Frau Stutzky, wie bitte schön sind Sie als Casterin auf Naemie Florez und Amy Benkenstein als Hauptdarstellerinnen vom „Haus der Träume“ gestoßen. Abseits der Bühnenlandschaft dürfte die kaum jemand kennen…

Liza Stutzky: Ich gehe einfach sehr oft ins Theater, habe die Schauspielschulen im Blick und weiß, wer dort in welchem Jahrgang ist. So bin ich auch auf Naemie und Amy gestoßen, wobei wir für Vicky Tausende von Darstellerinnen gesichtet hatten, davon ungefähr 200 im Casting, und bei Elsie jeweils ungefähr halb so viele. Und nach den Live-Castings war sofort klar, dass es perfekte Matches für die Rollen sind.

Für zwei Angestellte eines Berliner Kaufhauses, das die Charaktere von Nina Kunzendorf und Alexander Scheer aufbauen. Waren unter den 300 Bewerberinnen, die letztlich vorgespielt haben, auch richtig bekannte Schauspielerinnen?

Einige ja. Die haben auch den gleichen Prozess wie die Unbekannteren durchlaufen. Am Ende haben wir aber genau die Schauspieler:innen über Castings besetzt, die perfekt auf ihre Rollen gepasst haben.

Lisa Stutzky © Lisa Stutzky
Was sagen etablierte Stars, wenn ihnen der namenlose Nachwuchs Rollen vor der Nase wegschnappt?

Absagen tun immer ein bisschen weh, aber gerade die Erfahrenen können das gut einordnen. Ich bewerbe mich auch für Projekte und kriege Absagen; damit umzugehen ist Teil des Berufes. Zumal selbst erfolglose Castings Geschenke sind, um auszuprobieren, wo man sich wohl fühlt, wo weniger. Am Ende sind das alles Lernprozesse, und auch wenn es bei einem Casting mal nicht klappt, merkt man sich die ein oder andere Person direkt fürs nächste Projekt.

Scheitern Schauspieler:innen mit weniger Castingpraxis manchmal an mangelnder Vorspielerfahrung als an schlechterem Spiel?

Das würde ich nicht so sagen. Schon die Begriffe „besser“ und „schlechter“ sind mit Vorsicht zu genießen. Man kann das mit einer Liebesbeziehung vergleichen, bei der es auch kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, sondern ein „passt“ oder „passt nicht“. Selbst die Unerfahrenen sind in der Regel ja ausgebildete Schauspieler:innen, bei denen es für mich nur darauf ankommt, den Nährboden zu bereiten, um ihre Fähigkeiten zur Anwendung bringen. Castings sind Spielplätze, um Charaktere mit einer Vision auszuprobieren, die mit der von Buch, Regie, Produktion in Einklang zu bringen ist.

Reden die alle mit bei Ihrer Arbeit?

Das ist am Ende projektabhängig: linear oder Streaming, Serie oder Film, Kino oder Fernsehen mit oder ohne Redaktion – das spielt alles mit rein. Die Zusammenarbeit mit Sherry Hormann war hier ein wahnsinniger enger Austausch; so konnten wir eine klare Vision gegenüber allen Beteiligten vertreten, die unsere Vorauswahl, mit der wir in die Castings und Ensembleplanung gegangen sind, ebenso als richtig empfunden haben.

Visualisiert sich diese Auswahl bereits beim Drehbuchlesen oder erst, wenn man die Gesichter dazu im Casting spielen sieht?

Es visualisiert sich vage schon beim Lesen. Weil Sherry Hormann mir aber völlig freie Bahn gelassen hat, konnte ich damit wirklich wild gehen. Das ist nicht immer der Fall, aber ein großes Geschenk, da man dadurch unerwartete Leute miteinbringen kann. Die dann vorn auf der Besetzungsliste zu platzieren, ist nicht immer einfach, aber wenn es funktioniert, großartig.

Müssen Formate, die wie „Das Haus der Träume“ auf ein größeres Publikum abzielen, dennoch Kompromisse machen und bekannte Namen aufweisen?

Klar gibt es Kompromisse. Man kann durchaus unbekannt besetzen, aber größere Namen sind je nach Format, Sender, Sendeplatz mal mehr, mal weniger gewünscht. Wobei auch sie durchs Casting gehen und sich beweisen müssen. Hier ist es wie ich finde ein guter Mix mit Stars wie Nina Kunzendorf und Alexander Scheer – allerdings in extrem ungewöhnlicher Paarkonstellation. Ein Ensemble zusammenzusetzen ist wie Malerei: da fügen sich auch verschiedene Farben zum Gemälde.

Wobei einige Farben, also Schauspieler:innen so oft zu sehen sind, dass für den Rest kaum was übrigbleibt.

Stimmt, aber das Privileg, oft besetzt zu werden, haben sich die Schauspieler:innen meist über Jahre hart erarbeitet. Außerdem ist es von Tag 1 meiner Arbeit vor 14 Jahren als Casterin der Anspruch, auch diese bekannteren Gesichter so zu besetzen, dass sie sich und andere überraschen, anstatt immer dieselben Charaktere zu spielen. Das versuche ich tatsächlich immer.

[[IMG|147908|full|center|"Das Haus der Träume" bei RTL+: Alice (Nina Kunzendorf), Arthur (Alexander Scheer) und Ilsa (Valery Tscheplanowa).]]

Ist das ein Versuch oder ein Kampf?

Es ist zumindest schon deshalb nicht immer einfach, weil jede Person, mit der ich zu tun habe, immer auch ein Individuum ist, das ebenfalls versucht, Wünsche und Visionen einer Redaktion oder eines Senders zu erfüllen. Das führt auch mal zu Diskussionen, aber ich diskutiere gerne.

War diese Diskussion bei RTL+ anders als bei ARD und ZDF, wo Historytainment seit Jahrzehnten zuhause ist?

Das kann ich schon deshalb nicht so genau sagen, weil mir lineare Fernseherfahrung fehlt. Ich hatte von Anfang das Glück, viel Kinofilme und Streamingserien zu machen. Dass man da andere Freiheiten genießt, hat sich bei RTL+ jetzt wieder gezeigt, wo es weniger um Namen als Resultate ging. Es ist völlig okay, mit der Besetzung Publikumswünsche zu erfüllen, aber wer mich engagiert, weiß ja, dass ich nicht immer die gleichen Leute suche und Ensembles anders zusammenstelle.

Dennoch sind Sie auch bei RTL+ eine Mediatorin von Massengeschmack und künstlerischem Anspruch.

Und dafür ist wie überall Kommunikation entscheidend, um zu vermitteln, was man mit den Figuren, der Geschichte, dem Gesamtgefüge vorhat. Wenn die Redaktion Besetzungswünsche hat, müssen auch die durchs Casting, um zu beweisen, ob die Chemie stimmt; es muss ja nicht nur bei, sondern auch zwischen den Darsteller:innen funktionieren. Zwei Superstars bringen dir wenig, wenn sie nicht zueinander passen. Weil es also letztlich viel um Dynamik untereinander geht, kämpfe ich seit jeher sehr fürs Live-Casting.

Haben Sie in ihrer Kartei gewissermaßen chemische Zusammensetzungen gespeichert oder zeigen sich die erst beim Vorspielen?

Die Chemie vorherzusagen, ist fast unmöglich. Selbst wer eine Ahnung davon hat, wird vom Casting oft überrascht. Aber diese Magie des Momentes ist ja das Schöne an unserem Beruf. Sie braucht allerdings Zeit, die wir leider oft nicht kriegen. Bei dieser Serie hatten wir zwei Jahre Zeit, aber manchmal kommen Produktionsfirmen auf mich zu und meinen, wir drehen in vier Monaten. Das sage ich mittlerweile ab. Hier haben wir zum Beispiel fast 200 Rollen, die irgendwie aufeinander wirken, das schaffst du nicht in so kurzer Zeit. Jede Rolle muss gesehen werden.

Sind Sie da für jede Rolle zuständig oder delegieren sie kleinere an andere Agenturen?

Ich besetze stets alle Personen, die auch nur ein einziges Wort sagen. Jedes einzelne, das nicht funktioniert, kann dich schließlich komplett aus der Geschichte raushauen. Schauspieler:innen müssen in ihren Figuren versinken; deshalb ist es mir wichtig, jede davon selber auszuwählen.

Auch Kinder?

Auch Kinder. Da arbeite ich aber auch gelegentlich mit Kolleg:innen zusammen. Bei "Das Haus der Träume'' hat auch Jacqueline Rietz die Kinderrollen mitgesucht.

Sind die beim Casting vergleichbar mit Erwachsenen?

Der Prozess ist ein anderer, weil du dich mit dem Kind erst emotional verbinden musst, um zu erkennen, wann man es los- und spielenlassen kann. Da arbeite ich gelegentlich mit Kolleg:innen zusammen, die darauf spezialisiert sind, mache es aber auch selber, sofern es die Zeit zulässt.

Um dann was genau zu tun?

Kinder lasse ich daher oft erstmal irgendwas spielen, bei dem sich alle von der Regie über die Kamera bis hin zu mir zum Deppen machen, damit die nie das Gefühl bekommen: das sei hier eine Prüfungssituation, sondern etwas, das Spaß machen soll. Das gilt zwar auch für Erwachsene, aber die gehen natürlich mit einem anderen, ausgebildeten Grundverständnis an diesen Spaß heran. Casting ist für mich nicht hierarchisch, sondern gemeinsames Ausprobieren.

Hatte Helena Zengel bei ihrer Rolle als hyperaggressive „Systemsprengerin“, wofür Sie die damals Neunjährige gecastet haben, wirklich Spaß?

Härte und Spaß schließen sich nie aus. In diesem Fall auch, weil sie verstanden hat, warum es uns wichtig war, diese Figur zu erzählen. Umso bedeutender war es, dass sie sie am Ende des Tages buchstäblich von sich abgewaschen hat, um zu verstehen: ich bin nicht diese Figur. Der Spaß kam aber auch, weil Benni so wild und unberechenbar ist, wie man es selbst als Kind in der Realität nicht kennt. Zusätzlich ist der große Spaß am Schauspiel ja auch der, in Rollen zu schlüpfen – besonders die herausfordernden sind für Schauspieler:innen oft die erfüllendsten.

Zweite Überraschung in „Systemsprenger“ war Teddy Teclbrhan als Erzieher. Wie sind Sie denn auf den gekommen – weil er Publikum in seiner jungen Bubble generiert?

Nein, weil ich ihn abseits seiner Komik kennengelernt habe und überrascht war, was das für ein ruhiger, reflektierter, intelligenter, berührender Mann ist. Ich fand es schön, dass er diese Seiten mal sichtbar machen konnte. Dass er im Casting das perfekte Match war, ist dennoch kein Wunder: Teddy ist ausgebildeter Schauspieler und spielte weit vor „Systemsprenger“ in diversen Produktionen.

Aber auch Teil eines Versuchs, Wagnisse einzugehen?

Nee, aber es macht mir immer Spaß, um die Ecke zu denken oder andere Wege der Suche einzuschlagen. Das wird besonders deutlich, wenn wir Community-Casting machen.

Community-Casting?

Mitglieder Schwarz oder asiatisch gelesener Gruppen, die sich selbst repräsentieren. Beim Community Casting geht es darum, vor allem marginalisierte Communities direkt anzusprechen und einzuladen, um Chancengleichheit zu ermöglichen und die Filmbranche ganz aktiv für alle zu öffnen Für den Ensemble-Gedanken finde ich es unerlässlich, dass sich jede, jeder neu entdecken kann. Da sind mir Social Media, Clicks und Follower völlig egal.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Personen Sie in 14 Jahren gecastet haben?

Eine genaue Zahl kann ich nicht sagen. Ich habe die 130.000 registrierten Schauspieler:innen in Deutschland zwar im Blick, bin aber immer wieder froh und überrascht, wie viele ich dann doch nicht kenne, obwohl ich jeden Tag bis zu 80 Mails mit Vorstellungen und Bewerbungen kriege. Im Laufe der Jahre habe ich aber in jedem Fall mehrere tausende Schauspieler:innen gesehen.

Welches war da ihr bestes perfektes Match?

Ich könnte das nicht ranken, weil jedes Projekt einzigartig ist und mein Anspruch natürlich immer, das beste Match zu finden. Ein schönes Beispiel war Kim Riedle in „Back for Good“, die vorher auch noch nicht so bekannt war. Aber auch Naemie, Amy und so viele andere im „Haus der Träume“ sind aus tiefstem Herzen die einzig perfekte Besetzung für ihre Figuren.

Frau Stutzky, vielen Dank für das Gespräch.

"Das Haus der Träume", ab Sonntag bei RTL+