Zu einem der langfristig erfolgreichsten Serienschöpfer Europas wird man nur, wenn zum Gespür für die richtigen Stoffe noch der Sinn für Timing und Marktentwicklung hinzukommt. Der britische Showrunner und Regisseur Hugo Blick kann beides für sich beanspruchen. Davon künden stolze 14 BBC-Serien über die letzten 30 Jahre, von denen etliche wie "The Honourable Woman", "Black Earth Rising" oder "The English" weltweite Verbreitung fanden.
"Bei allen meinen Serien strebe ich an, spezifisch und universell zugleich zu sein", gab Blick am Dienstag im Rahmen einer Masterclass beim Series Mania Forum zu Protokoll. "Ich wähle ganz spezifische Settings und erzähle spezifische Figuren, möchte damit aber möglichst universelle Fragen und Gefühle adressieren." Dabei seien vor einigen Jahren noch hoch budgetierte Produktionen mit großem Schauwert entstanden. Heute dagegen, so Blick, passe eher ein eng eingegrenztes Umfeld mit überschaubarem Aufwand zu den Marktkonditionen.
Dass Blick nun also eine Familiengeschichte in einer provinziellen Wohnwagensiedlung der 70er Jahre zur Serie macht, passt da perfekt ins Bild. "California Avenue", produziert von Drama Republic und vertrieben von Mediawan, habe etwa ein Viertel des Budgets seiner von BBC und Amazon kofinanzierten Westernsaga "The English", merkte der Kreative an. Dennoch – oder gerade deswegen – sei es sein bislang persönlichstes Werk. Blicks Großeltern hatten ein ähnliches Outcast-Leben im Trailer Park geführt wie die von Bill Nighy und Helena Bonham Carter gespielten Hauptfiguren.
"Meine bisherigen Serien haben komplexe Themen wie den Israel-Palästina-Konflikt, den Genozid in Ruanda oder den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern behandelt", so Blick. "In der realen Welt habe ich damit nichts verändert. Was könnte universeller sein, als jetzt von Liebe und Familie zu erzählen – und das mit einer warmen Grundstimmung?" "California Avenue" befindet sich derzeit in Postproduktion und hat noch kein offizielles Startdatum.
Treffender als in den Ausführungen des Top-Showrunners hätte sich die finanzielle Kehrtwende am Serienmarkt wohl kaum zusammenfassen lassen. Sie spiegelten in Lille eins zu eins die eher unangenehmen Daten sämtlicher Marktforscher. In den vergangenen drei Jahren seien die Branchenerlöse in Westeuropa um rund acht Milliarden Euro gewachsen – in den drei Jahren zuvor, zwischen 2020 und 2022, dagegen noch um mehr als 13 Milliarden Euro, so Olivia Deane, Research Manager bei Ampere Analysis. Freilich falle der Rückgang bei den Neubeauftragungen durch Sender und Streamer deutlich stärker aus als dieser Rückgang beim Umsatzwachstum. Der wichtigste Grund dafür: FAST-Channels und AVoD-Plattformen wachsen heute mehr als vor drei Jahren, tragen jedoch wenig bis gar nichts zur Beauftragung neuer Serien bei. Deane hatte dazu eindrucksvolle Zahlen parat: Im FAST-Segment in Westeuropa seien 2025 insgesamt 43.000 Serienstaffeln gelaufen – darunter null Originals. Im AVoD kamen demnach auf 32.000 Staffeln ganze 372 Originals.
Und selbst unter den globalen SVoD-Plattformen, die sich einst mit frischer Exklusivware gegenseitig zu übertreffen versuchten, diagnostizierte die Marktforscherin überwiegend rückläufige Produktionsaufträge. "Fünf von sechs globalen Streamern haben auf ein Acquistion-First-Modell umgestellt", so Deane. Soll heißen: Ihr Volumen an Lizenzeinkäufen steigt, während die Zahl der Beauftragungen sinkt. Zwischen 2023 und 2025 gingen etwa bei Netflix in Westeuropa die Produktionsaufträge um 16 Prozent zurück, während die Lizenzkäufe um 18 Prozent zulegten. Bei Prime Video verzeichnete Ampere 15 Prozent weniger Aufträge und 26 Prozent mehr Ankäufe, bei Disney+ 28 Prozent Minus für Aufträge und 28 Prozent Plus für Lizenzen. Einzige Ausnahme: HBO Max – in Westeuropa noch relativ neu am Start – steigerte seine Beauftragungen um 88 Prozent und seine Lizenzkäufe um 306 Prozent.
Für Produzenten, die in erster Linie von neuen Aufträgen leben, ist das eine schmerzhafte Entwicklung. Erschwert wird sie noch durch die Tatsache, dass ebenjene SVoD-Anbieter die radikalste Kehrtwende aller potenziellen Auftraggeber bei ihren Investitionen in Westeuropa vollzogen haben. Steigerten sie ihre Spendings laut Ampere 2021 noch um 79 Prozent gegenüber dem Vorjahr, so waren es 2025 nur noch fünf Prozent. "Das war ein Einmal-Effekt, den wir so zu unseren Lebzeiten nicht noch einmal sehen werden", so Deane. "Die Produktionsindustrie muss allerdings erstmal ihre Infrastruktur anpassen, die sie in der Boomphase recht schnell hochgefahren hatte."
Was das im Extremfall bedeuten kann, berichtete auf einem anderen Panel des Series Mania Forums "Toxic Tom"-Produzentin Synnøve Hørsdal, CEO der norwegischen Maipo Film. "In Skandinavien war vor allem Viaplay Treiber des Geschehens", so Hørsdal. "Die haben im einen Jahr [2022, Anm.d.Red.] 70 Produktionen beauftragt, im nächsten Jahr dann null." Mittlerweile seien alle Auftragggeber defensiver und setzten lieber auf vermeintlich sichere Pferde, auch die öffentlich-rechtlichen Sender.
"Finanzierungen hochwertiger Serienprojekte werden immer mehr zum komplexen Schachspiel", fügte Intaglio-Films-Geschäftsführer Robert Franke hinzu. Er habe etliche Projekte scheitern sehen, weil Produzenten diese Komplexität unterschätzt hätten. Gleichzeitig liege darin eine Chance für die Zukunft, glaubt der Chef des Joint Ventures von ZDF Studios und Beta Film: "Wir müssen deutlich unternehmerischer denken, mehr B2C-Modelle ausprobieren und Finanzierungen nicht mehr nur an klassische Auftraggeber outsourcen."
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