Vorweg: Gebuht hat niemand. Gepfiffen auch nicht. Applaus? Eher höflich als begeistert, aber keineswegs spärlich. Schließlich eröffnet Wolfram Weimer die Medientage Mitteldeutschland zwar vor allem als politisch maximal umstrittener Kulturstaatsminister. Weit mehr jedoch qualifiziert ihn seine Vergangenheit als Journalist und Verleger zur Auftaktkeynote in der Leipziger Media City, wohin die MTM nach acht Jahren Abwesenheit heute Morgen zurückgekehrt sind. Oder wie der Gastgeber Martin Heine es im Begrüßungswort beschreibt: „Aus dem morbiden Charme der Baumwollspinnerei für zwei Tage ins pulsierende Zentrum der Mediendebatte.“

An den Kulissen der Sachsenklinik geht es also bis Donnerstag noch durch zugige Studiogänge vorbei ins warme Interieur der MDR-Talkshow „Riverboat“, wo Wolfram Weimer Warnungen ausspricht. Vorm „Medizid“ zum Beispiel. Einer Art Völkermord am publizistischen Angebot abseits amerikanischer Plattformen also. Deren Konzentrationsprozesse hätten Europas Medienlandschaft schließlich keinen Umbruch, sondern einen „Achsbruch“ verpasst. In der Sprache fossiler Mobilität: Totalschaden. Zumindest, „wenn wir die Dinge laufen lassen, wie sie laufen“.

Aber dafür treffen sich wie jedes Frühjahr ja mehr als 500 entscheidend Beteiligte aus Kultur und Medien, Politik und Wirtschaft im Freistaat Sachsen um, so lautet Wolfram Weimers Versprechen: „Den Drachen mit der Lanze anzugreifen“. Damit ist natürlich ein bisschen die AfD vorm Tor der Magdeburger Staatskanzlei gemeint. Aber auch Meta und Netflix, Elon Musk oder Sam Altman, Big Tech made in USA oder China. Der digitale Gottseibeiuns, dem Europa aus MTM-Sicht nur eines entgegensetzen könne: Einigkeit. Und so geht es 35 Panels, Workshops, Keynotes lang von KEF und KI über Social Media und Pressefreiheit bis hin zu Gaming und Podcasts um alles Mögliche.

Im Zentrum vieler Podiumsdiskussionen aber steht ein doppeltes Buzzword: europäische Medienkooperation. Sie gilt hier als ein, wenn nicht der Königsweg zur Resilienz wider die milliardenschwere Konkurrenz aus Kalifornien oder Texas. Darüber streitet die deutsche Google-Beauftragte daher gleich im ersten Panel zur medialen Unabhängigkeit mit der zugeschalteten Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Während Sabine Frank den Algorithmen ihrer Suchmaschine naturgemäß ein famoses Zeugnis ausstellt, fordert Sabine Verheyen ebenso naturgemäß bessere Auffindbarkeit sachlicher statt lukrativer Inhalte.

Das ist der Spannungsbogen, den drei weitere Kern-, besser noch Kampfbegriffe dieser Medientage weiter dehnen: Vielfalt, Regulierung, Souveränität – alles Aspekte medialer Widerstandskraft, die der Titel des zweiten Panels im Caféhaus-Ambiente des Studio 3 ganz gut zusammenfasst: „Grenzenlose Erfolge“. Dafür begrüßt DWDL-Chefreporter Torsten Zarges die RTL-Inhaltsverantwortliche Inga Leschek und ihren ProSiebenSat1-Kollegen Henrik Pabst auf der einen Seite, den LOOKSfilm-Direktor Gunnar Dedio und Johannes Kagerer von der Produzenten-Allianz auf der anderen. Dazu aus Brüssel auf großer Leinwand: Manuela Ripa.

Inga Leschek © Medientage Mitteldeutschland / Daniel Reiche Inga Leschek, CCO bei RTL Deutschland, auf den Medientagen Mitteldeutschland.

Um Kosten und Abhängigkeiten zu reduzieren, fordert die EU-Parlamentsbeauftragte für Kultur und Bildung Synergien in Gestalt gemeinsamer Portale, „die amerikanische nicht nur kopieren, sondern verbessern“. Denn nur, wenn man „Lokalität und Universalität mischt“, erwachse aus kontinentaler Vielfalt „Stärke und Wettbewerbsvorteil“. Klingt schlüssig, scheitert in der Praxis aber oft an sich selbst. Allein die 27 EU-Mitglieder repräsentieren schließlich 27 Kulturen, Geschmäcker, Sprachräume. „Wenn es gute Stoffe gibt“, begrüßt der Programmstratege Pabst demnach zwar grenzübergreifende Koproduktionen. „Aber wir wollen da nichts übers Knie brechen.“ Das möchte auch Inga Leschek vermeiden. 

Während Torsten Zarges sein Handy für anstehende Breaking News einer Entscheidung der EU-Kommission zur Übernahme von Sky durch RTL anlässt, führt Leschek noch einen anderen Punkt an; weist auf einen fundamentalen Unterschied der eigenen Ambitionen im Vergleich zu US-Streamer hin: RTL Deutschland investiere neben Entertainment in Deutschland eben auch nachhaltig in Journalismus. Dazu kreiert Manuela Ripa noch den tollen Satz der „Einigkeit in Vielfalt“, bevor Torsten Zarges sein Publikum in die Mittagspause entlässt. Wohlgenährt erfährt es danach an gleicher Stelle von Sascha Lobo, wie KI „die Welt verändert und was das für inhaltsschaffende Medienhäuser, Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet“.

Vor allem aber sorgen seine Charts über abstruse Antworten von chatGPT auf simple Fragen für das, was man „Prompt-Humor“ nennen könnte. Und damit für ein wenig Heiterkeit im Ringen um die Zukunft einer Mediengesellschaft im Schatten dramatischer Disruptionen. Wie Europa laut erstem Panel „digital und medial unabhängiger wird“, dürfte daher auch der zweite Tag nicht abschließend klären. Marysabelle Cote hätte allerdings schon mal einen Vorschlag: „Um europäische Zuschauersouveränität herzustellen“, braucht es aus Sicht der Arte-Geschäftsführerin kuratierte, editierte, verantwortungsbewusste Plattformen.

Mithin ungefähr das, was ihr Kulturkanal in Strasburg eigentlich seit Jahrzehnten bietet. Er müsste halt nur aus seiner Nische herauskommen. Irgendwie. Sonst wird der „Rohstoff Publizistik“, in den Worten von Wolfram Weimer, endgültig „zur seltenen Erde“: ungeheuer wertvoll, aber schwer zu schürfen und aktuell in Händen undemokratischer Staaten. Die Lage ist ernst, wir müssen reden“, sagt der Kulturstaatssekretär noch. Bis morgen Nachmittag ist dafür noch Zeit, zwischen Sachsenklinik und Riverboat.