Kurz nach Fusionen oder Übernahmen liegt es in der Natur der Sache, dass so manche Zukunftsfrage eher luftig beantwortet wird. Von intensivierter Zusammenarbeit und kreativem Austausch war vor einem Jahr die Rede, als Fred Kogel, CEO der Leonine Studios, erklären sollte, wie sich die vollständige Übernahme durch die französische Mediawan-Gruppe auswirken werde. Damals ließ man vor allem die Zahlen sprechen: 85 Produktionsfirmen in 13 verschiedenen Ländern mit 30.000 Programmstunden im Katalog – eine überaus starke Allianz, der man nun angehöre.

Dass ausgerechnet Mark Wahlberg im August 2025 viel konkreter sagen kann, was sich für Leonine in München verändert hat, mag auf den ersten Blick überraschen, hängt aber mit der internationalen Vernetzung zusammen.  Der Hollywood-Star, so viel scheint sicher, hat die deutsche Tragikomödie "Wochenendrebellen" mit Florian David Fitz gesehen, die 2023 im Kino lief und beinahe Deutschlands Kandidat für den Auslands-Oscar geworden wäre. Sie hat ihm offenbar so gut gefallen, dass er unlängst für die männliche Hauptrolle im US-amerikanischen Remake "Weekend Rebels" zugesagt hat.

Das Original – geschrieben von Richard Kropf, einem der drei HaRiBos ("Kleo", "4 Blocks"), und inszeniert von Marc Rothemund – stammt von der Leonine-Tochter Wiedemann & Berg Film. Für die geplante Hollywood-Version haben sich nun die Produktionsfirmen Plan B Entertainment und The SpringHill Company zusammengetan, hinter denen Brad Pitt bzw. LeBron James als prominente Gründer stehen. Plan B gehört seit drei Jahren mehrheitlich zu Mediawan, mit SpringHill haben die Franzosen vor einem Jahr eine Entwicklungs- und Koproduktionspartnerschaft vereinbart. Das ist die Liga, zu der Leonine jetzt unmittelbaren Zugang hat. Doch es kommt noch besser: Apple hat das Projekt bereits gekauft und finanziert die komplette Produktion. Max Wiedemann und Quirin Berg wirken an der Adaption als Executive Producer mit, Stephen Chbosky ("Beauty and the Beast") schreibt das Drehbuch und führt Regie. Das deutsche Original erzählte die wahre Geschichte eines Vaters und seines zehnjährigen autistischen Sohns, die jedes Wochenende ein anderes Fußballstadion besuchen, weil der Junge seinen Lieblingsverein finden will. US-Berichten zufolge soll das Remake stattdessen in der NBA angesiedelt werden, was angesichts der Verbindungen von Basketball-Legende James naheliegend wäre.

Leonine Studios auf einen Blick

  • Umsatz 2024: 409,4 Millionen Euro (Platz 1 der DWDL.de-Produktionsriesen)

  • Gesellschafter: Mediawan SAS

  • Geschäftsführung: Fred Kogel (CEO), Quirin Berg, Sarah Fischer, Max Wiedemann, Bernhard zu Castell

  • Produktionsfirmen: Beetz Brothers Film Production, Hyperbole Medien, i&u TV Produktion, Madame Zheng Production, Odeon Fiction, SEO Entertainment, Toon2Tango, W&B Television, Wiedemann & Berg Film

  • Produktionen 2025 (Auswahl): 13 Fragen (ZDF); Back to the 90s (Prime Video); Crooks (Netflix); Die Küblböck-Story - Eure Lana Kaiser (ARD); Ein Fall für zwei (ZDF); Einspruch Schatz! (ARD); Feuer & Flamme (SWR/WDR); Gzuz – Licht & Schatten (Prime Video); Hartz, Rot, Gold (RTLzwei); Kanzlei Liebling Kreuzberg (ARD); Monster Loving Maniacs (Super RTL); Stern TV (RTL); Tatort Syrien (ZDF); Was verdient Deutschland? (RTL); Zielfahnder (ARD)

Mit solch einer Erfolgsstory, wie sie für deutsche Filme selten vorkommt, lässt sich die Frage nach deutsch-französischen Konzernsynergien locker parieren. Allerdings weiß Leonine die neue Pipeline auch für profanere Zwecke zu nutzen: Alle internationalen Lizenzrechte der Münchner laufen inzwischen über die globale Vertriebsorganisation von Mediawan Rights; das DACH-Sales-Team von Leonine konzentriert sich darauf, deutschsprachige Rechte aus dem Mediawan-Katalog an den Mann zu bringen. Mit "7 Richtige – Das Quiz der Besserwisser" und "Was verdient Deutschland? Das große Gehaltsranking" haben zwei von i&u TV ursprünglich für RTL entwickelte Formate jüngst Einzug in den Unscripted-Katalog von Mediawan Rights gehalten. Eine belgische Adaption des "Big Salary Ranking" sorgte im Mai beim Privatsender VTM für gute Einschaltquoten.

Gegen den allgemeinen Trend ist Leonine im vorigen Jahr weiter spürbar gewachsen. Der Umsatz der deutschen Gruppe stieg nach Unternehmensangaben um sieben Prozent auf 409,4 Millionen Euro, die Gesamtleistung um ein Prozent auf 443,7 Millionen Euro. Für 2025 wird ein organisches Umsatzwachstum zwischen fünf und zehn Prozent erwartet, was in Anbetracht der schwierigen Marktlage als echter Erfolg gelten dürfte. "Das Marktumfeld im Produktionsgeschäft ist und bleibt auch im laufenden Geschäftsjahr von außergewöhnlichen Herausforderungen geprägt", sagt Fred Kogel dem Medienmagazin DWDL.de. "Anhaltende allgemeine Kostensteigerungen in der Produktion und der sehr angespannte Werbemarkt wirken sich spürbar auf die Anzahl der Projektbeauftragungen sowie die Höhe der einzelnen Budgets und deren Margen aus. Die Privatsender, aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender agieren zurückhaltender und reduzieren Programmbudgets. Hinzu kommt die fortwährende Konsolidierung im Streamer-Markt."

 

Wir sind keine Ankündigungsweltmeister – wir setzen unsere Pläne einfach um.
Leonine-Studios-CEO Fred Kogel

 

Fall for Me © Netflix Welterfolg made in Germany: "Fall for Me" führt die Netflix-Charts an
Gerade bei den Streamern hat Leonine in letzter Zeit einige seiner größten Hits eingefahren: Der von W&B Television produzierte Netflix-Mystery-Thriller "Brick" mit Matthias Schweighöfer hat seit Mitte Juli über 56 Millionen Views eingesammelt, zählt damit zu den drei erfolgreichsten deutschen Netflix-Filmen aller Zeiten. Während er sich noch immer in den globalen Top 10 der Plattform hält, wurde er an der Spitze der nicht-englischsprachigen Filme direkt von der nächsten W&B-Produktion abgelöst: dem Erotik-Thriller "Fall for Me" mit Svenja Jung, auf den gleich in der ersten Woche weltweit 16,5 Millionen Views und erste Plätze in 37 Ländern entfielen. Bei Prime Video wiederum schaffte es der Anfang August veröffentlichte Dokumentarfilm "Gzuz – Licht & Schatten" von Leonine Documentaries für drei Wochen in die  deutschen Top 5. Im Kino erreichte Leonine mit Edward Bergers "Konklave" über 1,1 Millionen Zuschauer und startet Ende September "Die Schule der magischen Tiere 4", dessen dritter Teil mit über drei Millionen Besuchern der meistgesehene Film des vergangenen Jahres war.

Dass die Bundesregierung für 2026 eine Verdopplung der Fördertöpfe von Deutschem Filmförderfonds (DFFF) und German Motion Picture Fund (GMPF) – vorbehaltlich der Einführung einer Investitionsverpflichtung für Streamingdienste – beschlossen hat, wertet Kogel als positives Signal: "Damit entsteht eine attraktive Anreizförderung – ein wichtiger Schritt, der der Produktionsbranche neue Perspektiven, Wettbewerbsfähigkeit und Planungssicherheit eröffnet. Wir begrüßen die schnelle und wirksame Lösung, auch wenn das lange diskutierte Steueranreizmodell vorerst zurückgestellt wurde. Die Investitionsverpflichtung als Gesetz und der darin verankerte Rechterückfall ist ein echter Gamechanger und das Kernelement der Förderreform. Insgesamt erwarten wir durch diese Maßnahmen positive Impulse für den Produktionsstandort Deutschland und damit hoffentlich eine nachhaltige Belebung des Marktes."

Ob Leonine selbst ein Treiber der Konsolidierung bleiben will, scheint aus heutiger Sicht nicht ganz klar. Die letzte gößere Transaktion war der Einstieg ins Animationssegment, der 2022 mit einer Minderheitsbeteiligung an Toon2Tango begann, 2023 mit der Gründung des Joint Ventures Leonine Animation Studios seine Fortsetzung fand und dieses Jahr im Juni in der Übernahme der Kontrollmehrheit gipfelte. Ebenfalls im Juni kaufte Kogels Konzern den Wiesbadener Lizenzhändler Dolphin Medien, der bis Jahresende mit der Leonine Licensing verschmolzen werden soll und die deutschsprachigen Rechte an den Kultfilmen mit Bud Spencer und Terence Hill ins Haus brachte. Darüber hinaus lässt Kogel sich nicht in die Karten blicken: "Wir sind keine Ankündigungsweltmeister – wir setzen unsere Pläne einfach um. Dank unserer bestehenden Struktur sind wir in der Lage, jederzeit nachhaltig zu skalieren und planen, unsere Marktposition weiter zu stärken."

Dass es durchaus auch umgekehrt laufen kann, zeigt die Tatsache, dass Leonine sich Ende April – bislang weitgehend unbemerkt – von seiner Beteiligung an der Berliner Produktionsfirma Load Studios getrennt hat. Den 43-Prozent-Anteil, der noch aus der Zeit der Tele München Gruppe stammte, hat Gründer und Geschäftsführer Georg Ramme übernommen. Load produziert aktuell Juli Zehs High-End-Serie "Hohenfelden" fürs ZDF und hatte zuletzt etwa die ARD-Dokuserie "Call Me DJ!" oder das True-Crime-Format "Dark Minds – Das Böse in uns" für Magenta TV geliefert. "Im Rahmen unserer umfassenden strategischen Reviews überprüfen wir regelmäßig alle Beteiligungen und Geschäftsfelder", erklärt Kogel. "Dabei hat sich gezeigt, dass das von Load Studios adressierte Marktsegment durch unsere integrierten Produktionsunternehmen vollumfänglich abgedeckt ist und sich die mit Load Studios verbundenen Erwartungen nicht wie erhofft realisieren ließen. Vor diesem Hintergrund haben wir uns für einen Ausstieg entschieden."

Produktionsriesen im Umbruch – bisher erschienen