Es war das Thema in der Branche Anfang des vergangenen Jahres: Im Februar hatte ProSiebenSat.1 ohne die Zustimmung von ARD und ZDF deren Mediatheken gekapert und Serien, Dokus, Shows und Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen auf Joyn verfügbar gemacht. Ähnlich wie in Österreich wollte man über das Embedding der Inhalte zur ersten Anlaufstelle für alle werden, die Inhalte von TV-Sendern suchen. Doch anders als in der Alpenrepublik regte sich massiver Widerstand: ARD und ZDF gingen juristisch gegen Joyn vor und nachdem sich auch die Politik größtenteils auf die Seite der Öffentlich-Rechtlichen geschlagen hatte, ruderte man in Unterföhring schnell zurück.
Der sogenannte Beta-Test wurde rund vier Wochen nach dem Start wieder beendet - und seither herrscht zumindest nach außen hin Stillstand. ProSiebenSat.1 verschickt zwar monatlich Jubelmeldungen zu Nutzungszahlen von Joyn, zum erhofften "Superstreamer" ist die Plattform bislang aber nicht geworden. Nachdem die Wogen im Frühjahr 2025 hoch gegangen waren, hat sich die Situation mittlerweile aber wieder merklich entspannt. Das merkt man auch daran, wie die Beteiligten heute übereinander sprechen.
Auf Anfrage des Medienmagazins DWDL.de spricht das ZDF von "konstruktiven Gesprächen", in denen man sich aktuell mit ProSiebenSat.1 befinde. "Rechtsstreitigkeiten sind nicht anhängig", so die Stellungnahme aus Mainz. Bei der ARD betont man zunächst die "guten Kooperationen", die man mit ProSiebenSat.1 seit Jahren habe. So sind beispielsweise die ARD-Sender mit ihrem Livesignal bei Joyn zu sehen, auch zwischen ARD Plus und der P7S1-Plattform besteht eine Kooperation. Aktuell würde man mit anderen Marktteilnehmern an der Einführung von DVB-I arbeiten, so eine ARD-Sprecherin.
"Nach der etwas kontroversen Episode rund um die Einbindung der Mediatheksinhalte im letzten Jahr sind wir nun wieder zu einem guten partnerschaftlichen Umgang zurückgekehrt", heißt es von der ARD. Im Berufungsverfahren zum Rechtsstreit aus dem zurückliegenden Jahr steht nach ARD-Angaben aktuell noch eine Entscheidung aus. ARD und ZDF gingen gerichtlich gegen das Embedding der eigenen Inhalte auf Joyn vor - und bekamen vorläufig in wesentlichen Punkten recht (DWDL.de berichtete).
Von ProSiebenSat.1 heißt es auf Nachfrage, dass bislang nur erstinstanzliche Entscheidungen im Eilverfahren vorliegen würden. "Zudem betrafen die Entscheidungen die alte Rechtslage, das heißt vor Einfügung des Kooperationsgebotes zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privaten Medienanbietern im Medienstaatsvertrag". Tatsächlich hat sich der gesetzliche Rahmen im Dezember mit dem Inkrafttreten des sogenannten Reformstaatsvertrags verändert. Dort ist mittlerweile festgehalten, dass die Öffentlich-Rechtlichen mit den Privaten zusammenarbeiten sollen, um ihren Versorgungsauftrag zu erfüllen.
Neue gesetzliche Rahmenbedingungen
Wörtlich heißt es im Medienstaatsvertrag: "Kooperationen können insbesondere eine Verlinkung (Embedding) oder sonstige Vernetzung öffentlich-rechtlicher Inhalte oder Angebote, vereinfachte Verfahren der Zurverfügungstellung öffentlich-rechtlicher Inhalte oder die gemeinsame Nutzung von Infrastrukturen beinhalten." Nachdem sich ProSiebenSat.1 im Frühjahr 2025 aber auch aus der deutschen Medienpolitik viel Kritik zum Vorgehen anhören musste, will man jetzt auf einen erneuten Alleingang verzichten. Stattdessen soll im Einvernehmen eine Lösung gefunden werden.
Ob es dazu kommt, ist unklar. Während ProSiebenSat.1 in der Vergangenheit auf das Embedding - und damit eine native Einbindung der Inhalte in Joyn, ohne die Plattform zu verlassen - gesetzt hat, boten die Öffentlich-Rechtlichen stets eine einfache Verlinkung an. Eine solche von ARD und ZDF vorgeschlagene Zusammenarbeit ist die ARD zuletzt mit Zattoo eingegangen (DWDL.de berichtete), dort können die Nutzerinnen und Nutzer die Inhalte des Senderverbunds nun finden und werden in die ARD-Mediathek weitergeleitet, sollten sie auf entsprechende Formate klicken. Die Unternehmen sprachen damals von einer "wegweisenden" Kooperation.
"Nach der etwas kontroversen Episode rund um die Einbindung der Mediatheksinhalte im letzten Jahr sind wir nun wieder zu einem guten partnerschaftlichen Umgang zurückgekehrt."
ARD-Sprecherin
Bislang war eine solche Vorgehensweise ProSiebenSat.1 nicht wegweisend genug - und vorerst will man davon auch nicht abrücken. "Wir sind nach wie vor in produktiven Gesprächen und zuversichtlich, dass wir einen gemeinsamen Weg finden", erklärt eine Unternehmenssprecherin jetzt gegenüber DWDL.de. Und weiter: "Die kooperative Integration der Mediatheken-Inhalte von ARD und ZDF ist weiterhin die richtige und sinnvolle Ergänzung zu den bereits auf Joyn verfügbaren linearen Programmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Joyn ist als Aggregator konzipiert. Unser Ziel ist es, dem Publikum eine kostenlose und verlässliche Anlaufstelle für Information und Unterhaltung zu bieten."
Bleibt die Frage, ob die Gespräche irgendwann zu einem Ergebnis führen werden. Und wenn ja, welche Seite dann eingeknickt sein wird. Arrangiert sich ProSiebenSat.1 doch mit Verlinkungen? Oder springen ARD und ZDF über ihren Schatten und versuchen es mit einem Embedding ihrer Inhalte?
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ließ vor einigen Monaten im DWDL.de-Interview seine präferierte Vorgehensweise durchscheinen. Er würde sich wünschen, "dass im alten Kampf zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern abgerüstet wird", erklärte er damals. ARD und ZDF empfahl er: "Öffnet Euch kooperativen Modellen den Privaten gegenüber. Das sieht auch der neue Medienstaatsvertrag explizit vor." Die Öffentlich-Rechtlichen seien gehalten, Reichweiten zu gewinnen - "und sich nicht aus einer alten Rivalität zu verschließen".
"Anschlag auf das komplette System"
Dass ARD und ZDF auf der einen sowie ProSiebenSat.1 auf der anderen Seite überhaupt noch bzw. wieder miteinander sprechen, ist ohnehin schon mehr, als man vor einem Jahr hätte vermuten können. Der sonst eher ruhig agierende ARD-Vorsitzende Florian Hager sprach damals, noch relativ zu Beginn seiner Amtszeit, von einem "Anschlag auf das komplette System" und "Raubrittertum". Auch das ZDF wehrte sich ziemlich eindeutig gegen die "unzulässige Übernahme unserer Inhalte". Markus Breitenecker, der damals verantwortliche P7S1-Vorstand, erklärte, ARD und ZDF hätten die Vorgehensweise durch Joyn nie verboten - was die Öffentlich-Rechtlichen anders darstellten. Überhaupt war Breitenecker davon überzeugt, dass durch das Embedding alle Seiten gewinnen würden.
Im Zuge der Übernahme von ProSiebenSat.1 durch MFE musste Markus Breitenecker den Konzern im Herbst 2025 verlassen. Mit ihm ist dem Anschein nach auch die ganz große Joyn-Offensive beendet worden. Zwar betont man in Unterföhring weiterhin, wie wichtig die Plattform für den Konzern ist und bleibt - doch zuletzt machte CEO Marco Giordani die linearen Kanäle wieder zur ersten Priorität.
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