Welcher europäische Super-Indie „goes global?“

Die französische Mediawan Group (in Deutschland gehört LEONINE Studios dazu). Denn die haben am 30. Januar 2026 die Übernahme von The North Road Company, gegründet von US-Industrie-Schwergewicht Peter Chernin (ehem. News Corp./20th Century Fox), angekündigt und damit den lange fehlenden Mediawan-Baustein gekauft, nämlich einen echten Nordamerika-Hub. North Road (u.a. „Ford v Ferrari“, „Love Is Blind“ etc.) soll genau das werden, während Labels, Leadership und kreative Partnerschaften laut Deal-Text unverändert bleiben (Kontinuität als Beruhigungspille fürs Talent nennt man das wohl). Zusammen sprechen die Parteien von knapp 100 Produktionsfirmen, 15 Ländern und über zwei Milliarden US-Dollar jährlichem Produktionsvolumen. Plus globalem Distribution-Footprint.

Strategisch ist das der Schritt vom „starken europäischen Haus“ zur transatlantischen Plattform. Nach dem Motto: Wer heute an globale Buyer verkauft, braucht nicht nur gute Stoffe, sondern auch Scale, Geschwindigkeit, Rights-Maschine – und idealerweise eine USA-Europa-Brücke, die Co-Pros und IP-Transfers leichter macht (it’s just the same old song). S&P schätzt Mediawan nach dem Deal pro forma auf ca. 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Groß genug, um in der Premium-Liga mitzureden, ohne schon ein eigener Major zu sein. Und damit sind wir im Bigger Picture. Das ist nicht nur „ein weiterer Deal“, das ist Super-Indie-Aufrüstung im Wettbewerb mit Banijay Group & Co. Banijay liegt bei ca. 2,6 Milliarden Euro Content-Production-Umsatz (2024), und die Branche steuert ohnehin auf wenige globale Produktions-Schwergewichte zu. Kurz: Die Merger Mania 2026 geht weiter. Wenn aus linearem Druck, globalen Streamer-Budgets und Talent-Knappheit ein einziger Imperativ entsteht, dann wohl dieser: Größe + IP + globale Lieferfähigkeit. Und dafür wird 2026 weiter gebaut, geschluckt und verschmolzen. Ich bin gespannt, wo das endet. Und wie die Konsolidierung in Deutschland weitergeht. 

Bei wem gibt es endlich Neuigkeiten?

Disney hat diese Woche zwei Dinge getan, die man an der Börse selten im Doppelpack bekommt: abgeliefert und aufgeräumt. Abgeliefert, weil die jüngsten Zahlen zeigen, wo der Gewinn inzwischen wirklich herkommt. Weniger aus dem „Streaming-Wars“-Pathos, mehr aus der ganz profanen Wahrheit am Park-Drehkreuz. Und aufgeräumt, weil die Nachfolge-Hängepartie endet: Parkchef Josh D’Amaro übernimmt zum 18. März 2026, habemus Disney CEO. Die Q1-FY26-Zahlen (bis 27.12.2025) lesen sich solide. Umsatz 26 Milliarden. US-Dollar (+5%), Adjusted EPS (bereinigter Gewinn pro Aktie) 1,63 US-Dollar. Aber das Entscheidende ist der Mix. Experiences (also Parks/Cruises/Consumer Products) fährt zehn Milliarden US-Dollar Umsatz ein und liefert laut Reuters rund 72% des Operating Profit. Und Streaming ist operativ endlich ein echter Beitrag, Disney+ & Hulu zusammen mit ESPN-Streaming bringen 450 Millionen US-Dollar Betriebsergebnis. Gleichzeitig zeigt das Entertainment-Segment die Kehrseite der Content-Maschine: höhere Marketing-/Release-Kosten drücken, und Disney stellt die separate Ausweisung der TV-Kanäle (!) ein – „outdated“ nennt man das.

Nun hat der Verwaltungsrat die Nachfolge von Bob Iger geklärt. Die pikante Besonderheit: D’Amaro ist kein „Content-CEO“. Aber bei dieser Ergebnis-Architektur konnte das Board vermutlich kaum anders. Wenn dein Profitzentrum seit Jahren Experiences heißt, wählst du den Manager, der diese Gelddruckmaschine kennt und flankierst Kreativität über Dana Walden als President & Chief Creative Officer (und was man hören kann, ist ihr ihr Verbleib nicht zum finanziellen Nachteil gereicht). Disney baut faktisch eine Betriebs- und eine Story-Achse. Ich hoffe, dass rächt sich nicht (Iger erster Nachfolger Bob Chapek kam auch aus dem Park-Geschäft). Was bedeutet das für die Zukunft? Ich erwarte eine Equity Story, die weniger „wir gewinnen Streaming“ ruft und mehr „wir optimieren IP-Yield“ liefert. Parks als Premium-Experience-Plattform, Streaming als profitabler Distributions- und Daten-Layer, Sport als skalierbarer Digital-Hub und Content wieder stärker als Input in eine Rendite-Maschine, weniger Magic, mehr Marge. Der Markt wird das lieben, solange die Parks nicht zyklisch einknicken (internationaler Besuch ist gerade ein Warnlämpchen). Und die Aktie? Die letzten Jahre waren ein Lehrstück, wie schnell Magie an der Börse verdampft. Vom Hoch um die 197 US-Dollar (März 2021) auf heute rund 107 US-Dollar, das sind grob -45%. Der Neustart unter D’Amaro muss daher brutal einfach werden. Planbarer Cashflow, disziplinierte Content-Ökonomie, sichtbar profitable Streaming-Margen und erst dann wieder Fantasia.

Wer hat auch abgeliefert, nur anders?

ProSiebenSat.1 hat nun also „vorläufige Zahlen“ für 2025 veröffentlicht. Und man muss nicht lange drumherum reden: Umsatz rund 3,68 Milliarden Euro, adjusted EBITDA rund 405 Millionen Euro. Das ist nicht nur unter einer Erwartung, das ist vor allem erneut unter der eigenen Erwartung. Und zwar unter einer Erwartung, die man sich gleich zweimal selbst nach unten korrigiert hatte. Erst im Herbst, dann im November noch einmal enger gefasst. Nun, diese Prognose erneut deutlich zu verfehlen, ist auch schon eine „Kunst“ für sich genommen, und nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme an der Börse. Am Ende ist das jedoch nicht mein Punkt, denn: Überraschend ist das kaum. Wenn der Werbemarkt, vor allem im für P7S1 wichtigsten Quartal, schwächelt, dann ist das für einen Senderkonzern, dessen Ergebnishebel nach wie vor stark am klassischen TV-Werbegeschäft hängt, kein mathematisches Rätsel. Die eigentliche Nachricht steckt nicht in „405“ oder „420“ einer Kapitalmarkt-Pflichtmitteilung, sondern im Kalender und dem, was nun kommt. Am 26. März 2026 erscheint der Full Year 2025-Geschäftsbericht. Das ist die Stunde der Wahrheit. Dann wird nicht mehr rückwärts erklärt, sondern vorwärts behauptet.

Denn am 26.3. entscheidet sich, ob ProSiebenSat.1 dem Kapitalmarkt eine neue Equity Story anbieten kann oder nur das nächste Kapitel „Prinzip Hoffnung.“ Und diese Hoffnung wird sich der Markt nicht mehr erzählen lassen. Entscheidend wird sein, wie die 2026er Guidance aussieht. Welche Strategie liegt dahinter? Und vor allem: welches Werbemarkt-Szenario wird vorausgesetzt? Stabile Budgets, leichte Erholung, oder „weiterhin schwierig, aber wir schaffen’s irgendwie?“ Damit sind wir beim Kern. P7S1 braucht nicht erneut eine rhetorische Wetterkarte („herausforderndes Umfeld“), sondern endlich belastbare Hebel. Welche Kostenhebel zieht der neue Vorstand wirklich? Strukturell, nicht kosmetisch? Welche Programmhebel sind realistisch, ohne die Marke endgültig auszudünnen? Wo wird gezielt investiert, wo konsequent beendet? Und genau deshalb wird 2026 zum Lackmustest. Wer einen neuen Kapitän holt sagt, wohin das Schiff fährt. Und zwar nicht nur „weg vom Sturm“, sondern zu einem Geschäftsmodell, das auch bei Gegenwind trägt. Für alle Stakeholder – Aktionäre, Mitarbeitende, Werbekunden, Kreative, Partner – dürfte sich am 26. März daher mehr entscheiden als an jedem „vorläufigen“ Zahlentag. Ob ProSiebenSat.1 wieder zu einem Plan findet, der trägt. Oder ob 2025 rückblickend nicht das schwache Jahr war, sondern der Moment, in dem man merkte, dass eine Prognose nicht nur verfehlt wurde, sondern ein ganzes Narrativ kollabiert.

Wo ist mal wieder ein Update fällig?

Washington war diese Woche wieder Bühne, Beichtstuhl und Casting-Show zugleich. Wer darf Warner Bros. Discovery „retten?“ Der nächste Akt ist bereits terminiert. Im März 2026 soll es laut CNBC/Reuters voraussichtlich zur Aktionärsabstimmung über den Netflix-Deal kommen. Die Faktenlage in einem Satz: Netflix will für rund 82,7 Milliarden US-Dollar (mittlerweile all-cash) die Studio- und Streaming-Assets von WBD kaufen. Parallel trommelt Paramount/Skydance weiter für sein 30 US-Dollar-all-cash-Angebot. Und David Ellison legt gerade noch einmal mit einem „Anti-Monopoly“-Brief nach, inklusive 30 Kinofilmen (beide Studios zusammen) pro Jahr als Versprechen. Und jetzt zur eigentlichen Show. Beide Lager inszenieren sich als Heilsbringer, nur für unterschiedliche Zielgruppen. Netflix’ Heilsbotschaft wurde am 3. Februar 2026 im Senat offiziell aufgeführt. Wir sind gut für Konsumenten (Bundles/Value), gut fürs Kino (Fenster-Versprechen), gut für Jobs, und übrigens: der wahre Gegner sei YouTube, nicht das eigene „Streaming-Monopol“. Die Anhörung war weniger Urteil als PR-Probe für die eigentliche Prüfung von DOJ/FTC.

Paramount/Skydance spielt die Gegenrolle. Wir sind die weniger monopolige Lösung, die kreativere, die wettbewerbsfreundliche. Ellison packt dafür die emotionale Industrie-Währung aus: mehr Kino, mehr Output, mehr „Wir lieben Hollywood“, plus die harte Mechanik eines Shareholder-Kampfs über Briefe, SEC-Papier und Druck auf das Board. Wie geht’s weiter? Die März-Abstimmung wird der erste Moment, in dem aus Narrativen Stimmen werden. Bis dahin wird Netflix weiter die Regulierungs-Story (Marktabgrenzung, „wir sind nur ein Player“) stabilisieren, und Paramount/Skydance versuchen, die Abstimmung zu einem Moral-und-mehr Cash-Referendum zu machen. Mein Tipp: Am Ende entscheidet wahrscheinlich nicht, wer am schönsten vom Kino spricht, sondern wer die Aktionäre am glaubwürdigsten davon überzeugt, dass dieser Deal auch wirklich schließt. Und Trump? Der sagt zur Abwechslung jetzt im NBC-Interview: „Ich bin von beiden Seiten angerufen worden. Es sind die zwei Seiten, aber ich habe entschieden, dass ich mich nicht einmischen sollte. Das Justizministerium wird sich darum kümmern.“ Das ist sicher nicht sein letztes Wort. Und so geht das Drama weiter.

Und worin sehen die einen den „Durchbruch“ und die anderen eine „herbe Enttäuschung“?

Pünktlich zur Berlinale wollte auch die Koalition mal etwas liefern und hat den jahrelang vertagten Förder-Streit in ein offizielles Paket gegossen. Union und SPD bestätigen den sogenannten „Investitionspakt für den Filmstandort“ – 8% Basisquote plus Subquoten, dazu ein Opt-Out/Öffnungsklausel-Modell ab 12% freiwilliger Quote, und als politischer „Jetzt-wirklich“-Hebel der Filmbooster, d.h. die unter Sperrvermerk stehenden zusätzlichen Mittel für DFFF/GMPF sollen unmittelbar mit dem Kabinettsbeschluss freigegeben werden, angepeilt noch vor Ostern (Donnerlüttchen!). Inhaltlich wird das als „Bestes aus zwei Welten“ verkauft. Anja Weisgerber (CSU) spricht davon, man habe den „gordischen Knoten“ durchschlagen, Wiebke Esdar (SPD) rahmt es als Fairnessfrage („Wer hier Gewinne macht, muss auch hier Verantwortung übernehmen“), Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verspricht internationale Konkurrenzfähigkeit „ohne in die Geschäftsmodelle … einzugreifen“, und Finanzminister Lars Klingbeil setzt den Kassenstempel darunter („Unmittelbar mit Kabinettbeschluss … stehen die Filmfördermittel … voll zur Verfügung“).

Auf Branchenseite jubelt die Produktionsallianz (Michelle Müntefering) vom „Durchbruch“, und markiert als eigentlichen Gewinn den Rechterückbehalt als Fundament für Planungssicherheit. Und dann, kaum ist die Schleife um den Pakt gebunden, kommt der erwartbare Gegenruf. VAUNET nennt die angekündigte gesetzliche Investitionsverpflichtung „eine herbe Enttäuschung“ und den Investitionspakt „ein denkbar schlechter Ausgangspunkt.“ Wegen Quote/Subquoten, vor allem aber wegen der Rechtevorgaben. Und, ob Opt-Out & Öffnungsklauseln wirklich „zu Erleichterung und Verhältnismäßigkeit beitragen“, sei „bisher nicht ersichtlich.“ Damit ist die Dramaturgie für die nächsten Wochen gesetzt. Politik feiert „Durchbruch“ (inklusive Markus Söder), Produzenten feiern Rechte, Sender/Streamer rufen nach Rechts- und Marktkonformität. Und die eigentliche Schlacht beginnt erst jetzt in den Details (Anrechnungsfaktoren, kartellrechtliche Branchenvereinbarungen, Durchsetzung etc.). Da bleibt immer noch viel zu besprechen auf der Berlinale. Dennoch bin ich ein wenig überrascht, dass offensichtlich die Produzenten beim BKM die bessere Lobbyarbeit gemacht haben, als die Sender/Streamer. Chapeau! Aber nur bis zum nächsten Tanz.