Im ZDF legt man „Wetten, dass..?“ neu auf, bei Netflix klettert Alex Honnold live auf einen Wolkenkratzer. Es hätte kaum eine aktuellere Frage geben können als die nach der Zukunft von Live-Entertainment, mit der am vergangenen Freitag an der Stuttgarter Hochschule der Medien der erste Entertainment Campus eröffnet wurde, der in fünf Panels diverse Themen der Branche ansprach. Ein wilder, schneller Ritt durch aktuelle Herausforderungen. Zu Beginn: Live-Entertainment. Es bleibe die Königsdisziplin mit dem gewissen Adrenalin-Kick und höchster Konzentration, wie es Moderator Giovanni Zarrella von seiner Primetime-Show im ZDF berichtet. Dafür braucht es keinen 500 Meter hohen Skyscraper.
Der Reiz, so Sat.1-Senderchef Marc Rasmus, liege in der Erwartung von Unerwartetem. Da habe Live-Entertainment den gleichen Reiz wie manches Sportereignis: Das Gefühl des gemeinsames „Dabeiseins“; Ausgang ungewiss. Im Setup sind Live-Events kostspielig. „Die Giovanni Zarrella Show“ wird meist im Doppelpack produziert: Einmal live, einmal aufgezeichnet für die Ausstrahlung in einigen Wochen. So soll der Aufwand relativiert werden. Doch TV-Produzent Axel Kühn (Tresor Productions) sieht diese Kostendiskussion ambivalent: Schließlich entfalle bei solchen Shows die Postproduktion, die in den vergangenen Jahren komplexer geworden ist und langwierig, damit teuer, ausfallen kann.
Zwischen Live-Eskalation und "Podcast to Broadcast"
„Skyscraper Live“ bei Netflix löst auf dem Fachpanel Kopfschütteln und Entsetzen aus. „Das würde mit unseren medienrechtlichen Auflagen gar nicht vereinbar sein. „Den ‚Bösen‘ vom Privatfernsehen wird ja vorgeworfen, die würden eh alles machen. Nein, würden sie nicht. Wir machen viel, haben auch manchmal wenig Schmerzen. Aber manchmal eben doch. Das könnte ich nicht verantworten. Weil: Was passiert, wenn der abstürzt und das Publikum live dabei ist, wenn da einer in den Tod stürzt. Das geht nicht, das finde ich schwierig. Da geht es um eine Verantwortung, die man übernehmen muss“, so Sat.1-Chef Marc Rasmus.
Axel Kühn stimmt ihm zu, befürchtet eine bevorstehende „Eskalation“ im Bereich extremer Live-Inhalte, die sich im Kleinen aus Social Trends speist, wo vornehmlich Jugendliche sich bei extremen und meist unvernünftigen bis lebensgefährlichen Challenges filmen. Während dieser Impuls aus den Socials eher Besorgnis erregt, diskutierte das Panel auch die Frage, was man lernen kann. Ist das perfekte Setting wirklich wichtig? Giovanni Zarrellas Bruder Stefano geht im Zweifel mit dem Handy spontan live - ohne ein Team von 300 bis 400 Leuten wie Giovannis ZDF-Shows. Ideen zählen mehr als perfekte Inszenierung, wenn gleich diese ein Unterscheidungsmerkmal sei.
Und nicht nur das: Sat.1-Chef Rasmus formuliert die Idee, das lineare Fernsehen in Randflächen zu „radiofizieren“, z.B. durch „Podcast to Broadcast“-Formate oder neu gedachte Teleshopping-Ideen, um auch zu diesen Sendezeiten finanzierbare, zielgruppenrelevante Inhalte zu schaffen. Schon zum Auftakt des Entertainment Campus schwingt dabei eine Perspektive mit, die später noch einmal diskutiert werden wird: TV als Second Screen. Wobei das bei der Neuauflage von „Wetten, dass..?“ mit den Kaulitz-Brüdern nicht der Anspruch sein kann.
Für die Idee vom Mainzer Lerchenberg gab es beim Fachtag in Stuttgart einerseits erwartbaren Zuspruch, etwa von ZDF-Moderator und Entertainer Giovanni Zarrella oder Otto Steiner, Produzent der Netflix-Serie „Kaulitz & Kaulitz“. Die Mischung aus Format-Nostalgie und dem neuen Duo stimmt Zarrella optimistisch. Steiner sieht mit der Besetzung frische, authentische Energie für das Format. Man umgehe mit dem Generationswechsel auch direkte Vergleiche mit früheren Moderatoren. Aber auch kritischere Perspektiven. Sat.1-Chef Marc Rasmus stellt die Frage in den Raum, ob das junge Duo mit seiner sehr lockeren Art in der Lage ist, auch alle Zielgruppen abzuholen, wie es ein öffentlich-rechtlicher Sender tun sollte.
Da das Publikum des linearen ZDF überdurchschnittlich alt ist, kam jedoch auch das Gegenargument zur Sprache: Vielleicht braucht es zur Abwechslung mal eine Fokussierung aufs jüngere Publikum. TV-Produzent Axel Kühn warf die Frage, ob die zweifelsohne unterhaltsamen Kaulitz-Brüder die Moderationsfähigkeiten für eine solche Live-Situation mitbringen. Einigkeit herrschte allerdings in einem Punkt: Die Neugier ist geweckt und das ist in Zeiten des medialen Überangebots ein wichtiger erster Schritt.
Über erste Schritte ganz anderer Art ging es in Stuttgart bei der Frage, wie sich das klassische TV-Entertainment zur neuen Generation von Content Creator verhält. Kurz gesagt: Wie sich Karriere-Wege ins Entertainment wandeln, wenn sich die Beziehung zwischen sozialen Medien und dem Fernsehen gerade bei jungen Zielgruppen längst umgekehrt hat - und digitale Reichweite zum Kriterium wird, das klassische Fernsehkarrieren herausfordert. Früher begannen Karrieren in den Medien über Praktika, Volontariate und oft stufenweise Entwicklung.
Creator Economy trifft auf TV-Entertainment
Heute können Karrieren mit dem Handy und einer guten Idee entstehen - und sich auch direkt verbreiten. In Einzelfällen sogar mit hohen Reichweiten in kürzester Zeit. Und das wiederum fordert etablierte Karrieren und Künstler*innen hinaus; sorgt durchaus auch für Unmut, wenn Content Creator über ihre Followerzahl an Jobs kommen, für die sich andere jahrelang hocharbeiten mussten. Doch Moderator Ingo Nommsen, selbst den klassischen Weg genommen, findet Anfeindungen oder Neid falsch: „Es ist schade, dass das als Kulturkampf gesehen wird, weil es eigentlich ein Betriebssystem-Update für unsere Medien ist.“
Marvin Endres, als Geschäftsführer von Endgame Entertainment selbst Künstlermanager und Comedian, mahnt dabei jedoch besonders Content Creator zur Zurückhaltung. Wer zu schnell aufsteigt, verbrennt sich. Zweite Chancen gebe es selten. Er managt mehrere Content Creator wie Alina Khani, die mit einer differenzierten Betrachtung von Erfolg und Herausforderung ihrer jungen Karriere einen der interessantesten Denkanstöße beim Entertainment Campus lieferte: Die 27-jährige lehnt bewusst auch attraktive Angebote ab, um sich auf Formate zu konzentrieren, die um ihre Marke herum entwickelt werden.
Sie betont die Wichtigkeit von Übung und Selbstentwicklung. Reine Reichweite reiche nicht aus; Creator müssen auch Talent und Fähigkeit zur Performance auf einer Bühne mitbringen, nicht nur vor dem Handy. Khani: „Meinen 13. StandUp-Auftritt hab ich direkt im Fernsehen gemacht. Macht das nicht! Es war okay, aber es gibt viele Menschen, die gerne so eine Chance hätten und ich möchte nicht den Respekt davor verlieren, was ich für eine Chance bekomme. Und ich kriege mittlerweile Chancen, das ist insane. Und dann frage ich mich, ob ich dem überhaupt gerecht werden könnte. Wenn ja, dann mache ich es. Wenn nicht, dann frage ich mich, was ich noch dafür tun muss.“
Dass eine erfolgreiche Verbindung von Content Creator und TV nicht nur eine Frage des Castings ist, betonte auch Henrik Wittmann, Leiter Digitales bei i&u Studios. Man müsse gemeinsam Formate entwerfen. Wenn Creator nicht 100 Prozent hinter dem stehen, was sie machen, merke das die Community und jeder Effekt verpufft. Überhaupt gebe es bei einigen Creatorn inzwischen das Problem, dass sie „overused“ sein. Professionelle Produktionen, ob nun für lineares TV, Mediatheken oder Werbekunden, bevorzugt feste Abläufe und klare Strukturen. Social Media lebt wiederum eigentlich von Nähe, Spontanität und dem Gefühl von Authentizität, auch wenn dies oft inszeniert ist.
"Das Fernsehen muss halt geupdatet werden"
Der Erfolg des Aufeinandertreffens dieser Welten entscheide sich daran, ob diese Unterschiede berücksichtigt und adressiert werden, so Wittmann. Dabei müsste die TV-Branche verstehen, dass lineares Fernsehen für Creator oft finanziell weniger profitabel ist als Social Media. Ein Instagram-Reel kann mehr Geld bringen als eine TV-Show-Teilnehme, die Tage oder Wochen Zeit beanspruchen. Wenn es also nicht das Geld ist, was junge Content Creator zum klassischen TV-Entertainment zieht, was dann? Marvin Endres nutzt einen Fußballvergleich: Es geht ums Prestige; das Gefühl mal für die Nationalmannschaft zu spielen.
„Damit die Oma mal sieht, was ich mache“, ergänzte Produzent und Berater Uwe Schlindwein. Und auch Alina Khani bekennt: „Das Fernsehen ist immer noch das große Ding. Das ist immer noch so im Kopf, auch wenn es nicht mehr die ganz große Rolle spielt. Aber ich will trotzdem dran glauben. Es muss halt geupdatet werden und ich glaube, da probieren wir alle gerade ein bisschen rum.“ Das spiegelte sich beim Entertainment Campus auch beim Thema „Scrollen statt Schauen“ wieder - wo es um die Reaktion des TV-Entertainment auf neue Nutzungsgewohnheiten ging.
Dort kristallisierten sich drei Kern-Probleme heraus: Die etablierten Medienunternehmen stehen vor der Herausforderung, a) im neuen Marktumfeld ihre Relevanz zu erhalten, b) ein jüngeres Publikum anzusprechen und c) die Inhalte weiter zu monetarisieren. Was jedoch kann man nun lernen von einer Generation, die in Sekunden scrollt und kaum noch Längen verzeiht? Zunächst einmal schwindet das, was einmal Primetime war - zumindest für gewisse Altersklassen. Jene Sendezeit ab 20.15 Uhr, spiele vorrangig für die Über 60-Jährigen eine Rolle und das werde aufgrund der Altersentwicklung in Deutschland auch noch länger so bleiben.
Otto Steiner, Geschäftsführer Constantin Entertainment, merkt auf die Frage, ob die Primetime als Produzent noch immer das Erstrebenswerteste sei, verschmitzt an: Eigentlich sei die Daytime (wo er u.a. „Shopping Queen“ produziert) aufgrund ihres Volumens noch lukrativer. Doch generell weiche die Fokussierung auf; Produktionen direkt für Mediatheken sind kein Makel mehr. Die Erkenntnis setze sich inzwischen auch Stück für Stück bei den Traditionalisten im ARD-Kosmos durch, bemerkt Dominique Lars Ziesemer von der ARD Koordination Unterhaltung erfreut. Die Reality „Werwölfe“ nennt er als schönen Erfolg. Man suche übrigens mehr Reality - und auch Personality-Formate, die Mediathek-geeignet seien.
Funktioniert TV-Tempo im Zeitalter des Scrollens?
Eine Primetime im Netz gebe es so nicht, ordnet Thomas Münzner, Geschäftsführer der neuen Produktionsfirma Studio Flitz, Teil von ProSiebenSat.1, ein. Das Unternehmen fokussiert sich auf Creator-Formate („The Race“) und will dabei die Lücke besetzen zwischen anfangs meist allein agierenden Content Creator und dem Wunsch nach Unterstützung. Es gebe aber „streaming-affine“ Tage, insbesondere den Sonntag und mit Abstrichen die zweite Wochenhälfte von Donnerstag bis Samstag. Konkretere Veröffentlichungszeiten hängen eher von algorithmischen Optimierungen ab. Erste Erfahrung damit sammelt auch Constantin Entertainment, wo man ein Auge auf den aus Asien stammenden Trend der „Vertical Dramas“ geworfen hat.
Mit Content Creators arbeitet Otto Steiner auch bei „LOL Next“, einem Ableger des Prime Video-Formats. Für ihn eine „Win-Win-Situation“: Kreative erhielten Zugang zu größeren Plattformen und neuen Zielgruppen, während Produzenten von der bestehenden Community und den digitalen Inhalten der Kreativen profitieren. Doch auch die Form müsse sich ändern. Sociel Video gewöhnt an schnelle Hooks, die sich längst ins TV übertragen haben: Die ersten Sekunden zählen. Im Eiltempo wird erzählt, was zu erwarten ist. Zeit für lange Einstellungen oder gemächlichen Spannungsaufbau gewährt besonders das junge Publikum immer seltener.
Möglicherweise, so die Analyse von Thomas Münzner, muss das Fernsehen sich auch damit arrangieren, dass es zum Second Screen wird. Das könne auch eine Chance sein, wenn man das akzeptiere. Die Konsequenz wäre dann, Inhalte so zu gestalten, dass sie nebenbei auch bei nur teilweiser Aufmerksamkeit leicht zu verfolgen sind. Slow TV ist kein ganz neuer Trend, aber einer der wieder mal die Runde macht. Die Herausforderung bestehe darin, Cliffhanger zu schaffen, um das Interesse der Zuschauer über längere Formate aufrechtzuerhalten. Die Quintessenz: Medienkonsum auf sozialen Plattformen lässt sich nicht auf Langform-Inhalte übertragen. Aber mit dem Verständnis von Hooks, neuen Talenten und der Rolle als „Second Screen“ könne man arbeiten.
Während „Wetten, dass..?“ weiter Männerdomäne bleibt, bewegt sich trotzdem was im deutschen Fernsehen. Hinter den Kulissen und davor. Lizi Sofeso, Show&Reality-Chefin bei Seven.One Entertainment, sieht mehrere positive Entwicklungen. Bei ProSiebenSat.1 gebe es Mentorenprogramme für weibliche Führungskräfte und eine "Empowerment-Gruppe" zum Networking und Workshops, die es früher nicht gab. Inhaltlich ist sie stolz, dass sich „Germany’s Next Topmodel“ von traditionellen Schönheitsidealen gelöst hat und offener geworden ist. Sofeso ist stolz darauf, hier eine Vorreiterrolle in der noch konservativen Modebranche einzunehmen.
Dem Optimismus pflichtet Kollegin Ellen Koch, Chefin mehrere ProSiebenSat.1-Sender, darunter Sixx, bei - und untermauert das ebenso mit programmlichen Wandel. Die Frauensenderin begleitet intensiv die „Miss Germany“-Wahl, deren Finale live übertragen wird. Aus dem einstigen Schönheitswettbewerb ist inzwischen eine Plattform für „Frauen mit Mission“ geworden, die Gründerinnen, Führungskräften und Frauen in männerdominierten Berufen Sichtbarkeit geben will. Stefanie Germann, ARD-Sprecherin und -Journalistin, widerlegt das Klischee des „schwerfälligen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, hebt sowohl die große Anzahl starker und präsenter Journalistinnen sowie auch auch vier Intendantinnen bei den neun ARD-Anstalten hervor. Dazu Generalsekretärin und Programmdirektorin.
Female Empowerment: Neue Perspektiven, alte Fragen
In Sofesos Abteilung bei ProSiebenSat.1 seien die redaktionellen Führungsebenen überwiegend weiblich und ihr Produzententeam paritätisch besetzt. P7S1-Kollegin Ellen Koch merkt an, die oberste Führungsetage sei noch sehr männlich geprägt. Sie befürwortet eine Mindestquote, um sicherzustellen, dass weibliche Perspektiven Einfluss auf die Unternehmenskultur und den Führungsstil nehmen. Klare Kante von Koch auch bei der Frage nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Ich kann dazu sagen, dass ich zu diesem Thema auf einem Panel nie etwas sagen werde, sofern meine männlichen Kollegen nicht die gleiche Frage bekommen. Nächste Frage bitte.“ Kollegin Lizi Sofeso hat dem nichts hinzuzufügen: „Das war ein guter Abschluss“.
Zuvor hatte SWR-Journalistin Stefanie Germann die ARD-Anstalt aus eigener Erfahrung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelobt. Und nicht nur bei dem Thema gab es Differenzen: Beim Umgang mit Äußerlichkeiten in den Medien, äußert Ellen Koch die Hoffnung, dass die Bewertung von Frauen nach ihrem Aussehen bald ein Ende hat. Sie bezeichnet dies als psychologisches Phänomen zur "Kleinhaltung von Frauen" und fordert dazu auf, solche Denkmuster zu hinterfragen. SWR-Kollegin Germann erkennt an, dass in visuellen Medien der erste Eindruck oft das Aussehen ist, betont aber auch die Wichtigkeit, dies von oberflächlicher Bewertung oder Bodyshaming zu trennen.
Die Ratschläge der drei Medienmacherinnen auch mit Blick auf die Studierenden im Publikum: Mut und Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten. Proaktiv für Sichtbarkeit sorgen und klare Wünsche und Ziele formulieren, z.B. bei Gehaltserhöhungen oder Projekten. Hartnäckig und leidenschaftlich sein, rät Lizi Sofeso. Stefanie Germann rät zu vielen Praktika und aktiver Vernetzung, inklusive Mut, Leute direkt anzusprechen. Fehler zu machen, helfe sich über die eigenen Ziele klarer zu werden. Und Ellen Koch rät zur Nutzung von KI für alle Routineaufgaben, um mentale Kapazitäten für das Erreichen der eigenen Ziele frei zu haben.
Reality-TV, ein Trend-Genre mit Verantwortung
Zum Themen-Mix des Entertainment Campus gehörten neben Karriere-Themen, die für das überwiegend junge Publikum von persönlichem Interesse waren, die Fragen nach Verantwortung und veränderten Nutzungsszenarien sowie Genre-Diskussionen. Neben Comedy und Live-Formaten ging es dabei in Stuttgart vor allem um das Trend-Genre Reality - wobei man gewagterweise Factual Entertainment als Abbildung von Realität mit in den Topf geworfen hat. Was aber macht Reality im klassischen Sinn eigentlich zu einem so beliebten Genre?
Antworten lieferte Jobst Benthues, Geschäftsführer der Produktionsfirma Redseven Entertainment, der gerade „Love is Blind Germany 2“ produzierte: Es herrsche eine hohe Nachfrage nach immer wieder neuen Geschichten, die schnell und nah am Menschen erzählt werden können. Die Unvorhersehbarkeit von Geschichten und Cast-Konstellationen sorge für die Spannung. Reality-TV sei eine „Quoten- und Geldmaschine“, zahle oftmals die Miete. Längst hat das Genre seine eigene Industrie geschaffen, habe eine eigene Riege von Creator und Realitystars geschaffen. Ein eigenes Ökosystem, das sich der Unterhaltung verpflichtet fühle.
Für Sender und Produktionsfirmen gilt in dem Genre eine besondere Sorgfaltspflicht, die Sebastian Lühn von RTLzwei hervorhebt. Wobei unterschieden werden muss zwischen Reality-Formaten mit etablierten „Stars“, die ihre Rollen und Inszenierung gezielt anlegen und sich ihrer Wirkung bewusst sind, auch was z.B. provozierte Shitstorms angeht. Anders sei es etwa bei „Germanys Next Topmodel“: Hier gehe es um eine Heldenreise junger Menschen für die man eine hohe Sorgfaltspflicht habe. Benthues erklärt, es gehe nicht um maximalen Trash oder Zickenkrieg, sondern um die Suche nach einem international erfolgreichen Model. Deshalb inszeniere man nicht oder schneide Inhalte so, dass sie Teilnehmer später schaden könnten.
Grenzen verschwimmen: Alle im Wettbeweb um alles
Interessant ist der öffentlich-rechtliche Vorstoß ins Reality-Genre. Um die jüngeren. Menschen (14-49) zu erreichen, bedienen sich auch ARD und ZDF inzwischen Formen des Reality-TV, sowohl im Dating - allerdings dann ohne Alkohol und Krwall - aber zuletzt auch in strategischer Form bei den „Werwölfen“ (ARD). Der Entscheidungsfindungsprozess wurde minimiert, da ein bestehendes Format, ein Produktions-Hub und ein bekanntes Spiel vorlagen, erzählt SWR-Unterhaltungschefin Anne Moosmayer. Der Cast besteht aus "ganz normalen Menschen", die teils angesprochen, teils beworben wurden und nach spezifischen Charaktereigenschaften (List, Täuschung) ausgewählt wurden. Mit dem Ergebnis sei man sehr zufrieden.
Wie finde RTLzwei den Einstieg der Öffentlich-Rechtlichen ins Genre? Konkurrenz belebt das Geschäft, sagt Lühn. Benthues pflichtet ihm bei. Durchsetzen werden sich aber nur starke Marken, die nicht auf schnelle Erfolge setzen. Und dann gibt es da neben Reality noch das echte Leben: Factual Entertainment wie es Oliver Gäbel von Filmreif TV produziert. Hier gelte die Sorgfaltspflicht den journalistischen Grundsätzen. Auf Produktionen wie „112: Feuerwehr im Einsatz“ für DMAX gebe es keinen Shitstorm, weil sie Menschen zeigen, die Sinnvolles leisten. Das lasse ihn hoffen. Zwischen allerlei Reality sei also noch Platz für Realität.
Disclaimer: Der Autor dieses Artikels war einer der Moderator*innen des Entertainment Campus HdM und ist Dozent an der Hochschule der Medien, die den Fachtag veranstaltet hat.
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