Herr Ehring, Sie moderieren nun schon seit zehn Jahren "extra 3". Der NDR wirbt mit 15 Preisen, die Sie seit 2004 gewonnen haben. Können Sie sich eigentlich noch an all diese Preise erinnern?

Christian Ehring: Nein, ich bekäme wahrscheinlich nicht mehr alle zusammen. Das sind zum Teil Kleinkunst- und Kabarettpreise, und man muss wissen, dass es eine Zeit gab, in der sich diese Auszeichnungen inflationär vermehrt haben. Weil es für Kommunen eine gute Möglichkeit war, sich Festivals und damit auch ein wenig Presserummel in die Stadt zu holen. Manche Preise haben skurrile Namen, der Obernburger Mühlstein zum Beispiel, die St. Ingberter Pfanne und die Bocholter Pepperoni. Der ein oder andere dieser Preise hat mir aber durchaus Mut gemacht und mich bestärkt, meinen Weg weiterzugehen.

Sie meinen den Leipziger Löwenzahn?

(lacht) Ich erinnere mich an den Rostocker Koggenzieher, das war 2005. Auch so ein seltsamer Neologismus. Aber das war zu einer Zeit, in der ich ein Soloprogramm hatte, und es lief vorne und hinten nicht. Dann gewann ich den Preis. Diese Bestätigung kam zur richtigen Zeit und hat mir damals gutgetan.

Grundsätzlich freuen Sie sich aber mehr über einen Deutschen Fernsehpreis als über die Bocholter Pepperoni?

Natürlich ist es immer schön, wenn man ausgezeichnet wird. Aber ich bin aus dem Alter raus, in dem ein Preis mein Leben auf den Kopf stellt. Persönlicher Zuspruch von Menschen, die ich schätze, ist mir viel wichtiger als ein Preis. Auch als der Deutsche Fernsehpreis, der Grimme-Preis oder der Reinheimer Satirelöwe, um mal die wichtigsten zu nennen. Preise sind etwas Abstraktes. Ich fühle mich auf Preisverleihungen auch selten wohl.

 

"Manchmal sind wir eben auch wie Aasgeier und freuen uns allzu sehr, dass was für uns abfällt (lacht). Da kann man sich auch verkämpfen."

 

Wie zufrieden sind Sie mit der Resonanz des Publikums auf Ihre Arbeit bei "extra 3"?

Nach jeder Sendung gibt es hunderte Mails an die Redaktion, da wird dann immer eine Auswahl an mich weitergeleitet. Manches geht auch an mich persönlich und einiges davon beantworte ich auch, wenn der Ton einigermaßen zivil ist. Da ich auch mit meinem Bühnenprogramm auftrete, komme ich direkt mit Menschen ins Gespräch, die "extra 3" gucken und mögen. Wenn ich höre, wie viel diese Sendung manchen Menschen bedeutet, beeindruckt mich das sehr.

Wie ist das Verhältnis zwischen Lob und Kritik bzw. Beleidigungen?

Gesicherte Zahlen habe ich nicht. Vermutlich 50 Prozent Zustimmung, 40 Prozent Kritik, 10 Prozent Beleidigungen. Grundsätzlich leben wir in Zeiten, in denen die Polarisierung der Gesellschaft fortschreitet. Wenn ich das vergleiche mit meinem Start vor zehn Jahren, gibt es mittlerweile viel mehr Menschen, die uns für das, was wir machen, aus tiefstem Herzen hassen. Aber es gibt auch die anderen, die es sehr schätzen. Die Extreme sind größer geworden. Anders als früher gibt’s heute die Möglichkeit zur direkten Interaktion über soziale Netzwerke. Wenn man gewillt ist, sich dem auszusetzen, kann man schier endlos weiterdiskutieren.

Sind Sie gewillt dazu?

Ich finde es rasend spannend, aber ich bin da ganz pragmatisch. Wie viel Lebenszeit habe ich? Auf jeden Fall immer weniger. Was will ich in der Zeit machen? Zunächst mal habe ich einen Job zu erledigen. Wenn ich dann überlege, mit wem ich noch worüber und wie ausführlich diskutieren will, haben soziale Netzwerke momentan in meinem Leben keine Priorität. Kann sein, dass sich das ändert. Derzeit bin ich auf den Plattformen aber nur passives Mitglied. Ich beobachte ohnehin sehr gern.

Als ich privat erzählt habe, dass ich ein Interview mit Ihnen führe, haben mich mehrere Leute gefragt, ob Sie nicht der von der "heute show" sind. Was sagt das über die unterschiedliche Wahrnehmung von "extra 3" und der "heute show" aus?

Ich stelle das auch fest. Es gibt Menschen, die kennen mich nur von der "heute show", andere dagegen nur von "extra 3". Und dann gibt’s noch ein paar, die wissen, dass ich der Moderator von "extra 3" bin und ab und zu bei der "heute show" auftrete. Die "heute show" hat durch die Regelmäßigkeit am Freitagabend, die extrem starke Quote im linearen Fernsehen sowie die Präsenz im Netz eine enorme Reichweite. Inzwischen bin ich aber nur noch sechs oder sieben Mal im Jahr dort zu sehen, trotzdem ist das in den Köpfen sehr präsent. Sagt es eventuell etwas darüber aus, wo das ZDF was geschickter macht (lacht)? Lassen wir’s offen.

Die "heute show" ist sehr verlässlich am Freitagabend zu finden. Selbst ich als Branchenjournalist muss oft nachschauen, wo und wann "extra 3" nun läuft - und in welcher Länge. Man weiß es oft einfach nicht…

Selbst ich als Moderator muss oft nachschauen (schmunzelt).

Würden Sie sich einen festen Sendeplatz, wo auch immer, wünschen?

Ja, natürlich. Aber da "extra 3" im Netz sehr stark ist, verliert der Sendeplatz perspektivisch immer mehr an Bedeutung. In meiner sehr subjektiven Selbstwahrnehmung sind wir bereits ein Onlineformat mit linearer Zweitverwertung.

Und doch ist eine lineare Ausstrahlung wichtig, oder? "Zapp" ist mittlerweile fast nur noch online zu finden und hat an Aufmerksamkeit eingebüßt.

Vermutlich befinden wir uns gerade in einer Übergangsphase, in der die lineare Präsenz noch dafür sorgt, dass bestimmte Sendungen im Bewusstsein der Menschen verankert sind. Wahrscheinlich gibt es nur einen kleinen harten Kern von Fans, der regelmäßig jeden Mittwoch "Zapp" im Fernsehen gesehen hat, und bei "extra 3" ist es dasselbe. Zurzeit wäre es mir natürlich nicht recht, wenn die lineare Ausstrahlung wegfallen würde. Aber wenn die Aufmerksamkeit dieselbe ist, ist mir der Ausspielweg völlig egal. Öffentlich-rechtliches Fernsehen ist für mich nicht an lineare Ausstrahlung gebunden.

 

"Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass es einen großen Teil der Gesellschaft gibt, der uns als militant-satirischen Arm der Bundesregierung wahrnimmt. Für den sind wir nur noch Büttel und Arschkriecher."

 

Seit 2014 ist "extra 3" nicht nur im NDR Fernsehen, sondern auch im Ersten zu sehen. Hat sich dieser Schritt gelohnt?

Ja, das war schon ganz eindeutig so. Die Qualität der Sendung hat sich gesteigert. Wir können die Sendung seither aufwendiger produzieren, konnten neue Gäste für uns gewinnen und erreichen nach den "Tagesthemen" natürlich eine andere Quote als im NDR Fernsehen. Auch senderintern hat "extra 3" durch den Wechsel eine andere Gewichtung bekommen.

2020 liefen auch "extra 3"-Sendungen mit Sarah Kuttner, die aufgrund von Einsparungen beim NDR in diesem Jahr nicht fortgesetzt wurden. Spüren auch Sie die Sparbemühungen?

Bei der Sendung mit Sarah Kuttner haben wir das sehr schmerzhaft zu spüren bekommen. Ansonsten sind wir von diesen Einsparungen aber weitgehend verschont geblieben.

Seit zehn Jahren moderieren Sie nun "extra 3". Wird das on Air ein Thema sein?

Es ist nichts geplant. Wir machen sicher keinen Themenabend: 10 Jahre Ehring bei "extra 3". Wir sind ja keine Personality-Show, sondern die grundsolide Satire-Manufaktur aus Hamburg. Wir werden dann gerade aus der Sommerpause zurückkehren und am 29. Juli mit sehr viel Elan eine topaktuelle Sendung produzieren.

Wie hat sich die Sendung im Vergleich zu Ihren Anfängen verändert?

Hm, ich meine eine sehr positive qualitative Entwicklung feststellen zu können. Dank eines grandiosen Teams und vielen verrückten Satire-Aficionados, die dazu bereit sind, sich mit aller Kraft da reinzuwerfen. Wir hatten tolle Neuzugänge, sei es auf Seite der Autorinnen und Autoren oder vor der Kamera. Wie bei jedem Wechsel musste sich das am Anfang mit mir als neuem Moderator zurechtruckeln. Aber ich würde sagen ab dem zweiten Jahr war sehr viel Schönes dabei. Bis jetzt habe ich auch nicht das Gefühl, dass wir abbauen.

Sie denken nicht daran aufzuhören?

Ich bin da strukturkonservativ. Ich finde, wenn es einem irgendwo nicht gefällt, sollte man sehr schnell das Handtuch werfen und nicht zu lange zögern. Wenn es einem aber gefällt und die Chemie stimmt, sollte man keinesfalls zu schnell das Handtuch werfen. Derzeit sehe ich für mich keinen Grund das aufzugeben. Es macht wahnsinnig Spaß. Auch wenn es inhaltlich mal einen Dissens gibt, haben wir eine gemeinsame Sprache, um so was zu klären. Und das Wichtigste: Alle brennen für diese Sendung.

Welche Art von Dissens gibt’s in der Redaktion?

Als ich vor zehn Jahren anfing, gab es einen gefühlten Schulterschluss miteinander und mit einem imaginierten Publikum nach dem Motto: "Wir gegen die da oben". Das ist heute nicht mehr so übersichtlich. Wir diskutieren viel und über alles Mögliche. Über die Angemessenheit von Corona-Maßnahmen, über die Art und Weise, wie wir nicht nur die Politik, sondern auch das Volk als Souverän kritisieren, ob wir gendern wollen oder nicht. Der Satz: "Das sehe ich persönlich ganz anders" fällt für mein Gefühl häufiger als früher. Es ist mehr Abstimmung notwendig. In welche Richtung gehen wir? Was genau kritisieren wir? Und tun wir das in einer Art und Weise, die den Inhalt angemessen transportiert? Es gibt mehr Debatte, mehr Diskussion und auch mehr Faktencheck, damit die satirischen Pfeile präzise treffen.

 

"Ich will nicht von Menschen regiert werden, die sich von Satire beeinträchtigt fühlen."

 

"Wir gegen die da oben" gibt es nicht mehr?

"Wir gegen die da oben" war ja immer schon eine unzulässige Verkürzung. Die Mächtigen, an denen wir Kritik üben, können sowohl gewählte Volksvertreterinnen und Volksvertreter sein, aber auch Konzerne, Institutionen oder eben der Souverän. Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass es einen großen Teil der Gesellschaft gibt, der uns als militant-satirischen Arm der Bundesregierung wahrnimmt. Für den sind wir nur noch Büttel und Arschkriecher. Das ist völliger Unsinn. Aber ich nehme zur Kenntnis, dass manche Menschen das so empfinden. Die Gräben sind tiefer, und die Frontlinien haben sich verschoben.

2014 sagten Sie bei uns im Interview, es würde nichts gegen einen kleinen Skandal sprechen. Seither gab es den Skandal rund um den türkischen Präsidenten Erdogan und ihren "Nazischlampen"-Spruch gegen Alice Weidel. Was haben Sie daraus mitgenommen?

Ich empfinde diese Skandale nicht als Highlights. Natürlich bin ich froh, dass wir Erdogan kurzfristig als Medienpartner im Boot hatten. Aber es gibt andere Dinge, die mir viel wichtiger sind. Filme und Studio-Acts, die ich wahnsinnig gelungen fand. Manchmal ein einzelner Gag, der eine Sache auf den Punkt bringt. Das Highlight ist für mich, dass der "extra 3"-Motor so stetig auf hohem Niveau weitertuckert. Das zeichnet uns aus. Das ist für mich mehr wert als kurzfristiger Medienrummel.

Sind Politiker mit zweifelhaftem Ruf schneller eingeschnappt und beleidigt bei Satire?

Bei der AfD hatte ich eine Weile das Gefühl, dass man da aufgrund der relativen Unerfahrenheit noch etwas schneller und reflexhafter eingeschnappt war. Bei Erdogan hat es mich sehr gewundert. Normalerweise ist es nicht so, dass Politikerinnen und Politiker auf Satire reagieren. Und sie sollten das auch nicht tun. Ich empfinde das als unseriös. Und schon gar nicht will ich von Menschen regiert werden, die sich von Satire beeinträchtigt fühlen. Andererseits sollte es auch von unserer Seite keine Kumpanei oder überhaupt ein Kennenlernen geben. Ich versuche zumindest, das zu vermeiden. Das richtige Verhältnis zueinander ist meines Erachtens distanzierte Respektlosigkeit.

Sie haben eben schon über einige Highlights gesprochen, die Sie während Ihrer Zeit bei "extra 3" erlebt haben. Was waren Lowlights?

Es gab eine Sendung in meinem ersten Jahr, nach der dachte ich: Puh, das war glaube ich bislang meine schlechteste Ausgabe. Und ich kann mich auch danach an keine schlechtere mehr erinnern. Ich weiß noch, dass ich in der Sendung eine Postkarte eines Zuschauers vorgelesen habe, der Kritik an der Sendung geübt hatte. Der Mann kam aus einem Ort, der Hilter heißt. Ich habe dann einen Gag darüber gemacht, dass das so ähnlich klingt wie Hitler. Witziger wurd’s nicht mehr. Ein echtes Lowlight (lacht). Sowas kommt vor. Das Gute ist, dass man die Sache eine Woche später wieder besser machen kann. Ich vermute, dass wir auch manchen Politikerinnen und Politikern nicht ganz gerecht geworden sind.

Zum Beispiel?

Der Skandal um Christian Wulff war ein halbes Jahr lang Dauerthema in unserer Sendung. Ein paar Beiträge zu dem Thema waren richtig gut. Aber in der Rückschau war der Skandal ja so groß nicht und das satirische Dauerfeuer in der Härte nicht gerechtfertigt. Manchmal sind wir eben auch wie Aasgeier und freuen uns allzu sehr, dass was für uns abfällt (lacht). Da kann man sich auch verkämpfen. Und ich finde, gerade wenn man immer so gutgelaunt austeilt, muss man auch Kritik aushalten und selbstkritisch sein. Das gehört dazu.

Herr Ehring, vielen Dank für das Gespräch!