Herr Levy, wenn man sich Ihre Filme wie "Alles auf Zucker" oder Die "Känguru-Chroniken" und jetzt "Der Scheich" anschaut – haben Sie ein Faible für Dampfplauderer mit der Tendenz zum Blender?

Meine Liebe für solche Figuren hat aber weniger mit ihren Taten als mit den Persönlichkeiten dahinter zu tun. Viele Blender täuschen aus inneren oder äußeren Zwängen heraus, nicht aus Freude am Betrug. Für die Getäuschten wiederum wird die Lüge zu einer gewünschten Wahrheit. Das faszinierende an dem Thema ist das Spiel mit Schein und Sein.

Eine der Kernfragen des Filmemachens.

Film als solches ist auch eher Schein als Sein. Im Kinofilm "Das Leben ist zu lang" habe ich mit der Idee experimentiert, dass er sich selbst demontiert. Die Hauptfigur hat erkannt, dass er nur meine Hauptfigur ist, hat angefangen, sich gegen mich zu wenden und den eigenen Film zu sabotieren. Film will immer geglaubt werden, aber da war die Message an den Zuschauer: du solltest gar nichts glauben. Die Scheinhaftigkeit des Daseins mit seiner Fülle an Möglichkeiten uns unsere eigene Existenz zu erfinden, interessiert mich aber noch aus einem anderen Grund.

Nämlich?

Ob Sie jetzt soziale Medien, Werbung, oder die Politik betrachten: es gibt ja nicht nur die, die täuschen, es gibt vor allem auch die, die getäuscht werden wollen.

Wie in "Matrix", wo den Leuten ein schöner Traum lieber ist als die hässliche Realität?

Wer von uns ist davon frei? Der Hochstapler ist lediglich ein begnadeter Wunscherfüller, ein Menschenkenner, der die Opfer mit der richtigen Lüge glücklich machen kann. Die Filmgeschichte ist ja voll legendärer Figuren, die sich verstellen und lügen mussten, um zu überleben. Schon im Stummfilm. Nehmen Sie Buster Keaton oder Charly Chaplin, die haben viele Figuren gespielt, die irgendwo hineingeraten und auf geradem Weg nicht mehr herausgekommen sind. Solche Dilemmata haben mich schon immer fasziniert.

Empfinden Sie sich da als Dienstleister am Publikum, dieses Bedürfnis nach Täuschung gefahrlos zu befriedigen?

Interessanter Gedanke. Wahrscheinlich bin ich ein bipolarer Dienstleister, der die Zuschauerinnen und Zuschauer mit großem Spaß täuscht, ihnen aber umgekehrt klar machen will, wie konkret die Gefahr der Täuschung ist. Ringo, die Titelfigur im "Scheich", ist der gutherzigste, ehrlichste, mitfühlendste Betrüger und Lügner, den man sich vorstellen kann. Sozusagen der radikalste Gegenentwurf zu Hochstaplern, die gerade durch Serien geistern. Er will sich nicht mal bereichern, sondern kann niemanden enttäuschen. Als ihn eine Sozialarbeiterin fragt, ob das nicht alles nur in seiner Fantasie geschehe, antwortet er…

Fantasie ist Realität!

Ja. Filmschaffenden erfinden Geschichten und lassen sie die Zuschauer glauben. Das ist unser Beruf. Der Schnitt baut Momente zusammen, die so nicht stattgefunden haben. Drehorte, die Tausende Kilometer auseinander liegen, werden als ein Ort verkauft. Film bedient sich ständig der Lüge, aus Liebe zur Geschichte, die wir erzählen. Das ist das Paradoxe und gleichzeitig das Faszinierende. Aber Film hat eben auch die Kraft, sich selber zu sprengen, sich ständig neu zu erfinden. Das mag die Zuschauer*innen kurz irritieren, macht aber auch großen Spaß.

[[IMG|149404|full|center|"Der Scheich" läuft ab sofort bei Paramount+]]

Ist ihr unterprivilegierter Analphabet Ringo, der sich als "Scheich" in die Kreise der Superreichen lügt, demnach ein Zerstörer des hyperkapitalistischen Systems, das ihn hofiert, obwohl er nicht dazugehört, oder hält er es mit seinem Betrug sogar am Leben?

Wir haben uns auch gefragt, was ihn eigentlich motiviert, wenn nicht materieller Gewinn. Der Film basiert zwar auf einer wahren Geschichte, aber die Motivation der Originalfigur bleibt bei allem, was wir über sie wissen, unklar. Er hat nicht nur Kontoauszüge mit Milliardentransfers gefälscht, sondern rechtschaffende Menschen aus bürgerlichen Stellen abgeworben, für unglaubliche Gehälter in seine Scheinfirma übernommen und skrupellos an den Abgrund gezogen. Das hat pathologische Züge, die wir Ringo nicht geben wollten. Für mich ist er ein anarchischer Clown, der einen Milliardenbetrug in Gang setzt, aber er hat einen starken moralischen Kompass.

Um ihn als Zuschauer lieben zu können?

Um mit ihm zu leiden und über ihn zu lachen. Er ist ein tragisch-komischer Held in einer tragisch-komischen Serie. Mein Humor entsteht aus der Liebe zu den Figuren. Zudem kenne ich das Problem, nicht nein sagen zu können.

Sie wären betrugsanfällig, wenn Ihnen ein Scheich Millionen dafür böte, sein Palast-Regisseur zu werden?

Ich befürchte, ja. Ich bin ein pathologischer Euphoriker, den man extrem schnell für etwas entzünden kann.

Sind Sie auch ein Zocker, der sich von einer risikolosen Profitaussicht blenden ließe?

Auch da: leider ja.

Rührt Ihre Filmliebe zu Blendern und Dampfplauderern auch daher?

Ich würde Menschen, die sich in einer Zeit, in der wir uns alle gern optimieren oder das Image frisieren, neu erfinden, wie gesagt nicht so nennen. Wenn wir von X Filme Paramount+ eine Serie verkaufen, nehme ich auch die Rolle des Traumerfüllers ein. Sie haben sich eine starke deutsche Serie gewünscht, um ihre Plattform zu eröffnen, und ich habe sie ihnen versprochen. In Momenten von Selbstzweifeln, die ich danach natürlich auch manchmal hatte, komme ich mir dann auch wie ein Hochstapler vor. Aber die Geschichte hat mich schon Jahre begleitet, auch wegen ihrer politischen Sprengkraft, und ich wollte sie einfach erzählen.

Welche politische Sprengkraft?

Der Scheich agiert zutiefst subversiv, weil er die Gier des Kapitalismus vorführt, die pure Behauptung von viel Geld öffnet alle Schleusen. Auch in ihrem Schwarzwald-Dorf sind Ringo und seine Frau Carla Outlaws, die sich gegen die patriarchale Macht ihrer Familie gestellt haben und deshalb vertrieben werden sollen.

Könnte man Ihre Haltung mit der Serie antikapitalistisch nennen?

Gegen den Kapitalismus können wir nichts mehr tun, der Zug ist seit langem abgefahren, aber er hat seine Achillesfersen, und eine davon ist die Gier, sein religiöser Fanatismus. Ringo und Carla kämpfen mit Fantasie und allen Tricks gegen ihre Versklavung; dafür haben sie meine volle Liebe und Solidarität. Im besten Fall ist eine Serie wie „Der Scheich“ ein Störfeuer im System.

Hätte dieses Störfeuer auch ein Film werden können oder war es stets als Serie geplant?

Ich wollte ursprünglich daraus einen Kinofilm machen, das stimmt, aber es hat sich schnell rauskristallisiert, dass der Stoff besser als Serie taugt. Zudem liebe ich Serien seit Jahrzehnten und es war nur eine Frage der Zeit, selber eine zu machen.

Und wie war’s?

Viel Arbeit, aber auch großer Reichtum an Möglichkeiten. Ich mag ja, wenn’s schwierig wird, ich mag auch, wenn’s chaotisch ist, vor allem aber mag ich’s komplex. Denn während man im Film oft Entscheidungen für Einzelaspekte treffen muss, kann man in Serien mehr reinpacken, muss also weniger weglassen. Meinem Gefühl nach ist in Serien mehr erlaubt. Als Kind von Arthouse-Filmen versuche ich diese zerfledderte Fahne zwar weiter hochzuhalten, aber die Befreiung vom kommerziellen Druck gelingt in Serien, insbesondere auf Streamingportalen, gerade besser.

Ist da nicht der Wunsch Vater des Gedankens?

Nein, aus meiner Sicht wird in Serien zurzeit so viel experimentiert wie einst im Arthaus. Und zwar mit Rückkopplungseffekten auf Filme, die stilistisch, inhaltlich, philosophisch lang stagniert hatten und sich im Sog der Serien nun fortentwickeln. Die Psychologisierung einer Mafiafamilie wie bei den „Sopranos“ bis tief ins Komödiantische: von dieser Experimentierfreude profitiert auch das Kino, das ist eine Wechselwirkung, die man zuletzt bei „Fargo“ als Serie bewundern konnte.

Haben Sie demnach Serienblut geleckt oder sagen jetzt erst recht: Kino!

Momentan möchte ich schon deshalb wieder was fürs Kino machen, weil es der schönste Ort ist, einen Film zu sehen, und weil ich helfen will, es am Leben zu erhalten. Trotzdem habe ich Serienblut geleckt. Für mich ist "Der Scheich" ein exzessiver sechsstündiger Film.

Herr Levy, vielen Dank für das Gespräch.

"Der Scheich" steht ab sofort beim Streamingdienst Paramount+ zum Abruf bereit.