Laufende Verträge mit Sky machten den Start von HBO Max in Deutschland (wie auch Großbritannien und Irland) erst in diesem Jahr möglich. Der jetzige Zeitpunkt wurde damit definiert durch Gegebenheiten, nicht strategische Planung. Ein Grund mehr, warum ein möglicher Start in Deutschland in den vergangenen Monaten, ach Jahren, immer wieder als zu spät betrachtet wurde. Ist der Markt nicht längst gesättigt? Hat sich nicht auch schon Paramount+ ein blaues Auge abgeholt weil der „Mountain of Entertainment“ doch nicht zündete, wie erwartet?
Anders als Paramount+, die ihren Launch in Großbritannien groß feierten, aber in Deutschland ohne Pauken und Trompeten in den Markt starteten, hat HBO Max diese Woche in Berlin das ganz große Besteck ausgepackt: Größer und aufwändiger als der Streamingdienst von Warner Bros. Discovery feierte zuletzt Netflix seinen Deutschlandstart - und das war vor elfeinhalb Jahren. „Krise, welche Krise?“, kommentiert ein TV-Produzent halb beeindruckt, halb amüsiert bei der opulenten Party im Berliner Gropius-Bau. Und die war nur ein Teilstück der Festivitäten.
Zuvor feierte „A Knight of the Seven Kingdoms“ seine Weltpremiere im Zoopalast, wozu neben Cast & Crew auch der Schöpfer des Westeros-Universums, Georg R.R. Martin, nach Berlin gereist ist. Dazu Teile des Teams von „Industry“ und der kommenden deutschen HBO Max-Serie „4 Blocks Zero“ sowie zahlreiche Prominenz - gleichermaßen on air wie aus der Branche. Vertreten waren Leonine, UFA, Constantin Film, Beta Film, natürlich auch RTL Deutschland als Distributionspartner und Vermarkter von HBO Max. Aber auch die Deutsche Telekom schaute vorbei. Es wurde ein großes Stelldichein der Branche.
Nun definieren Häppchen, Drinks und DJ zwar die Stimmung eines Abends, aber geben trotz Kulinarik auf Michelin-Sterne-Level, noch keine Antwort auf die Frage nach der Substanz des neuen Angebots. Wenn sich Euphorie und Kater der Feierlichkeiten gelegt haben, bleibt die Frage: Wird HBO Max in Deutschland ein Publikum finden? Die Antwort darauf ist geprägt von einem Momentum, das Warner Bros. Discovery nicht planen konnte. Einerseits wegen des nicht ganz freiwillig gewählten, späten Launch-Termins. Aber es kommen noch andere, erfreuliche Umstände hinzu.
Mit „The Pitt“ bietet HBO Max jetzt zum Launch einen der größten Serien-Hits des vergangenen Jahres und den Abräumer der letzten Primetime Emmy Awards. Am vergangenen Wochenende kamen noch Golden Globes hinzu. Die in Echtzeit erzählte Krankenhaus-Serie, deren zweite Staffel gerade gestartet ist, liefert zum Launch von HBO Max in Deutschland ein starkes, zugängliches Serien-Highlight, das noch dazu sehr komplementär ist zum „Game of Thrones“-Spinoff „A Knight of the Seven Kingdoms“. Aber es bleibt nicht bei zwei komplementären Serien, die gerade aktuell sind: Aus Großbritannien kommt der Sleeper-Hit "Industry", dessen neueste vierte Staffel am Wochenende gestartet ist und sich zum Finanz-Thriller wandelt.
Dank der bewussten Taktik, seine Serien wöchentlich zu veröffentlichen, sichert sich der Streamingdienst von Warner Bros. Discovery dementsprechend für die kommenden Wochen weiter „Talk of Town“-Impulse statt Serienepisoden kübelweise ins Netz zu kippen. Und dann kommt am 6. Febraur auch noch die lizenzierte kanadische Serie „Heated Rivalry“ nach Deutschland, deren viraler Erfolg in kürzester Zeit die internationale Serienwelt verblüffte. Das war nicht planbar, hilft nun aber dem Launch von HBO Max in Deutschland. Mehrere Serien also, von denen Kritiker*innen schwärmen und bei denen Fans im Netz für Buzz sorgen. Da kann man es auch verkraften, dass „A Knight of the Seven Kingdoms“ nicht der ganz große Wurf geworden ist.
Schließlich gibt es noch einen enormen Katalog bestehender HBO-Programme, die bislang nie unter eigener Flagge direkt verfügbar waren oder oftmals von bisherigen Partnern nicht offensiv promotet wurden. Dazu Filme und Serien- und insbesondere Comedy-Klassiker von Warner Bros. Mehr als andere Streamer verfügt HBO Max über Serien mit besonders hoher Staffel- und Folgenanzahl. Da helfen die Wurzeln im linearen TV-Geschäft mit oftmals längeren Staffeln und die Treffsicherheit von HBO, wo man zwar auch legendäre Miniserien geschaffen hat aber ein besonders gutes Händchen für Serienpflege über mehrere Staffeln hinweg besitzt.
In einem Serienzeitalter, in dem andere in Masse neue Programme starten und oftmals nicht über eine Staffel hinaus kommen, ist HBO Max selektiver - und Konkurrent AppleTV in der Hinsicht näher als Netflix oder Prime Video. Auch bei deutschen Auftragsproduktionen wählt man mit Bedacht. Im Februar kommt "Banksters", im Herbst dann "4 Blocks Zero", das Prequel zum TNT Serie-Erfolg, den auch schon die heutige Content-Chefin von HBO Max Deutschland, Anke Greifeneder, verantwortete.
Wenngleich neue Serien wöchentlich Episode für Episode veröffentlicht werden, gibt es trotzdem genug Gelegenheit zum Bingewatching. Auf einen Schatz an bestehenden Programmen stützte sich zum Start auch Disney+ in Deutschland. Was den Launch von HBO Max wiederum abhebt, ist die Genre-Vielfalt und Frequenz neuer Serien-Ware. Wo Disney+ sich anfangs schwer tat und mit einer neuen „Star Wars“-Serie vorlieb nehmen musste, dann erst den Star-Bereich einführte, der jetzt als Hulu gerebrandet wurde, ist HBO Max klarer. Allerdings auch erst nachdem man berühmt berüchtigt unter Gelächter der Branche mehrfach den Namen des Streamingdienstes gewechselt hat. Vielleicht hat der späte Start in Deutschland so gesehen einen kleinen Vorteil.
Mit ein bisschen Mittelalter-Fantasy für eine große Fangemeinde, einer preisgekrönten Krankenhausserie, der vermutlich viralsten Serie der vergangenen Wochen und einem Sleeper-Hit wie „Industry“ hat HBO Max zum Start definitiv Momentum. Bleibt abzuwarten, was man daraus macht. Es ist so wenig multiplizierbar, wie es jetzt planbar war. Und doch erklärt es das gesunde Selbstbewusstsein mit dem Warner Bros. Discovery diese Woche in Berlin aufgetreten ist. Während drüben in den USA über die Zukunft von Warner Bros. Discovery gestritten wird, wirkte der Ausflug nach Europa - wo nach Berlin am Donnerstag auch noch in Italien der Launch gefeiert wird - wie eine willkommene Abwechslung für das Führungsduo von HBO Max, JB Perrette und Casey Bloys. Es ging endlich mal wieder ums Produkt statt um Politik.
Der große Aufschlag von HBO Max beschränkte sich aber nicht nur auf die Premiere von „A Knight of the Seven Kingdoms“ im Zoo-Palast und die außergewöhnliche Party im Gropius Bau danach. Schon am Tag zuvor nahm man Berlin in Beschlag: Im Soho House an der Torstraße gab es ein Panel-Event zu „Industry“. Die Produktion ist einer der versteckten Juwelen im Portfolio: Durch Sky nie groß promotet, will die Serie jetzt neu entdeckt werden - und bringt es bereits auf vier Staffeln. Industry traf dabei in Berlin auf Industry: Die beiden Showrunner der Serie, Mickey Down und Konrad Kay, sowie Hauptdarstellerin Myha'la Herrold waren im Gespräch mit Hanna Huge von Serienjunkies - und Host des DWDL-Podcast „Industry“.
Zur gleichen Zeit versammelten sich am Montagabend im Westen Berlins Fans von „Game of Thrones“ und Schöpfer George R.R. Martin im Delphi Filmpalast zu einem „Script to Screen“-Event, bei dem Martin zusammen mit Ira Parker, dem Showrunner der Serien-Adaption von „Der Heckenritter von Westeros“, vor zügig ausverkauftem Haus Einblicke und Antworten gab. Mit einer spektakulären Licht- und Dronen-Show zur Promotion von „Harry Potter“ bei HBO Max rund um die Berliner Gedächtniskirche legte man am Mittwochabend dann noch kurzzeitig den Verkehr rund um den Breitscheidplatz lahm. Ein sehr öffentlichkeitswirksamer PR-Stunt im Rahmen des Launch-Spektakels im frostig-kalten Berlin. Dass man sich angesichts dieses Wetters bei HBO Max für das zentrale Foto-Shooting mit allen angereisten Talents ausgerechnet ein extrem windiges Rooftop-Setting über den Dächern Berlins ausgesucht hat, ist mutig.
Ausgerechnet HBO Max hätte doch wissen müssen: Winter is coming.
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