bist du durchgängig auf Alarm geschaltet und bleibst das auch, bis der letzte Drehtag gekommen ist. Als Produzent gibt es plötzlich so viele Dinge, die überlegt und entschieden werden müssen, beispielsweise, weil sich nun ein Zeitfenster mit einem bestimmten Regisseur oder Schauspieler schließt, mit dem man sonst zusammengearbeitet hätte. In der Regel haben in dieser Phase Produzenten mehr arbeiten müssen, als vorher und das unter größerem ökonomischen Druck.

Uwe Schott: Vor allem, weil wir Dinge tun mussten, die uns nicht so viel Spaß machen. Wir sind jetzt auf jeden Fall fit im Arbeitsrecht.

Weg von Corona, hin zu "Wild Republic": In Köln wurde eine riesige Höhle nachgebaut. Wie weit waren Sie vom Gedanken entfernt, eine echte Höhle als Drehort zu nutzen?

Nils Dünker: Als wir gesehen haben, was Claus Rudolf Amler da in den MMC-Studios gebaut hat, hatten wir eher sofort den Gedanken, daraus einen "Wild Republic"-Themepark zu machen. Es ist wirklich beeindruckend, was er da mit seinem Team geschaffen hat. Aber, um die Frage zu beantworten: Natürlich gab es diese Überlegungen.

Uwe Schott: Es wäre jedoch ein unfassbarer Aufwand gewesen, die Technik in einer echten Höhle aufzubauen. Alleine die Beleuchtung wäre eine riesige Herausforderung gewesen.

Nils Dünker: Wir haben uns verschieden Bunker und Höhlen angeschaut und festgestellt, dass alleine das Scouting unfassbar anstrengend ist. Du hast Staub, du hast Nässe und Probleme, die Walkie-Talkies zu nutzen, wenn du zu tief unter der Erde bist. Bei einem Drehzeitraum von knapp 25 Tagen ist das für niemanden zumutbar.

Erster Eindruck von "Wild Republic"

In "Wild Republic" steht eine Gruppe von Jugendlichen im Zentrum, die das Vertrauen in Staat und Justiz verloren hat. Als ob Sie das Jahr 2020 vorhergesehen hätten…

Uwe Schott: Tja, wir müssen wohl aufpassen, von diesem Jahr nicht eingeholt zu werden (lacht). Tatsächlich war die Überlegung, Jugendliche zu zeigen, die aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus kommen und dadurch vereint werden, dass sie im Rahmen des Resozialisierungsprogramms allesamt mit ihren schwierigen Vergangenheiten konfrontiert werden. Obwohl sie alle konträre Charaktere haben, geht es darum, dass sie sich in "Wild Republic" wieder einen. Während dieses Prozesses hinterfragen sie die Gesellschaft, aus der sie kommen. Das ist wohlmöglich die Parallele zu dem, was heute passiert.

Wie würden Sie das Budget von über 12 Millionen Euro für acht Folgen einordnen?

Nils Dünker: Wir haben ein extrem großes Ensemble, Stunts, SFX-Aufwände und drehen an vielen Orten. Die Logistik hinter diesem Projekt ist wirklich aufwendig.

Uwe Schott: Solch ein Budget ist auch immer relativ anzusehen. "Wild Republic" wurde als High-End-Serie konzipiert, die international verkauft werden soll. Da muss man schon den Anspruch haben, dass die Serie qualitativ mit englischen oder amerikanischen Produktionen mithalten kann. Die haben zudem meist höhere Budgets. Deswegen finde ich 12 Millionen Euro gar nicht ungewöhnlich oder gar zu teuer.

Im Free-TV wird "Wild Republic" bei der ARD und Arte zu sehen sein. Wie passt diese Serie zu einem Kultursender wie Arte?

Nils Dünker: Es befindet sich ja alles in Veränderung. Wir haben uns lange umgeschaut, wer ein guter Partner sein könnte, nachdem sich das exklusive erste Fenster von MagentaTV irgendwann schließen wird. Was zu Arte und ARD passt, ist die Qualität der Bücher die hochwertige Umsetzung. Unsere Zielgruppe ist zwar etwas jünger, als die Stammzuschauerschaft von Arte – es sind darüberhinaus ja aber auch der WDR, SWR und One und deren Mediathekennutzung im Spiel. Alles andere aber, was beispielsweise die Erzählqualität anbelangt, passt hier einfach gut rein.

Der Dreh in Köln ist beendet. Wie sieht der weitere Fahrplan aus?

Uwe Schott: Wir haben noch knapp 50 Tage, die wir in den Hochalpen drehen werden. Das Ziel ist also noch lange nicht erreicht, vor allem weil es dort viele unzugängliche Locations gibt, die wir erst einmal erschließen müssen.

Uwe Schott, Nils Dünker, vielen Dank für das Gespräch!

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