Mark Land © Sat.1
Mark Land über "Promi Big Brother"

"Wir hätten die Konkurrenz zum 'Sommerhaus' nicht gescheut"

 

In zwei Wochen startet "Promi Big Brother", das erste Großprojekt für Mark Land, der als neuer Unterhaltungschef von RTL zu Sat.1 wechselte. Was das Format abhebt von der Konkurrenz im Reality-Feld und warum es weiter keinen 24h-Livestream gibt.

von Thomas Lückerath
24.07.2020 - 10:30 Uhr

Herr Land, „Promi Big Brother“ war bislang das Reality-Flaggschiff von Sat.1, dann kam im Frühjahr „Promis unter Palmen“ - der Erfolgsdruck auf „Promi Big Brother“ war selten größer…

Erwartungsdruck ist sicherlich da, aber den bewerte ich positiv. „Promi Big Brother“ ist unser Mutterschiff, auf das wir uns, genauso wie die Fans, sehr freuen. Deswegen trauen wir uns in diesem Jahr auch, erstmals drei Wochen on air zu gehen.

Wie kam es zu der Entscheidung?

Wir haben in diesem Jahr die besondere Situation, dass andere große Events im Sommer nicht stattgefunden haben, z.B. die Fußball-EM oder die Olympischen Spiele. Die Verlängerung von „Promi Big Brother“ ist unsere Antwort auf die Frage, was im TV das Event des Sommers wird. Wir haben bei „Promis unter Palmen“ schon sehen können, wie groß der Wunsch nach Eskapismus in Corona-Zeiten ist.



Und dass das „Sommerhaus der Stars“ ihres alten Arbeitgebers später kommt als gedacht, kommt Ihnen vermutlich nicht ungelegen?

Als wir unsere Entscheidung getroffen haben, wussten wir noch nicht, wann das „Sommerhaus der Stars“ laufen würde, wobei sich die Formate ja deutlich unterscheiden. Das „Sommerhaus der Stars“ ist ebenso wie „Promis unter Palmen“ vorproduziert. Bei „Promi Big Brother“ sind wir drei Wochen lang jeden Tag live an unseren Prominenten dran. Wir hätten aber auch die direkte Konkurrenz mit dem Sommerhaus nicht gescheut.

Wie wird sich die dritte Woche auf die neue Staffel auswirken?

Da möchte ich noch nicht zu viel verraten. Big Brother schafft es ja jedes Jahr, neue Welten zu kreieren und das wird auch diesmal so sein. Natürlich werden wir die Dramaturgie der Staffel an die verlängerte Laufzeit anpassen und gehen in der letzten Woche täglich in der Primetime auf Sendung. Manche Geschichten zwischen den Bewohnern, die von den Zuschauerinnen und Zuschauern bis in die Finalwoche getragen werden, entspinnen sich erst dann so richtig, und so können wir sie länger und ausführlicher erzählen. Das wollen wir den Fans zur besten Sendezeit geben.

Nun gut, viel schlauer bin ich jetzt nicht. Wie will „Promi Big Brother“ eigentlich mit der Dichte der Erzählung einer vorproduzierten Sendung wie „Promis unter Palmen“ oder auch „Sommerhaus der Stars“ mithalten, die zuletzt sehr erfolgreich waren?

Da glauben wir als lineares Medium ganz fest an die Strahlkraft des Live-Moments. Klar ist, dass man bei einer vorproduzierten Show mehr Material pro wöchentlicher Ausstrahlung sichten und verdichten kann. Da sind wir bei einer zeitnahen Produktion wie „Promi Big Brother“ natürlich noch abhängiger von dem, was sich täglich im Haus entwickelt. Wir haben aber die Chance, live auf Dinge einzugehen, die sich nicht bei der Ausstrahlung schon überholt haben und können aktuell auf Entwicklungen im Haus reagieren. Ich erinnere mich an Mario-Max Prinz zu Schaumburg-Lippe, als er live im Haus von der Trennung von seiner Freundin über die Presse erfuhr. Oder Sophia Vegas, die im Haus ihre Schwangerschaft enthüllt hat. Das sind Momente, die uns auch als Fernsehmacher immer wieder überraschen. Die Relevanz und den Überraschungseffekt haben wir also auf unserer Seite. Ein wichtiger Punkt dabei ist auch die Einflussnahme ins Geschehen durch die Zuschauerinnen und Zuschauer. Die sehen alles und können mit diesem Herrschaftswissen von zu Hause aus entscheiden, wer fliegt und wer siegt. Wer sich im Haus zwar stets korrekt gibt, aber hinter den Rücken seiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner lästert und intrigiert, wird womöglich vom Zuschauer schnell dafür abgestraft.

Was hebt „Promi Big Brother“ eigentlich vom Dschungelcamp ab?

Das Besondere an „Promi Big Brother“ ist, dass wir hier mit zwei Welten arbeiten können und damit eine Dynamik zwischen den Bereichen und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern schaffen. Das ist ein wichtiger Teil unseres Sozial-Experiments, für den auch die Stimme des großen Bruders eine große Rolle spielt. Big Brother kann bei Bedarf immer direkt eingreifen.

Inzwischen reichen sich die Reality-Shows die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ja unmittelbar weiter. Entwertet das die Formate nicht enorm?

Das Risiko sehe ich nicht. Wenn das Angebot solcher Sendungen vielfältiger wird, steigt die Wahrscheinlichkeit einer größeren Schnittmenge. Aber ich würde widersprechen, wenn man deswegen befürchtet, erahnen zu können, wie gewisse Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich verhalten werden. Bei einem so starken Format wie „Promi Big Brother“ sollte niemand glauben, man wüsste ja schon, was ihn oder sie erwartet. Und damit schaffen wir neue, unerwartete Momente, auch wenn man Personen vielleicht schon aus anderen Formaten kennt.

Sie produzieren in Corona-Zeiten. Welche Auswirkungen hat das auf „Promi Big Brother“?

Inzwischen gibt es ja in fast jedem Medienhaus das neue Berufsbild des Corona-Beauftragten, der gesetzliche Vorgaben und in der Branche etablierte Standards umsetzt. Das Bewusstsein ist bei uns sehr groß. Bei der diesjährigen „Promi Big Brother“-Staffel müssen sich die Prominenten schon fünf Tage vor dem Einzug in Hotel-Quarantäne begeben. Ab diesem Moment sind sie übrigens auch von der Außenwelt abgeschottet bis zu ihrem Einzug. Im Hotel werden dann mehrere PCR-Testrunden durchgeführt, um sicher zu gehen, dass alle im Haus gesund sind. Aber natürlich gelten Hygiene- und Abstandsregeln auch hinter den Kulissen der Produktion. Das sind aber im Grunde für uns inzwischen Standardmaßnahmen, die sich in diesen Zeiten schnell als neuer Normalzustand etabliert haben. Die Kolleginnen und Kollegen von EndemolShine haben unter diesen Bedingungen ja auch täglich die normale „Big Brother“-Staffel produziert und sind deshalb bestens erprobt. Wir werden bei „Promi Big Brother“ auch Publikum vor Ort haben, aber natürlich stark limitiert auf hundert Personen. Auch im Handling des Publikums achten wir auf die Gewährleistung aller Sicherheitsanforderungen: getrennte Wartebereiche, Maskenpflicht bei Bewegung vom Platz, Abstand auf der Tribüne etc.

Jetzt entziehen Sie Ihrem Cast mitten in einer globalen Pandemie für drei Wochen den Zugang zu jeglichen Nachrichten. Muss man sich bei ggf. verändernden Sicherheitslagen wie schon im Frühjahr einplanen, die Bewohnerinnen und Bewohner über die Geschehnisse in der Welt zu informieren?

Der Kern der Marke „Big Brother“ lag immer schon in der Abschottung von der Außenwelt, um eine Situation zu erzeugen, in der die Bewohnerinnen und Bewohner sich keine Gedanken mehr um die Welt da draußen machen müssen. Ein dramaturgischer Impuls soll das also schon mal gar nicht sein. Aber sollte sich die Nachrichtenlage derart ändern, dass wir eine moralische Verpflichtung sehen, unsere Bewohner zu informieren, dann tun wir das natürlich. Besonders wenn es das persönliche Umfeld unserer Prominenten betrifft.



Bei „Big Brother“ ohne Promis gab es früher auch immer Live-Streams, die über einen Partner angeboten wurden. Das ist für „Promi Big Brother“ weiterhin kein Thema?

Der Wunsch der Fans ist uns natürlich bewusst. Durch die jetzt nochmals ausgebauten Live-Shows und unsere Late-Night-Show auf Sixx im Anschluss kämen wir allerdings irgendwann mit den Zeitebenen durcheinander, die wir erzählen. Das würde den normalen Zuschauer mehr und mehr verwirren, deshalb haben wir uns schon vor vier Jahren gegen den Livestream entschieden. Dieser würde Szenen zeigen, die unter Umständen erst 23 Stunden später in der Sat.1-Show zu sehen sind und thematisiert würden – das kannibalisiert sich dann. Stattdessen haben wir unser Online-Angebote rund um die Show Jahr für Jahr ausgebaut, auch die Sat.1-App wird während dieser Staffel komplett im Zeichen von „Promi Big Brother“ stehen und Vieles, was es nicht an Material in die Show schafft, wird dort zu sehen sein.

Letzte Frage: Wie froh sind Sie angesichts der Corona-Krise in Köln-Ossendorf und nicht in Australien zu produzieren?

Darüber bin ich natürlich sehr froh, aber ich bin in Gedanken auch immer wieder bei meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen und drücke diesen kollegial die Daumen.

Herr Land, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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