Was bisher geschah…

Lange ist ProSiebenSat.1 in den zurückliegenden Jahren mit sich selbst bzw. mit dem lange größten Gesellschafter MFE beschäftigt gewesen. Während die Italiener ihre Anteile am Konzern immer weiter aufstocken, mühte man sich in Unterföhring nach Kräften, eine Übernahme abzuwenden. Seit September 2025 ist die Situation eine andere: MFE hält seither mehr als 75 Prozent an ProSiebenSat.1 und kann so alle weitreichenden Entscheidungen im Alleingang treffen.

In einigen Medien sorgte das für Schnappatmung, die alten Geschichten von Silvio Berlusconi und seinen Bunga-Bunga-Partys wurden ausgegraben. Es gab zudem die weit verbreitete Sorge, Pier Silvio Berlusconi könnte ProSiebenSat.1 für politische Zwecke missbrauchen. Politische Zwecke sind aber schon heute weder in Italien noch in Spanien das große Ziel von MFE (DWDL.de berichtete 1 | 2). 

Tatsächlich machte MFE kurz nach der Übernahme der Kontrollmehrheit schnell Nägel mit Köpfen: Der komplette Vorstand wurde vor die Tür gesetzt, bei der Vermarktungstochter Seven.One Media gibt’s mittlerweile eine italienisch geprägte Führung und auch den Aufsichtsrat hat MFE mit noch mehr eigenen Leuten bestückt. Wer aber mit einem weitergehenden Kahlschlag gerechnet hatte, lag falsch. Stattdessen rückte die Konkurrenz in Köln in den Fokus: Während RTL den Abbau von 600 Stellen ankündigte, verneinte Berlusconi junior entsprechende Pläne für ProSiebenSat.1

Stattdessen kündigte MFE an, dass es künftig mehr lokale Eigenproduktionen geben soll. Am Standort in Unterföhring will man festhalten. Das klingt nicht nach einem Investor, der die Sendergruppe finanziell auspressen will. Dass es bei ProSiebenSat.1 unter neuer MFE-Führung nicht zu einem Stellenabbau kommt, liegt wohl auch daran, dass in den zurückliegenden Jahren schon viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen mussten. 

Was ist der aktuelle Stand? 

ProSiebenSat.1 gehört mittlerweile zum MFE-Konzern, welche mittelfristigen Auswirkungen das nach sich ziehen wird, ist aber noch unklar. CEO ist mittlerweile Marco Giordani, er war in den zurückliegenden rund 25 Jahren Finanzchef von MFE. Darüber hinaus haben die Italiener mit Bob Rajan einen erfahrenen Sanierer als Interims-CFO installiert. Eine Flut an italienischen Formaten bei ProSieben und Sat.1 ist wohl eher nicht zu erwarten, dennoch wird man 2026 klären müssen, welche konkreten Synergien man eigentlich gemeinsam heben will und kann. 

Wo kommt es beispielsweise im Streaming zu Synergien? Belässt man es bei Kooperationen auf technischer Ebene oder werden Joyn und Infinity (MFE-Streamingplattform in Italien und Spanien) miteinander verschmolzen? Und vielleicht noch spannender: Hält MFE an der Strategie fest, Joyn als weitgehend kostenfreien, weil werbefinanzierten Streamer zu positionieren? Mit Infinity verfolgt man in Italien und Spanien eher das RTL+-Modell. Eine Zusammenarbeit ist darüber hinaus in anderen Bereichen denkbar, etwa dem Lizenzeinkauf.

Giordani und Rajan führen ProSiebenSat.1 in einen großen Umbruch. Doch irgendwann wird sich die Frage stellen, ob sie mittelfristig die richtigen für den Job sind. Beide kennen den deutschen Markt nicht besonders gut, außerdem ist keine Content-Expertise im Vorstand vertreten. Sollte ProSiebenSat.1 aus MFE-Sicht endlich gut für die Zukunft aufgestellt sein, könnte es hier wieder zu einer Veränderung kommen. Gesucht wird jemand mit einem guten Draht zu den Italienern. Auf der Shortlist könnte auch der ehemalige P7S1-Manager Conrad Albert stehen, der den Konzern einst im Streit mit dem damaligen CEO Max Conze verließ und gut vernetzt ist - sowohl mit MFE als auch in der deutschen Medienbranche sowie der bayerischen Medienpolitik. 

Für solche Gedankenspiele ist es aktuell aber noch zu früh, erst einmal muss ProSiebenSat.1 aus MFE-Sicht umgebaut werden. Dabei wird man 2026 den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Es ist also davon auszugehen, dass sich der Konzern von weiteren Beteiligungen trennt. Zum Unternehmen gehören nach wie vor Flaconi, Jochen Schweizer mydays oder auch die Parship Meet Group. Um die Inhalte kümmert sich nach wie vor Henrik Pabst, der nach dem Vorstandsbeben im Herbst 2025 an Bord geblieben war.

Und jetzt? 

Dass die Idee einer paneuropäischen TV-Allianz sinnvoll auf die Straße zu bringen ist, muss sich erst noch zeigen. In der Vergangenheit scheiterten auch schon andere Unternehmen dabei, einen entsprechenden Konzern zu bauen. Zu PPF, lange selbst Investor bei ProSiebenSat.1 und um Aufstockung der Anteile bemüht, gehört bekanntlich die Central European Media Enterprises (CME) - eine paneuropäische TV-Allianz. Beim tschechischen Finanzinvestor kennt man sich also aus - und dort war man überhaupt nicht überzeugt von den Vorstellungen, die MFE mit ProSiebenSat.1 hatte. 

Die Italiener müssen 2026 beweisen, dass sie die TV-Konzerne aus verschiedenen Ländern miteinander verbinden können. Dabei müssen alle Gruppen eine gewisse Eigenständigkeit behalten, vor allem in den Sendungen und Formaten muss sich das widerspiegeln. Gleichzeitig müssen die Gruppen so eng zusammenrücken, dass sie durch Synergien finanziell spürbar entlastet werden. Nur so kann die Gruppe langfristig gegen die großen internationalen Streamer ankommen, die mit ganz anderen Budgets hantieren. 

Fest steht: Für MFE ist der Aufbau einer paneuropäischen TV-Allianz durch die Übernahme der Kontrollmehrheit an ProSiebenSat.1 noch längst nicht beendet. Erst vor wenigen stiegen die Italiener auch bei der portugiesischen Mediengruppe Impresa ein. Dort hält man bislang zwar noch nicht die Mehrheit, aber dieses Ziel dürfte ziemlich klar vorgezeichnet sein. Man beginne sofort mit der operativen Zusammenarbeit, kündigte Pier Silvio Berlusconi im November an und verwies auf den Anzeigenverkauf sowie die Entwicklung einer gemeinsamen digitalen Plattform.

Nicht auszuschließen ist, dass MFE in Zukunft nochmal zuschlagen wird und die anhaltende Konsolidierung aktiv mitgestaltet. ProSiebenSat.1 ist neuerdings jedenfalls Teil einer wachsenden, pan-europäischen Gruppe. Und deren Weichen zum Erfolg werden 2026 gelegt.