Jennifer, Netflix wurde in den ersten Jahren zunächst einmal mit Big Budget-Serien gleichgesetzt. Kommt jetzt eine Offensive im Non-Fiktionalen?

International sind wir schon länger dabei, diesen Bereich auszubauen. Wir haben allein in diesem Jahr mit „Too hot to handle“ und „Love is blind“ zwei extrem aufmerksamkeitsstarke Dating-Formate gestartet und hatten mit „Tiger King“ die True Crime-Story, über die im Frühjahr die ganze Welt gesprochen hat, als wir alle im Lockdown waren, und auch „Floor is lava“ kam sehr gut an.



Das sind jetzt die internationalen Produktionen. Welche Rolle spielen in dem Genre lokale Produktionen?

Ebenfalls eine wachsende Rolle. Wir möchten gerade hier mit mutigen Programmentscheidungen überraschen, weil wir im deutschsprachigen Raum noch ganz am Anfang stehen und erstmal einiges ausprobieren. Ich selbst bin erst seit einem Jahr bei Netflix und wir haben in diesem Zeitraum mit „Wer kann, der kann“, „Frank Elstner: Wetten, das war’s“ und „Sing on!“ drei Produktionen gelauncht, die die potenzielle Bandbreite aufzeigen, in der wir uns im non-fiktionalen Bereich bewegen wollen und die Offenheit mit der wir Ideen umsetzen. Mit Frank Elstner hätte vermutlich vorab niemand bei uns gerechnet. Umso mehr freut uns die große positive Resonanz auf die wunderbaren Gespräche, die Frank Elstner bei uns geführt hat.

Anders als im Fiktionalen wird sich Netflix im Non-Fiktionalen aber nicht allein durch Production Value abheben können. Hier ist das deutsche Fernsehen stark unterwegs, gerade eben als Gegenbewegung zum Serien-Hype…

Ich glaube, auch im Fiktionalen macht nicht der finanzielle Einsatz allein den Unterschied. Eine gute Idee ist keine Frage von Budget. Und ja, gerade das deutsche Privatfernsehen ist im Non-Fiktionalen sehr stark, aber wir können in diesem Bereich vieles neu denken und ausprobieren, auch was die Formatierung betrifft. Sendungen können bei uns so lange dauern wie sie brauchen, was wir z.B. bei „Wetten, das war’s“ konsequent umgesetzt haben. Wenn ein Gespräch wie das mit Joko und Klaas genug hergibt für zwei Folgen, dann machen wir eben zwei daraus. Und die On-Demand-Nutzung verändert das Erzählen einiger Genres. „Making a murderer“ oder „Tiger King“ haben das Genre der Doku-Serie beispielsweise nicht erfunden, aber doch durch die Art der Erzählweise neue Maßstäbe gesetzt, denke ich.

Über Jennifer Mival

  • Als Expertin fürs internationale Formatgeschäft war Jennifer Mival schon Gast in unserer Talkshow "Studio D". Relevanter sind aber andere Stationen ihrer Karriere, die zunächst von Fremantle über ProSiebenSat.1 zu ITV Studios Germany führte. 2013 wurde sie Head of Program beim Jugendsender joiz und 2015 Head of Formats bei der Kölner Produktionsfirma Seapoint Productions. Seit Juni 2019 ist sie Managerin Unscripted & Doc Series DACH & Nordics bei Netflix.

Ärgern Sie sich, dass True Crime dieser Art in Deutschland aufgrund des nicht öffentlich verfügbaren Videomaterials nicht möglich ist?

Das haben wir eher als Aufgabenstellung begriffen, eine eigene Erzählweise für True Crime bei uns zu entwickeln. An spektakulären Fällen mangelt es in Deutschland nicht. Und mein Kollege Nils Bökamp hat schon seit einiger Zeit an unserer ersten lokalen True Crime-Serie gearbeitet, ohne dass es jemand mitbekommen hat. Am 25. September kommt sie heraus: In „Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit“ geht es um die Ermordung des Treuhand-Chefs Detlev Rohwedder 1991 in Düsseldorf. Die RAF bekannte sich zur Tat, aber der eigentliche Täter ist bis heute unbekannt. Das ist sehr spannend, auch ohne manche Mittel, die US-Produktionen einsetzen zu können. Produziert haben die Gebrüder Beetz, mehrfach ausgezeichnet für ihre herausragenden Dokumentationen.

Angesichts des mitunter langen Vorlauf für solche Produktionen: Sind Sie schon an weiteren Stoffen dran?

Selbstverständlich. Wir fangen ja gerade erst an. Mehr möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten.

„Wer kann, der kann“ und „Sing On!“ sind Ideen aus dem Ausland, „Wetten, das war’s“ eine Gelegenheit. Mit Blick auf die Kreativen in Deutschland: Haben auch non-fiktionale Formate aus Deutschland bei Ihnen eine Chance?

Das ist unsere ganz klare Priorität und Botschaft: Wir suchen Ideen und Eigenentwicklungen im deutschen Markt, aber wir haben natürlich im Blick was unsere internationalen Kollegen so treiben. Einer der Vorteile von Netflix ist ja der Austausch mit unseren internationalen Kolleginnen und Kollegen, die sich mit vergleichbaren Fragestellungen beschäftigen. Wenn dann ein Format auch international von unseren Abonnentinnen und Abonnenten geliebt wird, kann man überlegen, ob sich eine Adaption lohnt so wie bei „Nailed it!“. Bei „Sing On!“ handelt es sich übrigens nicht um eine Adaption, das ist eine komplett neue Idee, bei der wir entschieden haben: Da nutzen wir das Set in London gleich für eine deutsche Version mit. Auch hier war es uns wichtig, lokale Akzente zu setzen und unserer Moderatorin Palina Rojinski und unserem lokalen Produktionspartner Banijay Productions Germany kreativen Spielraum zu geben. Unsere Las-Vegas Style Openings sind zum Beispiel eine Idee von Palina, die wir liebend gern unterstützt haben.

Vor einem Jahr sprach ich mit Ihrer Kollegin Bela Bajaria in Los Angeles über „Queer Eye“. Sie war offen für lokale Adaptionen und nach DWDL.de-Informationen arbeitet Netflix mit ITV Studios Germany an einer deutschen Version. Was können Sie dazu sagen?

Mir gefällt die Vorstellung, Queerness auch in Deutschland als Normalität zu zeigen. Hier kann man einen wichtigen Akzent setzen, denn Queerness wurde über Jahre hinweg als Besonderheit thematisiert und „Queer Eye“ hat eine Selbstverständlichkeit, die gut tut. Diese Form der Sichtbarkeit finden wir bei Netflix extrem wichtig. Diversität ist kein Gimmick.

Okay, ich würde sagen, ein Dementi sieht anders aus. Jetzt erzählt man im Non-Fiktionalen sehr nah an Lebensrealitäten und die sind international unterschiedlich. Ist das für Sie ein rein lokales Genre oder muss eine deutsche Eigenproduktion auch international funktionieren?

Wir denken erstmal lokal. Frank Elstner wird mit „Wetten, das war’s“ nicht zum internationalen Star. Das muss er auch gar nicht. Lokaler als ein Talk mit solcher Tiefe geht es kaum. Trotzdem ist es manchmal sehr überraschend, was plötzlich international funktioniert. „Tiger King“ ist durch und durch amerikanisch aber war weltweit ein Erfolg. Unsere schon angesprochenen Datingformate funktionierten international und auch in Deutschland, obwohl die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht von hier kommen. Vielleicht erleben wir da auch noch eine Überraschung. Aber das ist nicht unser Fokus. Wir schielen bei unserer Ideensuche nicht direkt nach internationaler Eignung.

Steigt Netflix auch in Deutschland ins Dating-Game ein?

Sollte es ein Thema für uns werden, dann würden wir versuchen einen anderen Ansatz zu finden, was bei der Fülle der Formate sicher nicht ganz einfach ist. Aber unsere  Dating-Formate “Love is blind” oder “Too hot to handle” haben Anfang diesen Jahres gerade gezeigt, was in diesem Genre noch an Potenzial für uns steckt.



Das deutsche „Queer Eye“ dauert offenbar noch, über „Rohwedder“ sprachen wir schon. Was planen Sie denn in den kommenden Monaten darüber hinaus?

Ende September ist „Rohwedder“ unser erster deutscher True Crime-Aufschlag und Ende des Jahres  kommt dann ein neues Comedy-Format, für das wir Oliver Polak verpflichten konnten. Ein sehr spannender Comedian, der auch mal aneckt, was uns besonders gefällt. Die Idee zum Format kommt von ihm und wurde von SEO Entertainment für uns entwickelt. Der Titel sagt eigentlich alles: „Your life is a joke“. Prominente verbringen einen Tag zusammen mit Oliver, der nur ein Ziel hat: Zu beweisen, dass ihr Leben ein Witz ist - und den Prominenten am Ende des Tages einen sehr persönlichen Stand-Up verpasst. Man könnte auch sagen: einen Roast. Damit sind wir gerade in der Produktion und wollen mit den ersten Folgen noch in diesem Jahr starten.

Die Folgen kommen also einzeln und nicht alle zusammen? Das wäre ja sehr untypisch für Netflix…

Das überlegen wir noch. Aber unsere Non-Fiction Kolleginnen und Kollegen in den USA gehen da inzwischen bei einzelnen Formaten auch mal neue Wege, weil es gerade im Unscripted-Bereich ja schön sein kann, wenn man sich gemeinsam über Entwicklungen in einzelnen Folgen austauschen kann. „Love is blind“ wurde beispielsweise über mehrere Wochen veröffentlicht. Erst fünf Folgen, dann vier Folgen und dann das Finale. Aber wir werden immer genau abwägen, welche Veröffentlichung zur Idee passt und wie wir unseren Abonnentinnen und Abonnenten damit die größtmögliche Freude machen können.

Jennifer, herzlichen Dank für das Gespräch.