Herr Bornheim, vor zwei Jahren hat die ARD mit dem Ausbau des Nachrichtenkanals Tagesschau24 begonnen. Wie weit sind Sie seither vorangekommen?

Wir sind noch nicht dort, wo wir perspektivisch hinwollen, aber die Hälfte der Wegstrecke ist inzwischen zurückgelegt. Die Startbedingungen waren schwierig. Es gab den Anspruch, einen ARD-Nachrichtenkanal zu organisieren, für den es allerdings weder zusätzliche Ressourcen noch zusätzliches Personal gab. Um den Ausbau voranzutreiben, mussten wir daher Synergien heben und eine zusätzliche Belastung des Teams riskieren, die das großartig gemacht haben. Das Ergebnis ist, dass wir einen extrem schlanken Nachrichtenkanal haben.

Was haben Sie bislang erreicht?

Wir sind in Breaking-News-Situationen, also im Kernbereich eines jeden Nachrichtensenders, viel schneller geworden. Wir haben im laufenden Programm eine Updater-Position im Newsroom geschaffen, von der aus wir schnell auf Sendung gehen können. Ähnlich wie im Hörfunk, können wir auf diese Weise innerhalb weniger Minuten unsere Kolleginnen und Kollegen vor die Kamera holen und auf wichtige Nachrichtenlagen reagieren. Gleichzeitig haben wir die Nachrichtenstrecken spürbar ausgebaut, gerade erst auch am Wochenende. Das hat sich sehr gut etabliert.

Wie wichtig ist der Blick auf die Quoten?

Bei Tagesschau24 schauen wir nicht auf die Quote. Wir programmieren sogar ganz bewusst gegen größere Reichweiten. Wollten wir höhere Marktanteile erzielen, dann müssten wir, ähnlich wie die Mitwettbewerber, auf bildstarke Dokumentationen setzen. Die ziehen gerade am Wochenende, wo das Publikum erfahrungsgemäß lieber Naturdokumentationen sehen möchte, um auf andere Gedanken zu kommen. Unser Kern aber sind Nachrichten. Das ist das, was wir können, und was im Übrigen auch den Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags ausmacht. Deshalb werden wir auch in Zukunft bei Tagesschau24 ganz bewusst auf lange Nachrichtenstrecken setzen – wissend, dass die Leute vermutlich nach zehn oder zwölf Minuten wieder umschalten, weil ihr Nachrichtenbedarf gedeckt ist. Zumal ist es wichtig, genau diesen Bewegtbildcontent auch für unsere Seite "tagesschau.de" zu nutzen. 

Was unterscheidet Tagesschau24 von der traditionellen "Tagesschau"-Ausgabe um 20 Uhr?

Wo "Tagesschau" draufsteht, muss auch "Tagesschau" drin sein. Dennoch haben wir bei Tagesschau24 einen anderen Nachrichtenbegriff entwickelt. Es kommt vor, dass wir hier auf Nachrichtenereignisse reagieren, die abends in der 20-Uhr-Ausgabe gar nicht mehr oder nur noch am Rand auftauchen. Bei Eilmeldungen im Blaulicht-Bereich ist das oft der Fall. Die 20-Uhr-Ausgabe hat eine andere Funktion, sie ist eher ein Notar des Tages und fasst zusammen, was man unbedingt wissen muss. Diesen Stretch der Marke müssen wir Tag für Tag hinbekommen, ohne dass sie bricht. 

 

"Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Leute inzwischen abschalten, wenn sie von Krisen und Krieg hören."

 

Die Hauptausgabe gilt für viele als heilige Kuh. Wie sehr kann oder auch muss man diese Sendung verändern?

Ich bin total dagegen, eine Revolution zu starten. Gleichwohl sind wir gerade dabei, die "Tagesschau" in minimal kleinen Schritten zu verändern. Wir öffnen uns neuen Themen, haben jüngst etwa über das neue Album der Rolling Stones oder einen neuen Asterix-Comic berichtet. Wir nähern uns bei der Auswahl der Themen noch stärker über die Gesprächswertigkeit. Die 20-Uhr-Ausgabe kann ihre Einzigartigkeit nur dadurch erhalten, indem sie dem Publikum das Gefühl gibt, in dieser Sendung die wichtigsten Nachrichten des Tages gesehen zu haben. Die Nachricht, über die alle sprechen, muss auch in der 20 Uhr sein. Dafür muss man die Spannbreite der Themen ein bisschen erweitern, auch als Reaktion auf ein verändertes Mediennutzungsverhalten.

Was bedeutet das konkret?

Noch vor zehn oder 15 Jahren haben sich die meisten Menschen abends aufs Sofa gesetzt und sich in der "Tagesschau" darüber informiert, was tagsüber auf der Welt passiert ist. Heute werden sie über den ganzen Tag hinweg mit Nachrichten zugedröhnt, allen voran durch Social Media. Die Menschen wollen daher abends von uns wissen, was von all diesen Informationen, die auf sie eingeprasselt sind, wirklich wichtig sind. Aus diesem Grund müssen wir viel mehr erklären als früher, haben daher eine eigene Erklär-Unit gebaut und den grafischen Anteil in der Sendung erhöht. Das ist für uns eine Strategie, um gegen diese Nachrichtenmüdigkeit anzukämpfen. 

Woran machen Sie diese Müdigkeit fest?

Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Leute inzwischen abschalten, wenn sie von Krisen und Krieg hören. Das ist nachvollziehbar, gerade weil wir es derzeit mit einer Vielzahl an Krisenherden zu tun haben. Eine Chance, die Menschen wieder für Informationen zu begeistern ist, ihnen Erklärungen zu liefern. Wenn man die Zusammenhänge versteht, ist es deutlich einfacher, mit all den Krisen umzugehen. Das schaffen wir auch im Bereich Social Media: Dort treffen wir nämlich auf die Zielgruppen, die besonders nachrichtenmüde sind. Da braucht man nicht mehr mit einer Fernsehsendung um die Ecke zu kommen. Vor allem die Jüngeren erreichen wir nur auf TikTok und Instagram. Das ist der Grund, weshalb wir relativ viele Ressourcen in die sozialen Medien stecken. Das halte ich für elementar für die Zukunft.

Dort stehen Sie im Wettbewerb mit unzähligen Anbietern, die oft laut und schrill sind oder die Nutzerinnen und Nutzer gar desinformieren. 

Sie haben Recht, wir sind diesen Plattformen ein Stück weit ausgeliefert, weil wir ihren Regeln und Algorithmen ausgeliefert sind. Trotzdem ist es wichtig, dort vertreten zu sein, um auch jenen ein Angebot zu machen, die eben nicht mehr abends um 20 Uhr die "Tagesschau" einschalten. Nehmen Sie etwa unser YouTube-Format "akkurat", in dem wir uns gerade mit sexuell ansteckenden Krankheiten beschäftigt haben. Wenn man das sieht, würde vermutlich erst mal niemand auf die Idee kommen, dass das aus der "Tagesschau"-Redaktion stammt. Es zieht aber trotzdem bei den unter 30-Jährigen, weil das für diese Zielgruppe ein wichtiges Thema ist. Auch hier setzen wir auf Synergien. Wenn wir einmal einen Inhalt produzieren, versuchen wir ihn auf möglichst vielen unterschiedlichen Plattformen auszuspielen. Auf diese Weise lief "akkurat" letztlich sogar bei Tagesschau24. 

Was passiert, wenn eine Social-Media-Plattform zu kippen droht? Einige haben sich beispielsweise schon vom Twitter-Nachfolger X zurückgezogen.

Wir beobachten die Entwicklung bei X zum Teil mit Grauen und stellen uns monatlich die Frage, ob es noch sinnvoll ist, dort zu bleiben. Die Hürde, sich zurückzuziehen, ist allerdings relativ groß, weil noch immer sehr viele Menschen auf der Plattform sind, die wir mit unseren "Tagesschau"-Artikeln verlieren würden. Gleichzeitig wäre es ein Risiko, die Plattform irgendwann ausschließlich den Irren und Bots zu überlassen.

 

"Wer will heute ernsthaft vorhersagen, wie eine Nachrichtensendung im Ende der 30er Jahre aussehen wird?"

 

Lassen Sie uns noch einmal aufs Fernsehen zu sprechen kommen. Das Studio der "Tagesschau" ist fast genau vor zehn Jahren gestartet. Fühlt es sich für Sie noch zeitgemäß an?

Im Fernsehen wirkt das Studio noch immer schick, in Wahrheit ist es aber schon spürbar in die Jahre gekommen. Erfahrungsgemäß beträgt der Lebenszyklus eines Nachrichtenstudios zehn bis zwölf Jahre – und unseres hat dieses Alter jetzt erreicht, denn es wurde zwar erst 2014 in Betrieb genommen, zum Teil mit Technik aus dem Jahr 2012. Und das merkt man an vielen Stellen. Die Technik, die wir verwenden, die gecurvte Wand, wird von hinten mit Beamern angestrahlt. Diese Beamer werden bald gar nicht mehr hergestellt. Auch für viele andere Elemente gibt es keinen Support mehr. Wir hoffen, dass es so lange hält, bis wir einen Ersatz haben.

Es steht also bald ein Umzug an?

Unser Ziel ist es, Ende 2026 in ein neues Studio zu ziehen. Das Besondere ist: Wir müssen das hinbekommen mit weniger Geld als vor zwölf Jahren. Und das alles bei gestiegenen Preisen, Problemen in den Lieferketten und allen Unsicherheiten in den Märkten. Eine riesige Aufgabe für das Projektteam. Die Herausforderung ist, ein Studio zu planen, das bis zum Ende der 30er Jahre in Betrieb sein wird. Aber wer will heute ernsthaft vorhersagen, wie eine Nachrichtensendung im Ende der 30er Jahre aussehen wird? 

Was ist Ihre Vermutung?

Es ist klar, dass das neue Studio kein reines Fernsehstudio mehr sein kann. Wir werden dort in Zukunft erstmals Broadcast, Social Media und digitale Produktionsweisen miteinander vermischen. Darüber hinaus bekommen wir von unseren Zuschauerinnen und Zuschauern in Umfragen regelmäßig gespiegelt, dass sie der "Tagesschau" zwar vertrauen, es aber den Eindruck macht, als würden wir von einer Kanzel predigen. Es steht immer ein Tisch zwischen Sprecher und Publikum, sie wollen aber lieber eine Sendung auf Augenhöhe. All diese Aspekte versuchen wir im neuen Studio umzusetzen.

Der Eindruck entsteht auch deshalb, weil die "Tagesschau" um 20 Uhr noch immer auf Sprecher setzt. Ist das noch zeitgemäß?

Unser Ziel ist es, die Verständlichkeit zu stärken. Dennoch wollen wir die "Tagesschau" um 20 Uhr auch weiterhin nicht moderierend machen - sie soll aber sprechsprachlicher werden. Wir wollen die Nachrichten deshalb so texten, wie man sie seinen Nachbarn am Gartenzaun oder der Familie beim Abendessen erzählen würde. Auf diesem Weg hilft uns auch das Projekt, die "Tagesschau" in einfacher Sprache anzubieten, um auch jenen ein Angebot zu machen, für die Deutsch nicht die Muttersprache ist oder für diejenigen, die Probleme haben, komplizierte Satzstrukturen zu erfassen. Dafür arbeiten wir mit der Universität Hildesheim zusammen, die uns beratend zur Seite steht. 

Bei all den Projekten stellt sich die Frage: Muss nicht auch die "Tagesschau" sparen? 

Ja, muss sie. Für uns ist es wichtig, uns zu fokussieren. Wie erreichen wir welche Zielgruppe? Dafür erstellen wir derzeit ein Produktportfolio und schauen uns genau an, welche Zielgruppen wir über welchen Weg erreichen und wo wir möglicherweise eine Überversorgung haben, um das Geld im Gegenzug lieber dort zu investieren, wo wir Menschen ansprechen können, die wir bislang nicht oder nur wenig erreichen. 

Herr Bornheim, vielen Dank für das Gespräch.