Ein bis zwei Schrecksekunden dürfte Wolfram Weimer zu Beginn des Deutschen Produzententags wohl doch empfunden haben. Angesichts des politischen Durchbruchs zur Investitionsverpflichtung in der Vorwoche (DWDL.de berichtete) war zwar eigentlich klar, dass der Kulturstaatsminister und die gastgebende Produktionsallianz gemeinsamen Grund zur Freude hatten. Doch dann packte Michelle Müntefering, CEO des Lobbyverbands, unter Verweis auf rheinische Traditionen die Schere aus und deutete Weiberfastnacht kurzerhand zur "Weimerfastnacht" um: "Ich weiß nicht, wo acht Prozent von Ihrer Krawatte sind", scherzte sie mit Bezug auf die beabsichtigte Investitionsquote für Streaming-Plattformen.

Dass es bei der Andeutung blieb und die Krawatte keinen Schaden nahm, beruhigte Weimer umgehend. Von einer "Berlinale des Aufbruchs" und von "Tauwetter", das "bitter nötig" sei, sprach der Mann aus dem Kanzleramt, nachdem Müntefering ihn zuvor mit Bill Murray in "Und täglich grüßt das Murmeltier" verglichen und ausdrücklich für den Ausbruch aus der Zeitschleife gelobt hatte. Der Staat, so Weimer, gebe nun so viel Geld in die Branche wie nie zuvor – nach seiner Rechnung rund 310 Millionen Euro, die sich aus nahezu verdoppelter wirtschaftlicher Filmförderung sowie der kulturellen Förderung des Bundes zusammensetzen, zuzüglich der Länderförderungen.

"Die Politik hat geliefert. Ihr müsst jetzt aber auch die Luft, die reinkommt, nutzen. Ihr müsst jetzt die Chancen, die ihr habt, umsetzen", rief Weimer dem Auditorium voller Produzentinnen und Produzenten zu. Einmal in Fahrt, feuerte er die versammelte Branche zu kräftigen Investitionen in Technologie und Kreativität an. Denn: "In Wahrheit sind unsere größten Produzenten um den Faktor 100 kleiner als die amerikanischen Majors. Wir sind die sympathischen kleinen Mäuse – das sind die Elefanten, und die Elefanten tanzen gerade." Wer mittanzen wolle, müsse an Größe gewinnen.

Die maßgeblichen Verhandler der Koalitionsfraktionen, die während einer Delegationsreise nach Los Angeles in der ersten Februarwoche für den Kompromiss gesorgt hatten, durften auch auf der Bühne der Produktionsallianz noch einmal weitgehende Einigkeit demonstrieren: Anja Weisgerber, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, und Martin Rabanus, kultur- und medienpolitischer Sprecher der Bundestags-SPD, betonten ihr Ziel, schnellstmöglich von verhandelten Eckpunkten zu einem beschlussfähigen Gesetzentwurf zu gelangen. Wann genau es soweit sei, lasse sich freilich nicht verbindlich sagen, schließlich gebe es noch viele offene Detailfragen. Vom Rückenwind der Kompromissfindung getragen, stellten Weisgerber und Rabanus gar in Aussicht, als nächstes Projekt müsse man die steuerliche Anreizförderung angehen, die Weimer mit Verweis auf die Kassenlage von Bund und Ländern frühzeitig abgeräumt hatte.

Marco Giordani, Andrea Schönhuber © Sabine de Mardt Lieber Partner als Kunde: P7S1-CEO Marco Giordani (mit Andrea Schönhuber) will besser monetarisieren

Für Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil, der sich auf Nachfrage von Parteigenossin Müntefering als Fan der Streaming-Serien "Liebes Kind" und "Die Discounter" outete, blieb dann noch das große Ganze hinter der geplanten Investitionsverpflichtung. Ungerecht sei es gewesen, dass manche "Millionen mit Abos in Deutschland" verdienten, während die Produktionsbranche wirtschaftlich leide. Der erwartete Investitionsschub sei wichtig, um Arbeitsplätze zu sichern. Und als Finanzminister halte er es auch für richtig, dass im Rahmen des Rechterückfalls an unabhängige Produzenten künftig "mehr Rechte hier bei uns" blieben.

Während also fast alle Beteiligten den Produzententag nutzten, um sich ausgiebig gegenseitig zu feiern, blieben die von SPD-Mann Rabanus kurz erwähnten Detailfragen weitgehend außen vor. Noch völlig unklar ist die weitere Zeitplanung fürs parlamentarische Verfahren und damit auch der genaue Zeitpunkt, an dem der bestehende Sperrvermerk zur Aufstockung der Bundesförderung auf 250 Millionen Euro wegfällt. Auf einen Kabinettsbeschluss noch vor Ostern, von dem in der Euphorie der Vorwoche die Rede war, wollte sich jedenfalls niemand mehr festlegen. Ganz zu schweigen von den medien- und europarechtlichen Fallstricken, die einen Gesetzentwurf juristisch angreifbar machen könnten. Manche der zahlreich anwesenden Vertreter von Sendern und Streamern zeigten sich im Pausengespräch jedenfalls verwundert über das Missverhältnis zwischen Selbstlob und Unsicherheit.

Einen warmen Empfang bereiteten die Produzenten derweil dem neuen ProSiebenSat.1-CEO Marco Giordani, der die Münchner Sendergruppe seit Ende Oktober leitet. "Wir sind sehr happy, dass eine europäische Mediengruppe das Ruder übernommen hat", begrüßte ihn Andrea Schönhuber, Vorsitzende der Entertainment-Sektion in der Produktionsallianz, mit Bezug auf die von der Berlusconi-Familie kontrollierte MediaForEurope-Holding. Schönhubers Frage, was man im deutschen TV-Markt von Italien lernen könne, beantwortete Giordani mit einem Plädoyer für inhabergeführte Medienunternehmen. Hierzulande seien Teile des Markts "in der Vergangenheit zu sehr nach reinen Finanzkennzahlen gemanagt" worden.

Gegenüber der Produktionswirtschaft wolle ProSiebenSat.1 sich fortan eher als Partner denn als Kunde verstehen. Denn, so Giordani: "Die Margen sind schwächer als früher. Wir brauchen also mehr Volumen, um mehr Geld zu verdienen. Und wir müssen gemeinsam besser in der Monetarisierung unserer Inhalte werden."