© ORF/Superfilm/Ingo Pertramer

"Braunschlag": Die Heilige Maria wohnt in Österreich

 

Zu den besten europäischen Serien gehört auch die österreichische Drama-Satire "Braunschlag". Die schräge Erzählweise sowie der starke Österreich-Bezug verhinderten den internationalen Durchbruch. Wieso "Braunschlag" dennoch sehenswert ist…

von Timo Niemeier
13.07.2014 - 10:39 Uhr

Bei der ARD weiß man wohl ganz genau, weshalb man mit Robert Palfrader einen der bekanntesten österreichischen Schauspieler für die "Metzger"-Reihe verpflichtet hat (DWDL.de berichtete). Hierzulande ist er erst wenigen Zuschauern ein Begriff, in Österreich hat sich Palfrader aber mit zahlreichen unterschiedlichen Rollen einen guten Namen erarbeitet. Zusammen mit seinem Schauspiel-Kollegen Nicholas Ofczarek gilt er als Enfant terrible des österreichischen Fernsehens. 

Dass ausgerechnet Palfrader und Ofczarek zwei Hauptrollen in der ORF-Serie "Braunschlag" ergattert haben, überrascht nicht. Die beiden Multitalente passen exakt in das Anforderungsprofil von David Schalko, der als Ideengeber und Regisseur die völlig überdrehte Drama-Satire (Offiziell: "Dramedy") verantwortet. Ein Gelegenheits-Seher könnte tatsächlich meinen, er sei im nächsten Teil der Tele-5-Reihe "SchleFaz" (Schlechteste Filme aller Zeiten) gelandet. Palfrader und Ofczarek sind es, die den Zuschauern zeigen: Bei "Braunschlag" handelt es sich um erstklassiges Unterhaltungsfernsehen mit Anspruch. 

Dass fängt schon bei der Handlung an: Der fiktive Ort "Braunschlag" nahe der tschechischen Grenze ist pleite. Um die Millionenschulden zu bezahlen, muss sich der Bürgermeister Gerhard Tschach (Robert Palfrader) schnellstes etwas einfallen lassen. Zusammen mit seinem Freund und Disko-Besitzer Richard Pfeisinger (Nicholas Ofczarek) brütet er Ideen aus. Schließlich fingieren die beiden Männer die Erscheinung der heiligen Mutter Maria. So eine Story zur besten Sendezeit im Ersten? Undenkbar.

Das Problem: Ausgrechnet der schrullige Reinhard Matussek ist auf ihr schlechtes Schauspiel hereingefallen. Matussek, der einen UFO-Landeplatz betreibt, den es in Österreich so tatsächlich gibt, erzählt nun der ganzen Welt, dass ihm Maria erschienen sei. Doch die Finte zeigt Wirkung: Plötzlich strömen etliche Touristen in den Ort, um das vermeintliche Wunder zu bestaunen. Braunschlag beginnt wieder zu florieren. Doch schon bald entgleitet den Dorfbewohnern ihre Geschichte. Auch, weil plötzlich ein Vertreter des Vatikan ins Dorf kommt, um das Wunder zu begutachten. 

In Österreich war "Braunschlag" ein durchschlagender Erfolg. Die ersten zwei Folgen erreichten im September 2012, an einem Dienstagabend, etwa eine Million Zuschauer und damit so eine hohe Reichweite wie kein anderes Format seit 20 Jahren auf diesem Sendeplatz. Für die restlichen Folgen ging es im Anschluss zwar etwas bergab, beim ORF kann man mit dem Abschneiden der Serie aber äußert zufrieden sein. 

Etwas anders sieht es da schon mit dem internationalen Erfolg aus. Im Ausland konnte sich "Braunschlag" bedauernswerterweise nicht durchsetzen. Aus Deutschland bekundete die ARD zwar ihr Interesse an der bissigen Satire, schlug aber letztendlich doch nicht zu. ORF-Chef Alexander Wrabetz hatte das aber noch vor dem TV-Start von "Braunschlag" vorausgesagt und das unter anderem mit dem ausufernden Lokalkolorit der Serie begründet. 

Und in der Tat: "Braunschlag" ist sehr österreichisch geworden. Nicht nur von der Sprache, bei der man als ungeübter Deutscher manchmal etwas genauer hinhören muss. David Schalko macht in "Braunschlag" auch vor Tabuthemen keinen Halt und zieht alles durch den Kakao, was sich eben durch den Kakao ziehen lässt. Da wäre der Fall Josef Fritzl: In "Braunschlag" hält Frau Berner Männer in ihrem Keller gefangen. Als das auffliegt, wird der Ort von einer Medienmeute überrollt - ähnlich wie damals der Ort Amstetten. Auch über die NS-Vergangenheit darf gelacht werden - und über die katholische Kirche sowieso. Für die deutschen Zuschauer kann das alles manchmal wie eine Farce wirken, sagt Schalko. "Für österreichische Zuschauer ist das eher Realismus."

Da "Braunschlag" ausschließlich in Österreich ein großer Erfolg war, beendete der ORF die Serie nach acht Folgen wieder. Finanziell war es für den Sender ein Verlustgeschäft, da half es auch nicht, dass der DVD-Verkauf ein halbes Jahr vor dem TV-Start begann und sehr gut verlief. Dennoch hat die Serie dazu beigetragen, das Image des ORF zu verbessern. Dass "Braunschlag" nach der ersten Staffel beendet wurde, schadet der Serie nicht: Sie war auf ihre eigene Weise auserzählt. Weitere Folgen hätten "Braunschlag" nur unnötig in die Länge gezogen. Es ist eigentlich das, was sich jeder Serien-Fan wünscht: Ein Format muss beendet werden, wenn es auf dem Höhepunkt ist. Dadurch bleibt "Braunschlag" gut in Erinnerung und wird nicht kaputterzählt. 

Beim Internationalen Film- und Fernsehfestival Cologne Conference wurde "Braunschlag" im Jahr 2012 als eine der zehn weltweit wichtigsten Arbeiten ausgewählt. So viel also zum Thema "SchleFaz". Und auch wenn man sich beim ORF gegen eine zweite Staffel entschieden hat, beginnen noch in diesem Jahr die Dreharbeiten für den inoffiziellen "Braunschlag"-Nachfolger: David Schalko produziert für den Sender "Altes Geld". Mit an Bord sind dann natürlich auch wieder Robert Palfrader und Nicholas Ofczarek.

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