Seit November letzten Jahres steht Thorsten Braun nun an der Spitze von RTLzwei - und man kann festhalten: Aus Quotensicht hat er den Sender in einem recht guten Zustand übernommen. Nach der Saison 2024/25 hatten wir noch bilanziert, dass RTLzwei schwere Monate hinter sich hatte. Im letzten Herbst und Frühjahr hat sich das Bild dann aber deutlich aufgehellt: Zwischen September und Mai lag der Marktanteil von RTLzwei in sechs von neun Monaten über dem Vorjahr, in fünf von neun Monaten stand in der klassischen Zielgruppe 14-49 eine Vier vor dem Komma. 

Im Mai hat RTLzwei seinen Konkurrenten Kabel Eins nicht nur beim jungen Publikum 14-49 überholt, sondern auch bei den 14- bis 59-Jährigen zumindest eingeholt - und beim Gesamtpublikum fand man sich plötzlich nicht nur vor Kabel Eins, sondern sogar vor ProSieben wieder. Das ist erstmal wohl mehr Momentaufnahme als Ergebnis der neuen Strategie, die Thorsten Braun im März im DWDL-Interview skizziert hat. Doch die hat genau das zum Ziel: sich im TV auf ein älteres Publikum fokussieren, ohne die im Streaming so zugkräftigen Reality-Formate sein zu lassen. Nur dass diese nicht mehr unbedingt zur besten Sendezeit im TV laufen müssen, wo sie im Zweifel die Quote kaputt machen. 

Zwei Säulen: Reality und Realität

Am Programm hat RTLzwei bislang allerdings auf den ersten Blick gar nicht allzu viel verändert, die tragenden Säulen sind seit Jahren die gleichen. Zuallererst zu nennen sind da die Sozialdoku-Marken "Hartz und Herzlich" und "Armes Deutschland" mit ihren diversen Ablegern, verantwortet von Konstanze Beyer. Ihre Bedeutung für den Sender ist enorm, weil sie nicht nur an mehreren Abenden in der Primetime für gute Quoten sorgen und auch ein breiteres Publikum ansprechen als die sehr jungen Reality-Foramte, sondern weil sie sich auch noch als sehr repertoirefähig erwiesen haben.

Sie lassen sich nicht nur in der Late Prime mit großem Erfolg wiederholen, sondern befüllen auch große Flächen des Tagesprogramms - und sorgen dort teils für zweistellige Marktanteile. Zusammen mit dem ebenfalls unkaputtbaren "Trödeltrupp", der mit alten Folgen vormittags und mittags sehr gut läuft, bildet das Tagesprogramm die eigentliche Basis für den jüngsten Aufschwung. Da lässt sich sogar verschmerzen, dass das einstige Vorabend-Aushängeschild "Berlin - Tag & Nacht" mit im Schnitt mittlerweile kaum mehr als drei Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen in der linearen Ausstrahlung längst ein Sorgenkind ist.

Die nächsten Geissens lassen weiter auf sich warten

Die zweite prägende Säule sind die Family-Dokusoaps. Hier fällt die Bilanz allerdings schon etwas durchwachsener aus. "Die Geissens" zeigten zuletzt zwar ein paar Abnutzungserscheinungen, sind aber auch nach 15 Jahren ein recht verlässlicher Quotenbringer für RTLzwei, ebenso "Die Wollnys", die auch schon seit 15 Jahren im Programm sind.

Fast genauso lange sucht RTLzwei aber nach weiteren Familien, die man mit der Kamera begleiten kann, hat bis heute aber keine gefunden, die ähnlich erfolgreich gewesen wäre. Im Sommer letzten Jahres musste man mit "Diese Büchners" und "Oksana & Family" die bislang jüngsten Erfolge mit mäßigen bis schlechten Quoten abhaken. Immerhin: Auf die Geissen-Töchter Davina & Shania kann man sich bei RTLzwei noch verlassen, während "Die Geissens: Traumjob Prinzessin" Ende letzten Jahres zum wahren Quoten-Albtraum mit zuletzt weniger als 1 Prozent Marktanteil mutierte.

Noch so ein Klassiker, bei dem man nun auch seit mittlerweile zehn Jahren alle Jahre wieder in den gleichen Mikrokosmos zurückkehrt: "Reeperbahn Privat! Das wahre Leben auf dem Kiez". Die Reihe liefert noch immer verlässlich sehr gute Quoten. Schwerer tut sich der Sender hingegen mit "Mensch Retter" - vielleicht ist man hier auch schlicht zu nah an den Inhalten anderer Sender, wo es an Dokureihen über Rettungsteams eben längst auch nicht mehr mangelt.

Kräftig ausgebaut: Das Reality-Segment

Am innovativsten war RTLzwei zuletzt im Bereich Reality unter der Verantwortung von Malte Kruber, wo man mit "Der Promihof" im Herbst sogar ein gänzlich neu entwickeltes Format an den Start brachte, das bei der linearen Ausstrahlung zwar nur sehr mäßig funktionierte, dafür aber auf RTL+ gute Abrufzahlen lieferte. Im Zuge der eingangs erwähnten neuen Strategie dürfte man sich bei der schon bestellten zweiten Staffel die lineare Ausstrahlung um 20:15 Uhr vielleicht einfach sparen. Richtig Fahrt aufgenommen hat die zweite Staffel der "#CoupleChallenge" nach der Wiederbelebung - allerdings auch hier vor allem im Streaming. Linear liefen die letzten Folgen auch nur noch am späten Abend.

Mit "Kampf der Reality-Allstars" und "Love Island VIP" hat man aber zwei Reality-Marken im Programm, die auch im Linearen nach wie vor gute Quoten liefern - auch weil man sie mit dem "Allstars"- bzw. "VIP"-Konzept weiterentwickelt hat. Und bei RTL+ gehören sie ebenfalls zu den echten Hits. In vielen Wochen waren die von RTLzwei zugelieferten Formate sogar die erfolgreichsten Realitys, die RTL+ in seinem Portfolio hatte - worauf man in Grünwald sichtlich stolz ist. 

Lieber Film-Klassiker als Show-Experimente

Die vor einigen Jahren gehegten Ambitionen im Show- und Comedy-Bereich hat man hingegen inzwischen offenbar weitgehend zu den Akten gelegt. Durchschlagenden Erfolg haben die Formate von nie gezeigt, mit Ausnahme von "Genial daneben", das bei starken Schwankungen auch immer mal wieder Erfolge feierte - trotz wilden Sendeplatzwechseln. Die letzte neue Folge lief allerdings schon im September letzten Jahres, damals floppte im Schlepptau auch "Dinge gibt's" nach der Umbesetzung.

Statt auf Show- oder Comedy-Experimente setzte man in jüngerer Vergangenheit lieber auf einen Ausbau der Spielfilm-Flächen. Selbst alte Hollywood-Klassiker garantieren noch immer vor allem mit Blick aufs ältere Publikum hohe Reichweiten, wie sie viele Eigenproduktionen nicht erreichen. Auch das zahlt als auf die neue Strategie ein, im linearen TV eine etwas ältere Zielgruppe ansprechen zu wollen - und zu müssen, denn die Unter-30-Jährigen sind heute mit linearem Fernsehen schlicht kaum noch zu erreichen. Diese Erkenntnis ist schonmal der erste Schritt, auch den linearen Sender zukunftsfähig aufzustellen. Schritt zwei wäre, für dieses ältere Publikum nun auch noch neue Inhalte zu entwickeln, statt sich weiter nur auf die Zugkraft der seit vielen Jahren unveränderten Programmsäulen zu verlassen.